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Thomas Kron, Melanie Reddig (Hrsg.): Analysen des transnationalen Terrorismus

Cover Thomas Kron, Melanie Reddig (Hrsg.): Analysen des transnationalen Terrorismus. Soziologische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 462 Seiten. ISBN 978-3-531-15412-1. 39,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Sucht man im deutschsprachigen Bereich nach wissenschaftlichen und/oder populärwissenschaftlichen Buchpublikationen zum Thema Terrorismus, so findet man seit dem 11. September 2001 mehr als 500 Verweise. Mit den Terroranschlägen in den USA, mal als „Apokalypse“ (Borradori, 2003), als „Superlativ ohne Präzedenz“ (Schneckener, 2006), oder gar als Beginn des „Vierten Weltkrieges“ (Baudrillard, 2002) bezeichnet, haben auch die Sozial-, Politik-, Kultur- und Geschichtswissenschaften ein neues, förderungswürdiges Forschungsfeld entdeckt. Die Herausgeber des zu besprechenden Buches meinen allerdings, die Soziologie verhalte sich dem Problem „Terror“ gegenüber seltsam still (S. 8). Deshalb haben sie im Juni 2006 an der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf eine Tagung durchgeführt, um den soziologischen Diskurs zum Thema anzuregen. Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis dieser Tagung.

Autoren

Die Herausgeber/innen und Autor/innen sind Experten. Thomas Kron ist momentan Professor für Soziologie an der RWTH Aachen und Melanie Reddig arbeitet als akademische Rätin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Auch die zwölf weiteren Autor/innen arbeiten entweder als Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter, Privatdozenten oder Professoren an soziologisch oder politikwissenschaftlich ausgerichteten Instituten deutscher bzw. österreichischer Hochschulen.

Aufbau und Inhalte

Der Sammelband vereint also 14 Beiträge mehr oder weniger namhafter Soziolog/innen bzw. soziologisch arbeitender Wissenschaftler/innen, denen zumindest eines gemeinsam ist: das theoretische Interesse an der Erklärbarkeit des Terrorismus. Damit ist auch gleich der entscheidende Fokus des Buches benannt. Die Leserinnen und Leser werden mit unterschiedlichen theoretischen Sichtweisen auf den transnationalen Terrorismus konfrontiert. Die Herausgeber/innen haben den Sammelband entsprechend dieser Sichtweisen in vier Blöcke gegliedert.

  1. Im ersten Block prüfen vier Autor/innen (Daniel Witte, Frank Hillebrandt, Cornelia Beyer und Thomas Kron) den akteurtheoretischen Ansatz auf seine Fruchtbarkeit.
  2. Im zweiten Block steht die Theorie sozialer Systeme im Sinne Luhmanns auf dem Prüfstand (Wolfgang Ludwig Schneider, Klaus P. Japp und Ardalan Ibrahim-Kudelich).
  3. Im dritten Block geht es, wie die Herausgeber/innen in ihrer Einleitung schreiben, „eher um modernisierungstheoretische Ansätze“ (etwa im Sinne der Theorie reflexiver Modernisierung oder aus der Sicht des Deprivationsansatzes). Hier finden sich die Arbeiten von Michael Bauer, Matthias Junge, Melanie Rettig und Matenia P. Sirseloudi.
  4. Die Beiträge im letzten Block (Jakob Rösel, Roman Langer und Jens Aderhold) fokussieren auf die Organisationsformen des transnationalen Terrorismus.

Diskussion

Die Unterschiedlichkeit dieser Sichtweisen macht die Lektüre zwar spannend aber auch nicht gerade leicht. Überdies überkam dem Rezensenten bei der Lektüre angesichts der hohen Theoriehaltigkeit, die jeden einzelnen Beitrag auszeichnet, immer wieder die Cui-bono-Frage. Also: Will die Autorin, der Autor, nun zeigen, dass das von ihm oder ihr präferierte Quasi-Paradigma (Akteurtheorie, Systemtheorie etc.) auch zur Erklärung des Terrorismusphänomens geeignet ist; oder geht es wirklich darum, für ein aktuelles globales Problem geeignete Verständnis- und Bewältigungswerkzeuge zu entwickeln. Nicht jeder Autorin, jedem Autor, gelingt es, eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu entwickeln. Hin und wieder scheinen sich die Autor/innen denn doch so stark mit den theoretischen Begriffen ihres Quasi-Paradigmas zu identifizieren, dass die möglicherweise nützlichen Erklärungen des transnationalen Terrorismus hinter der Theoretizität des Ansatzes fast zu verschwinden scheinen.

Trotzdem muss der Versuch gewürdigt werden, die theoretische Leistungsfähigkeit der Soziologie im Umgang mit dem globalen Problem des Terrorismus zu testen und anhand unterschiedlicher Theorieentwürfe zu demonstrieren. Dass dem Rezensenten mancher Beitrag im Hinblick auf diese Zielstellung besonders gelungen erschien, andere hingegen eher den Eindruck der theoretischen Selbstreferenz und Selbstbespiegelung hinterließen, ist eben seiner (des Rezensenten) Sicht geschuldet. Insofern möge man die folgenden knappen Einschätzungen durchaus als subjektive und einseitige Interpretationen lesen: Der Beitrag von Daniel Witte zum Rational-Choice-Ansatz und seinen Grenzen in der Erklärung des Terrorismus gehört – eben aus besagter Sicht – zu den gelungenen Arbeiten. Terroristen als rationale Akteure zu konzeptualisieren, die versuchen mit den ihnen gegebenen Ressourcen den Grad ihrer gemeinsamen Zielerreichung zu maximieren (vgl. z.B. Entorf, 2005), ist sicher eine theoretisch spannende, aber auch – im Sinne Wittes – einseitige Erklärung. Ob dagegen der Vorschlag von Frank Hillebrandt, den Terrorismus im Sinne Bourdieus als Praxisform zu konzeptualisieren, erklärungsmächtiger ist, mag der Rezensent nicht einzuschätzen. Die Anmerkungen von Cornelia Beyer zur Terrorismusbekämpfung und ihre Analyse der US-amerikanischen Politik (unter Führung von Georg W. Bush) im Kampf gegen den Terrorismus sind hingegen sehr lesenswert. Thomas Krons These, das Neue des neuen Terrorismus sei die strategische Überwindung von Gegensätzen und Widersprüchen, konnte der Rezensent allerdings nicht seine dialektisch-konstruktivistische Sichtweise integrieren. Ebenso zweifelhaft, wenn auch aus entsprechender systemtheoretischer Perspektive nachvollziehbar, erschien dem Rezensenten folgende Feststellung im Beitrag von Wolfgang Ludwig Schneider: „Terrorismus als Parasit von Politik, Krieg, Technik – in allen diesen Fällen ist die parasitäre Relation durch die Unterminierung der Trennschärfe des jeweils systemspezifischen Codes bestimmt, der dadurch zu einer Unterscheidung wird, die in vielen Situationen keinen Unterschied mehr macht und damit nurmehr ‚Rauschen‘ registriert, statt Information zu generieren“ (S. 135, Hervorh. Im Original,). Die ebenfalls aus systemtheoretischer Sicht von Klaus Japp vertretene Auffassung, der Terrorismus erzeuge Situationen der Ambiguität, denen mit komplexitätsreduzierenden und also vereinfachenden und deshalb kaum hilfreichen Schemata begegnet wird, dürfte allerdings sehr nachvollziehbar sein. Dass der Staat oder die Staaten, die mit derartigen vereinfachenden Interpretationen dem transnationalen Terrorismus zu begegnen versuchen, selbst Gefahr laufen, sich zu delegitimieren, zeigt – ebenfalls aus systemtheoretischer Perspektive - Ardalan Ibrahim-Kudelich. Auch ein Beitrag, in dem der Terrorismus „als Explosion des eingeschlossenen Ausgeschlossenen“ (S. 255) begriffen wird, sollte Leserinnen und Leser neugierig machen. Matthias Junge versucht in diesem Sinne die Potentiale des Dekonstruktivismus im Hinblick auf seine Erklärungskraft zu prüfen. Melanie Rettigs interessante Arbeit zu „Deprivation, Globalisierung und globalem Dschihad“ enthält nicht nur ein kluges Plädoyer für die theoretische Nützlichkeit des Konzepts der Relativen Deprivation, sondern verweist indirekt auch darauf, dass soziologische Theorien über den Terrorismus auch einer empirischen Begründung bedürfen. Matenia P. Sirseloudi versucht sich in ihrem Beitrag an einem theoretischen Modell, um die Komponenten und Variablen der Prozessdynamik terroristischer Kampagnen zu systematisieren; allerdings ebenfalls ohne sichtbare empirische Belege. Vor dem Hintergrund der gewalttätigen Zerschlagung der Tamil Tiger in Sri Lanka dürfte die Analyse von Jakob Rösel, der den Terror dieser Organisation analysiert, von besonderer Relevanz sein. Roman Langer versucht, mit den Instrumenten der leider fast vergessenen Kritischen Theorie die Produktion und Reproduktion von Terrorismus zu erklären. Jens Aderhold schließlich bietet einen netzwerktheoretischen Ansatz an, um zu zeigen, wie dem transnationalen Terrorismus die strukturelle Basis entzogen werden kann.

Fazit

Das Buch ist theorielastig; keine Frage. Die Herausgeber/innen sind sich dessen bewusst. Sie haben ein Publikationsexperiment gewagt, dessen Ausgang letztlich die Leserinnen und Leser entscheiden müssen. Jenen, die theoretische Impulse für sozialwissenschaftliche Erklärungen des Terrorismus bisher vermisst haben, sei das Buch empfohlen.

Zitierte Literatur

  • Baudrillard, J. (2002). Der Geist des Terrorismus. Wien: Passagen Verlag.
  • Borradori, G. (2003). Philosophie in Zeiten des Terrors. Hamburg: Europäische Verlagsgesellschaft.
  • Entorf, H. (2005). Islamistischer Terrorismus: Analysen, Entwicklungen und Anti-Terrorpolitik aus der Sicht ökonomischer Forschung. Arbeitspapiere des Instituts für Volkswirtschaftslehre, Technische Universität Darmstadt, Nr. 149.
  • Schneckener, U. (2006). Transnationaler Terrorismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 03.09.2009 zu: Thomas Kron, Melanie Reddig (Hrsg.): Analysen des transnationalen Terrorismus. Soziologische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15412-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7689.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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