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Margarete Schneberger, Sonja Jahn u.a.: Bigrafiearbeit [...] in der Pflege von Menschen mit Demenz

Cover Margarete Schneberger, Sonja Jahn, Elfriede Marino: "Mutti lässt grüßen". Bigrafiearbeit und Schlüsselwörter in der Pflege von Menschen mit Demenz. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2008. 167 Seiten. ISBN 978-3-89993-211-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Pflege.
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Thema und Entstehungshintergrund

Seit Jahren hören SchülerInnen und Fachkräfte, dass Biografie und Schlüsselwörter von immenser, nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Pflege und Betreuung alter und vor allem demenzkranker Menschen sind. Den meisten leuchtet das auch unmittelbar ein. Doch viele (wenigstens meiner) Kursteilnehmer wissen nach wie vor nicht, wie sie das in der Schule oder in Fortbildungen erworbene Wissen in ihrem Arbeitsalltag umsetzen sollen. Dieses Buch versucht, Erfahrungen aus der Praxis an Praktiker zurückzugeben. Es wurde von drei Fachfrauen für Pflege, Pflegedidaktik und Change Management geschrieben. Die Autorinnen haben zusammen schon viele Male eine gerontopsychiatrische Fortbildungsreihe geleitet – und sicherlich einen großen praktischen Erfahrungsschatz gesammelt. Sie wollen verdeutlichen, wie man Biografiearbeit und Schlüsselwörter konkret und sinnvoll in der Pflege demenzkranker Menschen einsetzen kann.

Aufbau

Das Buch umfasst sieben Kapitel.

1 „Einleitung“

In der Einleitung umreißt M. Schneberger, was die Autorinnen mit ihrem Ansatz, bzw. diesem Buch bezwecken: Sie möchten den von Demenz betroffenen Menschen durch den Einsatz von Schlüsselwörtern Zugang zu ihrer eigenen Biografie und ihren Gefühlen ermöglichen. Letztendlich beabsichtigen sie, die Pflege demenzkranker Menschen zu professionalisieren. Ihr Ziel ist, Pflegenden Wege aufzuzeigen, wie sie demenziell erkrankten Bewohnern respektvoll und erwachsenengerecht begegnen und verkindlichende Sprechweisen und ebensolche Körpersprache vermeiden können. Zudem streben sie einen angemessenen Umgang mit Zeitressourcen und die Beseitigung von Stress an.

2 „Demenz, eine Krankheit und wie wir sie verstehen“

S. Jahn erläutert im zweiten Kapitel, wie sich die Kommunikation von und mit Betroffenen im Verlauf von demenziellen Erkrankungen verändert. So sei in der ersten Krankheitsphase zu beobachten, dass Menschen mit Demenz versuchen, ihre Defizite durch Maskerade und Fassade, sowie durch Beschuldigungen anderer zu vertuschen. In der zweiten Phase komme es zu einem Ende des Bemühens, sich und seine Schwierigkeiten zu verstecken. Es trete einerseits eine gewisse Entspannung ein. Um die verlorenen kognitiven Fähigkeiten zu kompensieren, setzten sie statt der von uns gewohnten und für normal gehaltenen verbalen Sprache das ein, was die Autorinnen „emotionale Sprache“ oder „Sprache der Gefühle“ nennen. Andererseits komme es nun aber zu Konflikten mit der orientierten Welt, weil die Betroffenen zunehmend nach ihrem eigenen, uns oft nicht unmittelbar zugänglichen Verständnis von Situationen handeln. In der dritten Phase komme es schließlich zu einem umfassenden Sprach- und Kontrollverlust; möglich sei fast nur noch nonverbale Kommunikation. Daraus leitet S. Jahn nun die Forderung ab, dass wir die Sprache der Dementen verstehen und einsetzen lernen müssen, wenn wir mit ihnen in Kontakt treten und ihnen Selbstwertgefühl und Lebensqualität vermitteln wollen.

Im Weiteren beschreibt S. Jahn, welche validierenden und empathischen Haltungen und Verhaltensweisen zum Verstehen und angemessenen Eingehen auf die emotionale Sprache nötig sind. An den Beispielen Hin- bzw. Weglaufen und Rückzug bzw. Aggression zeigt sie anschließend auf, wie viele verschiedene und stets höchst individuelle Auslöser es für bestimmte Verhaltensweisen geben kann – und was mögliche Antworten darauf sein könnten. Um effektive Lösungen für schwierige Situationen zu finden und ein einheitliches Verhalten aller Pflegepersonen verabreden zu können, sei es am besten, schriftliche Verhaltensprotokolle der Herangehensweisen einer jeden Pflegeperson zu erstellen und im Hinblick auf deren Effektivität auszuwerten.

3 „Der Schlüssel zum Verstehen liegt in der Biografie verborgen“

Im dritten Kapitel klärt und definiert S. Jahn den Begriff Biografie: Biografie sei eine subjektive, sinngebende Konstruktion der eigenen Geschichte, die sich in der Interaktion mit anderen entwickle und wandle. An einem illustrativen Beispiel zeigt sie auf, dass biografisches Wissen uns helfen kann, das jetzige Verhalten demenziell Erkrankter als historisch bedingt zu verstehen und dessen Sinn bzw. Ursache zu erkennen. An einem anderen Beispiel wird ferner gezeigt, was zu tun ist, wenn man kaum etwas über das Leben einzelner Betroffener weiß oder herausbekommt.

4 „Schlüsselwörter in der Erinnerungspflege“

Im vierten Kapitel macht E. Marino deutlich, dass die Autorinnen unter dem Begriff Erinnerungspflege die Gestaltung entspannter Kommunikation mit demenzkranken Menschen verstehen. Sie möchten die Betroffenen vor Isolation bewahren oder sie aus selbiger wieder herausholen. Zudem streben sie an, mit Hilfe von Schlüsselwörtern Brücken in ihre Welt zu bauen, und ihnen Türen zu schönen und bedeutungsvollen Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit zu öffnen.

Es wird beschrieben, wie wir Schlüsselwörter finden können, und welche innere Haltung für den erfolgreichen Einsatz nötig ist. Anschließend werden verdeutlichende Beispiele über den erfolgreichen Einsatz von Schlüsselwörtern präsentiert. Die Autorin macht klar, dass wir negative Schlüsselwörter kennen und meiden sollten, um einen Kommunikationsabbruch oder Unruhe im Vorfeld zu verhindern. Positive Schlüsselwörter hingegen könnten helfen, schwierige Situationen wie Aggressionen oder Widerstände gegen Pflegehandlungen zu bewältigen. Sie empfiehlt ferner, Schlüsselwörter zusammen mit Lebensbüchern oder Erinnerungskisten einzusetzen und nicht nur Wörter, sondern auch Gegenstände, Möbel, Lieder etc. als potenzielle Schlüssel zu Biografie und Wohlbefinden zu betrachten.

5 „Methoden und Ideen für die Praxis“

Im gemeinsam verfassten fünften Kapitel wiederholen und vertiefen die drei Autorinnen vieles, was sie bereits zuvor gesagt haben. Beschrieben werden Anleitungen, Ideen und Übungen zur Haltung gegenüber Demenzkranken sowie Kommunikationsregeln. Sie geben Ratschläge und Tipps zur Biografiearbeit und zur detaillierten Erfassung und Dokumentation der emotionalen Sprache und etwaiger problematischer Verhaltensweisen demenzkranker Menschen. Abschließend formulieren sie nochmals Anregungen für die Suche nach und den Einsatz von Schlüsselwörtern.

6 „Man füllt keinen neuen Wein in alte Schläuche“

Im sechsten Kapitel erläutert M. Schneberger abschließend, dass sich in Einrichtungen der Langzeitpflege vieles (z.B. die Ablaufplanung, die Zusammenarbeit im Team, die Führungskonzepte, die Selbstachtung und das Engagement Pflegender, sowie das Lernklima) grundlegend ändern muss, damit alle Beteiligten vom Biografie- und Schlüsselwort-Ansatz profitieren können.

7 „Arbeitshilfen“

Im siebten und letzten Kapitel finden sich schließlich Entwürfe für Beobachtungs- und Auswertungsprotokolle, mit denen das Verhalten und die individuelle emotionale Sprache demenziell erkrankter Menschen, sowie die für sie gefundenen Schlüsselwörter und deren Wirksamkeit erfasst werden können.

Diskussion

Um dem Buch gerecht zu werden, möchte ich auf formale Aspekte, auf seine Struktur und seine Inhalte zu sprechen kommen.

Das Buch ist optisch und haptisch ansprechend gemacht. In formaler Hinsicht ist jedoch zu beanstanden, dass einige Kapitel nicht sehr gut lektoriert worden sind: Es gibt nicht nur Rechtschreibfehler, unvollständige Sätze und fehlende Satzzeichen, sondern auch unvollständige (z.B. Abb. 7) oder schwer verständliche Abbildungen (Abb. 15) sowie unübersichtliche und fehlerhafte Tabellen (z.B. scheint das Pflegerische mit dem nonverbalen Verhalten auf S. 41 vertauscht worden zu sein). Manche Kapitelüberschriften passen nicht wirklich zum nachfolgenden Text und wirken wie nachträglich eingefügt. Überdies ist in manchen Kapiteln das Deutsch holperig und schwer verständlich (z.B. „Rhythmische Einreibungen mit einem Hautöl, das positiv auf die Eigenliebe wirkt“ S. 63). An einigen, wenigen Stellen bleibt es auch in seinem inhaltlichen Bezugsrahmen rätselhaft (Ist „Eigenliebe“ ein pflegerisches, religiöses, philosophisches, esoterisches, oder z.B. ayurvedisches Konzept? ;-)).

Die Struktur innerhalb der einzelnen Kapitel ist für meine Begriffe zuweilen etwas unübersichtlich. Man verliert schnell den Überblick: In einem Unterkapitel werden Auslöser für ein Problemverhalten oder beschrieben, im nächsten finden sich ohne Vorankündigung eines thematischen Wechsels gleich Lösungsansätze für ein solches (z.B. Kapitel 2.3.2.2 und 2.3.2.3). Überdies gibt es einige unnötige Wiederholungen: Manche Aspekte werden nicht nur in einem, sondern gleich in zwei oder mehreren Kapiteln behandelt.

Zum Inhalt: Das Buch enthält viele gute Ideen und vorzügliche Praxisbeispiele. Es führt anschaulich vor, dass in der fortgeschrittenen Krankheitsphase manchmal Äußerungen (z.B. Grüße und Fragen von Verstorbenen ausrichten, S. 76) gut tun, die manch einer als „Lüge“ empfindet und deswegen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Leider wird dieser Aspekt im Buch aber nicht thematisiert.

Mit manchen Begrifflichkeiten habe ich allerdings meine Schwierigkeiten: Problematisch finde ich erstens, dass manche Sichtweisen bzw. Definitionen („Zustand des Vegetierens“, S. 39) oder Empfehlungen („Den bevorzugten Sinn herausfinden“, S. 66) von Naomi Feil unkritisch und ohne Verweis auf die Herkunft in den Text eingeflossen sind.

Dass das, was emotionales und/oder nonverbales Verhalten ist, hier als „emotionale Sprache“ bezeichnet wird, finde ich zweitens sowohl verwirrend als auch unnötig (aber das ist wohl Geschmackssache). Klar ist mir auch nicht, warum der Begriff „SchlüsselWÖRTER“ im Buchtitel und im Text auftauchen, wo ja im eigentlichen Sinne eben nicht nur mit Wörtern, sondern mit diversen SCHLÜSSELN gearbeitet wird.

Dass das Verbale allerdings zuweilen mit dem Nonverbalen, Körpersprachlichen diffus vermischt wird (z.B. S. 66) und verbale Verhaltensweisen („Nicht mehrere Personen gleichzeitig sprechen lassen.“) unter der Überschrift „Aufbau von non-verbalen Kommunikationsmustern“ aufgeführt werden, ist aus meiner Sicht als Kommunikationsdozentin schlicht falsch.

Wünschen würde ich mir schließlich auch, dass Vorschläge dazu gemacht würden, wie die empfohlenen schriftlichen Analysen in den hektischen, von Zeitnot geprägten Pflegealltag integriert werden könnten. Auch wäre es schön, wenn transparenter gemacht werden könnte, auf welchem Wege das, was erst einmal mehr Arbeit ist, wie im ersten Kapitel anvisiert und gefordert letztendlich Zeit sparen, Stress reduzieren und helfen kann, Zeitressourcen angemessen zu nutzen – damit der eigentlich tolle und sehr zu begrüßende Ansatz in wirklich jedem deutschen Altenheim Einzug findet. An die Arbeit also, liebe Schlütersche, liebe Autorinnen – die Pflegewelt wartet auf eine überarbeitete zweite Auflage!

Fazit

Dieses Buch kann trotz der genannten Einschränkungen all‘ jenen empfohlen werden, die gute und „abkupferbare“ Beispiele für gelungene Biografie-Arbeit suchen.


Rezension von
Dr. Svenja Sachweh
Homepage www.talkcare.de
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Zitiervorschlag
Svenja Sachweh. Rezension vom 24.08.2009 zu: Margarete Schneberger, Sonja Jahn, Elfriede Marino: "Mutti lässt grüßen". Bigrafiearbeit und Schlüsselwörter in der Pflege von Menschen mit Demenz. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2008. ISBN 978-3-89993-211-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7718.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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