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Wiltrud Gieseke, Steffi Robak u.a. (Hrsg.): Transkulturelle Perspektiven auf Kulturen des Lernens

Cover Wiltrud Gieseke, Steffi Robak, Ming-Lieh Wu (Hrsg.): Transkulturelle Perspektiven auf Kulturen des Lernens. transcript (Bielefeld) 2009. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-1056-7. 25,80 EUR, CH: 45,80 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Beigeordnete Bildung als Lebenslanges Lernen

In der sich immer interdependenter bildenden (Einen) Welt sind Kulturen sowohl Identitätshalter, als auch Veränderungsmuster. Weil sich Kulturen (oder sollten wir lieber von Mentalitäten und Normverhalten reden?) zu „Binnengestalten oder Trabanten“ (Wolfgang Welsch) entwickeln und damit gewohnte Identitäten in Frage stellen, verändern oder gar zum Verschwinden bringen können, gilt es das Augenmerk darauf zu richten, wie sich Lernen als Verständnis, Bedürfnis, Notwendigkeit und in den Methoden auf Prozesse der Transkulturalisierung ausrichtet.

Autorenteam und Inhalt

Wiltrud Gieseke, Erziehungswissenschaftlerin im Bereich der Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin, Steffi Robak, derzeitige Vertretungsprofessorin mit dem Lehrschwerpunkt „Lebenslanges Lernen“ an der Universität Bremen und Ming-Lieh Wu, Erwachsenenbildner an der Chun-Chen Universität in Chia-Yi/Taiwan, geben einen Sammelband heraus, der den transkulturellen Dialog zu den internationalen Anforderungen, wie sie von der UNESCO mit dem Bildungs- und Aufklärungsauftrag „Lebenslanges Lernen“ initiiert wurden, aufnimmt. Mehrere Wissenschaftskooperationen und Forschungsprojekte, vor allem mit europäischen und asiatischen Hochschulen, speziell in Taiwan, machen deutlich, dass Transkulturalisierungsprozesse konzeptualisiert und sichtbar gemacht werden können, wenn sich die Anforderungen des Lebenslangen Lernens im Zusammenhang mit Weiterbildung in einem vernetzten Diskurs darstellen lassen. Der Fokus der wissenschaftlichen Nachschau liegt auf „Lernkulturen“. Das ist interessant und gewagt zugleich: Denn Lernen in den verschiedenen Kulturen, Traditionen und Geschichte vollzieht sich nicht gleichförmig, wie die Geschichte der Pädagogik zeigt (vgl. dazu auch: Kathrin Oester u. a., Schulen in transnationalen Lebenswelten. Integration und Segretationsprozesse am Beispiel von Bern West, Zürich 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/6624.php); sowie: Barbara Asbrand: Wissen und Handeln in der Weltgesellschaft, Münster/New York/Berlin/München 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/8069.php). Im erwachsenenpädagogischen Bereich kommen den institutionellen Gestaltungszusammenhängen allerdings eine größere Bedeutung als beim schulischen Lernen zu.: „Wenn gesellschaftliche Entwicklung im Kern kulturelle Reproduktion ist, dann hat das Weiterbildungssystem dabei eine Kernaufgabe, die sich in der Konzeptualisierung von Lernkulturen, die institutionalformspezifisch und organisationsspezifisch angelegt werden, zeigt“.

Die Autorinnen und Autoren schreiben ihre Beiträge in Deutsch oder Englisch.

Rolf Arnold, der an der Technischen Universität Kaiserlautern Berufs- und Erwachsenenpädagogik lehrt und der wissenschaftliche Mitarbeiter Markus Lermen, geben in ihrem Beitrag einen Überblick über „Konstruktivistische Lernkulturen“. Dabei rekurieren sie auf den Wandlungsprozess, der sich in dem Slogan „Bildung (lokal und global) neu denken“ ausdrückt. Sie zeigen die sich daraus im theoretischen und wissenschaftlichen Diskurs ergebenden (Forschungs-)Tendenzen und Problemstellungen auf. Daraus entwickeln sie „Perspektiven einer neuen konstruktivistischen Lernkultur“, die sich darstellt als „eine veränderte Auffassung vom Lehrenden, eine sich daraus ergebende Hinwendung zum Teilnehmenden sowohl in der Planung als auch in der Durchführung von Veranstaltungen, eine verstärkte Berücksichtigung einer umfassenden Kompetenzentwicklung und einer damit verbundenen Aufweichung der Dominanz des Fachlichen sowie der verstärkten Nutzung von neuen digitalen Medien, welche mit neuen Formen des Lehrens und Lernens einhergeht“.

Wiltrud Gieseke stellt „Organisationstheoretische Überlegungen zur Lernkultur“ an, in dem sie auf den bisher wenig im Blick befindlichen institutionellen/organisatorischen Faktor im Lernkulturdiskurs hinweist. Der Forschungsüberblick macht deutlich, dass die unterschiedlichen Konzepte und Zugangsformen, von der „systemtheoretischen Perspektive als Ausdruck bestimmter Lernwirksamkeiten an den Orten des Arbeitsplatzes, der Interessenorganisationen und verbandsbezogener Arbeit“, über „neo-institutionelle“ Betrachtungsweisen einer „world polity“, bis hin zu Organisationsformen „zwischen Strukturation und Handeln“ mit dem eigentlich lapidaren aber doch neuartigen Perspektivenwechsel: „Man lernt in Organisationen früh handeln“ einhergehen. Die Konsequenzen, die die Autorin dabei heraus filtert, lassen sich in dem Satz zusammen fassen: „Lernkulturen entfalten sich nicht allein über Lernstile und Lernformen“. Was dazu gehört, schlüsselt sie in der Tabelle „Personalentwicklung / Organisationsentwicklung als Struktureingriff zur Entwicklung von Lernkulturen“ auf.

Der Direktor der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, Hermann J. Forneck, plädiert in seinem Beitrag „Die Bildung erwachsener Subjektivität“ für eine „Gouvernementalität der Erwachsenenbildung“. Dabei konfrontiert er die traditionelle Mollenhauersche Definition von „Erziehung zur Emanzipation“ mit der Foucaultschen Theorie von „Macht und Subjektivierung“. Dadurch entsteht eine Auffassung für eine moderne Erwachsenenbildung, die „sich kritisch immer wieder auf gesellschaftliche Entwicklungen (bezieht)…, am säkularisierten Ideal eines Lebens fest(hält), in dem die kritisch-rationale Auseinandersetzung mit Welt konstitutiv für das Gelingen eines autonomen Lebens ist“.

Ming-Lieh Wu stellt Lifelong-Learning-Modelle vor: Exploration on Models of the Learning Society – Perspektives of Lifelong Learning for All“. In seinem Défilé von den 1960er bis in die 1990er Jahre kommt er zu den Ergebnis: Eine „learning society is the social system full of significance, composed by aktive learners, learning sites with the popularization, personalized learning patterns, and diversified learning ways and contents“. Die Etablierung einer funktionierenden Learning Society braucht Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen, und erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit den vorliegenden Modellen und Erfahrungen.

Steffi Robak setzt sich mit „Kulturellen Aspekten von Lernkulturen in transnationalen Unternehmen“ auseinander. Es sind die massiven, positiven und negativen Globalisierungsbedingungen, die für die (Weiter-) Bildungsanforderungen einen Perspektivenwechsel notwendig machen. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, wie er sich, zumindest in den westlichen Gesellschaften vollzieht und sich in den Veränderungen der Arbeitsstrukturen verdeutlicht, macht auch ein anderes Lernen, Bildungsbewusstsein und neue Lernkulturen notwendig. Besonders in transnationalen Unternehmen zeigen sich die Schwierigkeiten, aber auch Chancen, wie sich Lernkulturen bei kultureller Differenz darstellen und Unternehmensstrategien beeinflussen. In der deutsch-chinesischen Kooperation etwa bilden sich hybride Arbeits- und Lernpraktiken heraus, die neue Wege auch für die wissenschaftliche Forschung aufzeigen.

Der Erwachsenenbildungswissenschaftler Ai-Tzu Li von der National Chung Cheng University in Taiwan referiert über seine Erfahrungen und Forschungsergebnisse zum „Workplace Learning“. Mit der Frage „What is organizational learning culture?“ diskutiert er zahlreiche nationale und internationale Konzepte und macht deutlich, dass „meaningful learning can only occur when the workplace fosters an environment that is conducive for all workers to develop their capacities“.

Marion Fleige, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, reflektiert „Diskurse über Lernkulturen in der Erwachsenenbildung und ihr Beitrag zur transkulturellen Bildungszusammenarbeit“. Dabei zeigt sie an verschiedenen Programmen zur Steuerung von Lernkulturen, etwa beim Lernen im sozialen Umfeld, in den Aktivititäten zu Lernenden Regionen, Bürgerkompetenz und ehrenamtlichen Tätigkeiten auf: „Erwachsenenbildungseinrichtungen … können in der transkulturellen Bildungszusammenarbeit Wissen, Räume und Lernkulturen der Reflexivität, Sozialität und Emanzipation für Gesellschaftsdiskurse und Individualbildung zur Verfügung stellen“.

„The Approach of Cummunities of Practice“ stellt Yi-Chun Tsai von der National Chi-Nan University in Taiwan zur Diskussion: „Cultivating the Culture of Museum Voluteer Learning“ ist das Thema, das vielfältige Einblicke in transkulturelle Kooperationsmöglichkeiten bietet und die Beteiligten sogar zu eigenem Kunstschaffen bringt.

Die Kunsthistorikerin Barbara Eggert von der Humboldt-Universität Berlin informiert über ihre Untersuchungen zum intendierten Hören beim „Audioguide als Element der Lernkultur im Museum“. Das erst seit 1957 eingeführte Informations- und Lernmedium gehört mittlerweile bei den größeren Ausstellung zur Grundausstattung und zum bereitwillig angenommenem Führer durch die Präsentation; ebenso wie die museumpspädagogischen Angebote für Jung und Alt. Aufmerksames Hören wird hier zum anderen Sehen und Wahrnehmen von Kunst.

Der ebenfalls an der Universität in Taiwan lehrende Horng-Ji Lai gibt zum Schluss des Sammelbandes einen Überblick über „Transformation of Learning Culture in the Digital Age“ am Beispiel „The Impact of Web 2.0 in Online Learning Environment“. Er bestätigt die Vermutung, dass die Neuen Technologien die Entwicklung der Lifelong Learning Konzepte und Angebote auf eine neue Stufe gebracht haben. Bei der vielfältigen, bisher kaum kontrollierten, wenig erforschten Entwicklung des digitalen Lernens bedarf es: „Online learners need to take more responsibility für their own learning“.

Fazit

Der Sammelband, der die umfangreiche Entwicklung von Kulturen des Lernens bei der Beigeordneten (Erwachsenen-)Bildung und bei den Anforderungen zum Lebenslangen Lernen in den interkulturellen Beiträgen nur andeuten kann, macht auf ein Informations- und Forschungsgebiet aufmerksam, das einer stärkeren Beachtung und Auseinandersetzung bedarf. Während die Autorinnen und Autoren sich in ihren Beiträgen ausschließlich auf Aspekte der Erwachsenenbildung beziehen, wäre es sinnvoll und nützlich, eine Brücke zu transkulturellen Lern- und Bildungsfragen auch beim familiären und schulischen Lernen zu schlagen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.03.2010 zu: Wiltrud Gieseke, Steffi Robak, Ming-Lieh Wu (Hrsg.): Transkulturelle Perspektiven auf Kulturen des Lernens. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1056-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7674.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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