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Luise Greuel, Axel Petermann (Hrsg.): Macht - Familie - Gewalt(?)

Cover Luise Greuel, Axel Petermann (Hrsg.): Macht - Familie - Gewalt(?). Intervention und Prävention bei (sexueller) Gewalt im sozialen Nahraum. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2009. 210 Seiten. ISBN 978-3-89967-454-5. 20,00 EUR.
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Thema

Spektakuläre Fälle von Kindern, die in ihrem sozialen Nahraum misshandelt und/oder sexuell missbraucht wurden und dabei möglicherweise auch zu Tode kamen, rufen – auch ausgelöst durch die mediale Darstellung – großes Interesse in der Öffentlichkeit hervor. Die Vorstellung, wie sehr Kinder gequält werden und leiden müssen, macht betroffen und führt nicht nur in der Öffentlichkeit immer wieder zu der Frage, was das denn für Erwachsene sind, die so etwas tun. Einher damit geht die Erwartung, die Täter/innen angemessen zu bestrafen. Dieses emotionalisierte Klima führt zu einem erheblichen öffentlichen Druck auf psychiatrische und kriminalistische Instanzen, die mit der weiteren Fallbearbeitung betraut sind. Sie sind gefordert, Sachlichkeit und Neutralität in der Begutachtung, Behandlung und richterlichen Beurteilung walten zu lassen.

Für einen verbesserten Kinderschutz ist es deshalb sinnvoll, konkrete Fälle in der Rückschau kritisch aufzuarbeiten und sich mit darauf bezogenen Fragestellungen auseinander zu setzen. Dabei werden Einblicke in das jeweilige berufliche Selbstverständnis möglich und damit verbundene Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen.

Die Aufarbeitung von Fällen sowie das Wissen um die Manifestationsformen von (sexueller) Gewalt im sozialen Nahraum soll dabei nicht nur zu einer verbesserten Interventionspraxis führen, sondern befördert auch Erkenntnisse, die wiederum hilfreich für die Prävention sind.

In dieser Veröffentlichung sind es insbesondere die Professionen aus dem Bereich der Psychiatrie (Forensik) und der Kriminalistik (Rechtsmedizin, Polizei und Justiz), die sich kritisch mit konkreten Fällen bzw. Fragestellungen auseinandersetzen und dabei Einblicke in ihr berufliches Selbstverständnis ermöglichen.

Herausgeberin und Herausgeber

Herausgeber/innen sind Luise Greuel und Axel Petermann als Mitglieder des iFF (interdisziplinäres Forum Forensik). Luise Greuel ist Professorin am Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung (IpoS) an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung in Bremen. Axel Petermann arbeitet beim Landeskriminalamt Bremen/OFA. Neben diesen Herausgeber/innen und Autor/innen sind die Beiträge des Buches schwerpunktmäßig verfasst von Vertreter/innen der Rechtsmedizin und Forensik.

Entstehungshintergrund

Das interdisziplinäre Forum Forensik (iFF) setzt sich in seinen jährlichen Fachtagungen mit ausgewählten Phänomen und Problemstellungen aus der kriminalistischen und forensischen Praxis auseinander. Einen Schwerpunkt der Tätigkeit stellten in den letzten Jahren (sexuelle) Gewaltdelikte im sozialen Nahraum dar. Von besonderem Interesse waren dabei aktuelle Fälle, in denen Kinder durch innerfamiliäre Gewalt geschädigt bzw. getötet wurden. Die vorliegende Veröffentlichung ist ein Tagungsband, in dem ausgewählte Beiträge der iFF-Tagungen der Jahre 2006 und 2007 zusammengestellt sind.

Aufbau

Die Veröffentlichung hat zwei Themenschwerpunkte: „Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ und „Sexualität und Gewalt“.

1. Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

  1. Im ersten Beitrag zu diesem Schwerpunkt stellt Norbert Nedopil die Urteile im Fall Karolina vor und kommentiert diese aus forensisch-psychiatrischer Sicht.
  2. Axel Boetticher arbeitet in einem weiteren Beitrag den Mordfall Karolina juristisch auf.
  3. Die „Bedeutung des Personalbeweises in einem Indizienprozess“ beleuchtet Max Steller anhand des Mordfalls Pascal.
  4. „Gewalt gegen Kinder“ lautet der vierte Beitrag von Gina Graichen.
  5. Christine Erfurt und Uwe Schmidt stellen im fünften Beitrag die Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern aus rechtsmedizinischer Sicht dar.
  6. Der sechste und letzte Beitrag dieses Schwerpunktes ist von Nahlah Saimeh und zeigt die forensisch-psychiatrische Sicht auf die „sexuelle Gewalt gegen Kinder im innerfamiliären Kontext“.

2. Sexualität und Gewalt

  1. Unter dem Titel „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ stellt Nahlah Saimeh im ersten Beitrag zu diesem Themenschwerpunkt exemplarische Überlegungen zum Zusammenhang zwischen narzisstischer Persönlichkeitsstruktur und Delinquenz vor.
  2. Die „Möglichkeiten und Grenzen rechtsmedizinischer Diagnostik“ bei sexuellen Gewaltdelikten zeigt Heike Klotzbach in einem weiteren Beitrag auf.
  3. Rahel Schüepp macht sodann Ausführungen zur „Behandlung von Traumastörungen bei Jugendlichen und Erwachsenen“ .
  4. „Pädophilie – psychisch krank? Ein unangenehmes Thema in der heutigen Zeit“ lautet der nächste Beitrag von Kurt Seikowski.
  5. Zu den „Grenzen und Möglichkeiten der Tätertherapie“ stellt Martin Schott seine psychodynamischen Überlegungen in einem weiteren Beitrag dar.
  6. Die Herausgeber/innen widmen sich der „Mutilation – Möglichkeiten der Operativen Fallanalyse“
  7. Sie beschließen auch die Veröffentlichung mit einem Beitrag zur dissoziativen Identitätsstörung und rituellem Missbrauch und den hiermit verbundenen „Möglichkeiten und Grenzen der polizeilichen Ermittlungstätigkeit und Beweisführung“.

Eine Autorenliste findet sich als Anhang.

Diskussion

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im sozialen Nahraum beschäftigt viele unterschiedliche Professionen. In dieser Veröffentlichung stellen hauptsächlich Vertreter/innen der Psychiatrie/Forensik und der Rechtsmedizin und Polizei ihre Zugänge dar. Es handelt sich dabei um die Instanzen, die in aller Regel erst dann tätig werden, wenn gegen Rechtsnormen verstoßen wurde und/oder psychiatrische Tatbestände offenkundig sind. Es sind Vertreter/innen, die auf einer sachlichen Basis Beweise über die Details des Tatgeschehens und die Schuldfähigkeit der Täter/innen herausfinden müssen und damit oftmals Zuarbeit zu gerichtlichen Verfahren und Entscheidungen leisten. Diese Arbeit an konkreten Fällen darzustellen, erlaubt damit anderen Professionen, die mit der Gewalt gegen Mädchen und Jungen konfrontiert sind, einen Einblick in die entsprechende Aufgabenstellung und –bewältigung sowie das spezifische berufliche Selbstverständnis.

In einigen Beiträgen finden sich Ausführungen, die kritisch zu betrachten sind, weil sie unter Fachleuten keine ungeteilte Zustimmung erfahren.

Hat sich in der Fachwelt der Begriff der „Pädosexualität“ für Erwachsene etabliert, die sexuelle Präferenzen für Kinder beiderlei Geschlechts haben, so irritiert es, in einem Beitrag die Verwendung des Begriffs der „Pädophilie“ zu finden und diesen sogar in Abgrenzung zur Pädosexualität dargestellt. Pädosexuelle Täter bezeichnen sich selbst als pädophil = kinderliebend und bagatellisieren damit ihre sexuelle Orientierung sowie ihre Manipulationen von Kindern. Fachlich ist es deshalb geboten, sich hier kritisch zu distanzieren. Auch der Beitrag über die Grenzen und Möglichkeiten der psychodynamischen Tätertherapie überrascht durch Aussagen und Erklärungen, die so von vielen in der Tätertherapie erfahrenen Fachleuten heute nicht mehr geteilt werden. Ähnliches gilt sicherlich auch für die Abhandlung zum Zusammenhang zwischen der dissoziativen Identitätsstörung und dem rituellen Missbrauch.

Die Beiträge des Bandes behandeln hauptsächlich Interventionsmöglichkeiten bei Gewalt gegen Kinder und zwar in kriminologischer und forensischer Hinsicht. Aspekte zur Prävention werden dagegen nur wenig behandelt.

Darüber hinaus sucht man in der Veröffentlichung vergebens einen grundlegenden Beitrag zum Thema „Macht“, obwohl er im Titel des Buches benannt ist. Dies ist schade, weil insbesondere die sexuelle Gewalt von Kindern eben auch einen Machtmissbrauch darstellt. „Macht“ weist auf gesellschaftliche Verhältnisse hin, die ebenso Einfluss auf die Gewalt gegen Mädchen und Jungen im sozialen Nahraum haben wie persönliche, biographische und psychische Faktoren auf Seiten der „Täter/innen“.

Fazit

Die Veröffentlichung ist für diejenigen interessant, die vertiefte Einblicke in die rechtsmedizinische und psychiatrisch-forensische Praxis im Kontext der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche erlangen wollen. Gerade auch im Hinblick auf entsprechende Gerichtsverfahren ist es hilfreich zu wissen, welchen Auftrag und welches Selbstverständnis andere beteiligte Professionen und Instanzen haben.

Allerdings sollten einige der Beiträge durchaus kritisch hinterfragt werden.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 16.09.2009 zu: Luise Greuel, Axel Petermann (Hrsg.): Macht - Familie - Gewalt(?). Intervention und Prävention bei (sexueller) Gewalt im sozialen Nahraum. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2009. ISBN 978-3-89967-454-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7727.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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