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Uwe Koch, Joachim Weis (Hrsg.): Psychoonkologie

Cover Uwe Koch, Joachim Weis (Hrsg.): Psychoonkologie. Eine Disziplin in der Entwicklung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 308 Seiten. ISBN 978-3-8017-2088-9. 39,95 EUR, CH: 68,00 sFr.

Reihe: Jahrbuch der medizinischen Psychologie - Band 22.
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Thema

Die Veröffentlichung widmet sich aktuellen psychosozialen Perspektiven bei Krebserkrankungen.

Herausgeber

Beide Herausgeber forschen seit vielen Jahren zu psychoonkologischen Themen. Bereits 1998 haben sie ein Übersichtswerk zum Forschungsschwerpunkt „Rehabilitation von Krebskranken“ herausgegeben („Krankheitsbewältigung bei Krebs und Möglichkeiten der Unterstützung“). Viele weitere Publikationen zum Thema folgten.

  • Prof. Dr. Dr. Uwe Koch ist Professor für Medizinische Psychologie an der medizinischen Fakultät der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.
  • Prof. Dr. Joachim Weis ist Professor am Psychologischen Institut der Universität Freiburg und Leiter der Abteilung Psychoonkologie der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg.

Entstehungshintergrund

Die Relevanz psychosozialer Perspektiven bei Krebserkrankungen wird seit den 1980er Jahren zunehmend erkannt. Psychoonkologische Forschung und Praxis fokussiert die Lebensqualität der Erkrankten und ihrer Angehörigen während des Krankheits- und Behandlungsverlaufs.
In den letzten Jahren gerieten neben der Krankheitsbewältigung der Patient/innen soziale Aspekte zunehmend in den Blick: die Bewältigungsaufgaben und –strategien der Angehörigen, die Arzt-Patient bzw. Arzt-Angehörigen-Beziehung. Im vorliegenden Buch veröffentlichen die Herausgeber aktuelle Forschungserkenntnisse dazu sowie zu psychoonkologischen Interventionsformen.

Aufbau

Nach der Einführung ist das Buch in vier Themenblöcke unterteilt.

  1. Psychische Belastungen von Krebspatient/innen und deren Angehörigen,
  2. Patient/innen als Partner der Ärzt/innen,
  3. Gestaltung und Erfolg psychoonkologischer Interventionen und
  4. Perspektiven der Forschung.

1. „Psychische Belastungen in Folge der Krebserkrankung bei Patienten und deren Familien“

Der Themenblock „Psychische Belastungen in Folge der Krebserkrankung bei Patienten und deren Familien“ umfasst sieben Studien.

  1. Mehnert et al. untersuchten mittels eines validierten Selbstbeschreibungsfragebogens die psychischen Belastungen von achtzig Prostatakrebspatienten zwei Tage vor Operation (T0) und davon 36 durchschnittlich fünfzehn Tage danach (T1).
  2. Kröger & Bullinger erfassten in einer nicht kontrollierten Langzeitstudie in einer ambulanten, familienorientierten Nachsorgeeinrichtung die Entwicklung der Lebensqualität von krebsbetroffenen Familien.
  3. Romer et al. betrachten auf Basis entwicklungspsychologischer und familiendynamischer Betrachtungen, welche psychischen Belastungen Kinder krebskranker Eltern erleben. Sie tragen Forschungsergebnisse zusammen, stellen Interventionskonzepte vor und erarbeiten Aspekte, welche für die Praxis in Prävention und Behandlung bedeutsam sind.
  4. Keller erforschte das psychische Befinden von 293 Personen, die ihre erbliche Disposition zu Darmkrebs hatten testen lassen und anschließend eine interdisziplinäre Beratung aufgesucht haben.
  5. Bergelt et al. befassen sich mit „Geschlechtsspezifischen psychischen Belastungen und Lebensqualität bei Partnern von Krebspatienten in der onkologischen Rehabilitation“. Sie untersuchten 633 Partner/innen zu Beginn und am Ende der Rehabilitation. Sie verglichen auch begleitende Partner/innen, zuhause bleibende und Partner/innen von Patient/innen, welche keine Rehabilitation in Anspruch genommen hatten.
  6. Balck et al. untersuchten ausgehend vom Prozessmodell der Pflegebelastungen prospektiv über drei Monate (zu zwei Messzeitpunkten) die „Beanspruchung der Partner von Krebspatienten in der palliativen Situation“.
  7. Brix & Strauß explorierten spezifische psychosoziale Belastungen und deren Bewältigung bei Angehörigen älterer Krebspatient/en.

2. „Der Patient als Partner“

Zum zweiten Themenblock „Der Patient als Partner“ haben die Herausgeber vier Studien zusammengestellt:

  1. Reuter et al. stellen den Ansatz der Partizipativen Entscheidungsfindung vor, ein Modell für die Arzt-Patient-Kommunikation und die gemeinsame Entscheidungsfindung, wenn mehrere wirksame Behandlungsmöglichkeiten verfügbar sind.
  2. Ernst et al. erfassten den Informationsbedarf von Patient/innen im Verlauf der Akutbehandlung. Sie verglichen Patient/innen mit soliden und systemischen Krebserkrankungen (z.B. Lymphome, Leukämien).
  3. Giesler & Weis präzisieren das Konzept der Patientenkompetenz und präsentieren ein Verfahren zu ihrer diagnostischen Erfassung (einen Fragebogen zur Selbsteinschätzung).
  4. Heckl et al. berichten von den Erfahrungen mit dem Modelprojekts „Second Opinion“, eines umfassenden, auf die individuellen Bedürfnisse der Patient/innen zugeschnittenen Beratungsangebots der Klinik für Tumorbiologie. Sie präsentieren über 3,5 Jahre durch Befragung von 600 Patient/innen gewonnene Evaluationsergebnisse.

3. Psychologische Interventionen

Um „Psychologische Interventionen“ geht es im dritten Themenblock:

  1. Faller gibt einen kritischen Überblick über wichtige Studien zur Wirksamkeit verschiedener psychoonkologischer Interventionen vor allem bei Brustkrebs.
  2. Herschbach & Berg stellen einen Ansatz zur Behandlung von Progedienzangst vor. Im Gegensatz zu psychischen Angststörungen ist die Angst vor dem Voranschreiten der Krankheit real, aber dennoch belastend. Entsprechend bedarf es eines eigenen Ansatzes. Die Wirksamkeit der Therapie wurde erfolgreich evaluiert.
  3. Weis et al. stellen einige Ergebnisse einer Evaluationsstudie zu einer strukturierten psychoedukativen Gruppentherapie vor. Im Rahmen eines kontrolliert randomisierten Designs mit einer Kontrollgruppe wurden an vier Messzeitpunkten unter anderem die psychische Befindlichkeit und Aspekte der Krankheitsverarbeitung erfasst.
  4. Singer et al. führten eine Studie zur psychosozialen Rehabilitation von Patient/innen nach Kehlkopfentfernung durch und erfassten auch die lebensweltliche Situation ihrer Angehörigen.
  5. Lang et al. entwickelten ein Manual zum Training der Gesprächsführung für Ärzte und Pflegende für die Kommunikation mit Krebspatient/innen und evaluierten es drei Monate nach Kursabschluss.

4. Perspektiven der Forschung

Im vierten Themenblock betrachten Koch et al. den aktuellen Stand der psychosozialen Versorgung von Krebspatient/innen aus Sicht der Versorgungsforschung.

Diskussion

Das Buch gibt einen Überblick über die vielseitigen Fragestellungen aktueller psychoonkologischer Forschung. Begrüßenswert ist auch die Mischung zwischen Forschungsüberblicken, mehr und weniger kontrollierten Forschungsdesigns.
Manche Untersuchungen ergeben einen hohen Bedarf an psychosozialen Angeboten für Erkrankte wie Angehörige. Manche weisen darauf hin, dass die Arzt-Patient-Kommunikation auf eine neue Basis gestellt werden muss, weil Patient/innen und Angehörige mündiger werden und ihre Belastungen, Informationsbedarfe und Wünsche nach Entscheidungsmitwirkungen deutlicher artikulieren. Das Buch zeigt, dass die psychosoziale Versorgung von Krebspatient/innen trotz Evidenzen ihrer Wirkung noch zu wenig ausgebaut ist. Es zeigt aber auch, wie groß der Forschungsbedarf zu psychosozialen Aspekten von Krebserkrankungen noch ist.
Das Buch und die einzelnen Artikel sind sehr klar strukturiert, so dass die interessengesteuerte Informationssuche leicht fällt.

Fazit

Das vorliegende Buch gibt einen umfassenden und aktuellen Einblick in psychoonkologische Forschung und Praxis. Es ist lesenswert für Wissenschaftler/innen wie Praktiker/innen, die mit krebserkrankten Menschen arbeiten und sich über aktuelle Diskurse informieren möchten.


Rezensentin
Prof. Dr. Sabine Allwinn
Professorin für Psychologie an der Evang. Hochschule Freiburg
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Zitiervorschlag
Sabine Allwinn. Rezension vom 25.09.2009 zu: Uwe Koch, Joachim Weis (Hrsg.): Psychoonkologie. Eine Disziplin in der Entwicklung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-8017-2088-9. Reihe: Jahrbuch der medizinischen Psychologie - Band 22. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7698.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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