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Felix Winter: Leistungsbewertung

Cover Felix Winter: Leistungsbewertung. Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit den Schülerleistungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. 2., unveränd. Neu Auflage. 345 Seiten. ISBN 978-3-8340-0181-8. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Grundlagen der Schulpädagogik - Band 49.
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Ein Paradigmenwechsel zur Leistungsbewertung ist überfällig

Es ist ja nicht so, dass die „Fragwürdigkeit der Zensurengebung“ (Ingenkamp 1971) eine neue Entdeckung in der Diskussion um eine objektive, gerechte und förderliche Schulbildung wäre. In allen Schulreformansätzen, beginnend spätestens in denen aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, spielte die Frage nach der Bestimmung und Ermittlung von Schülerleistungen eine wichtige Rolle. Die Initiativen, wie sie Ende der 60er Jahren durch die Gründung von Integrierten Gesamtschulen als Schulversuche gestartet wurden, verfolgten als ein wichtiges Ziel, die „Schülerbeurteilung“ vom Begriff wie von der schulischen Praxis her zu verändern zu lerndiagnostischen Verfahren, die ja der bereits oben genannte Erziehungswissenschaftler Karlheinz Ingenkamp 1988 als „Pädagogische Diagnostik“ in den Diskurs einführte (als „Lehrbuch der Pädagogischen Diagnostik, als 6. neu ausgestattete Auflage erneut 2008 erschienen). Die niedersächsischen Integrierten Gesamtschulen sind Anfang der 70er Jahre mit dem Anspruch angetreten:

  • Keine Selektion, sondern Förderung der Schüler.
  • Einbeziehung von affektiven und sozialen Lernzielen, Reduzierung der durch Testverfahren strapazierten kognitiven Lernziele zugunsten qualitativer Aussagen im Gesamtlernbereich.
  • Anpassung der Inhalte und Lernbedingungen an die Lernvoraussetzungen der Schüler, flexible Unterrichtsgestaltung.
  • Analyse der Lernergebnisse in Bezug auf den gesamten Lernprozess und daraus resultierende, individuell abgestimmte Lernhilfen für die Behebung der Defizite.
  • Dokumentation über die individuelle Lernentwicklung auf der Grundlage von Beratung zu Ungunsten von interpersonellen Vergleichen.
  • Entwicklung von Beobachtungs- und Beratungsmodellen (Inge Collatz, 1981).

In der landesweiten Arbeitsgemeinschaft „Lerndiagnostik“ wurden Konzepte und Programme entwickelt und in den Integrierten Gesamtschulen erprobt, wie aus einer (Leistungs-) „Beurteilung“ Diagnostik werden kann. Der seinerzeit begonnene Perspektivenwechsel wurde leider durch parteipolitische und ideologische Bremser abgebrochen. Das soweit zu den vielfältigen Versuchen, einen Paradigmenwechsel zur Leistungsbewertung in der Schule herbei zu führen.

Thema

Diese pessimistisch anmutende „Bestandsaufnahme“ der Situation, dass beim schulischen Lernen Leistung eher mit dem „Nürnberger Trichter“ gemessen wird, als mit lernpsychologischen und pädagogischen Methoden, soll nicht die Bemühungen schmälern, dass der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Felix Winter trotzdem (!) ein Buch mit dem Anspruch vorlegt, „eine richtungsweisende umfassende Neuorientierung für den Bereich der schulischen Leistungsbeurteilung“ vorzunehmen. Es geht um den lobenswerten Versuch, die unsägliche und scheinbar felsenfest etablierte, „objektive“ Notengebung als eine überkommene Form der Leistungsbeurteilung in der Schule aufzudecken und als Alternative eine ganzheitliche Betrachtung des Lernens, als Lernkultur, vorzustellen. Damit gibt er sich nicht in einer Don Quichotteschen Weise damit zufrieden, gegen die „Windmühlenflügel“ der Verteidigung einer so genannten Objektivität der traditionellen Leistungsmessung anzugehen, sondern zeigt in Theorie und Praxis zahlreiche Möglichkeiten einer „Didaktisierung der Leistungsbewertung“ auf.

Aufbau und Inhalt

Felix Winter gliedert sein Buch, als Innovationsaufruf wie als Verteidigungsrede für eine Veränderung des überkommenen Leistungsdenkens als Auswüchse der Beurteilung und Bewertung, in fünf Bereiche:

  1. Im ersten Teil plädiert er für eine „Reform der Leistungsbewertung“, indem er die Problematik der herkömmlichen Leistungsbeurteilung darlegt und ein Modell entwirft, wie der oben genannte Paradigmenwechsel vollzogen werden könnte.
  2. Im zweiten Teil geht der Autor auf die „Aufgaben der Reform der Leistungsbewertung“ ein. Es ist die pädagogische Diagnose, die den Lernprozess und das Lernindividuum im Blick haben muss, wie auch die Infragestellung des traditionellen schulischen Leistungsverständnisses.
  3. Im dritten Teil zeigt er anhand von drei Fallbeispielen „Dimensionen eines modernen Umgangs mit Schülerleistungen“ auf, indem er konkrete Handlungsalternativen zu den überkommenen Lernvermittlungsakten darstellt.
  4. Im vierten Teil diskutiert Felix Winter verschiedene „Methoden der Leistungsbewertung“. Dabei freilich unterliegt er einem Missverständnis: Wenn er dabei u. a. „Diagnosebögen“ ausklammert, wie sie z. B. in den oben genannten Schulversuchen der Integrierten Gesamtschule entwickelt, erprobt und praktisch eingesetzt wurden und zum Teil bis heute werden, mit dem Argument, diese dienten eher der Schüler- und Verhaltensbeurteilung und weniger der Leistungsdokumentation, dann liegt er falsch! Unabhängig davon ist ihm zu bescheinigen, dass er mit dem vorgestellten „Portfoliokonzept“ eine Form der Lerndokumentation vorschlägt, die tatsächlich den längerfristigen Lernprozess im Blick hat. Auch die anderen Methoden, wie „Lernkontrakte“, „Lernprozess-Beobachtungen“, „Selbstbewertung“, „Lerntagebücher“ u. a., können dazu beitragen, „Lernen neu zu denken“.
  5. Im fünften, Schlussteil, ruft der Autor eindringlich dazu auf, endlich wegzukommen von der unseligen und scheinbar unendlichen, ehernen Gleichung „Leistungsbeurteilung = Notengebung“ und Leistungsbewertung (ich würde das lieber übersetzen in: „Lerndiagnostik“, J.S.) zu einem pädagogischen Gestaltungsbereich zu machen. Damit wären wir schließlich bei dem, was Schule positiv verändern kann: eine neue Lernkultur entwickeln. Alles Hoffen jedoch wird vergeblich sein, wenn es nicht gelingt, Leistungsbewertung gesellschaftlich neu zu definieren.

Fazit

Winters Bemühen, beim schulischen Lernen den von Zusammenhang von Lernen, Leisten und Bewerten als Lernkultur darzustellen, ist lobenswert und notwendig. Es bedarf allerdings, wie die Gesamtschulerfahrungen zeigen, der Anstrengung, das Anliegen gesamtgesellschaftlich zu vermitteln. Weil einzelne, wohlgemeinte und sinnvolle Versuche, das überkommene Leistungs- und Beurteilungsdenken zu überwinden, etwa mit dem Versuch, die Noten durch lerndiagnostische Verfahren zu ersetzen, scheitern müssen. Ein Perspektivenwechsel ist deshalb angesagt; in der Lehreraus- und –fortbildung genau so wie im Alltags- und gesellschaftlichen Diskurs.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.04.2009 zu: Felix Winter: Leistungsbewertung. Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit den Schülerleistungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. 2., unveränd. Neu Auflage. ISBN 978-3-8340-0181-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7688.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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