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Loic Wacquant: Bestrafen der Armen

Cover Loic Wacquant: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 359 Seiten. ISBN 978-3-86649-188-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Originaltitel: Punir les pauvres.
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Thema

Das Buch analysiert Zusammenhänge zwischen Sicherheit und Armut, zwischen Strafverfolgung und sozialer Wohlfahrt und plädiert für die Verknüpfung zweier Diskurse, die unter der Dominanz neoliberaler Ideologien in den letzten Jahren zunehmend voneinander abgelöst wurden, aber im Rahmen einer vertieften Analyse erstaunliche strukturelle Parallelen aufweisen. Konkret wird die Entwicklung der Wohlfahrts- und Strafverfolgungspolitik in den USA in den letzten beiden Jahrzehnten beschrieben und als (drohender) Modellfall auch für europäische Länder analysiert. Dabei verknüpft der Autor explizit verschiedene Grundperspektiven der Gesellschaftsanalyse, insbesondere einen materialistischen Ansatz in der Tradition von Karl Marx und einen symbolischen Analyseansatz in der Tradition von Emile Durkheim und Pierre Bourdieu (S. 15).

Autor

Loïc Wacquant ist Professor für Soziologie an der University of California, Berkeley, und Wissenschafter am Centre de sociologie européenne in Paris. Er hat zahlreiche Werke zu vergleichender städtischer Marginalität, Verkörperung, Strafverfolgungsstaat, ethnisch-rassischer Herrschaft und Gesellschaftstheorie veröffentlicht, die in ein Dutzend Sprachen übersetzt wurden. Als Schüler Bourdieus hat er sich in mehreren Werken der präzisen ethnographischen Darstellung der Lebensrealität von benachteiligen gesellschaftlichen Gruppen beschäftigt (vgl. beispielsweise auch sein bekanntes Werk über das Boxen in amerikanischen Ghettos). Das Buch selber ist Teil einer Trilogie, deren andere beiden Teile („urban outcasts“ und „deadly symbiosis“) in den Jahren 2008 und 2009 auf Englisch veröffentlicht wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach zwei Einleitungsabschnitten in vier Hauptteile mit insgesamt neun Abschnitten. Zunächst wird in einem Vorwort dargelegt, welche Bedeutung die Entwicklungen in Strafverfolgung und Wohlfahrtspolitik in den USA als „Labor für die neoliberale Zukunft“ auch in anderen Ländern haben. Zweitens wird die besondere theoretische Perspektive des Buches („zwischen Marx und Durkheim“) und das methodische Vorgehen („Einengen des Gegenstandes“) transparent dargestellt. Der zweite Einleitungsabschnitt beschreibt den Zusammenhang zwischen sozialer Unsicherheit und der gesellschaftlichen Aufwertung des Strafens.

Der erste Hauptteil (Elend des Wohlfahrtsstaates, S. 61-130) stellt in zwei Abschnitten die historischen Hintergründe und die Veränderungen des amerikanischen Wohlfahrtsstaates auf dem Hintergrund des Erstarkens des Neo-Liberalismus in den letzten zwei Jahrzehnten dar. Unter Einbezug einer Vielzahl von Studien wird gezeigt, wie der „Almosenstaat“ unter der ideologischen Brille der Eigenverantwortung kritisiert, zurückgebaut und zunehmend mit Kontroll- und Sanktionselementen durchsetzt wird, die ihn strukturell und symbolisch dem boomenden Strafverfolgungssektor annähern. In detaillierter und systematischer Weise wird dabei insbesondere die Wohlfahrtsreform „Personal Responsability and Work Opportunity Act“ analysiert, die unter Präsident Clinton im Jahre 1996 vom US-Kongress verabschiedet wurde. Eindrücklich wird hier aufgezeigt wie die vielen Detailmassnahmen dieses Acts die „Sozialhilfe in ein Strafprogramm“ verwandeln.

Im zweiten Hauptteil (Größe des Strafrechtsstaates, S. 131-204) wird zunächst das amerikanische Gefängnissystem mit seinen 4800 unterschiedlichen Strafanstalten und die enorme Zunahme der Häftlingspopulation seit den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben, die nicht auf eine Kriminalitätszunahme, sondern auf eine Strafverschärfung auf allen Ebenen und insbesondere gegenüber Bagatelldelikten (Drogendelikten) zurückzuführen ist und zu katastrophalen Lebensbedingungen in den Gefängnissen führt. Gleichzeitig wird die strafrechtliche Überwachung ausserhalb der Gefängnisse ausgebaut, was beispielsweise in Denver dazu führte, dass zwei Drittel der 12-24-jährigen afroamerikanischen Jugendlichen auf eine Verdachtliste bezüglich „gang“-Zugehörigkeit aufgeführt wurden. Der Gefängnissektor wird anschliessend in seiner wirtschaftlichen und politischen Relevanz in der amerikanischen Gesellschaft beschrieben. Unzählige Fakten und insbesondere die detaillierte Analyse der Situation in Kalifornien dokumentieren seine Bedeutungszunahme, aber auch Tendenzen zur Privatisierung des Gefängniswesens und den Ersatz des Resozialisierungsziels durch ein Management der Gefangenenströme zunehmend auch durch private Institutionen. Die betriebsökonomische Orientierung wird auf der ideologischen Ebene ergänzt durch eine Wiederaufwertung des Strafgedankens, der die Rückgängigmachung von Rechten und minimalen Lebensstandards (von Bildungsangeboten über den Fernseher bis zu den politischen Rechten) legitimiert.

Der dritte Hauptteil (Primäre Zielgruppen, S. 205-239) untersucht zwei Hauptzielgruppen der Strafverschärfungspolitik in den USA, das afroamerikanische Subproletariat in den urbanen Ghetto‘s und Sexualstraftäter. Bezüglich der ersten Zielgruppe geht Wacquant von der These aus, dass das expandierende und kontrollierende Gefängnissystem die Funktion erfüllt, die „aufgeweichte Kastenspaltung zwischen Weissen und Schwarzen neu zu zementieren“(S. 207). In einem historischen Exkurs analysiert er die Abfolge von „eigentümlichen Institutionen“, die die USA zur Aufrechterhaltung von Rassendifferenzen und der Ausbeutung der Marginalisierten entwickelt hat: von der Sklaverei, über das „Jim Crow System der Rassentrennung“ bis zur Ghettobildung und der Expansion des Gefängnissystems nach der neoliberalen Wende. Als zweite Hauptzielgruppe „des Strafpanoptismus in den USA“ wird dann der Umgang mit Sexualstraftätern diskutiert, von denen seit dem 1996 verabschiedeten „Megan‘s Law“ öffentliche Listen erstellt werden. Diese sind in der Regel mit vielen Fehlern behaftet und fördern ein falsches Bild von „aus dem Gefängnis kommenden Serien-Pädophilen“, das zwar die soziomoralische Geschlossenheit der puritanischen Mehrheitsgesellschaft bestärkt, der realen Sicherheit vor Sexualdelikten aber eher abträglich ist (keine Therapiemassnahmen mehr, falsches Bild von Sexualadelinquenten etc.).

Im letzten Hauptteil (Europäische Deklinationen, S. 249-316) wendet sich Wacquant den Entwicklungen in Europa, insbesondere in Frankreich zu, die eine erschreckende Parallelität zu den USA zeigen, indem auch hier „Sicherheit“ und „konsequentes Bestrafen im Sinne der Nulltoleranz“ zu den Hauptzielen des Staats werden, obwohl die Delikthäufigkeit im Vergleich zu früheren Jahren tendenziell zurückgegangen ist. Er widerlegt mit einer detaillierten Analyse auch die von neokonservativen Pseudowissenschaftern medienwirksam propagierte Argumentation, in den USA sei es dank der Strafverschärfungspolitik gelungen, die Kriminalitätsrate zu senken. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit „vier Hauptsätzen der neuen Sicherheitsbibel ‚made in USA‘“ kann diese überzeugend widerlegen. So erweist sich beispielsweise das sogenannte „Broken Windows-Theorem“ demgemäss sich schwere Formen der Kriminalität durch konsequente Ahndung kleinerer Regelverstösse erfolgreich bekämpfen lassen sowohl aus der Sicht der Wissenschaft als auch aus der Sicht der polizeilichen Praxis als unhaltbar. Das Buch schliesst mit einer soziologischen Neubestimmung des Neo-Liberalismus, die eine zu enge ökonomistische Betrachtungsweise zu überwinden versucht und einen expansiven und gezielt auf die prekarisierten Unterschichten ausgerichteten Strafverfolgungsapperat zu einem von vier konstitutiven institutionellen Logiken des Neoloberalismus macht.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich von seinem Inhalt her an verschiedene Zielgruppen. Es ist ein genuin soziologisches Werk das vielfältige Bezüge zu soziologischen Klassikern von Marx, Weber bis zu Bourdieu oder Foucault und zu aktuellen empirischen Studien aufweist. Vor allem für die deutschsprachige Soziologie gibt es die Möglichkeit, den aktuellen Diskurs im angelsächsischen und französischen Sprachraum zur Kenntnis zu nehmen und über theoretische Positionen oder konkrete politische Debatten gleichzeitig direkte Bezüge zur Situation in Deutschland, Österreich oder der Schweiz herstellen zu können. Professionelle der sozialen Arbeit im Wohlfahrtsbereich oder in Institutionen der Strafverfolgung erlaubt es, problematische Entwicklungen in einen grösseren Kontext zu stellen und Argumente gegen das Überhandnehmen der Kontroll- und Straflogik im Sozialbereich wissenschaftlich abzustützen. Das Buch richtet sich aber auch an Politologen, Journalisten und kritische Politiker und macht ihnen die Problematik von Massnahmen deutlich, die im aktuellen politischen Diskurs zwar mehrheitsfähig und mediengerecht sind, aber grundlegende Errungenschaften demokratischer Gesellschaften wie Menschenwürde und Rechtsgleichheit längerfristig in Frage stellen.

Fazit

Das Buch ist inhaltlich ohne Vorbehalte zu empfehlen und vermittelt eine Reihe von Einsichten, die argumentativ hergeleitet und empirisch gut belegt sind. Gewisse Einschränkungen ergeben sich im Formalen: Bedingt durch den hohen wissenschaftlichen Standard und die breite Abstützung leidet die Lesbarkeit, gewisse Doppelspurigkeiten in der Grundargumentation und eine nur teilweise transparente Grundstruktur können ermüdend wirken, vor allem, wenn man mit dem soziologischen Hintergrund weniger vertraut und so weniger an theoretischen Spitzfindigkeiten interessiert ist.

Die Übersetzung aus dem Französischen vermag insgesamt zu überzeugen, auch wenn aus meiner Sicht die Übersetzung von „gouvernement“ als „Regierung“ im Untertitel eher unglücklich ist und der stärkeren Substantivierung des Begriffs im Deutschen zu wenig Rechnung trägt.


Rezension von
Prof. Dr. Heinrich Zwicky
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft. Departement Soziale Arbeit
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Heinrich Zwicky. Rezension vom 28.09.2009 zu: Loic Wacquant: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-188-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7695.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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