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Lars Meier: Das Einpassen in den Ort

Cover Lars Meier: Das Einpassen in den Ort. Der Alltag deutscher Finanzmanager in London und Singapur. transcript (Bielefeld) 2009. 297 Seiten. ISBN 978-3-8376-1129-8. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Materialitäten - Band 11.
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Thema

In diesem Buch wird die Raumsoziologie Martina Löws empirisch überprüft: Die Einpassung deutscher Finanzmanager in zwei unterschiedlichen Städten – London und Singapur – wird beobachtet und analysiert und in einen weiteren Kontext gestellt. Damit zeigt Lars Meier auf, dass vermeintlich uniforme Berufskulturen und Lebensstile sich nach Ort verändern.

Autor

Lars Meier ist Soziologe und Geograph und lehrt Soziologie an der TU Darmstadt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stadt- und Raumforschung, Kultursoziologie, Migrationsforschung sowie qualitative Methoden.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch „Das Einpassen in den Ort. Der Alltag deutscher Finanzmanager in London und Singapur“ handelt es sich um die erweiterte Fassung der Dissertation von Lars Meier.

Aufbau und Inhalt

Der Prozess des Einpassens wird beschrieben; dabei werden vielfältige Bezüge zu verschiedenen Disziplinen und Konzepten interessant verschlungen. Die intuitiv als einheitlich und uniform wahrgenommene „travelling culture“ (Clifford 1997) der Finanzmanager zeigt, welche nicht auf den Ort begrenzt ist, hindert die Menschen nicht daran, weiterhin in Abhängigkeit vom Ort zu handeln. Auch der Weg zum Ort ist ein Teil des Einpassens (S.22). Nach Goffman 1969 gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art der Selbstrepräsentation und dem Ort. Identitäten zeichnen sich durch eine Trennung von Eigenem und Fremdem aus. Identitäten sind durch Differenzierung gekennzeichnet und durch sie (nicht ausserhalb) konstruiert (Hall 1996:9). Soziale Beziehungen und Wahrnehmungen, aber auch Identitätskonzepte werden aber auch durch äussere Gegebenheiten wie architektonische Möglichkeiten geprägt: So stellte Jane Jacobs schon 1963 fest, dass breite Gehsteige Vielfalt ermöglichen, schmale Fussgängerwege jedoch soziale Kontakte verhindern. Aus dem gleichen Jahr stammt die Feststellung. dass das Gefühl, beobachtet zu werden, zu Anpassung führt. (Goffman 1963)

Sehr knapp gehalten sind die methodischen Ausführungen. Man versteht, dass der Autor sowohl in London wie auch in Singapur teilnehmend beobachtend unterwegs war und Gespräche mit Finanzmanagern (ausschließlich weiße, deutsche Männer) geführt hat, in einer Besprechung wird der Text als „ethnographische Untersuchung“ bezeichnet. Lars Meier lehnt sich in der Offenheit seiner Kategorienbildung an die Grounded Theory an, grenzt jedoch deren theoretische Offenheit ein.

Das Herzstück des Buches jedoch sind die Beschreibungen und Analysen der Einpassungsprozesse der deutschen Finanzmanager in Singapur und London. Da ist zunächst einmal die ganz unterschiedliche historische Einbettung als Deutsche in einer Stadt: In London dauert eine negative Haltung gegenüber Deutschen, auch als „krautbashing“ bekannt, bis heute an. Unvergessen sind die Angriffe der Deutschen auf London im 2. Weltkrieg, die 32„000 Tote forderten. (S. 59)

In Singapur dagegen hatten die wenigen Weißen im 2. Weltkrieg eher eine Position als Wohltäter und vorausschauende Organisatoren, der Part der aggressiven Eroberer ist eher den Japanern zugedacht.

London als „Imperial City“, Haupthandelsplatz der Welt schon im 16. Jahrhundert, sieht sich als umkämpfte, immer wieder – mitunter auch von Deutschen – angegriffene Stadt, Singapur eher als Insel der Zivilisation, (auch mit Hilfe von Deutschen) der Wildnis abgerungen.

Selbstverständlich sind beide Städte stark segregiert, wobei diese Segregation in Singapur auch heute noch stark ethnisch geprägt ist, während dies in London nicht der Fall ist. Der Finanzdistrikt in London liegt mitten in der Stadt, unmittelbar an zwei der ärmsten Gegenden Londons angrenzend; in Singapur bewegt sich die Finanzwelt an der Peripherie, in einem eigenen Distrikt.

Lars Meier beobachtet in London, wo die Finanzmanager entweder urban-modern in den Docks, in ehemaligen Hafen-, Industriegebäuden oder gentrifizierten ehemaligen Arbeiterquartieren oder dann im Grünen ausserhalb des Stadtzentrums in Einfamilienhäusern leben einen grösseren Stress. Die Finanzmanager in London sind stolz darauf, es ins Zentrum geschafft zu haben, fühlen sich von der City jedoch auch bedrängt. (S. 128-130)

Das Leben der Finanzmanager in Singapur dagegen präsentiert sich dem Autor als überraschend entspannt. Weniger abenteuerlich als erwartet gestaltet sich das Leben hier, Klimaanlagen und Wohlorganisiertheit temperieren den Lebensrhythmus. Die Ausländer bleiben unter sich, leben in für sie vorgesehenen Wohnsiedlungen, ihre Kinder besuchen internationale Schulen.

Damit die feinen Unterschiede wahrgenommen werden können, braucht es eine gute Kenntnis des „Feldes“. So war der Autor erstaunt über den Bericht eines jungen Bankers in London, der ihm erklärte, er habe in London seine – ohnehin schon klassisch geschnittenen und formellen – Anzüge durchgehend durch ganz klassische Kleidung in schwarz und dunkelblau ersetzt. Bei den Hemden können sich höher gestellte und länger eingepasste Finanzmanager etwas mehr Farbe und weniger dezente Streifen leisten als Greenhorns, so sieht auch bei den Krawatten aus. Dagegen manifestieren sich Statusunterschiede innerhalb der Londoner Finanzmanager fast ausschliesslich an den Manschettenknöpfen, deren Ausgestaltung Lars Meier mit der Zeit sogar unter Mantelärmeln zu dechiffrieren wusste. Er selber hatte sich für seinen Feldaufenthalt einen braunen Anzug gekauft.

Diskussion

Wird durch die Globalisierung nicht überall auf der Welt alles gleich? Heute zählen doch nur noch die Strategien global tätiger internationaler Konzerne! Die Expatriates bilden eine neue, kosmopolitische Klasse, sie leben überall auf der Welt verstreut und pflegen einen vergleichbaren Lebensstil, der sich durch eine Vernetzung untereinander, jedoch auch durch eine Nicht-Kommunikation mit dem geographischen Raum auszeichnet, in welchem sie leben. Ihre Anwesenheit ist sowieso nur vorübergehend, ihre Lebensformen in „gated communities“ vom sozialen Umfeld abgegrenzt.

Lars Meier zeigt in seinem Buch „Das Einpassen in den Ort“ auf, dass die oben genannten Allgemeinplätze zwar nicht total falsch sind, aber doch essentielle Differenzierungen auslassen, die notwendig sind, um das Leben der untersuchten Finanzmanager zu verstehen. Der Ort durchdringt die Menschen, manifestiert sich auch in ihnen. Es gelingt Lars Meier sehr anschaulich, das Wirken von sozialer Ordnung, Architektur, physischer Umwelt, Geschichte, sozialen Differenzierungen und Beziehungen auf die Wahrnehmung und Selbstkonzeption der Finanzmanager zu vermitteln.

Einzige Schwachpunkte sind die sehr zahlreichen Druckfehler (darunter neben vielen nebensächlichen auch solche, die sinnverändernd sind, z.B. ist von „multi-sided ethnography“ (statt sited) die Rede, S.19) und – da es sich um eine Dissertation handelt, erstaunlich – die sehr nachlässige Behandlung der Methodik.

Fazit

„Das Einpassen in den Ort“ ist eine spannend und auch eingängig zu lesende empirische Überprüfung der Spacing-Theorie von Martina Löw, nach der Räume auch durch die unterschiedliche Platzierung von Gütern und Menschen konstituiert werden. In den Blick genommen werden dabei international tätige weiße, männliche, deutsche Finanzmanager; obwohl sie manches verbindet, zeigt sich, dass ihre Lebensgestaltung, ihre Wahrnehmungen, ihre Werte und ihr Habitus sich je nach Ort, an welchem sie tätig sind, beträchtlich unterscheidet.

Literatur

  • Clifford, Jame. 1997: Routes: Travel and Translation in the Late Twentieth Century. Harvard University Press.
  • Goffman, Erving. 1963: Behavior in Public Places: Notes on the Social Organization of Gatherings, The Free Press.
  • Goffman, Erving,1969: Strategic Interaction. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Hall, Stuart. 1996: Who needs „Identity“?; In: Hall, Stuart/du Gay, Paul (Hrsg.), Cultural Identity. S. 1-17. SAGE, London.
  • Jacobs, Jane. 1963: Tod und Leben grosser amerikanischer Städte; Ullstein Verlag. Berlin/Frankfurt/Wien. (im Original 1961 erschienen: The Death and Life of Great American Cities – The failure of town planning; Pengui Books. Harmondsworth.)
  • Löw, Martina. 2001: Raumsoziologie. Suhrkamp Verlag. Frankfurt/Main.
  • Marcus, George E. 1995: Ethnography in/of the world system – the emergence of multi-sited ethnography. In: Annual Review. Anthropology: 24:95-117.

Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 08.11.2011 zu: Lars Meier: Das Einpassen in den Ort. Der Alltag deutscher Finanzmanager in London und Singapur. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1129-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7679.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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