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Elmar Brähler (Hrsg.): Sexualität und Partnerschaft im Alter

Cover Elmar Brähler (Hrsg.): Sexualität und Partnerschaft im Alter. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2009. 202 Seiten. ISBN 978-3-89806-760-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Beiträge zur Sexualforschung.
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Thema

Die neun Abschnitte des vorliegenden Buches beleuchten unterschiedlichste Themenstellungen der Sexualität und Partnerschaft im Alter, die in dieser Form bisher so kompakt nicht zu finden waren.

Bisher gab es wenige Untersuchungen zum Thema Qualität von Partnerschaft und Sexualität. Die Aussage eines Wissenschaftlers dazu mag illustrieren, wie diese Lücke erklärbar wird: „Weil wir dachten ältere Menschen hätten keine Sexualität, haben wir sie nicht befragt. Und weil wir sie nicht befragt haben, dachten wir, sie hätten keine.“

Entstehungshintergrund

Dieses Buch beschreibt aufgrund wissenschaftlicher Grundlagen Sexualität und Partnerschaft im Alter aus verschiedenen Blickwinkeln. Es werden dabei bisherige Meinungen konkret beleuchtet, wie beispielsweise die weit verbreitete Meinung, dass die sexuelle Zufriedenheit im Alter generell abnehme, usw.

Aufbau

Die Arbeit ist in neun Fachbeiträge gegliedert. Gegenüber der sonst üblichen Form von Rezensionen wird – aufgrund unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen – die kapitelweise Vorstellung vorgenommen. Dies sei für den Leser der vorliegenden Rezension ein erhoffter Gewinn!

Entwicklungsformen der Partnerschaft im Alter

(Susanna Re) Langjährige Partnerschaften: Durch die Verdopplung des Lebensalters in den letzten 100 Jahren ist die Lebensspanne ausgeweitet, die Ehedauer länger, die Familienphase aufgrund der geringeren Kinderzahl kürzer, die nachelterliche Phase aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung höher. Erwartete Trends und Entwicklungen:

  • Zunahme der Variabilität von Familienkonstellationen (Singles allgemein oder nach Tod/ Scheidung des/der PartnerIn);
  • sinkende Heiratsneigung und steigende Scheidungsquoten (auch langjähriger Ehen) muss noch untersucht werden, die bestehenden Erklärungsansätze reichen nicht für gültige Aussagen;
  • Zunahme nichtehelicher Lebensgemeinschaften,
  • qualitative Aussagen (Aufrechterhaltung der Ehe, Unterstützung während der Ehe statt Werdegang der Verschlechterung der Beziehung bzw. Zahlen zu Scheidung/Trennung);
  • Pflegesituation bei älteren Paaren, wobei häufig (kranke) Frauen ihre älteren (dementiell erkrankten) Männer – bei zunehmend fehlender Zärtlichkeit – pflegen.

Sexuelle Aktivität und Zufriedenheit mit Sexualität und Partnerschaft im Alter

(Manfred E. Beutel, Friederike Siedentopf und Elmar Brähler) In der deutschen Bevölkerung nimmt die sexuelle Aktivität mit voranschreitendem Alter ab; ob sexuelle Aktivität bis ins hohe Alter fortgeführt wird, hängt in erster Linie von einer vorhandenen Partnerschaft ab: Der mit dem Alter zunehmende Geschlechtsunterschied könnte auf die frühe Verwitwung von Frauen zurückgeführt werden.

In Bezug auf Wichtigkeit von Partnerschaft und Sexualität zeigt sich, dass dies bei den jüngeren Befragten Frauen wichtiger ist; dieser Trend kehrt sich ab dem 51. Lebensjahr um.

Weitere Prädiktoren sind das Fehlen einer Partnerschaft, Wohnsitz, biographische Merkmale wie vaterloses Aufwachsen, Ausbombung. Es werden hierzu eine Reihe von Hypothesen aufgestellt.

Altern und Sexualität

(Thomas Bucher). Gründe für sexuelle Inaktivität: 6 Kategorien in offenen Antworten von Frauen

  1. Missbrauchserfahrungen: „Nach sehr langer Beziehung zu einem Gewalttätigen habe ich weder das Vertrauen in einen Mann gefunden, noch irgendetwas empfunden. (…)“;
  2. Traditionelle Rollenaufteilung in der Partnerschaft „Ich bin für meinen Mann nur noch Haushälterin, Sekretärin, Kindermädchen. Mit denen geht man nicht ins Bett“;
  3. Befolgung traditioneller Normen „Als gläubige Christin gibt es für mich keinen Sexualverkehr, so lange ich nicht verheiratet bin“;
  4. Bewahrung der Unabhängigkeit durch Verzicht auf Sexualität „Ich wollte berufstätig bleiben und kein ‚Spielzeug‘ werden“;
  5. Sexualität ist nicht Bestandteil des Selbstbildes alter Frauen „Ich bin eine 75-jährige Frau“, und
  6. Steigende Ansprüche an situativen und partnerschaftlichen Kontext: „Man könnte schon Sex haben, aber je älter man wird, genügt Sex alleine nicht; es muss alles stimmen. Man wird sehr wählerisch und anspruchsvoll“

Galt früher das Vorurteil vom asexuellen Alter, so ist heute ein aktives Sexualleben zum Indikator für erfolgreiches Altern und somit zur neuen Norm für gesundheitsbewusste Senioren und Seniorinnen geworden. Altersbedingte Veränderungen in der Sexualität werden deshalb oft von medizinischer Seite zu „sexuellen Dysfunktionen“ umdefiniert, zu organisch bedingten Problemen, die losgelöst von Alter und psychosozialer Situation diagnostiziert und therapiert werden können.

Die Annahme über eine generelle Verminderung der sexuellen Zufriedenheit im höheren Lebensalter trifft deshalb nicht zu.

Die pharmakologische Therapie von Sexualstörungen ist kein Ersatz für ein Gespräch über sexuelle Probleme. Die genaue medizinische Abklärung von Kontraindikationen, Risiken und Nebenwirkungen, ein vertrauensvolles Gespräch und der Einbezug von Partner oder Partnerin gehören unbedingt zur Beratung und Behandlung älterer Menschen mit sexuellen Problemen.

Sexuelle Probleme im höheren Lebensalter – die weibliche Perspektive

(Kirsten von Sydow) Obwohl sexuelle Probleme älterer Männer nach wie vor mehr Beachtung finden, so ist inzwischen auch die sexuelle Problematik älterer Frauen zum Thema geworden. Neben den altbekannten weiblichen sexuellen Funktionsstörungen (…) gilt nun die „Hypoactive sexual desire disorder“ (HSDD) als neue Geißel der weiblichen Bevölkerung, auch der älteren. Es erscheint aber fraglich, ob jede Variation oder durchschnittliche Abnahme sexuellen Interesses mit zunehmendem Alter als Störung klassifiziert werden sollte. Orientiert am ICD-10 ist eine Störung nur das, worunter Menschen subjektiv deutlich leiden. Doch ältere Frauen leiden meist nicht unter ihrem geringen Interesse. Das Kernproblem älterer Frauen scheinen eher unbefriedigte Wünsche nach mehr Zärtlichkeit und mehr sexuellem Kontakt sein.

Das häufigste sexuelle Problem älterer Frauen ist das Fehlen eines Partners. Singles leiden noch stärker unter dem damit oft einhergehenden Mangel an Zärtlichkeit als an dem Mangel an (partnerbezogener) sexueller Aktivität.

Sexuelle Funktionsstörungen des älteren Mannes

(Hermann J. Berberich) Nicht die Dysfunktion eines Genitalorgans sollte zu stark fokussiert werden. Häufig sind es psychosoziale Grundbedürfnisse, die befriedigt werden wollen; nicht der sexuell funktionsgestörte Mann steht im Vordergrund: Das Paar ist der Patient.

Lesbische Intimität in der zweiten Lebenshälfte

(Kirsten Plötz) In diesem Beitrag wird differenziert auf die Begrifflichkeiten ‚Lesbisch/Lesbe‘ eingegangen: Aus zahlreichen Interview-Auszügen geht hervor, dass ‚Lesbisches Leben‘ der am zutreffendsten ist, denn ‚die Lesbe als solche‘ nicht existiert: die Unterschiede und die individuellen Bedürfnisse älterer Frauen sind so groß, dass es derzeit nicht möglich ist, eine größere Bandbreite lesbischen Alterns verlässlich statistisch abzubilden.

Irrige Annahmen von Politikern, selbst von Ärztinnen und Ärzten, blenden Lesbisches Leben in ihrem jeweiligen Arbeits- und Verantwortungsbereich aus.

Schwule Männer im dritten Lebensalter. Ergebnisse einer qualitativen Studie

(Michael Bochow) In diesem Beitrag geht es um Fragestellungen aktueller Lebenssituation älterer Schwuler und die Art und Weise, wie sie ihr drittes Lebensalter gestalten; andererseits ihre Biografien. Alle 29 Interviewpartner sind vor 1955 geboren: Stigmatisierung und bedrohliche Kriminalisierung werden thematisiert.

Weitere Schwerpunkte: Rezepte zum glücklichen Altern?; Paarbeziehungen; Sexualität und sexuelle Identität im Alter; Physische und psychische Gesundheit; Spezifische Probleme schwuler Väter; Soziale Netzwerke; Kontakte zu Schwulengruppen und Schwulenszenen; Wohnmodelle; Mangelnde Thematisierung schwuler und lesbischer Lebensweisen in der Öffentlichkeit.

Spätmoderne 60-Jährige

(Gunter Schmidt und Silja Matthiesen) In der Studie der 60-Jährigen wird vornehmlich auf „junge“ ältere Menschen bezug genommen; soziale Faktoren beeinflussen das sexuelle Verhalten zumindest bis zum Alter von 60 Jahren wesentlich stärker als das Alter selbst. Eine hohe Single-Rate älterer Frauen ist neben demografischen Daten dadurch begründet, dass das Alleinleben von etlichen Frauen als eine Möglichkeit erlebt wird, einengenden Geschlechterrollenarrangements zu entkommen.

Paartherapie mit älteren Paaren: Das schwierige Thema Sexualität

(Astrid Riehl-Emde und Anette Bruder) Hervorstechend: Der moderne, salutogenetische und ressourcenorientierte Behandlungsansatz gegenüber dem traditionellen pathogenetischen und defizitorientierten Ansatz in der Paar-Therapie. Und: Sexualität ist nur als bio-psycho-soziales Phänomen mit seiner Beziehungsdimension begreifbar.

Zielgruppen

Alle Personengruppen, die ein Interesse an der Thematik haben, können in hohem Maße profitieren. Insbesondere das Fachpublikum könnte über die Übersichtlichkeit und Kürze überrascht sein.

Diskussion

Endlich ein Fachbuch, das alle Aspekte der partnerschaftlichen Sexualität des höheren Lebensalters fachkundig, behutsam und vielschichtig ausleuchtet: Leicht lesbar, für Interessierte sehr brauchbar und nützlich, trotzdem auch für Laien gut verständlich.

Die Autorinnen und Autoren sind ausgewiesene SpezialistInnen ihrer jeweiligen Fachrichtung; die Aufteilung der Geschlechter zu den Kapiteln und deren Zusammenstellung ist gut gewählt und die Beiträge durch Literatur – soweit eben vorhanden! – bestens abgesichert.

Fazit

Für jeden zu empfehlen: Ob interessierter Laie oder Fachkundiger – ein Fundus an vielseitigem, kurz und prägnant gehaltenem Wissen, das zum Weiterlesen verführt.

Dieses herausragende, kompakte Fachbuch sollte ab sofort in jeder Bibliothek stehen!


Rezensent
Federico Harden
Akademisch geprüfter Lehrer für Gesundheitsberufe Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Gesundheits- und Krankenpflege Psychotherapeut (VT) in freier Praxis. Fort- und Weiterbildungen
Homepage www.harden.at


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Zitiervorschlag
Federico Harden. Rezension vom 07.11.2009 zu: Elmar Brähler (Hrsg.): Sexualität und Partnerschaft im Alter. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2009. ISBN 978-3-89806-760-7. Reihe: Beiträge zur Sexualforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7722.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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