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Dieter Röh: Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe

Cover Dieter Röh: Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe. UTB (Stuttgart) 2009. 240 Seiten. ISBN 978-3-8252-3217-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: UTB S (Small-Format).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-4876-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Dieter Röh stellt sich mit seinem Buch „Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe“ (primär geistig behinderte Menschen) einem komplexen Thema. Dies wird sowohl durch veränderte Erklärungsmodelle, sich entwickelnde gesellschaftliche Strukturen sowie die Etablierung der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik als Wissenschaft mit geprägt. Im Bestreben nach Integration behinderter Menschen entwickelten sich viele Strukturen, die dazu beitragen, dass geistig behinderte Menschen eingepasst bzw. ein für sie passender „Ort“ gesucht wird. Die Annäherung von Menschen mit und ohne geistige Behinderung in einer Gesellschaft, in der Andersartigkeit Normalität ist, bestimmt das professionelle Handeln der Sozialarbeiter/ Sozialpädagogen. Neben dem traditionellen Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe verschiebt sich erkenntnis- und handlungstheoretische Focus zunehmend in Richtung Inklusion. Beides, Integration und letztendlich die Inklusion fordern spezifische Methoden. Durch diese Besonderheiten grenzt sich das Kompetenzprofil der Profession Soziale Arbeit von anderen Professionen der Behindertenhilfe ab.

Autor

Dieter Röh beschäftigt sich seit mehr als 10 Jahren in Praxis und Theorie mit der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe. Dabei führten ihn seine beruflichen Erfahrungen in den Tätigkeitsbereich der psychischen Erkrankungen wie auch motorische Störungen. Das Bemühen um Integration durch zieht seine berufliche Entwicklung wie einen roten Faden. Sein Engagement und der fachliche Hintergrund wieder spiegeln sich im Inhalt der aktuellen Veröffentlichung. Der Autor arbeitet derzeit als Professor an der HAW Hamburg im Department Public Management.

Zielgruppe

Der Autor wendet sich in seinem Buch an alle lernenden und Lehrenden, deren Feld die Soziale Arbeit ist. Das Buch birgt jedoch wesentlich mehr Potential in sich, so dass angrenzende Berufsgruppen wie Heilerzieher, Pädagogen, Therapeuten i.w.s etc. einen globalen Fundus an Theorien, Arbeitsweisen und Strukturen im Bereich der Behindertenhilfe vorfinden.

Aufbau …

  1. Einleitung
  2. Grundlagen der Sozialen Arbeit
  3. Grundlagen der Behindertenhilfe
  4. Professionelle Bestimmung und Konzepte der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe
  5. Sachregister zu den Lösungen für die Übungen
  6. Literaturliste .

… und Inhalt

Bereits in der Einleitung verdeutlicht der Autor sein Grundanliegen. Kurz und prägnant verweist er auf die professionelle und disziplinarische Verortung der Sozialen Arbeit im Allgemeinen. Im Speziellen widmet er sich der unzureichenden Konturierung des fachspezifischen Beitrages der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe. Den Bereich Soziale Arbeit auf die Behindertenhilfe zu adaptieren wird immer wieder unterschwellig als sekundäres Ziel deutlich. Erreicht werden soll dies durch die fachspezifische Expertise: das Wissen um die Zusammenhänge zwischen Individuum und Gesellschaft, dem Vorhandensein spezifischer, handlungstheoretischer Modelle, welche eigene Konzepte für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen aufweist.

Eine historische und wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe erfolgt im zweiten Kapitel. Die Verbindung vom veränderten Erkenntnisstand in der Philosophie, der Medizin und Psychiatrie im 19. Jahrhundert zu neuen Formen im Umgang mit behinderten Menschen bringt parallel Neuerungen in der Sozialgesetzgebung. Der, im Buch später geprägte, Begriff der „positiven Diskriminierung“ beginnt bereits zu diesem Zeitpunkt zu wirken. Versuche, Krankheitsbilder zu differenzieren, um dadurch Förderungsmöglichkeiten zu erhalten, spiegeln erste Formen moderner Integration wieder.

Die wissenschaftstheoretische Basis der Sozialen Arbeit ist sowohl in den Sozialwissenschaften verankert als auch in den Geisteswissenschaften. Gegenständlich soll die Soziale Arbeit auf der Makroebene den Wandel der Gesellschaft voran bringen, indem gesellschaftlich und professionell als relevant erachtete Problemlagen bearbeitet werden. Auf der Mikroebene handelt es sich um individuelle und/ oder zwischenmenschliche Probleme. Die geistigen Grundlagen für diese Handlungsorientierung liefern ethische Grundsätze der Anerkennung und Wertschätzung der Menschenwürde sowie der Menschenrechte. Konkret handelt Soziale Arbeit mit dem Ziel der individuellen Lebensbewältigung. Im Bereich der Arbeit mit behinderten Menschen erfolgt Hilfe zur Lebensbewältigung unter den erschwerten Bedingungen, die sowohl im Individuum, in der Umwelt und deren Wechselspiel liegen.

An die wissenschaftliche Begründung der Sozialen Arbeit schließen die Grundlagen der Behindertenhilfe an. In der Diskussion um den Begriff „Behinderung“ werden verschiedene Facetten von Behinderung betrachtet. Alle Aspekte auf einen Punkt gebracht, begegnet uns Behinderung als Phänomen der (Nicht)-Teilhabe. Arbeitswissenschaftliche Begriffe wie Selbst, Selbstbestimmung, Selbständigkeit, Autonomie, Ressourcen, Sozialraum sowie Soziales Netzwerk ziehen sich wie ein roter Faden durch die Erläuterungen der Sozialen Grundlagen der Behindertenhilfe, die Beschreibung der Lebenslagen behinderter Menschen und sind der Maßstab für beschriebene Konzepte. Sachlich einfühlsam wird auf mögliche Folgen von Behinderungen eingegangen. Zudem stellt der Autor institutionelle Antworten auf mögliche Folgen vor. Als Modell der Klassifikation von Krankheit, Behinderung und sozialer Teilhabe wird der ICF hervor gehoben. Der multidimensionale Blick auf Behinderung bietet die Chance der differenzierten Betrachtung von Krankheit und Behinderung sowie deren Folgen. Gleichzeitig fließt die ganzheitliche Sichtweise in aktuelle Entwicklungen der Behindertenhilfe in den Bereichen Wohnen, Bildung, Arbeit, Freizeit, Familie, Einkommen, Soziale Netzwerke ein. Neue Formen der Unterstützung wie Community Living und Peer Support berücksichtigen sowohl die Sichtweise des ICF und orientieren sich an den oben genannten arbeitswissenschaftlichen Kategorien. Gemessen an diesen Kategorien bedeutet eine Lebensführung in größt möglicher Normalität beides: Integration und Inklusion. Inklusion als Ziel der Behindertenhilfe, die zu strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft führt. Inklusion ermöglicht ein Zusammenleben, in dem Menschen mit Behinderung Teil der Normalität sind.

Aufbauend auf die vorherigen Kapitel erfolg im 4. Kapitel die professionelle Bestimmung der Sozialen Arbeit, Schwerpunkt Behindertenhilfe. Es werden altbewährte wie aktuelle Konzepte der Behindertenhilfe vorgestellt. Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe ist in der Endkonsequenz Inklusionshandeln, denn es wird mit den behinderten Menschen an ihrer „Daseinsmächtigkeit“ gearbeitet. Das theoretische Fundament für die obige Gegenstandsbestimmung liegt in verschiedenen sozialökonomischen wie auch sozialpsychologischen und philosophischen Theorien. Ihr Beitrag für die Behindertenhilfe wird analysiert. Es werden zudem entsprechende Ziele für die Arbeit formuliert. U.a. beschreibt die Sozialökonomischen Theorie die Wechselwirkung zwischen handelnden Personen mit der ihr umgebenden Umwelt, die wiederum bestimmte Handlungsoptionen offen hält bzw. verweigert. Für die Behindertenhilfe ergibt sich daraus das Ziel: mit und für den behinderten Menschen eine für ihn förderliche angepasste Umwelt ermöglichen. Vor diesem Hintergrund werden zielführende Methoden erläutert. Besonders dieser letzte Teil belegt mit detaillierter Genauigkeit die Expertise der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe: das Vorhandensein handlungstheoretischer Modelle, die Zusammenhänge zwischen Problem-Ressourcen-Bewältigungsmuster und gesellschaftlichen Umweltbedingungen analysieren und verstehen anhand sozialer Diagnostik, sich daraus entwickelnde spezifische Handlungskonzepte wie die Soziale Therapie.

Diskussion

Dieses Buch trifft exakt zum richtigen Zeitpunkt den Nerv der Praktiker und angrenzenden Berufe in der Behindertenhilfe. Im Moment, da die Lebensweltorientierung, die Bedürfnisorientierung, die Netzwerkorientierung – sprich der behinderte Mensch im Mittelpunkt des professionellen Handelns und Planens steht, untermauert Röh mit den theoretischen Grundlagen die sich verändernde Soziale Arbeit in diesem Bereich. Er schafft es den Bogen von der Entwicklung sozial engagierten Handelns bis hin zur Sozialen Arbeit als Wissenschaft im Allgemeinen und zur Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe im Besonderen zu schlagen. Die Expertise in diesem Tätigkeitsfeld hebt den Sozialpädagogen von anderen heilenden, helfenden und pädagogischen Berufen ab. Damit begründet der Autor eine spezifische Professionalität innerhalb der Sozialen Arbeit. Der Bezug zu den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie die Darstellung klarer Handlungskonzepte und wissenschaftlicher Arbeitsmethoden unterstreicht nochmals den hohen Anspruch dieses Bandes. Der Autor behält in jedem Kapitel das Grundanliegen der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe im Blick: ein höchst möglich normales Leben anstreben. Dafür existieren nennenswerte Konzepte, dabei unterstützen bewährte und weiterentwickelte Methoden. Und vor allem geschieht das nur in der Einbeziehung der wesentlichen Lebensbereiche, der ganzheitliche Denk- und Arbeitsansatz.

Diesen Gesamtüberblick, der so theoretisch wie möglich und so detailliert wie nötig gegeben wird, bietet die Basis für vertiefendes Lesen in den zahlreichen angegebenen Quellen, macht neugierig auf die Umsetzung von Community Living und/ oder Soziale Therapien vor Ort.

Die vielen methodischen Ansätze regen bereits während des Lesens zu zahlreichen verschiedenartigen Diskussionen an. Die Fragen am Ende jedes Themas sind hilfreich jedoch nicht zwingend notwendig. Dennoch sind es wegweisende Fragen, die zur Selbstreflexion anregen.

Fazit

Es ist ein großer Glücksumstand, wenn ein Wissenschaftler anspruchsvoll und verständlich schreibt. Dem Autor ist es in eindringlicher Weise gelungen, die Dynamik in der Sozialen Arbeit in der Behindertenhilfe darzustellen und innovative Konzepte der Behindertenarbeit zu beschreiben. Dieses Buch zu Lesen erweitert den Fachblick, macht Lust auf Vertiefung des Themas und verschafft dem Leser einen globalen Überblick zum Thema. Viele bislang offene Fragen konnte mir das Buch plausibel erklären. Sowohl für wissenschaftliche Fragestellungen als auch die praktische Arbeit eignet sich diese Lektüre.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
Homepage www.sa.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-bar ...
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Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 17.08.2009 zu: Dieter Röh: Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3217-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7734.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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