Olaf Neumann: Chemie der Beziehung
Rezensiert von Prof. Dr. Angelika Franz, 20.01.2010
Olaf Neumann: Chemie der Beziehung. Empowerment in der Praxis sozialpsychiatrischer Krisenintervention.
Psychiatrie Verlag GmbH
(Bonn) 2009.
192 Seiten.
ISBN 978-3-88414-475-6.
29,95 EUR.
CH: 50,90 sFr.
Reihe: Forschung fuer die Praxis - Hochschulschriften.
Entstehungshintergrund
Das Buch stellt die Dissertation des Leiters des Berliner Krisendienstes Region Ost dar; er war dort bereits zu DDR- Zeiten im Rahmen einer kirchlichen Einrichtung als Krisenhelfer tätig. Mithilfe eines partizipatorischen Forschungsansatzes gibt der Autor in seinem Werk aus der Perspektive der Berater einen Einblick in die Klient-Berater-Situation.
Thema
Praxis wird nicht als Anwendung oder Überprüfung von Theorie verstanden, sondern als deren Entwicklungsfeld. Dieser Ausgangspunkt passt zum Focus der Veröffentlichungsreihe Forschung für die Praxis, in der der Band erscheint. Ziel ist, Praxis nicht nur zu beschreiben und zu analysieren, sondern sie auch zu verändern.
Der Haupttitel „Chemie der Beziehung“ scheint zunächst den Untertitel „Empowerment in der Praxis sozialpsychiatrischer Krisenintervention“ nicht abzudecken. Das klärt sich: der Autor möchte untersuchen, was als Ersatz für chemische Substanzen zur Behandlung psychischer Irritationen in Kriseninterventionen angeboten wird. Beinhaltet Krisenintervention Empowermentprozesse, dann basiert die Chemie der Beziehung auf Verhandlungen zwischen Klient und Berater. Arbeit in der Krisenlogik des Empowerments ringt um eine gleichberechtigtere Haltung und zielt auf Verantwortungsübernahme bei den Klienten. Der bereits mit den Titeln hergestellte Bezug zwischen Interventionen in der Logik des medizinischen und des sozialwissenschaftlichen Modells durchzieht die Arbeit.
Aufbau und Inhalte
Etwa die Hälfte des Buches beanspruchen die Themen Entwicklung der Forschungsfrage und des Forschungsdesigns. Sorgfältig werden eigene Entscheidungen, deren gegenstandsbezogene, methodische und methodologische sowie persönliche Hintergründe dargelegt. So wird z.B. die Sozialisation im DDR-Sozialismus beim Forscher und bei den Klienten in die Betrachtung einbezogen, was dazu führt, eine Tonbanddokumentation des Interventionsprozesses als denautierend abzulehnen. Welche Ansprüche an eine partizipatorische Forschung gestellt werden, in welcher Forschungstradition sie zu sehen sind und wie sie gelöst werden, erzeugt Interesse und Spannung, geht aber teilweise auch zu sehr ins Detail, was dem Vorhaben Dissertation geschuldet sein mag.
Das partizipatorische Forschen (gemäss Reason und Heron) zeigt sich in der Explikation des Vorwissens, einem daraus entwickelten Handlungsplan, dem Erkenntnisgewinn mithilfe des Spielens im Rahmen der Auswertung mit der grounded theory und der Rückkoppelung der Erkenntnisse an die Datenproduzenten. Diese werden konsequent als Ko-forscher bezeichnet. By the way werden Krisenkonzepte sowie (präventive und empowermentfördernde) Kriseninterventionskonzepte vermittelt und methodisch und wissenschaftstheoretisch eingeordnet. Krise und Notfall werden differenziert.
Die o.g. Fragegestellung wird aufgeschlüsselt: wie sucht der Helfer nach den für den Einzelfall passenden Lösungen? Welche Rolle spielt dabei der Klient? Was geschieht in der Interaktion? (vgl. S. 50). Die Untersuchungsmethoden sollen nach Meinung des Forschers nicht aus der Psychotherapieforschung als Beschreibung der Wirkung von Interventionen abgeleitet werden. So gibt es drei Workshops, die der Herstellung einer spielerischen Atmosphäre in der Auseinandersetzung mit Praxis dienen sollen: 1.) zu Krise und Kreativität; sie erzeugen die Vorannahmen zum Forschungsverlauf und hatten zur genannten Orientierung an der Interaktion geführt, 2.) zur Schulung von kreativem Verhalten sowie 3.) zu einem nochmaligen Auswertungsgang mithilfe eines Forschungsberaters (dieser Schritt machte die Verlängerung des Analysezeitraums erforderlich).
Die Daten stellen die im 1. workshop gewonnenen Vorannahmen dar, computergestützte Basisdokumentation, Tonbandaufzeichnungen der Selbstbefragung der Helfer (Memos) zum Interventionsgeschehen, Analyseergebnisse und deren Reflexion. Die Analyse im Rahmen der grounded theory erforderte eine Distanzierung von Praxis, die Analyseschritte (z.B. Fragen stellen, Vergleiche ziehen) beinhalten als solche kreative Elemente. Belegendes Datenmaterial für die in diesem Rahmen konstruierten Kategorien und Oberkategorien wird vorgestellt; nicht klar wird, welche Auswahl sie darstellen, also welche weiteren Memotexte es gab bzw. wo sie zu finden sind. Der Auswertungsprozess wird nachvollziehbar dargelegt, Hypothesen zum und Fragen an das Datenmaterial schließen sich an. Inhaltlich gibt es Ausführungen zur Art und Funktion von Interventionen, z.B. vom Zuhören als Interventionsstrategie, von Angeboten, vom Ertragen, von Ablenkungsstrategien, vom Nutzen des Raumes, von Wahlentscheidungen, vom Ansteuern konfliktferner Zonen. Die Interventionsstrategien werden dem präventiven Arbeiten oder der Empowermentförderung zugeordnet. Für letzteres gibt es abschließende Konzeptionalisierungen. Die anschließende Diskussion erweitert die Ergebnisse auf Überlegungen zum Qualitätsmanagement und zur Politik von Hilfe innerhalb der Kommune.
Diskussion
Beim Leser wird ein Grundlagenwissen zu Forschungsmethodologie und zu qualitativer und quantitativer Forschungsmethodik sowie zu Krisentheorie und Krankheitsmodellen vorausgesetzt. Er muss daran interessiert sein, sich mit den Feinheiten der Designerstellung und mit deren kreativen Lösungen im Rahmen partizipatorischer Forschung auseinanderzusetzen. Hier geht es um neuen Wein in den bewährten Schläuchen, den Anforderungen an einen Forschungsbericht. Die Wiedergabe des Erarbeitungsprozesses von Interventionskategorien anhand der selbstexplorativen Texte der Berater gewährt Einblick in die Auswertungs- und in die Beratungsarbeit.
Die Vorworte im Band von J. Bergold und M. Zaumseil bescheinigen der Arbeit, thematisch und methodisch Neuland zu betreten. Diese Bewertung teile ich bezogen auf den Einbau kreativer Elemente, nicht aber bezogen auf die Selbstbeforschung von Helfern und die Rückkoppelung von Forschungsergebnissen an diese. Faszinierend und nicht in den üblichen Kategorien verhaftet sind die Beschreibungen der Interventionsstrategien und ihrer Folgen und die Präzisierung, wie emanzipatorisch Krisenintervention wirken kann, wenn sie gelingt.
Fazit
Das Buch liefert neue Betrachtungsweisen zu Empowerment fördernden Interventionen in Krisensituationen, klärt die Besonderheiten der Arbeit mit nichttherapiemotivierten Klienten und zeigt auf, wie sich über Forschung sozialpsychiatrische Praxis weiter entwickeln kann.
Rezension von
Prof. Dr. Angelika Franz
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden
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