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Martina Blasberg-Kuhnke, Andreas Wittrahm (Hrsg.): Altern in Freiheit und Würde

Cover Martina Blasberg-Kuhnke, Andreas Wittrahm (Hrsg.): Altern in Freiheit und Würde. Handbuch christliche Altenarbeit. Kösel-Verlag (München) 2007. 398 Seiten. ISBN 978-3-466-36741-2. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 39,50 sFr.
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Herausgeber

Martina Blasberg-Kuhnke (geb 1958) ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Oldenburg. Andreas Wittrahm (geb. 1958), Dr. theol., Dipl. Psych., war lange Jahre Leiter des Referats Altenarbeit im Bistum Aachen, in der Erwachsenen- und Familienbildung und Geschäftsführer der Caritas-Akademie Köln-Hohenlind, auch Lehrbeauftragter an der KFHNW Abt. Köln, sowie freiberuflich in Themenbereichen Pflege-Ethik, Anthropologie und Theologie des Alters und Organisationsentwicklung von Ordensgemeinschaften tätig.

Thema

In einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft hat sich eine Änderung der Mentalität in der kirchlichen Altenarbeit in vielen Bereichen nur anfanghaft umgesetzt. Diese Änderung wurde schon vor Jahren gefordert: von einem Paradigma der Fürsorge an den älteren Menschen zur ihrer Beteiligung als Mit-Handelnde. Zugleich gibt es mehr ältere Menschen, bei denen die Voraussetzungen z.B. gesundheitlicher und ökonomischer Art es ermöglichen, dass sie, vorwiegend selbstorganisiert, in verschiedenen Initiativen auch für andere tätig werden, z. B. in der Hospizarbeit, in der viele Ehrenamtliche aus diesem Lebensabschnitt zur Verfügung stehen. Für viele Ältere ist auch die kirchliche Bindung nicht mehr so stark vorhanden wie in früheren Jahren. Die Autoren sehen die Kirche vor der Aufgabe, ihre Praxis zum Phänomen einer alternden Gesellschaft in allen Handlungsfeldern und –formen von Grund auf neu auszurichten. Das Buch leistet zu dieser Ausrichtung einen Beitrag. Als geeigneter thematischer Leitfaden wird dazu „Freiheit und Würde“ gewählt:

  • „Würde“ beschreibt das Verhältnis eines alternden Menschen zu sich selbst, zu anderen und zu Gott. Das kann theologisch gesagt als Umschreibung eines gelingenden Lebens gesehen werden. Viele Begrifflichkeiten zum Alter verstärken ein defizitär orientiertes Altersstereotyp. Menschen, die diesen Lebensabschnitt erreichen, werden durch sprachlich defizitär geprägte Begriffe wie etwa „vergreisende Gesellschaft“ gleichzeitig mit einer solche Formulierung abgewertet. Eine - auch sprachliche - Verteidigung von Wert und Würde alternder Menschen wird gefordert.
  • Das Thema „Würde und Freiheit“ als gemeinsames Anliegen der Human- und Sozialwissenschaften und der Praktischen Theologie stellt eine Einladung zum interdisziplinären Dialog dar.
  • Die Sicherung der Würde von Menschen - jenseits von Leistung, Besitz und Produktivität – bietet thematisch die Möglichkeit, theologische Reflexionen und praktische Modelle aufeinander zu beziehen.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil wird in Übersichtsartikeln das Themenfeld der Gerontologie und Altenarbeit aus praktisch-theologischer Perspektive dargestellt und ein Einblick in den aktuellen Erkenntnisstand zur gesellschaftlichen Lage und zur individuellen Entwicklung im Dritten und Vierten Lebensalter eröffnet.

  • Martina Blasberg-Kuhnke und Andreas Wittrahm führen über das Thema der christlichen Freiheit alt zu sein – Altern in Freiheit und Würde als praktisch-theologische Herausforderung in das breite thematische Feld des Buches ein.
  • Wittrahm nennt verschieden Tatsachen und Probleme,
  • Gerhard Kruip spricht die Dimension der Generationengerechtigkeit an.
  • Franz-Josef Nocke gibt einige theologische Impulse zum Umgang mit dem Alter
  • Lebensräume, Lebensformen und Lebensvollzüge, die für das dritte Lebensdrittel wichtig werden, nennt Martina Blasberg-Kuhnke.

Im zweiten Teil werden aus verschiedenen Sichten Fragestellungen, Ansätze und Modelle einer christlichen Altenpastoral in unterschiedlichsten Facetten beschrieben. Dabei werden in einem breiten Spektrum sowohl verschiedene Konstrukte der Wirklichkeit des Alterns in der gegenwärtigen Gesellschaft diskutiert, als auch Möglichkeiten diese Realität zu erleben, zu erleiden und zu gestalten. Dieser umfangreiche Teil verfolgt praxisorientiert verschiedene Themenlinien:

1. Selbstbewusst und individuell altern:
  • Andreas Wittrahm geht dem Altern als Entwicklungsaufgabe nach,
  • Peter Bromkamp dem Altern als Mann,
  • Margot Müller dem Altern als Frau,
  • Ulrich Feeser-Lichterfeld beleuchtet die Sicht auf die Lebensgeschichte mit den Augen des Glaubens,
  • Paul Schladeroth die Identitätsvergewisserung im Alter zwischen Lebensrückblick und -ausblick,
  • Marianne Habersetzer stellt eine Art der Katechese vor, die Ältere Menschen durch angemessene Begleitung dazu einlädt, ihre Lebensgeschichte zu reflektieren und die Spuren Gottes in der eigenen Biographie zu entdecken.
  • Roland Kollmann geht ein auf verschiedene Glaubens- und Lebensstile im Alter.
2. Verschieden Beziehungsformen im Alter spielen eine Rolle:
  • Hermann Stenger stellt lebensnah vielfältige Beziehungen in ihrer heilsamen Wirkung dar. In einem biblisch orientierten Bild werden sie als „Engel“ beschrieben. In lebendiger Weise werden auch aus Motivations- und Resilienzforschung, sowie der Traumatherapie bekannte psychologisch beschreibbare Faktoren theologisch gedeutet.
  • Peter Neysters geht auf alternde Paarbeziehungen ein, und
  • Birgit Gammel auf Beziehungsnetze als eine der neuen Beziehungsformen.
  • Anne Möser findet und beschreibt Beispiele intra- und intergenerationalen Lernens,
  • Großeltern werden von Ulrich Hemel als mögliche religiöse Miterzieher skizziert,
  • Beispiele von religiösen Ritualen als Möglichkeiten von intergenerationeller Kommunikation durch Anke Terörde.
3. Gemeinde wird als Lebensraum für alte Menschen beschrieben und gefordert:
  • Blasberg-Kuhnke zeigt Leitorientierungen gemeindlicher Altenarbeit auf,
  • Aspekte der Gemeinwesenarbeit Ulrich Kuhnke,
  • die besondere Situation zwischen Dritten und Viertem Lebensalter Andrea Wittrahm.
  • Institutionelle Anforderungen der Sicht einer Lebensraumorientierung in der Altenarbeit nennt Guido Knörzer,
  • Aspekte einer Politischen Diakonie Theo Hengesbach,
  • Die angemessene Gestaltung von Lebensräumen für ältere Menschen ist Thema von Peter Kleinen,
  • Ruth Stieglitz zeigt in praktischen Beispielen kommunaler Handlungsansätze,
  • Andreas Wittrahm geht auf die besondere Situation eines Alterns in der Fremde ein.
4. Das Lernen im Alter hat einen eigenen Platz im Themenspektrum:
  • Einen Überblick über Bildungsarbeit mit älteren Menschen bietet Uta Pohl-Patalong,
  • Elfi Eichhorn-Kösler und Bernhard Kraus gehen auf die Anforderung - auch für ältere Menschen ein, ihr Leben selbstständig zu gestalten und bewusst die Möglichkeiten auszuwählen, die ihren Interessen entsprechen.
  • Ungeplante Situationen mit oft krisenhaftem Charakter werden nach Martina Blasberg-Kuhnke zu Lernsituationen.
  • Hubert Klingenberger zeigt Biographiearbeit als Möglichkeit auf, Orientierung und Ermutigung zu finden,
  • Theo Hartogh stellt Musikgeragogik als neues Feld der Bildungsarbeit mit älteren Menschen vor,
  • Heinrich Jacob verschiedene Orte der Kultur zur Entwicklungsförderung Alter, wie z.B. Museen, Theater, Reisen, Musik,
  • ebenso Gunda Ostermann die Begegnung älterer Menschen mit dem Internet.
  • Barbara und Erich Kerkhoff präsentieren ein spezielles Misereor-Projekt zum Thema „einfach anders altern“,
  • Angelika Prauß zeigt, wie Tiere ein Leben im Alter bereichern.
5. Das Vierte Lebensalter kann Menschen in besondere Grenzerfahrungen bringen – sie sind oft auf institutionelle Unterstützung durch stationäre und teilstationäre Einrichtungen angewiesen:
  • Andreas Wittrahm stellt die Kultur einer solchen Einrichtung der Altenhilfe als Herausforderung zum Leben vor,
  • Reinhard Brodehl die konzeptionelle Verbindungen zwischen Altenpflege und Altenpastoral.
  • Die Kommunikation in Pflegebeziehungen ist das Thema des Artikels von Anne Schütte.
  • Wie behindert altern in Freiheit und Würde möglich wird, stellen Annelle Pitham und Michael vor der Horst vor.
  • Seelsorge in der Institution Alten(pflege)heim wird von Doris Nauer beschrieben, und
  • die besondere Situation der Seelsorge für demente Menschen im Pflegeheim durch Rieke Mes und Doris Nauer.
  • Anne Schütte zeigt palliative Seelsorge, heute auch als Spiritual Care bezeichnet, in ihrer integrativen Funktion im Altenpflegeheim, wie auch einen Beitrag zum Thema
  • Menschwürdig sterben.

Die beiden Herausgeber gehen in einem dritten, abschließenden Abschnitt auf praktisch-theologische Perspektiven ein, die Freiheit und Würde in und für alle Lebensalter zur Sprache bringen, aber auch gerade für die Kirche selbst eine Zukunftsperspektive darstellen.

Ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren mit ihren unterschiedlichen beruflichen Praxisbezügen stellt die Bandbreite der Hintergründe der Artikel noch einmal vor, ein Register hilft beim Auffinden von einzelnen Themen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich zwar zunächst an haupt- und ehrenamtlich Tätige in Seelsorge, Bildungsarbeit, Beratung und anderen Bereichen Sozialer Arbeit, es ist aber ebenso brauchbar für Mitarbeitende aus Pflege, Medizin und allen Feldern psycho-sozialer Berufe, die mit Menschen des Dritten und Vierten Lebensalters zu tun haben, außerdem und unabhängig davon auch für Menschen, die auf diese Lebensabschnitte zugehen, und – wenn man die Breite des Spektrums der Themen bedenkt – für Leser innerhalb und außerhalb eines kirchlichen Kontextes.

Fazit

Es lohnt, sich aus diesem Buch, aus allen seinen Artikeln, Anregungen zum tieferen Verständnis der Situation von Menschen im Dritten und Vierten Lebensalter und ihres Umfeldes zu holen. Die gelungene Eröffnung der Perspektiven verschiedensten Erfahrungs- und Reflexionsbereiche regt Möglichkeiten des Austauschs und voneinander Lernens der verschiedenen Professionen an, von Theologie und Seelsorge, Pflege, Sozialer und Bildungs-Arbeit, bis hinein in die für das Vierte Lebensalter immer wichtiger werdenden Arbeitsfelder von Palliative Care und der Sorge für Menschen mit dementiellen Erkrankungen. Es handelt sich um ein Handbuch im Wortsinn, das öfter zur Hand genommen werden kann, um sich in weitere thematische Bereiche einzuarbeiten oder sich Hilfen zur Reflexion der Praxis und Anregungen für sie zu entnehmen.


Rezensent
Dipl. Theol. Christian Fleck
M.Sc. in Supervision, Pastoralreferent, Krankenhaus- und Altenheimseelsorger, Supervisor DGfP, dipl. TZI-Gruppenleiter (ruth-cohn-institut international), Psychotherapie HPG, außerdem tätig in Supervision u. Fortbildung (u. a. in den Bereichen Hospizarbeit, Palliative Care und Trauerbegleitung)


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Zitiervorschlag
Christian Fleck. Rezension vom 12.08.2009 zu: Martina Blasberg-Kuhnke, Andreas Wittrahm (Hrsg.): Altern in Freiheit und Würde. Handbuch christliche Altenarbeit. Kösel-Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-466-36741-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7707.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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