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Richard Mahlberg, Hans-Uwe Gutzmann (Hrsg.): Demenzerkrankungen

Cover Richard Mahlberg, Hans-Uwe Gutzmann (Hrsg.): Demenzerkrankungen. Erkennen, behandeln und versorgen. Deutscher Ärzte-Verlag (Köln) 2009. 344 Seiten. ISBN 978-3-7691-0563-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Autoren

Die beiden Herausgeber haben in diesem Buch Beiträge von 43 Autorinnen und Autoren verschiedener Professionen zusammengestellt, wobei zahlenmäßig Ärzte überwiegen. Die meisten Autoren sind im Hochschulbereich oder an gerontopsychiatrischen Zentren/ Fachabteilungen tätig und bereits durch einschlägige Publikationstätigkeit ausgewiesen.

Zielgruppe

Die Zielgruppe des Buches besteht in erster Linie aus Ärzten, wobei der erste Buchteil streckenweise sehr detailreich auf diagnostische und differentialdiagnostische Fragestellungen eingeht, die am ehesten mit der apparativen Ausstattung einer Universitätsklinik zu klären sind, während sich die dann folgenden Buchteile ebenso an Praktiker wenden, die sich aktuell über Demenzerkrankungen informieren und diese Informationen dann im eigenen Arbeitsbereich unmittelbar umsetzen möchten. Einige Kapitel der letzten beiden Buchteile sind auch für nichtärztliche Berufsgruppen sehr interessant.

Aufbau

  • Im Teil A mit dem Titel Krankheitsbilder geht es zunächst ausführlich um die häufigsten primären Demenzen: Alzheimer Demenzen, vasculäre Demenzen, die Demenz mit Lewy-Körperchen und um frontotemporale Demenzen. Im Anschluss daran werden sonstige Formen wie Demenzen im Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit, Normaldruckhydrozephalus, Prionenerkrankungen, Infektionen und weitere seltene Demenzursachen behandelt, um dann auf differenzialdiagnostische Überlegungen zu sprechen zu kommen. Hier werden besonders ausführlich die Unterscheidung zwischen Demenz und Mild Cognitive Impairment und die Abgrenzung von der depressiven Pseudodemenz thematisiert, aber auch die Themen Delir, Medikamentenabusus, Schizophrenie und Schlafstörungen behandelt; zusätzlich ist ein Abschnitt der Diagnostik von Demenzerkrankungen bei Menschen mit Intelligenzminderung gewidmet.
  • Im Teil B werden nacheinander die diagnostischen Zugänge beleuchtet: Anamnese, Befund, kognitives Screening, Labordiagnostik, klassische (CT und MRT) und neuere Bildgebung (spezielle PET Untersuchungstechniken, SPECT und funktionelles MRT), Liquordiagnostik, EEG und die ausführliche neuropsychologische Diagnostik. Zusätzlich ist ein Kapitel der genetischen Beratung und Diagnostik gewidmet.
  • Im Teil C geht es um therapeutische Möglichkeiten mit einem Exkurs zur Verteilung von Gesundheitsgütern und mit einem Abschnitt über gerontopsychiatrische Zentren. Besonders ausführlich werden hier die medikamentösen Strategien bei kognitiven und nicht kognitiven Störungen mit den zugehörigen Evaluationsergebnissen behandelt;weiterhin geht es – eher überblicksartig - um kognitive Trainingsmethoden und wieder ausführlicher um die Behandlung zirkadianer Rhythmusstörungen. Der dritte Buchteil thematisiert auch die Therapieunterstützung: Hier wird auf die Situation pflegender Angehöriger und die Bedeutung frühzeitiger Aufklärung, Beratung und Unterstützung der Angehörigen eingegangen.
  • Teil D ist ein Buchabschnitt, in dem unter dem Titel „Versorgung“ unterschiedliche Themenkomplexe subsummiert werden: Hier geht es um rechtliche Fragen, soziale Netzwerke und kulturelle Lebensbedingungen, um Wohn- und Betreuungsformen, Geschlechtsrollenunterschiede, Sexualität, Zwangsernährung, Krisen und Gewalt und abschließend um Sterben, Suizidalität und Lebenswillen.
  • Im Anhang finden sich 3 wichtige Screening-Tests: DemTect, Mini-Mental Status und Uhrentest, sowie weiterführende Internetadressen.

Inhalt

Wie bereits erwähnt sind die Ausführungen zu den einzelnen Demenzformen z.T. sehr stark auf die Klärung differenzialdiagnostischer Fragen mit Hilfe apparativ technischer Ausstattung fokussiert. Dieser Buchabschnitt stützt sich auf aktuelle internationale Fachliteratur und ist insgesamt recht deutlich universitär geprägt. Man findet hier viel gebündeltes Wissen und kann sich gut über die national und international gültigen Einteilungen und Abgrenzungen informieren.

Das zweite Buchteil bietet dann dem in der Versorgung von Demenzkranken tätigen Haus- oder Facharzt dann einen guten Überblick über die diagnostischen Zugangsmöglichkeiten und deren Aussagekraft bei der Abgrenzung unterschiedlicher Demenzformen. An neueren Entwicklungen sei hier exemplarisch die kombinierte Bestimmung des Aß1-42 Fragmentes des Amyloid-Precursorproteins und des phosphorylierten Tau im Liquor erwähnt. Auch die Aussagekraft des EEGs, notwendige Laborparameter und die neueren Möglichkeiten der Bildgebung und genetischer Untersuchungen werden in diesem Buchabschnitt sehr übersichtlich und reflektiert dargestellt.

Bei der medikamentösen Therapie wird die begrenzten Erfolge der Cholinesterasehemmer und des NMDA Antagonisten Memantin herausgearbeitet. Erwähnt sei hier, dass man von Cholinesterasehemmern im Wesentlichen über einen Zeitraum von 3-6 Monaten eine geringe Verbesserung im kognitiven Bereich erwarten kann, die nach weiteren 6 Monaten wieder auf den Ausgangswert zurückgegangen ist. Auch die Behandlung Demenzkranker mit anderen Psychopharmaka wird kritisch in ihren Indikationen und Nebenwirkungen beleuchtet. Allerdings gehen die Autoren nicht auf im Experimentalstadium stehende Behandlungsansätze ein, wie beispielsweise die Versuche, mit Hilfe einer Immunisierung gegen die Ablagerungsprozesse bei der Demenz vom Alzheimertyp vorzugehen. Bei den Störungen des Schlaf-Wachrhythmus werden insbesondere die Lichttherapie und eine Behandlung mit Melatonin thematisiert.

Bei der nichtmedikamentösen Therapie und Versorgung Demenzkranker findet sich eine Betrachtung sowohl der Personen- und Angehörigenzentrierten Interventionen als auch der Milieugestaltung und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Interessant zu lesen ist, dass trotz hoher Plausibilität bekannte Interventionsansätze wie Validation oder Realitäts-Orientierungstraining sehr inkonsistente Evaluationsergebnisse aufwiesen, was die Autoren für Gesamtkonzepte mit angemessener architektonischer und Milieugestaltung, umfangreichen Schulungen aller Mitarbeiter und Einbeziehung des sozialen Umfeldes plädieren lässt. Die rechtlichen Kapitel sind sehr prägnant und geben auf engem Raum einen guten Überblick: Hier geht es um sozialrechtliche Ansprüche, um die Begutachtung der Testierfähigkeit und um betreuungsrechtliche Fragen. Im 4. Buchteil regen Exkurse und eigene Kapitel immer wieder zum Nachdenken über ethische Fragen und gesellschaftlich bedingte Benachteiligungen an: Hier geht es um Gender-Aspekte (regelmäßiger Pflegebedarf wird zu 82,8% in der Häuslichkeit von Frauen abgedeckt), um eine ganzheitliche Reflexion der Nahrungsverweigerung und Unterernährung, um Gewalt und um den Umgang mit Endlichkeitsfragen. Interessant zu lesen ist, dass das Suizidrisiko bei Demenzkranken nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung liegt.

Fazit

Es handelt sich um ein aktuelles, wissenschaftlich hervorragend fundiertes Buch zum Thema Demenzerkrankungen mit deutlichem medizinischen Fokus und einer anfänglich besonders ausgeprägten Universitätsklinischen Prägung, das im letzten Drittel auch für nicht-ärztliche Berufsgruppen interessante Aspekte thematisiert. Das Buch behandelt den derzeitigen Stand der Diagnostik und die Möglichkeiten und Grenzen von Interventionen, regt zu ganzheitlichen Reflexionen an und stützt sich eher auf gesicherte Forschungsergebnisse als dass es überraschende Zukunftsvisionen entwirft.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 29.06.2009 zu: Richard Mahlberg, Hans-Uwe Gutzmann (Hrsg.): Demenzerkrankungen. Erkennen, behandeln und versorgen. Deutscher Ärzte-Verlag (Köln) 2009. ISBN 978-3-7691-0563-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7678.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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