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Franz Hamburger: Abschied von der Interkulturellen Pädagogik

Cover Franz Hamburger: Abschied von der Interkulturellen Pädagogik. Plädoyer für einen Wandel sozialpädagogischer Konzepte. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 212 Seiten. ISBN 978-3-7799-1229-3. 19,50 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Edition Soziale Arbeit.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3843-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Zielsetzung und Thema

Franz Hamburger, Professor für Sozialpädagogik an der Johannes- Gutenberg-Universität Mainz, will mit diesem Buch einen Beitrag leisten, das Konzept der Interkulturellen Pädagogik zu revidieren. Er will auf die unbeabsichtigten Folgen und Konsequenzen der unterschiedlichen Konzeptvarianten der Interkulturellen Pädagogik hinweisen. Außerdem setzt er der These, kulturelle Unterschiede zwischen den Menschen würden Konflikte hervorrufen, die These entgegen, „ dass die Armut der Arbeitsmigranten und die fehlende Gleichberechtigung die zentralen Problemursachen darstellen würden“ - soweit der Klappentext. Außerdem will den „Migrationshintergrund“ begrifflich in eine „Migrationsgeschichte“ auflösen, „die die Gleichheit der Menschen nicht mehr beeinträchtigen soll“ (ebd.).

Entstehungshintergrund

Dieser Band geht auf ältere und neuere Aufsätze von Hamburger zurück. Dies begründet er mit einem Erkenntnisgewinn, da in der Migrations- und Integrations- „Debatte“ sich politisch-ökonomische Konstellationen wiederholen würden, ohne dass zu ihrer Bearbeitung die Erfahrungen aus frühen Phasen herangezogen würden (S.10).

Aufbau

Das Buch umfasst fünf Hauptkapitel:

  1. Einwanderung zwischen Konflikt und Konsens,
  2. Interkulturelle Versuchungen,
  3. Begriffliche Übungen und theoretische Perspektiven,
  4. Soziale Arbeit und Jugendhilfe,
  5. Erneut auf der Tagesordnung: Ein Perspektivenwechsel.

1. Einwandung zwischen Konflikt und Konsens

Im ersten Kapitel erörtert der Autor die Aspekte Migration, Migranten und die Integration, Migration und Armut. Gewalt gegen Fremde. Differenzierung des „Migrationshintergrunds“ und Migration und Religion.

Hamburger betont, dass zwei Aspekte im Zusammenhang mit Migration nur gelegentlich thematisiert werden, zum einen die Armut der Migranten aufgrund ihrer Stellung im Beschäftigungssystem und der Aspekt der Gewalt gegenüber Migranten.

Neben einer generellen Erörterung des Begriffs Migration in den Dimensionen Raum, Zeit und Sozialität in Deutschland und Europa, den Prozessen sozialer Integration und Assimilation setzt sich hier der Verfasser intensiv mit dem Bereich der Armut von Migranten auseinander. Er referiert verschiedene Armutsstudien und arbeitet das hohe Armutsrisiko von Migrantenhaushalten heraus. Dies liegt um mehr als ein Dreifaches höher als bei der Gesamtbevölkerung (S.30). Daraus zieht er eine Reihe von Folgerungen für die Sozialarbeit, die sich vor allem auf komplexe Problemstrukturen im Kontext von Ursachen und Auswirkungen von offener und verdeckter Armut für die unterschiedlichen Migranten- und Altersgruppen beziehen.

Hier plädiert er für einen mulitdimensionalen Beratungsansatz, interne Arbeitsteilung und starker Vernetzung und nicht zuletzt hinreichende geschlechtsspezifische Beratungskapazitäten und -kompetenzen (S.37ff.).

Hamburger fächert in einer systematischen Darstellung die geschichtliche Entwicklung der Einwanderung auf und verweist auf die Vielfalt der hier lebenden Menschen mit „Migrationshintergrund“ und der damit einherschreitenden Veränderung der Bevölkerung insgesamt.

Im folgenden Kapitel setzt er sich mit dem Thema Migration und Religion auseinander, hier geht es zum einen um den Religionsbegriff, aber auch die Fixierung auf den Islam, wenn das Thema Religion und Migration angesprochen wird. Er arbeitet heraus, dass Religion eine Ursache für Migration sein kann, aber auch in Folge von Migration „entsteht, vitalisiert oder verstärkt wird“ oder in „in Folge der Wanderung verschwindet, transformiert oder abgeschwächt wird“ (S.57).

2. Interkulturelle Versuchungen

Im zweiten Hauptkapitel geht es um die angemessene Verwendung der „interkulturellen“ Perspektive als theoretisches, empirisches und praktisches Problem. Hierzu arbeitet Hamburger die Verwendung des Identitätsbegriffs in der interkulturellen Pädagogik heraus. Er orientiert sich dabei an das interaktionistische Modell von Krappmann mit der Unterscheidung von personaler und sozialer Identität und verweist auf die Problematik einer zunehmend affirmativen Verwendung des Begriffs: „Er tritt als modernisierte Kategorie an die Stelle von „Volksgemeinschaft“ und „Nationalbewusstsein““ (S. 70). Dennoch geht es insbesondere bei der Erfassung der Lebensrealität von Migrantenjugendlichen um die Entstehung von Identität und deren Ausprägungen im Lebenslauf.

Die Darstellung des „Kampfes um Bildung und Erfolg“ schließt an diese Betrachtung an. Es geht um die Zugänge zum Bildungssystem, Soziale Bedingungen von Bildung, den Unterricht und um das Dreiecksverhältnis von Schule, Jugendhilfe und Ausbildungsort.

Der Verfasser umgrenzt des Weiteren die Problemlastigkeit der Migrationsforschung, Migration als Anforderung und Bewältigung für Migrantenjugendliche zu beschreiben und nicht Entwicklungsanreize des Lebens in zwei Kulturen zu erkennen (S.93).

Dies illustriert der Autor anhand von Intensivinterviews mit Migrantenjugendlichen und verdeutlicht deren kulturelle Produktivität.

3. Begriffliche Übungen und theoretische Perspektiven

Das dritte Hauptkapitel ist begrifflichen Übungen und theoretischen Perspektiven gewidmet.

Es geht um die Thematisierung und Dethematisierung von Differenzen. Nach Hamburger ist einerseits eine interkulturelle Erziehung problematisch, weil sie Differenz ontologisiert, andererseits aber erscheint interkulturelles Lernen als notwendig, „um kritische Situation zu bearbeiten“, dürfe jedoch „nicht dauerhaft institutionalisiert werden“ (S.108).

Als theoretischen Ansatz zur Erfassung des Lebens von Migranten schlägt er in Anlehnung an Beck/Giddens mit ihrem Begriff der reflexiven Modernisierung, den Begriff der „reflexiven Interkulturalität“ vor. Diese von ihm auch schon im Sonderheft 8 der „Neuen Praxis“ (2006) vorgetragener Ansatz, will in Ablehnung der Transkulturalitätsannahmen, der Aufhebung von Differenzen in einem Neuen im Sinne von Welsch, auf die „nicht-intendierten negativen Nebenfolgen“ aufmerksam machen. Dieser von Giddens ausformulierte Ansatz zur Analyse der Lebensbedingungen in der Moderne hat für Hamburger folgende Konsequenzen: „Reflexion heißt im Zusammenhang mit Interkulturalität (.) Nachdenken über das Rationalitätsmodell, das die Forderung nach Interkulturalität in Gang gebracht hat“ (S.129).

Daraus leitet Hamburger pädagogische Überlegungen ab, die ein neues Konzept gerieren, nämlich, der situativen Begründung, der Nichthervorhebung von Differenzen, Eingehen auf spezifische Belastungen und Verständigung auf allgemein anerkannten Verfassungsrahmen (S.133).

Daraus folgt die Kritik des Interkulturalismus hier vor allem auch in der Verstrickung der Verwendung des Kulturbegriffs in der pädagogischen Praxis, aber auch als Forschungskonzept.

Aus all dem entwickelt Hamburger Konsequenzen für das Konzept der Sozialen Arbeit:

Er propagiert eine Handlungsorientierung, die gegen Benachteiligung wirkt, die Bedeutsamkeit von Kultur aber erkennt, die davon absieht, das „Fremde als Fremdes im Verstehen aufzulösen“, aber auch nicht das Gegenteil anstrebt, „das Fremde , als Fremdes durch Nichtverstehenwollen zu belassen“(S.143).

Außerdem schlägt er die „demokratische Kultivierung des ethnos“ vor, verwirft die Zuordnung der Menschen zu Menschen mit „Migrationshintergrund“ und besteht darauf, sich am Individuum zu orientieren. Die Forschungsorientierung an einem Begriff der „Interkulturalität“ bleibt blind, da es sich hier um Beobachter-Forschung handelt.

4. Soziale Arbeit und Jugendhilfe

Im vierten Hauptkapitel greift Hamburger das Thema Soziale Arbeit und Jugendhilfe auf und zeigt die Möglichkeiten lebensweltorientierter Sozialen Arbeit auf: Während interkulturelle Sozialarbeit dazu verführe, die Perspektive sozialer Ungleichheit durch kulturelle Differenzen zu ersetzen, lässt die Lebensweltorientierung dies offen durch „ihre ethnomethodologische Einstellung“ (S.155).

5. Erneut auf der Tagesordnung: Ein Perspektivenwechsel

Konsequenterweise endet das Buch mit dem Vorschlag zu einem Perspektivenwechsel.

Dieser Perspektivenwechsel wurde im Verlauf der Migrationsprozesse wiederholt propagiert. Von der Ausländerpädagogik über die interkulturelle Pädagogik zur Migrationspädagogik bis hin zur Antirassistischen Pädagogik.

Der Autor propagiert, die Kategorie des Migrationshintergrunds als Stereotypisierung zu erkennen und diese nicht zur Problemerklärung heranzuziehen. Neuere Studien des Deutschen Jugendinstituts belegen, „dass die sozialen Milieus die differenten Sozialisationsumwelten der Kinder hinreichend erklären“ und „der Migrationshintergrund hinter die soziale Ungleichheit zurücktritt“(S.190). Deshalb erscheint es als sinnvoll, nicht von Migrationshintergründen zu sprechen, sondern vielmehr von der Migrationsgeschichte.

Diskussion

Armut und Ungleichheit als zentrale Kategorien gegen die vereinfachende Beschreibung der Lebenslage von Menschen anhand kultureller Unterschiede zu setzen, ist, gerade auch im Kontext der aktuellen ökonomischen und sozialen Entwicklung, analytisch sinnvoll.

Hier hätte allerdings noch eine ausführlichere Verbindung zwischen den Armutsstudien und den Studien des DJI`s zum Verhältnis von Milieu und Armut hergestellt werden können.

Die Verwendung der „reflexiven Interkulturalität“ in Anlehnung an die soziologischen Analysen zur reflexiven Modernisierung ist problematisch. Im Sinne von Beck/Giddens/Lash handelt es sich bei der reflexiven Moderne „keineswegs – wie das Allerweltswort „reflexive“ Modernisierung nahelegt [um] - unbedingt bewußt und gewollt, sondern eher unreflektiert, ungewollte, eben mit der Kraft verdeckter (verdeckt gehaltener) „Nebenfolgen“ (Beck 1996:27) wirksam werdenden Mechanismen. Der Begriff suggeriert aber einen Gewinn an Wissen, um vernünftig handeln zu können. Dies wird von Giddens (1999:54ff.) aber keineswegs so gesehen, da die „Reflexivität die Vernunft“ untergräbt.

Migrationshintergrund durch Migrationsgeschichte zu ersetzen, bewirkt bei der Analyse von Migrationsfragestellungen kaum analytischen Gewinn. Die Analyse differenzierter Lebenslagen und -welten von unterschiedlichen Gruppen von Migranten erscheint eher weiterführend.

So ist der Band insgesamt ein Plädoyer, sich Fragestellungen der Migration nicht in kulturalistischer Einengung zu nähern, eine Kritik an der „Interkulturellen Pädagogik“, eine weit gefächerte Themensammlung zu unterschiedlichsten Aspekten zur Einwanderung, theoretischen Ansätzen und Folgerungen für die Soziale Arbeit, vor allem im Bereich der Jugendsozialarbeit. Das Buch verbindet verschiedene Aufsätze miteinander und gibt insgesamt wichtige Anstöße zu einer weiteren Entwicklung der Sozialen Arbeit. Allerdings muss der propagierte Abschied nicht zwingend in die vorgeschlagene Richtung erfolgen. Mein Plädoyer wäre die Fundierung der Migrationssozialarbeit durch entsprechende Studien über Menschen in konkreten Lebenskontexten. Die Lebenslagen auch innerhalb der Gruppen von Menschen mit ähnlicher Migrationsgeschichte können extrem variieren. Die Lebenslage eines zuwandernden Mennoniten, dessen Vorfahren vor 150 Jahren nach Russland ausgewandert sind, seiner Familie und die seiner Kinder, ist wahrscheinlich deutlich anders, als die eines gleichzeitig ausgewanderten nichtreligiösen Menschen mit gleichfalls 150-jähriger familiärer Migrationsgeschichte. D.h. es geht um die Verfeinerung von Migrationsanalysen. Warum sind die Bildungserfolge von italienischen Nachfahren der Gastarbeiter geringer als die von Anderen? Ersetzen Prozesse der transnationalen Migration bisherige Migrationsverläufe? Entwickeln bestimmte Migrantengruppen eine spezifische Identität?

Franz Hamburger strebt einen Perspektivewechsel an: Hier wären die von ihm skizzierten Ansätze zur Erforschung der Lebenswelt(en) sicherlich wegweisend. Doch auch diese wären forschungsmethodisch weiter auszuformulieren. Dazu bedarf es allerdings kaum „neuer“ Paradigmen.

Fazit

Ein engagiertes Buch, eine kritische Auseinandersetzung sowohl mit der staatlichen Politik im Umgang mit dem Fremden als auch einer (in bester Absicht) verkürzenden Sozialarbeit mit unterschiedlichen Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund.


Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 22.05.2009 zu: Franz Hamburger: Abschied von der Interkulturellen Pädagogik. Plädoyer für einen Wandel sozialpädagogischer Konzepte. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-1229-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7686.php, Datum des Zugriffs 08.12.2021.


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