Eni Becker, Jürgen Margraf: Generalisierte Angststörung
Eni Becker, Jürgen Margraf: Generalisierte Angststörung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. 186 Seiten. ISBN 978-3-621-27495-1. 39,90 EUR.
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Einführung ins Thema
Nach den Kriterien der modernen Klassifikationssysteme "International Classification of Diseases (ICD-10)" und "Diagnostic and statistical manual of mental disorders (DSM-IV)" spricht man dann von einer Generalisierten Angststörung, wenn Personen länger als sechs Monate unter starken Ängsten und schwer zu kontrollierenden Sorgen leiden. Oft klagen die Betroffenen über Symptome wie z.B. Unruhe, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit, rasch eintretende Erschöpfungszustände, Schlafstörungen oder Muskelverspannungen.
Lange Zeit hat man solche Beschwerden nur geringe Aufmerksamkeit zukommen lassen. Man betrachtete diese Form der Ängste eher anderen Problembereichen nach- bzw. untergeordnet. Sie wurden mit Begriffen wie frei flottierende Ängste, chronische Ängste oder Angstneurose bezeichnet. Eine eindeutige Kategorisierung und Diagnose für diese spezifische Angstproblematik war dadurch lange versperrt. Vor ca. 20 Jahren wurde erstmals die Generalisierte Angststörung im DSM III operational definiert und später im DSM IV präzisiert.
Daher blieb die Therapie der Generalisierten Angststörung bis dato rückständig. Abhilfe soll hier das Therapieprogramm von Becker und Margraf schaffen.
Inhaltsübersicht
Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile:
Der erste Teil "Grundlagen" beinhaltet eine kurz gefaßte Übersicht zu Erscheinungsbild, Epidemiologie, Komorbidität, Klassifikation und Diagnostik der Generalisierten Angststörung.
Bedrohliche Ereignisse wie Arbeitslosigkeit, hohe Anforderungen im Beruf, familiäre Krisen können Ängste und Sorgen hervorrufen, die bei manchen Personen perseverieren. Becker und Margraf berichten, dass immerhin ca. 5% der Erwachsenen unter einer Generalisierten Angststörung leiden, also ein dringender Bedarf an wirksamen Therapieverfahren besteht.
Im Grundlagenteil werden Erklärungsansätze für die Generalisierte Angststörung wie das "Drei-Faktoren-Modell" der Angst sowie das Teufelskreismodell der Generalisierten Angststörung erörtert. Beide Modelle bieten für Therapeuten eine Grundlage, um im Verlaufe einer Therapie mit den Patienten die für sie jeweils zutreffenden Störungsmodelle zu konzipieren.
Der Teil I "Grundlagen" schließt mit einer Übersicht über den Stand der Therapieforschung. Die Autoren diskutieren das Für und Wider von alternativen Therapieverfahren wie die "Coping Desensitization" von Borkovec, die "Sorgenkonfrontation" von Barlow und die "Meta-Sorgen-Therapie" von Wells.
Becker und Margraf stellen ihr Programm im Teil II "Therapie" dar. Zunächst schildern sie die Voraussetzungen einer Therapie: Es muß eine genaue Bestimmung der Ängste vorausgehen. Dabei ist zu klären, ob eine Generalisierte Angststörung, eine andere Angststörung oder eine Depression vorliegt. Für die Planung ist weiterhin entscheidend, ob es sich um eine Form der Generalisierten Angststörung handelt in der Sorgen im Vordergrund stehen oder eher körperliche Symptome überwiegen.
Ausführlich beschreiben die Autoren den Prozess der Informationsvermittlung und geben Schrittfolgen an, wie mit Patienten ein für sie passendes individuelles Bedingungsmodell der Ängste erarbeitet werden kann.
Detailliert und gut nachvollziehbar werden die neuen Therapieverfahren der "Sorgenkonfrontation in sensu" und "Konfrontation in vivo" vorgestellt. Becker und Margraf zeigen auf, dass bei der Konfrontation flexibel und sorgfältig vorgegangen werden sollte. Sie machen Vorschläge, auf welche Weise schwierige bzw. problematische Therapiephasen überwunden werden können.
Im fünften Kapitel wird demonstriert, dass auch bewährte kognitive Therapieverfahren zur Behandlung der Generalisierten Angststörung adaptiert werden können, um Patienten zur Realitätsprüfung anzuregen oder um sogenannte "Meta-Sorgen" zu verändern.
Zum Schluß wird auf Entspannung als Methode zur Behandlung der Generalisierten Angststörung eingegangen. Sie eignet sich besonders für Patienten, welche stärker physiologisch reagieren und weniger unter Sorgen leiden.
Im Anhang sind eine Vielzahl von Arbeitsblättern zu Interviews, Fragebögen, ein Tagebuch zur Erfassung der Sorgensymptomatik, eine Anleitung zur Entspannung etc. beigefügt.
Zielgruppen und Verwendbarkeit
In erster Linie wenden sich Becker und Margraf mit ihrem Therapieprogramm an Psychotherapeuten. Da sie den heutigen Wissensstand zur Generalisierten Angststörung prägnant darlegen, können Professionelle, denen im Beratungs- und Behandlungssystem eine "überweisende Funktion" zukommt, ebenfalls von diesem Buch profitieren.
Fazit
Insgesamt handelt es sich um ein innovatives, gut lesbares und praxisorientiertes Werk.
Rezension von
Prof. Dr. Hans-Peter Michels
Dipl.-Psychol.
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Michels. Rezension vom 25.03.2003 zu: Eni Becker, Jürgen Margraf: Generalisierte Angststörung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. ISBN 978-3-621-27495-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/767.php, Datum des Zugriffs 24.05.2021.
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