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Claus Melter, Paul Mecheril (Hrsg.): Rassismuskritik. Rassismustheorie und -forschung

Cover Claus Melter, Paul Mecheril (Hrsg.): Rassismuskritik. Rassismustheorie und -forschung. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2009. 320 Seiten. ISBN 978-3-89974-367-8. 29,80 EUR.
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Thema

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um den ersten von zwei Bänden. Während in Band I „Rassismustheorie und -forschung“ behandelt werden, widmet sich der von Wiebke Scharathow und Rudolf Leiprecht herausgegebene zweite Band „Rassismuskritische Bildungsarbeit“ handlungsbezogenen Ansätzen. Hauptanliegen beider Bände ist die Zusammenführung und Diskussion aktueller rassismustheoretischer Analysen und rassismuskritischer Ansätze im deutschsprachigen Bereich mit empirischen Forschungsergebnissen. Rassistische Konstellationen werden dabei auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vermutet. Die Perspektive ist deshalb unter anderem auf „die ideologisch-diskursiv-kulturelle“, die strukturell-gesellschaftliche, die institutionell-organisationelle, die interaktive sowie die intrapersonal-subjektive Ebene“ gerichtet (S. 15).

Herausgeber

Paul Mecheril ist Universitätsprofessor für Interkulturelles Lernen und Sozialer Wandel an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Interkulturelle Erziehungswissenschaft, Migrationsforschung und Cultural Studies.

Claus Melter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Universität Innsbruck und vertritt dort die Lehr- und Forschungsschwerpunkte Theorien, Methoden und Praxen migrationssensibler und rassismuskritischer Sozialer Arbeit, Jugendhilfe- und Sozialarbeitsforschung sowie Diversity- und Subjektorientierung.

Aufbau und Inhalte

Ähnlich weitläufig wie der Begriff „Rassismuskritik“ ist das unterschiedliche Rassismusverständnis der Autoren. Die thematische Anlage des Buches erfordert daher zunächst begriffliche Präzisierungen. Zusammenführend definieren die Herausgeber Rassismus in der Einleitung „als machtvolles, mit Rassekonstruktionen operierendes oder an diese Konstruktionen anschließendes System von Diskursen und Praxen […] mit welchen Ungleichbehandlungen und hegemoniale Machtverhältnisse erstens wirksam und zweitens plausibilisiert werden“ können (S. 15f.). Rassismus wird dabei nicht ausschließlich im individuellen Kontext, sondern vielmehr als „Strukturprinzip gesellschaftlicher Wirklichkeit“ begriffen (S. 10). Das Konzept der „Rassismuskritik“ wird demgemäß verstanden als „kunstvolle, kreative, notwendig reflexive, beständig zu entwickelnde und unabschließbare, gleichwohl entschiedene Praxis“ (S. 10) und vereint per definitionem „macht- und selbstreflexive Betrachtungsperspektiven auf Handlungen, Institutionen, Diskurse und Strukturen“ (S. 14).

Aufbauend auf die Einleitung unterteilt sich das Buch in insgesamt drei Kapitel:

In Kapitel 1 werden Rassismen vor dem Hintergrund ihrer „systematischen und historischen Einordnungen“ beleuchtet.

  • „Was ist eigentlich Rassismus?“ fragt Birgit Rommelspacher einleitend und beleuchtet dabei die historisch-gesellschaftliche Funktion von Rassismus in seinen spezifischen Ausprägungen als „Legitimationslegende“ (S. 26). Zugleich betont sie seine gesellschaftliche und organisationelle Kompatibilität als struktureller und institutioneller Rassismus und diskutiert ihn in Verbindung mit unterschiedlichen Formen von Segregation. Rassismus, so zeigt sich, ist kein Problem der unterprivilegierten Milieus, sondern besonders in der „Mitte“ der Gesellschaft durchaus kompatibel mit liberalen im Sinne „weltoffener“ Vorstellungen (S. 34).
  • Anknüpfend an eine begrifflich-theoretische Erschließung von „Rassismus“ und „Rasse“ – von der „Ausländerfeindlichkeit“ bis zum „Kulturrassismus“ eines Huntington – liegt das spannende Moment im Beitrag von Paul Mecheril und Karin Scherschel in einer Kritik des Antirassismus: Dem Antirassismus, so die zentrale These, gehe es primär um eine Realisierung der ihm inhärenten Veränderungsabsicht. Im Gegensatz zur „Rassismuskritik“ würden antirassistische Konzepte daher zu einer „eingeschränkten Problemsicht“, d.h. zu Reduktionismus auf Grund von Moralismus tendieren. Kontextuale Differenzlinien wie Gender oder Alter würden so häufig übersehen (S. 51).
  • Astrid Messerschmidt begibt sich in ihrem Beitrag „Rassismusanalyse in einer postnationalsozialistischen Gesellschaft“ auf eine engagierte Suche nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Rassismus und Antisemitismus und zieht zu diesem Zweck den postkolonialen Diskurs als Analyserahmen hinzu. Die spezifischen Kennzeichen des postnationalsozialistischen Deutschlands sieht die Autorin in der heute noch ungebrochenen Tradition deutscher Geschichtsschreibung und ihrer Praktiken, „das zum Verschwinden zu bringen, was nach 1945 am meisten beunruhigt und verstört“ (S. 61). Zu beobachten ist eine sorgfältig auf Opfermythen aufgebaute deutsche Erinnerungskultur. Von besonderer Aktualität in Messerschmidts Beitrag ist das Unterkapitel zum „sekundären Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft“. Diese neue „Spielart“ des Antisemitismus drückt sich vor allem im Schulterschluss unterschiedlicher politischer Lager, kultureller und nationaler Zuordnungen aus (S. 68).
  • Während es Albert Scherr um eine theoretische Differenzierung der Paradigmen „Rassismus“ und „Rechtsextremismus“ geht, zeichnet Micha Brumlik den Antisemitismus als „rassistische Form des Judenhasses“ in seiner Jahrtausende alten abendländischen Tradition nach.
  • Kapitel 1 schließt mit einem Beitrag von Michael Luttmer zur „Geschichte und Gegenwart des Antiziganismus“.

Kapitel 2 und 3 präsentieren jeweils ausgewählte Ergebnisse aus der Rassismusforschung. Der zweite Teil widmet sich der „Flexibilität und Komplexibilität rassistischer Phänomene“.

  • Karin Scherschel eröffnet das Kapitel und untersucht am Beispiel einer empirischen Studie über rassistische Argumentationsfiguren, inwieweit Angehörige unterschiedlicher Milieus (hier: Facharbeiter und Akademiker) rassistische Konstruktionen des „ethnisch Anderen“ in Gruppendiskussionen kommunizieren. Besondere Berücksichtigung findet dabei die Flexibilitätsthese: Einerseits wird Rassismus milieuspezifisch kommuniziert, andererseits können sich kommunizierte und habitualisierte Rassismen durchaus mit aufklärerisch-liberalen Diskursen vermischen. Letzteres illustriert die Autorin an Hand der Argumentationsfigur des Selbstbekenntnisses (S. 130ff.).
  • In der knappen Sequenz „Das N-Wort und Trauma“ analysiert Grada Kilomba ein Interview mit einer Schwarzen Frau, die ihre in Deutschland erlebten rassistischen Alltagserfahrungen schildert.
  • Mit dem aktuell aufgeladenen „antimuslimischen Rassismus“ in Deutschland beschäftigt sich Iman Attia in ihrem Beitrag, wobei sie bedauerlicherweise auf das klassische antiimperialistische Argumentationsmuster zurückgreift, „der Westen“ habe das Feindbild vom ehemals real existierenden Kommunismus bruchlos auf den Islamismus übertragen, um auf diese Weise eine andauernde Legitimationsgrundlage für Kriegsführung und „neoliberale Politik“ zu schaffen. Der politische Islam wird dabei mit keinem Wort erwähnt, Fundamentalisten und die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus sogar in Anführungszeichen gesetzt (S. 150/S. 152). Recht hat Attia, wo sie zur Überwindung antimuslimischer Klischees an die Bereitschaft appelliert, „sich irritieren zu lassen“ (S. 159.). Dem muss allerdings die Voraussetzung vorangehen, dass hier wie da das universelle Primat der Menschenrechte zu gelten hat.
  • Einen Exkurs in die Kinder- und Jugendbuchforschung bietet Eske Wollrad an, die sich mit implizitem und explizitem Rassismus in westdeutschen Kinder- und Jugendbüchern auseinandersetzt.
  • Rudolf Leibrecht und Helma Lutz diskutieren Rassismus unter Berücksichtigung des Konzepts der Intersektionalität. Am Beispiel unterschiedlicher Heterogenitätsdimensionen (Geschlecht, Sexualität, Religion etc.) verdeutlichen die Autoren einen Grunddualismus, der sich jeweils in „dominierenden“ und „dominierten“ Positionen ausdrückt (z.B. männlich/weiblich), (S. 188).
  • Die beiden letzten Beiträge behandeln die mediale Reproduktion rassistischer Muster: Carolin Ködel diskutiert die Tragweite ethnozentrischer und kulturrassistischer Konstruktionen in deutschen Tageszeitungen, Tarek Badawia blickt abschließend am populären Beispiel des „Integrationsgipfels“ und der „Islamkonferenz“ hinter die Mechanismen der „pseudodialogischen Diskriminierung“, die mit Seyla Benhabib vor allem auf fehlende „Respektierung individueller Autonomie und der egalitären Reziprozität“ zurückzuführen ist (S. 221).

Im dritten und letzten Kapitel geht es um „Diskriminierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern“.

  • Im einleitenden Beitrag „Diskriminierung in der Schule“ (der eigentlich „Diskriminierung durch die Schule“ heißen müsste, da darin nicht die Diskriminierungsformen zwischen Schülern oder zwischen Lehrern und Schülern untersucht werden, sondern die Benachteiligung von Schülern mit Migrationsgeschichte durch die „deutsche Schule“, S. 239), greift Helena Flam auf den Ansatz der Institutionellen Diskriminierung zurück.
  • Im Anschluss beschäftigten sich Seddik Bibouche und Josef Held mit „rechtsextremen Dynamiken in der politischen Kultur“.
  • Claus Melter stellt Theorie und Praxis einer „rassismusunkritischen Sozialen Arbeit“ in Frage und bezieht sich dabei auf die „(De-)Thematisierung von Rassismuserfahrungen Schwarzer Deutscher in der Jugendhilfe(forschung)“.
  • Abschließend wird in zwei Beiträgen die organisationelle Ebene am Beispiel der Polizei thematisiert. Herman Blom dokumentiert die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung in deutschen Polizeiorganisationen, in der nach Rassismuserfahrungen allochthoner Polizisten am Arbeitsplatz gefragt wurde. Hierbei werden in besonderem Maße Einstellungspraxis und kollegiales Umfeld beleuchtet. Joseph Chefu schildert in seinem Schlussbeitrag am Gegenstand einer für die Öffentlichkeit bestimmten Informationsbroschüre, „was die Polizei über Eingewanderte mitteilt“. Frei nach Oevermann bedient er sich zu diesem Zweck auf pointierte Weise des Instruments der verdichteten Textinterpretation.

Diskussion

Der Terminus „Rassismuskritik“ suggeriert für sich betrachtet ein hohes Maß an Interpretationsfreiheit und begrifflicher Unschärfe. Warum, könnte ohne näheres Vorwissen eingewendet werden, wird Rassismus lediglich „kritisiert“ und nicht ein adäquater Terminus – wie Antirassismus in seiner originären, nicht den Antisemitismus relativierenden Bedeutung – verwendet, wenn es um die Verurteilung einschlägiger rassistischer Diskurse und Praktiken geht? Deutlich wird, dass die Herausgeber den Terminus „Rassismuskritik“ mit einer reflektierten und sensibilisierten „attitude“ verbinden: In gleichem Maße, wie sich die Globalisierungskritiker von den -gegnern unterscheiden, weil sie die Einsicht leitet, dass die Globalisierung strukturbedingten und systemimmanenten Zwängen unterliegt, bezweifeln die Herausgeber vor der Kulisse jahrhundertelang praktizierter Rassismen die Realisierbarkeit einer rassismusfreien – und damit herrschaftsfreien – Gesellschaft (S. 15). Gerade weil es der Rassismuskritik jedoch um die Aufdeckung von Herrschaftsbeziehungen geht, ist fragwürdig, ob durch „kritische Kritik“ allein diesem Anspruch genüge getan wird. In diesem Zusammenhang wäre es erfreulich gewesen, wenn anstelle einer x-ten Definition von Rassismus – die in fast jedem Beitrag in ähnlicher, teils in wortgenauer Weise – angelegt ist, der Fokus stärker auf das rassismuskritische Moment und seine heuristische Weiterentwicklung gelegt worden wäre. Nimmt man den im Buch vorgetragenen Kritikpunkt auf, der Antirassismus verhindere eine Perspektive auf angrenzende Diskriminierungslinien wie Gender oder Alter, verwundert es, dass die rassismuskritischen Beiträge Diversity-Schnittstellen zu weiteren Heterogenitätsdimensionen nur in geringem Maße diskutieren (mit Ausnahme von Leiprecht und Lutz, breiter angelegt dafür in Band II). Äußerst gelungen ist dagegen, dass von den einzelnen Autoren an vielen Stellen inhaltliche Querverweise zu anderen Beiträgen im Band eingeflochten wurden, so dass mit Recht von einem Sammelband zur Rassismustheorie und -forschung gesprochen werden kann.

Fazit

Claus Melter und Paul Mecheril haben ein inhaltlich beeindruckendes Werk zum aktuellen Stand der Rassismustheorie und -forschung vorgelegt. Die Themenauswahl des in dieser Form einmaligen Sammelbandes ist facettenreich und kontrovers, durch den strukturierten und kohärent angelegten Aufbau zugleich übersichtlich und transparent. Auf Grund seiner Aktualität ist das Buch als Standardlektüre für Lehrende und Forschende aus dem Bereich der Pädagogik und der Erziehungswissenschaften einzuordnen. Praktikern ist hingegen der zweite Band zur rassismuskritischen Bildungsarbeit zu empfehlen.


Rezensent
Verw.-Prof. Dr. Andreas Thiesen
HAWK - Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen
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Zitiervorschlag
Andreas Thiesen. Rezension vom 20.05.2009 zu: Claus Melter, Paul Mecheril (Hrsg.): Rassismuskritik. Rassismustheorie und -forschung. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2009. ISBN 978-3-89974-367-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7736.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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