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Sabine Andresen, Rita Casale u.a. (Hrsg.): Handwörterbuch Erziehungs­wissenschaft

Cover Sabine Andresen, Rita Casale, Thomas Gabriel, Rebekka Horlacher, Sabina Larcher Klee u.a. (Hrsg.): Handwörterbuch Erziehungswissenschaft. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. 925 Seiten. ISBN 978-3-407-83159-0. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR, CH: 218,00 sFr.
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Wörterbücher der Pädagogik bzw. der Erziehungswissenschaft

Binnen weniger Jahre sind gleich vier Wörterbücher der Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft herausgegeben worden. Der Reigen wurde mit dem „Wörterbuch Erziehungswissenschaft“ (Heinz-Hermann Krüger/Cathleen Grunert 2004) und dem „Historischen Wörterbuch der Pädagogik“ (Dietrich Benner/Jürgen Oelkers 2004) eröffnet. Es folgte das „Beltz Lexikon Pädagogik“ (Heinz-Elmar Tenorth/Rudolf Tippelt 2007). Mit dem zu besprechenden „Handwörterbuch Erziehungswissenschaft“ finden die lexikalischen Jahre ein vorläufiges Ende. Bemerkenswerterweise werden die letzten drei der vier genannten Wörterbücher in nur einem Verlag herausgegeben.

Das „Handwörterbuch Erziehungswissenschaft“ umfasst 61 Stichwörter, geschrieben von 74 Autorinnen und Autoren. Als „Handwörterbuch“ soll es im Unterschied zu „Enzyklopädien“ nur ausgewählte Begriffe führen und Stichwörter, anders als „Lexika“, ausführlich erläutern. Da es nicht möglich ist, alle Artikel einzeln zu besprechen, beschränke ich meine Rezension auf die Struktur des Wörterbuchs.

Thema

„Das Handwörterbuch ist für die gesamte ‚Wissenschaft von der Erziehung‘ bestimmt, also nicht für einzelne Teilbereiche oder Subdisziplinen.“ (11) Es bleibt vornehmlich auf die Gegenwart bezogen. Wohl erstmalig wird der durchgängige Versuch unternommen, soweit möglich, englischsprachige Diskurse in deutschsprachige Kommunikationszusammenhänge einzubinden. Das zeigt sich auch und nicht zuletzt an den englischen Stichwörtern „Care, Citizenship, E-Learning, Gender, Parenting“.

Herausgeber

Die Herausgeber sind alle mit dem Pädagogischen Institut der Universität Zürich verbunden: als Professor für Allgemeine Pädagogik (Jürgen Oelkers), als jetzige (Rita Casale, z.Zt. Vertretungsprofessur an der Universität Fribourg; Rebekka Horlacher) oder ehemalige Mitarbeiter (Sabine Andresen, jetzt Professorin an Universität Bielefeld; Thomas Gabriel, jetzt Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften; Sabina Larcher Klee, jetzt Pädagogische Hochschule Zürich).

Auswahl der Lemmata (Makrostruktur)

Mit jedem Wörterbuch, insbesondere jedem Handwörterbuch, müssen die Herausgeber eine Auswahl aus den möglichen Stichwörtern treffen, die für eine Disziplin relevant sind. Präzise spricht man von „Lemmata“, da diese einerseits kleiner, andererseits größer als ein Wort sein können. Im Falle des vorliegenden Wörterbuchs basiert „die Entscheidung über die Stichwörter sowie über die anzusprechenden Autorinnen und Autoren … auf einer sorgfältigen Analyse von zehn Jahrgängen der einschlägigen internationalen Fachzeitschriften“ (11). Die ausgewählten Lemmata beziehen sich insbesondere auf

  1. pädagogische oder pädagogisch relevante Vorgänge: „Bildung, E-Learning, Erziehung, Parenting, Unterricht; Entwicklung, Lernen, Körperlernen, Sozialisation; Beratung, Care, Intervention und Prävention, soziale Arbeit; Administration, Steuerung“
  2. evaluative Vorgänge: „Leistungsmessung, Test; Evaluation und Qualitätssicherung, Exzellenz; Standards schulischer Bildung“
  3. pädagogische Ziele oder Voraussetzungen: „Begabung, Kompetenz, Wissen, Kreativität, Leistung, Literalität“
  4. pädagogische Felder oder Räume: „Beruf und Berufsbildung, Erwachsenenbildung und Weiterbildung, Familie, frühkindliche Erziehung, Lehrerausbildung, Schule; Curriculum und Lehrmittel, Curriculumentwicklung; Europa und europäischer Bildungsraum“
  5. pädagogische Adressaten: „Jugend, Kindheit, Lebensalter und Lebenslauf; Differenz, Gender, Generationen, Interkulturalität und interkulturelle Bildung“
  6. politische und gesellschaftliche, rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen: „Bildungsfinanzierung, demografische Entwicklung, Demokratie, Gesellschaft, Gewalt, Globalisierung, Kultur, Ökonomie, Ökonomisierung, Organisation, Professionaliserung und Professionalität, Recht und Verrechtlichung, Religion, Sozialpolitik“
  7. wissenschaftliche Prozesse oder Strukturen: „historische Methoden, qualitative Methoden, quantitative Methoden, Struktur der Erziehungswissenschaft“

Es wurden keine Lemmata zu pädagogischen Berufen oder Epochen und keine zu erziehungswissenschaftlichen Nachbar-/Teildisziplinen oder Konzepten ausgewählt.

Aufbau der Artikel (Mikrostruktur) und Verweise auf Artikel (Mediostruktur)

Die einzelnen Wörterbuchartikel folgen, abgesehen von der Zweiteilung in Text und ausführliche Literatur, keiner erkennbaren gemeinsamen Struktur. Jeder Autor prägt offensichtlich seine eigene Form. Bezüge zu Artikeln werden nicht hergestellt: weder von einem zum anderen Artikel noch von über ein Sachregister erschließbaren zusätzlichen Lemmata aus.

Diskussion

Die Auswahl der Lemmata wird empirisch, aber nicht systematisch begründet. So entsteht der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit, der durch die Aufnahme englischer Wörter nur noch verstärkt wird. Durch viele Lemmata, die, gerade ohne ausdrücklichen pädagogischen Bezug, auch einem politologischen Wörterbuch entstammen könnten (s. 6.), und durch den makrosoziologischen Duktus so mancher Artikel fokussiert das Wörterbuch sein Thema strukturell. Das gibt dem Buch, zusammen mit der Internationalität mancher Diskurse, ein gewisses Profil – aber natürlich zu Lasten anderer, auch genuin pädagogischer Perspektiven. So schließt z.B. der Artikel „Lebensalter und Lebenslauf“ in keinster Weise an eine allgemeine Pädagogik an, wie sie Werner Loch mit „Erziehung und Lebenslauf“ vorgelegt hat.

Einige Lemmata scheinen mir unglücklich gewählt zu sein. Wäre es nicht besser gewesen, statt von „Differenz“ von „diversity“ oder „Anerkennung“ zu sprechen? Ist „Körperlernen“ eine übliche und treffende Benennung? Stellt „E-Learning“ angesichts der ganzen Breite medialen Lernens nicht nur einen, wenn auch aktuellen Aspekt dar? Warum nur „Sozialpolitik“ und nicht auch Bildungspolitik?

Dass die Artikel keiner gemeinsamen Struktur folgen, ist für Wörterbücher dieses Formats durchaus üblich und für die Sache nicht abträglich. Schwerer wiegt das Fehlen jeglicher Verweise zwischen den Artikeln und eines Sachverzeichnisses am Schluss. Beides wäre mit überschaubarem Aufwand möglich gewesen – zumal man sich ja schon die Mühe eines Personenverzeichnisses gemacht hatte.

Bei der Lektüre der Artikel fällt auf, dass in einzelnen Fällen ein Lemma im ausführenden Text inhaltlich enger geführt wird als zu erwarten wäre. So wird aus „Administration“ Sozialadministration, aus „Begabung“ Intelligenz und aus „Curriculum und Lehrmittel“ nur das Curriculum. Und die Lemmata „Europa und europäischer Bildungsraum“ und „Evaluation und Qualitätssicherung“ werden nur auf Hochschulen bezogen.

Fazit

Strukturell lässt das Handwörterbuch zu Wünschen übrig, insbesondere bei der Auswahl der Lemmata. Die Artikel dagegen scheinen, soweit einzelne Stichproben nicht trügen, im Großen und Ganzen gut, manche sehr gut zu sein. Internationalität wird durch den Rückgriff auf englischsprachige Literatur zwar angedeutet, aber angesichts pädagogischer Diskurse z.B. in französischer, spanischer oder russischer Sprache noch nicht einmal für die westliche Welt auch nur annäherungsweise erreicht.

Insgesamt ein Buch mehr für Erziehungswissenschaftler und zum Teil für andere Fachwissenschaftler, weniger für die pädagogischen Professionen oder gar für interessierte Laien.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 10.08.2009 zu: Sabine Andresen, Rita Casale, Thomas Gabriel, Rebekka Horlacher, Sabina Larcher Klee u.a. (Hrsg.): Handwörterbuch Erziehungswissenschaft. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. ISBN 978-3-407-83159-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7721.php, Datum des Zugriffs 22.01.2021.


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