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Veronika Lipphardt: Biologie der Juden

Cover Veronika Lipphardt: Biologie der Juden. Jüdische Wissenschaftler über "Rasse" und Vererbung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. 360 Seiten. ISBN 978-3-525-36100-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 69,00 sFr.
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Autorin

Veronika Lipphardt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichtswissenschaften, Bereich Neuere und Neueste Geschichte, und tätig am BMBF-Projekt "Imagined Europeans - Die wissenschaftliche Konstruktion des Homo Europaeus" am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin.

Thema und Hintergrund

Veronika Lipphardts Thema ist die Auseinandersetzung mit Konzepten von Rasse und Vererbung von WissenschafterInnen mit jüdischem Hintergrund im Zeitraum 1900-1935. Der Titel ihres Buches „Biologie der Juden“ zeigt dies in zweifacher Weise: einerseits das Beschreiben von Konzepten über eine jüdische Rasse und andererseits das Schreiben darüber seitens jüdischer WissenschafterInnen. Lipphardt zeichnet nach, wie sich „Wissenschaftler mit jüdischem Hintergrund Konzepte von Rasse und Vererbung kritisch aneignen, sie modifizieren oder ablehnen, ohne dabei auf biologische Konzepte von Diversität zu verzichten“ (11). Das Buch liefert erstens Beiträge zur wissenschaftlichen Debatte über die jüdische Rasse, beschreibt zweitens die Versuche eigene Vorstellungen von jüdischer Identität zu formulieren und stellt die Bemühungen dar, wissenschaftliche Institutionen zu gründen, die die Frage nach einer „biologischen Gemeinschaft“ (13) auf eine ethisch verantwortungsbewusste Weise klären sollten. Ziel dieser Bemühungen war, dem antisemitischen Diskurs sein wesentliches Argument - die „physische Beschaffenheit der Juden“ (13) - zu entziehen und die Debatte im einzig richtigen Ort anzusiedeln, nämlich in der Wissenschaft. Die Biowissenschaften offerierten einerseits mit ihren Konzepten des biologischen Wandels und der biologischen Verwandtschaft Rassenkonzept zu kritisieren, andererseits bestätigten sie mit ihren Konzepten der Fremdartigkeit und Inferiorität vorhandene Rassenkonzepte. Lipphardt fragt nach den Konzepten von Wissenschaftlichkeit und sozialen Grenzziehungen im Rahmen der Debatte um eine sogenannte jüdische Rasse, im Rahmen der Identitätskonstruktionen und im Rahmen der Institutionspläne.

Wesentlich sind für Lipphardt die Klärung der Begriffe von ‚jüdischer Wissenschaftler‘, Biologie, Biowissenschaften, Rasse, Rassismus, Rassenbiologie, Antisemitismus, sowie Neolamarckismus und Neodarwinismus. Nachdem über die Definition ‚Jüdischer Wissenschaftler‘ weder die Religionszugehörigkeit noch ein Eintrag im biografischen Lexikon zur deutsch-jüdischen Geschichte, noch die Verfolgungskriterien des nationalsozialistischen Staates Auskunft geben können, wählt Lipphardt das Selbstverständnis als Kriterium. Die WissenschafterInnen mussten auf der forschungspraktischen Ebene definieren, wer Jude/Jüdin ist und wer nicht; zweitens musste diese Zuschreibung eine Aussage über die eigene Zugehörigkeit ermöglichen und schließlich war drittens diese Zuschreibung eventuell auch eine Fremdzuschreibung durch andere, d.h. die Arbeit beschäftigt sich mit jenen, die sich zum Judentum bekannten oder es ablehnten, es betonten oder es zur Privatsache erklärten, oder mit jenen, die konvertierten. Der Begriff Biowissenschaften – als rezente Bezeichnung – umfasst die Bereiche der Anthropologie, Medizin und Biologie. Sowenig der Begriff Rasse in seiner wissenschaftlichen Anwendung jemals klar definiert war, sosehr war die Fragwürdigkeit ihrer wissenschaftlichen Legitimation und ihre gesellschaftspolitische Implikation schon lang vor 1933 vielen bewusst. Für die Debatte über eine jüdische Rasse war der Begriff wesentlich: Die Redewendung ‚Biologie der Juden‘ diente den Debattierenden mit jüdischem Hintergrund dazu, den Rassebegriff als biologische Erklärung für die angebliche Andersartigkeit der Juden und Jüdinnen als zu eng zurückzuweisen; für Debattierende mit nichtjüdischem Hintergrund bestand in der Regel kein Zweifel an der Existenz einer ‚jüdischen Rasse‘. Den Begriff Antisemitismus verwendet Lipphardt im Sinne von Shulamith Volkov als gesellschaftlich weitverbreiteten kulturellen Code, der nach 1900 in großen Teilen der deutschen und österreichischen Gesellschaft akzeptiert war. Wenn auch neolamarckistische Ansätze bei jüdischen WissenschafterInnen dominiert haben, so wurde der Neodarwinismus keineswegs total abgelehnt, zumal es für Lipphardt ein breites Spektrum von neodarwinistischen Positionen gab. (Im Sinne dieser Begriffsklärungen verwendet auch die Rezensentin die Begriffe ‚jüdisch‘, ‚Jude‘, ‚Jüdin‘, ‚Rasse‘ oder ‚rassisch‘ als orts- und zeitgebundene Konstruktionen; des weiteren wird von der Rezensentin die Gendersprache verwendet).

Lipphardts theoretisch-methodischer Ansatz ist jener des „Sideshadowing“ (23) von Michael Bernstein, der sich gegen fatalistische und teleologische Geschichtsschreibung wendet und vorschlägt, die Vielzahl an möglichen Zukunftsentwicklungen bei der Analyse einer historischen Situation zu berücksichtigen. Dementsprechend erfasst „sideshadowing“ im Rahmen der Analyse von historischen Ereignissen verschiedene Zukunftsoptionen: wahrscheinliche, erstrebenswerte, oder auch vermeidbare, aber in Anbetracht bestimmter Umstände konnten diese Zukunftsoptionen nicht realisiert werden. Als Beispiel für ‚sideshadowing‘ führt Lipphardt Rassenforschung in anderen Ländern als Deutschland und Österreich an, wo auch mit rassistischen und politischen Zielsetzungen geforscht wurde und Kontroversen bzgl. Vererbung, Umwelteinfluss und Rassenkonstanz stattfanden; zum Genozid kam es in diesen Ländern jedoch nicht.

Lipphardts Kritik an der bestehenden Forschung bezieht sich auf die Gewichtung und Bewertung der soziopolitischen Agenda deutsch-jüdischer WissenschafterInnen, die Vernachlässigung des Debattenkontextes und der wissenschaftsinternen Dynamik sowie die einseitige Darstellung ihrer antideterministischen Haltung und neolamarckistischen Überzeugungen. Die Meinungen über Homogenität und Reichweite des Diskurses zur ‚jüdischen Rasse‘ gehen in der Wissenschaft auseinander. Stellten sich jüdische WissenschafterInnen bewusst gegen den Diskurs und seine diskriminierende Tendenz oder übernahmen sie biologistische Wertungen und Stereotype? Während John Efron und Mitchell Hart die positive und identitätsstiftende Funktion der aneignenden Umdeutung eines diskriminierenden Diskurses betonen, sehen Sander Gilman und Klaus Hödl die Verwendung antisemitischer Stereotype durch jüdische WissenschafterInnen als Anpassungsprozess, die Zuschreibung pathologischer Eigenarten an bestimmte jüdische Subgruppen – also an andere – sollten selbst von ebendieser Zuschreibung befreien. Weiters kritisiert Lipphardt, dass mit der Fokussierung auf ZionistInnen die IntegrationsbefürworterInnen ausgeblendet würden.

Als Ausgangspunkt der Debatte beschreibt Lipphardt die Situation der Biowissenschaft im 19. Jahrhundert. Neben der Biologisierung des Sozialen wurde auch die Biologie einer historischen Entwicklung unterworfen. Der Streit um Mechanismen, Beispiele und Analogien in der Geschichte der Lebewesen war um 1900 heftig, es gab noch keine allgemein akzeptierte Erklärung für den Zusammenhang von Evolution, Fortpflanzung, Vererbung, Entwicklung und Diversität. Für den Gesamtzusammenhang waren die Begriffe ‚Rasse‘ und ‚Vererbung‘ zentral, wofür laut Lipphardt die ‚jüdische Rasse‘ als prominentes Beispiel diente.

Aufbau

Lipphardts Buch ist in 4 große Abschnitte unterteilt:

  1. Der erste Abschnitt „Kontextualisierungen“ beschäftigt sich mit der Biologisierung der jüdischen Geschichte und umreißt die wissenschaftlichen Debatten um 1900, biologische Streitfragen sowie den Antisemitismus im akademischen Milieu,
  2. der zweite beschreibt die wissenschaftlichen Debatten über die „Biologie der Juden“,
  3. der dritte zeichnet die Spuren der Suche nach einer jüdischen Identität nach und präsentiert dazu drei Biografien
  4. der vierte beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Institutionen für die „Biologie der Juden“.

I. Kontextualisierungen

Im ersten Abschnitt wird die „Biologisierung der jüdischen Geschichte“ (39) aufgezeigt. Sie ist für Lipphardt in erster Linie nicht ein Ergebnis antisemitischer Agitation, sondern ein Teil einer am Ende des 19. Jahrhunderts stattfindenden „Biologisierung des Sozialen“ (39). Die Biologie – als Schlüssel zur Lösung sozialer Probleme - wurde zur Leitwissenschaft; der Darwinismus erlangte immer mehr an gesellschaftlicher und kultureller Bedeutung. Desweiteren legt Lipphardt biologische Streitfragen bzgl. Diversität und Vererbung dar: Charles Darwin, für den Selektion wesentlich aber nicht ausschlaggebend für die Evolution galt, sowie August Weismann, der Evolutionsvorgänge ausschließlich durch Selektion erklärte und außerdem davon ausging, dass lediglich die Keimzellen vererbbare Erbsubstanz enthielten. Insofern seien die Körperzellen und die darauf wirkenden äußeren Einflüsse für die Vererbung irrelevant; woraus auch folgte, dass erworbene Eigenschaften nicht vererbbar wären. Allerdings konnten mithilfe der neolamarckistischen Theorie die vielfältigen Vererbungsphänomene in ein Kontinuum eingeordnet werden, das einen Bogen zwischen strenger Konstanz einerseits und Modifizierbarkeit andererseits spannte. Erst in den späten 1920er Jahren wurde die Opposition gegen den Selektionismus seitens der AnhängerInnen neolamarckistischer Ideen aufgegeben. Die Austragungsorte der Debatten waren einerseits Universitätsinstitute, andererseits auch außeruniversitäre Forschungsinstitute. So wurden in Wien beispielsweise von Julius Tandler und Carl Landsteiner sozialmedizinische und praxisrelevante Neuerungen für das Gesundheitswesen entwickelt, begleitet von offenen antisemitischen Angriffen. Den Wiener Lehrstuhl für Anthropologie hatte von 1924 bis 1927 Otto Reche inne, der eine rassistische und antisemitische Anthropologie vertrat. In Freiburg prägten Weismann und seine Schüler Eugen Fischer und Fritz Lenz die neodarwinistische Schule. Fischer trug mit seinem mendelianischen Ansatz dazu bei, dass die Physische Anthropologie Rudolf Virchows und Felix von Luschans von einer biologisch-genetischen, rassenhygienischen Anthropologie abgelöst wurde und in den 20er Jahren zur Herausbildung neuer Methoden führte: zur Zwillingsforschung, Blutgruppenforschung, Erbpathologie und Erbpsychologie, wobei der Psychiatrie und der Rassenhygiene Schlüsselfunktionen zukamen. Zuletzt weist Lipphardt auf den Antisemitismus innerhalb des akademischen Milieus hin. Diese antisemitischen Diskriminierungen sowie inneren Auseinandersetzungen über das „Wesen des Judentums“ (48) stellten für Lipphardt die Integrationsbereitschaft in zweifacher Weise auf die Probe: die Integration der osteuropäisch-jüdischen MigrantInnen in die jüdische Minderheit, als auch die Integration der jüdischen Minderheit in die christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft. VertreterInnen der Akkulturation und des Zionismus vertraten dabei positive, aber entgegengesetzte Auffassungen einer Gemeinschaft der Juden und Jüdinnen mit oder unabhängig von der deutschen Nationszugehörigkeit. Im Gegensatz dazu nahmen BefürworterInnen der Assimilation Distanz vom Judentum, oft begleitet von ambivalenter Selbstkritik. Für Lipphardt bildete sich dieses Spektrum von Integrationswegen im 19. Jahrhundert als Folge der Aufklärung heraus. Als deren Ergebnis – nach erfolgter Anpassung an die christlich geprägte Gesellschaft und der Beschränkung der jüdischen Religion auf den Privatbereich- das Versprechen der Bürgerrechte verbunden sein sollte. Ein Versprechen, das nicht eingelöst wurde. Die Tatsache, dass die Mehrheitsgesellschaft die volle Integration nicht anerkannte, führte zu einer spezifischen jüdischen Erfahrung. „Die kulturellen Werte der Emanzipation, Assimilation und Bildung wurden selbst zu einer neuen Tradition, die die Grundlage einer neuen jüdischen Identität abgab und (…) viele Varianten hervorbrachte.“ (49) Neben der Konversion zum Christentum sollte Bildung – und so auch die Studien der Medizin und Naturwissenschaften - die Akkulturation befördern und so die soziale Anerkennung in der Gesellschaft herbeiführen. Nicht zuletzt schien auch das „objektiv-neutrale Wissenschaftsethos“ (51) eine Würdigung wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Leistungen unabhängig von Religion und Herkunft zu verheißen. Tatsächlich war latenter und offener Antisemitismus auf den Universitäten vorhanden, Zulassungsbeschränkungen bei Studien und studentischen Verbindungen führten zu eigenen sozialen Netzwerken. Zu diesen äußeren Schwierigkeiten kam die Debatte über die biologische Andersartigkeit der Juden und Jüdinnen. Schon um 1890 waren Vereine zur Abwehr des Antisemitismus gegründet worden, Argumente gegen antisemitische Angriffe sollten vor allem die Biowissenschaft liefern. Für Lipphardt führt dies zur Frage nach dem Zusammenhang von Wissenschaft und Antisemitismus. „Stellt die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Juden lediglich eine abwehrende Reaktion auf antisemitische Agitation politischer Akteure dar? Oder befördern vielmehr die naturwissenschaftlichen Untersuchungen an Juden und deren öffentliche Rezeption den rassistischen Antisemitismus?“ (52)

II: Die wissenschaftliche Debatte über die „Biologie der Juden“

Versuche, Jüdinnen und Juden als biologische Gruppe zu beschreiben, begannen bereits im späten 18. Jahrhundert und dauern bis heute an. Verstärkt wurden in den letzten 20 Jahren des 19. Jahrhunderts ein Rahmen geschaffen, in dem Juden und Jüdinnen als vermeintlich biologische, naturwissenschaftlich erforschbare Gruppe definiert wurden. Der Bogen der Debatte spannte sich von der Definition der Jüdinnen und Juden als Rasse mit der Zuordnung von negativen Eigenschaften (Ernest Renan, Paul Topinard) bis zur Zurückweisung der Existenz einer einheitlichen Rasse mit einer negativen Bewertung (Virchow). Gleichzeitig bot die Erforschung der Jüdinnen und Juden das ideale Projekt, um Darwins Ansatz am Menschen zu überprüfen: anhand einer reproduktiv isolierten durch Migration in verschiedene geografische Orte zerstreute Gruppe. Um nachzuvollziehen, inwiefern sich Splittergruppen durch Umwelteinflüsse verändert hatten, müsste der Urtypus ausfindig gemacht werden. Dafür bot sich die vermeintlich lückenlose Dokumentation von Geschichte und Statistik der Jüdinnen und Juden an. Lipphardt sieht die Debatten in zwei chronologisch geordneten Strängen: 1900-1915 (1) und 1916 bis 1933 (2).

(1) Um die Jahrhundertwende hatte sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der physischen Beschaffenheit der JüdInnen und Juden grundlegend geändert. Gründe dafür sind: Houston Chamberlains antisemitische Monografie „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, ein Buch mit Rekordauflagen und ein weiterer Massenerfolg des rassistischen Antisemitismus nach Arthur de Gobineaus Werk „Über die Ungleichheit der Menschenracen“. Obwohl Chamberlains Werk sowie er selbst wissenschaftlich umstritten waren, beschäftigte sich die Wissenschaft mit seinen Thesen. Beide Werke lösten allerdings auch kritische Gegenpositionen aus. Ein weiterer Grund lag in der Unklarheit über die theoretischen Prämissen der Biowissenschaften, also Debatten über Vererbung entweder im Sinne Mendels, Darwins, Weismanns oder Lamarcks. Der bislang heftig umstrittene Zionismus war zu einer starken Bewegung gewachsen, und zuletzt etablierte sich die für diese Debatte bedeutende Rassenhygiene.

Zwischen 1900 und 1905 erschienen erste empirische Studien, populärwissenschaftliche Beiträge sowie Monografien. Vorrangige Austragungsorte der Debatten waren die Politisch-anthropologische Revue (PAR), mit eher populärwissenschaftlichen Beiträgen, das Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie (ARGB), das Sprachrohr der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene, und die Zeitschrift für die Demographie und Statistik der Juden (ZDSJ). Die Debatte etablierte sich bis zum 1. Weltkrieg als wissenschaftliches Forum. Diskussionsthemen waren Inzucht, Krankheitsanfälligkeiten, Immunität, sowie anthropometrische Forschungsergebnisse. Die Debatten bündelten mehrere Diskussionsstränge aus verschiedenen Disziplinen und aus unterschiedlichen Ländern. Die Jahre 1910 bis 1913 stellten hinsichtlich der Dichte an empirischen Untersuchungen sowie der Popularisierung der Themen einen Höhepunkt dar. Spätestens ab 1912 häuften sich aber Anzeichen für eine Lagerbildung zweierlei Art: Zum einen fand eine Lagerbildung statt zwischen den einen, die den Einfluss der Rasse auf Juden und Jüdinnen eingeschränkt bzw. gar nicht gelten ließen und den anderen, die eine vermeintliche Eigenart hauptsächlich auf den Faktor Rasse zurückführten. Zum anderen bildeten sich die beiden Lager jüdisch und nichtjüdisch heraus. Die drei bekanntesten Debattenteilnehmer, Samuel Weissenberg, Maurice Fishberg und Elias Auerbach, die bis 1913 selbst empirische Forschung an Jüdinnen und Juden durchführten, verbrachten den größten Teil ihres Lebens außerhalb des deutschsprachigen Raumes. Als Rassenhygieniker erreichte der Zionist Arthur Ruppin einen hohen Bekanntheitsgrad; der Zionist Felix Teilhaber wird mit seiner Monografie „Der Untergang der Juden“ (1911) bekannt und Ignaz Zollschan schrieb mit seinem Werk „Das Rassenproblem“ (1909) das berühmteste Buch zur Debatte. Nach dem 1. Weltkrieg prägten hingegen jene die Debatte, die in Deutschland ihr Berufsleben verbracht hatten: der Berliner Max Marcuse, der die bedeutendsten Beiträge zur ‚christlich-jüdischen Mischehe‘ publizierte und der Brünner Hugo Iltis, der über Mendel forschte, sich in der Erwachsenenbildung engagierte und heftige Kritik an der Rassenhygiene übte. Neben Beiträgen zu allen Themengebieten lassen sich noch zwei weitere Debattenbereiche ausmachen: Zum einen Berichte über eigene empirische Untersuchungen, z.B. über eine bestimmte Krankheit, zum anderen mit einer bestimmten theoretischen Perspektive andere Beiträge kommentieren oder kritisieren. Als wesentlich betont Lipphardt die Tatsache, dass es in dieser Phase jüdischen WissenschafterInnen, die die meisten empirischen Forschungen durchgeführt hatten, gelungen war, Juden/Jüdinnen der biologischen Logik zumindest ein Stückchen zu entziehen. So konnte kein Lehrbuch die Juden/Jüdinnen als Beispiel für physische Fehlentwicklungen und Krankheiten heranziehen.

(2) In der zweiten Debattenphase (1916-1933) erschienen weniger empirische Beiträge, sie war geprägt von Reflektionen und Polemiken über Wissenschaftlichkeit und der immer tiefer werdenden Kluft zwischen jüdischen und nichtjüdischen WissenschafterInnen, wobei erstere zunehmend Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Rassenforschung hegten. Die empirische Aufmerksamkeit verschob sich von den Juden/Jüdinnen auf die sogenannten Mischlinge. Die Argumente betonten in dieser Debattenphase weniger mit biologischen als mit kulturellen und psychologischen Umweltkonzepten. Hans Ullmann arbeitete beispielsweise mit dem Konstitutionsansatz, der von einer Modifizierbarkeit körperlicher Merkmale durch die Umwelt ausging. Er stützte sich dabei auf die MigrantInnenstudie des renommierten Franz Boas, der bei Kindern von ImmigrantInnen körperliche Anpassungserscheinungen an die Mehrheitsgesellschaft festgestellt hatte. Die augenscheinliche Verschiedenheit von west- und osteuropäischen Jüdinnen und Juden wurde also umweltbedingt, erblich, jedenfalls biologisch erklärt. Lenz nutzte das Thema Migration, um gegen die Vorstellung lamarckistischer Modifizierung zu argumentieren und interpretierte außerdem die Anpassungsfähigkeit der Jüdinnen und Juden abwertend als angeborenen Parasitismus. 1926/27 wurden Themen ‚jüdischer Geist‘ und Geisteskrankheiten behandelt, ausgelöst durch die immer massiver werdenden Behauptungen, Jüdinnen und Juden hätten festgelegte rassebedingte Geisteseigenschaften. Auch sollte angeblich jüdisches Blut anders reagieren, wie es der russische Mediziner Manoiloff behauptete. 1926 gründete Reche die Gesellschaft für Blutgruppenforschung und lud ausschließlich nichtjüdische KollegInnen zur Mitgliedschaft ein. Er provozierte damit einen Skandal, nachdem bekannte jüdische SerologInnen bereits Pionierleistungen auf dem Gebiete der Blutgruppenforschung vollbracht hatten. Neben Fragen der biologischen Geschichte der Juden/Jüdinnen wurden auch jene der Eugenik diskutiert. Marcuse fordert als Gegenkonzept zum drohenden Untergang des jüdischen Volkes die Mischehe, allerdings nach strengen eugenischen Gesichtspunkten, wobei für ihn im Unterschied zu Theilhaber die vermeintliche Rassenzugehörigkeit keine Rolle spielte. Vielmehr müsse sich die PartnerInnenwahl individuell nach der körperlichen Beschaffenheit richten. Auch Hans Friedenthal forderte eine „Eugenik ohne Rassenunterschiede“ (178). Gleichzeitig gab es Bestrebungen eine Art ‚jüdische Eugenik‘ aufzubauen. So wurde in der Gesellschaft für Jüdische Familienforschung die bisherige PartnerInnenwahl bemängelt und modifizierte Wohlfahrtsmaßnahmen gefordert, die vor allem fortpflanzungsfördernd wirken sollten. Mit der Eugenik als starkem biologischem Argument wurde versucht, Juden und Jüdinnen dem Narrativ einer fremden und minderwertigen Rasse zu entziehen. „Um Rassenkonzepte als irrelevant für den Menschen zurückzuweisen, konnte Eugenik als eine Art kompensatorischer Biologismus angeführt werden, der einem Forscher ermöglichte, seine professionelle Identität als Biowissenschaftler aufrechtzuerhalten und dennoch Rasse als biologische Kategorie für den Menschen zu marginalisieren oder abzulehnen.“ (179) Lediglich Paul Kammerer, der sich nicht zur Debatte der ‚jüdischen Rasse‘ äußerte, aber in der eng angrenzenden Debatte über den Neolamarckismus eine zentrale Figur war, lehnte Eugenik ab, da die gegenwärtigen Kenntnisse darüber seiner Meinung nach keineswegs ausreichten, zu sagen, was gesund und was ungesund für die Menschen wäre. Bezüglich des Rassenbegriffes versuchte Marcuse die Rassenkunde historisch herzuleiten und die Subjektivität des/r Forschenden zu thematisieren. Während im 19. Jahrhundert noch das soziale Verhalten die Kultur bestimmt hätte, sei seither das generative Verhalten dominierend - Umwelt versus Rasse. Mittels der Eugenik stellte Marcuse den Rassenkonzepten und den Warnungen vor Mischehen eine Alternative entgegen. Wenige nichtjüdische Forschende waren seiner Meinung. So meint Peter Schneider, dass jeder Mensch schon aufgrund der eigenen Zugehörigkeit zu einer Rasse rassisch voreingenommen wäre; der Anthropologe und Botaniker Friedrich Merkenschlager hält die Rassenkunde überhaupt für eine „Scheinwissenschaft“ (183). Laut Lipphardt ist für die Debatte wesentlich, dass Marcuse keine Grenzlinie zwischen jüdischen und nichtjüdischen WissenschafterInnen, sondern stattdessen zwei andere zog: einmal zwischen den um wissenschaftliche Aufklärung Bemühten und den an der „Rassenmythologie“ (184) Festhaltenden; zum anderen zwischen gesunden und ungesunden Subjekten, unabhängig von der Rasse.

1933 wurde die Debatte aus politischen Gründen beendet, bis dahin wurde jedoch vehement gegen die Rassenkonzepte von Hans Günther, Fritz Lenz und Eugen Fischer Position bezogen. Für Lipphardt war nicht absehbar, dass die Kluft zwischen beiden Positionen immer größer wurde: Wenn auch die Diskussion keineswegs besonders freundlich war, nahmen beide Seiten einander Ernst. Wachsender Antisemitismus gepaart mit Thesen von der angeblichen jüdischen Fremdartigkeit und der Schädlichkeit der Mischehe verlangte nicht nur Gegenpositionen sondern erklärt laut Lipphardt auch den kompensatorischen Biologismus, den jüdische AutorInnen als defensive Haltung entwickelten und die sich nach 1933 verstärkte. Rückblickend hält Lipphardt fest, dass das Forschungsfeld der Rassenforschung keineswegs so einheitlich war, wie heute oft angenommen wird, wenn auch sich nur die Richtung um Fischer, Lenz, Reche, Günther und andere nach 1933 durchsetzen konnte. Der weniger einflussreiche diese Richtung herausfordernde Zweig konnte nach 1933 nicht fortgeführt werden.

III: Spuren der Identitätssuche: Die Herausforderung der Biologie

Jüdische BiowissenschafterInnen waren einerseits mit antisemitischen Vorurteilen aber auch mit wissenschaftlich anerkannten abwertenden Annahmen über Juden und Jüdinnen konfrontiert. Ihre paradoxe Situation: der Wunsch nach Integration in ein wissenschaftliches Denkkollektiv durch Aneignung akademischen Wissens, diese biologischen Wissensbestände über Jüdinnen und Juden standen aber einer vollen Integration in die Mehrheitsgesellschaft entgegen. In diesem Abschnitt geht Lipphardt der Frage nach, „wie die Wissenschafter der Herausforderung einer zugeschriebenen biologischen Zugehörigkeit zum Judentum begegneten und welche Auswirkungen die Auseinandersetzung damit auf ihre sozialen Praktiken wir auch Forschungen hatte“ (187). Die wissenschaftliche Zuschreibung galt auch für sie selbst und für das private Umfeld. Im Unterschied zu den Geisteswissenschaften wurde die Biologie als Faktor von jüdischen Identitätsentwürfen vernachlässigt, nachdem Prozesse der Selbsterforschung mittels wissenschaftlicher Methoden bei den Biowissenschaften bisher überhaupt wenig untersucht wurden. Biologische Zuschreibungen bergen zweierlei: einerseits die Gefahr der Diffamierung, andererseits aber auch Gewissheit, um die Unbeständigkeit religiöser und kultureller Zugehörigkeit zu kompensieren. Biologische Zugehörigkeit konnte nicht verloren oder gewechselt werden. Die Definition jüdischer Identität auf biologischer Grundlage bedeutete zwar die Gefahr einer Bestätigung von Vorurteilen, andererseits konnten damit aber auch abwertende Elemente widerlegt werden.

Nach einem theoretischen Exkurs zum Begriff Identitätskonstruktionen stellt Lipphardt anhand einiger WissenschafterInnen das große Spektrum an Ideen über jüdische Zugehörigkeiten auf. Das Spektrum reicht von religiösen zu säkularen hin zu biologischen Entwürfen. Im Bereich des Verhältnisses Religion und Biologie erwähnt Lipphardt den Rabbiner Ludwig Pick, der vor den Gefahren der Darwinschen Selektionstheorie warnte, weil sie gegen ethische Grundsätze verstoße und katastrophale Folgen für die Menschheit haben könnte. Die Sozialmedizin und Sozialhygiene, die meist von MedizinerInnen mit jüdischem Hintergrund geprägt war, wurde bevorzugte Zielscheibe selektionistischer EugenikerInnen, da sozialmedizinische Maßnahmen angeblich die natürliche Selektion verzerren - ein Vorwurf, der vor allem von nichtjüdischer Seite dem religiösen Judentum gemacht wurde. Zum Verhältnis Kultur und Biologie führt Lipphardt die Ärzte August von Wassermann und Paul Ehrlich an, die sich an der Debatte über die jüdische Rasse nicht beteiligten, sondern sich im Bereich jüdische Bildungsinstitutionen engagierten. Trotz antisemitischer Widerstände waren beide beruflich erfolgreich und vertraten die Ideale der Emanzipation: Anpassung und Höherentwicklung durch Bildung. Ein weiterer Blickpunkt sind soziale Praktiken. Das Knüpfen von Netzwerken oder privaten Instituten, um die durch den Antisemitismus verhinderte Karriere zu ermöglichen, bedeutet für Lipphardt einmal das Streben nach wissenschaftlicher Exzellenz, zum anderen die Zugehörigkeit zum - wie auch immer definierten – Judentum. Heirat, Heiratsbarrieren und die sogenannte Mischehe als weitere soziale Praktiken waren die Forschungsbereiche des Sexualwissenschafters Marcuse, der mit einer Nichtjüdin verheiratet war und sein eigenes soziales Umfeld in seine Forschungen miteinbezog. Ein nächster Bereich beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Persönlichkeiten, die die jüdische Identität nur biologisch verstanden wissen wollten und ein Beispiel geben, Biologismus ohne Rassismus zu vertreten. Zum einen sei hier der Sexualwissenschafter Magnus Hirschfeld erwähnt, der als Anhänger Darwins und Haeckels trotzdem gegen jegliche Rassenkunde und -theorie Stellung bezog. Der Anthropologe Hans Friedenthal vermied bis 1924 die Verwendung des Begriffes einer ‚jüdischen Rasse‘, deren Existenz ab diesem Moment klar ablehnte. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Verwandtschaft zwischen Affen und Menschenrassen zwischen 1900 und 1914 beschrieb er im Jahr 1908 eine bestimmte Ausprägung eines Menschengesichts als physiologisch und ästhetisch vorteilhaft (mandelförmige Augen gestatten durch weites Aufreißen eine größere Ausdruckspalette; breite bis wulstige Lippen erleichtern die Nahrungsaufnahme; eine nach unten gebogene Nase ermöglicht ein leichteres Einströmen der Luft in die Atemwege). Friedenthal betont hiermit die vermeintlich jüdischen Merkmale als physiologisch und ästhetisch vorteilhaft. Auch in seiner Monografie über die Behaarung, wo er verschiedene Menschenrassen verglich, steht unter der Zeichnung der europäischen Rasse - an erster Stelle – „Europäerin. Jüdin“ (203). Auch Siegmund Freud nähert sich dem Judentum biologisch, wenn auch metaphorisch. Sein Verständnis von Judentum ist weder religiös noch national oder zionistisch. Er versucht den Lamarckismus in seinen psychoanalytischen Ansatz aufzunehmen und meint, dass das Auftauchen von Neurosen in gewissen Lebensabschnitten eine Rekapitulation phylogenetischer Stadien der menschlichen Evolution darstellen. Für den Nervenarzt Arthur Stern gab es eine angeborene Neigung und Begabung für Naturwissenschaften; und der Kybernetiker Norbert Wiener verband eine kulturhistorische und eine biologische Erklärung - das Ideal des kinderlosen christlichen Gelehrten steht im Gegensatz zur großen Familie jüdischer Gelehrter. Seit um 1900 die Biologie und die Genealogie einander angenähert hatten, wurde die Erstellung von Stammbäumen unter Einbeziehung biologischer Merkmale üblich. Der jüdische Augenarzt Arthur Czellitzer war der Meinung, dass die Vererbungsforschung einen Menschen, dessen Stammbaum unbekannt ist, niemals als gesund bezeichnen würde. Für Lipphardt stellten die Stammbäume und Familienkarteien möglicherweise eine Erleichterung im Umgang mit den nationalsozialistischen Schikanen, vermittelten ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, ohne die von außen zugeschriebene Rassenzugehörigkeit akzeptieren zu müssen.

Die drei Fallstudien über Elias Auerbach, Julius Tandler und Otto Lubarsch sollen unterschiedliche Antworten auf die biologischen Außenzuschreibungen jüdischer Identität aufzeigen.

Der Mediziner Elias Auerbach begriff sich dem ‚jüdischen Volk‘ als Schicksalsgemeinschaft zugehörig, lehnte aber den Begriff einer ‚jüdischen Rasse‘ als Ursache für abwertende Eigenschaften ab, sondern verstand Juden und Jüdinnen als eine „Bluteinheit“ (220). Die angeblich typischen Krankheitserscheinungen seien die Folge einer „abnormen Berufsgliederung“ (220), der der Zionismus entgegen arbeiten könne. Für Lipphardt zeigen Auerbachs Texte, wie sich sein religiöses Verständnis des Judentums unter dem Einfluss der Naturwissenschaft und des Zionismus zu einem säkularen, nationalen und biologischen Verständnis einer kollektiven Gemeinschaft wandelte.

Im Gegensatz zu Auerbach stand der Anatom Julius Tandler der Rassenforschung und den Rassentheorien kritisch gegenüber, obwohl er von physischen und psychischen Unterschieden zwischen der weißen, schwarzen und gelben Rasse ausging. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Lehrstuhlinhaber an der Anatomie war er als Jude und Sozialdemokrat heftigen antisemitischen Attacken ausgesetzt; als Politiker prägte Tandler die Etablierung und Entwicklung des Wiener Wohlfahrts- und Fürsorgewesens, in dessen Rahmen er auch eugenische Maßnahmen wie Eheberatung oder Zwangssterilisationen für erforderlich hielt. Trotzdem er mit 30 Jahren zum Katholizismus konvertierte, definiert es sich – in einem politischen Sinne – als Jude und verstand seine Zugehörigkeit zum Judentum nicht religiös oder biologisch, sondern kulturell-historisch und als solidarische zu einer von außen bedrohten Schicksalsgemeinschaft. In einem unveröffentlichten Manuskript bezieht er Stellung zur Forderung nach Angabe der Rassenzughörigkeit bei der österreichischen Volkszählung. In seiner Polemik dagegen nahm er unfreiwillig vorweg, was Jahre später Realität wurde, indem er die für ihn damals völlig absurde Aufteilung von „½ Semite“, „½ Arier“ oder „¾ Arier“ und „¼ Jude“ (228) anführte.

Mit Otto Lubarsch zeichnet Lipphardt das Dilemma eines Wissenschafters auf, der sich nicht als Jude verstand und erklären musste, wie er die vermeintlichen jüdischen „Rassenanlagen“ (231) hinter sich gelassen hat. Lipphardt zeigt auf, dass er „seine Abneigung gegen das Judentum biologisch untermauerte und dazu biohistorische Narrative der Vererbungsforschung heranzog“ (231). Lubarsch ließ sich 1870 taufen und war Mitbegründer des antisemitischen Alldeutschen Verbandes, in dem heftig über die Aufnahme von Juden und Jüdinnen gestritten wurde. Seine Ressentiments richteten sich vor allem gegen die Ostjuden/-jüdinnen. Er ging von der Existenz einer jüdischen Rasse aus, deren überwiegend negative Eigenschaften den Vererbungsgesetzen unterlagen. Trotz Lubarschs Distanz zum Judentum wurde die Zugehörigkeit zum deutsch-jüdischen Bürgertum von seiner Familie auf ihn ausgedehnt.

Zusammenfassend meint Lipphardt, dass, je stärker WissenschafterInnen die Naturwissenschaft als Weltbild anerkannten, desto mehr galt eine biologische Bestimmung des Jüdischen. „Entsprechend war diese Form der Identifikation, die aus heutiger Sicht irritierend, absurd und in einzelnen Fällen abstoßend wirkt, keine für Juden typische Form der Identitätssuche, sondern typisch für Biowissenschaftler.“ (239) Weiters sieht Lipphardt eine Grenzlinie zwischen den Geburtsjahren. (1) Die 1855 Geborenen, deren Studienphase in einer liberalen Zeit lag, allenfalls metaphorisch die Biologie mit jüdischer Identität in Verbindung brachten. (2) Jene, die in den 1890ern ihr Universitätsstudium absolvierten, als Antisemitismus im akademischen Milieu und Darwinismus Weissmannscher Leseart spürbar war, brachten ihre biowissenschaftliche Expertise als Gegenpart zum Antisemitismus ein. (3) Studierende, die in ihrer Ausbildung die vorherrschenden rassen- und vererbungsbiologischen Konzepte als wissenschaftlichen Standard kennen lernen, hatten kaum eine Möglichkeit zur Gegenposition. Das „biologische Selbst“ (241) der vorgestellten Wissenschafter drückt sich für Lipphardt in Stammbäumen und Familienstrukturen aus, es ließ sich täglich reproduzieren, konnte eventuell auch als Richtschnur für die PartnerInnenwahl dienen, oder die Erziehungspraktiken beeinflussen. Dieses biologische Selbst als Versammlung von Selbsttechniken diente also nicht nur zur Disziplinierung und Kontrolle des eigenen und familiären Körpers, sondern auch zur Kontrolle, wie andere das eigene Selbst definieren. Für Lubarsch stand die biologische der nationalen Selbst-Zuschreibung entgegen – jüdische Herkunft ließ sich nicht mit Deutschtum in Einklang bringen; Auerbachs Integrationshoffnung richtete sich an die Aufnahme eines jüdischen Staates als souveräner Staat, innerhalb dessen das Konzept einer ‚jüdischen Rasse‘ Sinn machte. Tandler hielt rassenbiologische Zuschreibungen für absurd, gutes Leben bedeutete liberale und sozialdemokratische Ideale von Humanität und Weltbürgerlichkeit.

IV. Wissenschaftliche Institutionen für die „Biologie der Juden“

Der Ende der 1920er Jahre biologisch untermauerte Antisemitismus veranlasste einige BiowissenschafterInnen mit jüdischem Hintergrund den rassenbiologischen Behauptungen nicht nur individuelle Kritik sondern auch wissenschaftliche Institutionen entgegenzusetzen. Allerdings wurden Fragen der jüdischen Biologie bereits lange vor 1933 Themen in bereits bestehenden Institutionen diskutiert, hauptsächlich in jenen, die sich benachbarten Themen wie etwa der Hygiene widmeten. Beispielhaft seien hier die erwähnt: die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1870), die Akademie der Wissenschaft des Judentums (1912), Gesellschaft jüdischer Ärzte und Naturwissenschaftler für medizinisch-biologische Interessen in Palästina (1912), Gesellschaft für den Gesundheitsschutz der Juden (1926 in Polen). Lipphardt vergleicht drei verschiedene Gründungsentwürfe für wissenschaftliche Institute, jene von Ignaz Zollschan, Franz Weidenreich und Wilhelm Nußbaum. Alle drei kannten einander und tauschten sich über ihre Pläne aus. Lipphardt interessieren dabei fünf Bereiche. Erstens: Fragen den Inhalt, das Personal, den Ort und die Organisationsform betreffend; zweitens: Fragen nach der Motivation sowie Bedeutung für die eigenen Lebensentwürfe, Bereitstellung der Mittel, Öffentlichkeit, drittens: Fragen der Abgrenzung gegenüber anderen Wissenschaftsrichtung; viertens: Fragen eines vorangegangenen Institutionalisierungsdrucks bzw. Anlass für Versuch der Realisierung; und fünftens: Fragen der Gruppenidentität.

Ignaz Zollschan, der zwischen 1933 und 1945 zu den aktivsten GegnerInnen der Rassentheorien gehörte, bemühte sich mit Unterstützung von Franz Boas in den USA um die Finanzierung eines Anthropological Research Center in New York. Nachdem Zollschan in diesem Institut für sich selbst eine Stelle vorgesehen hatte und dies zu Irritationen führte, versuchte er nach 1933 seine Pläne in Jerusalem zu verwirklichen. Inhaltlich sollte sich das Institut mit der Untersuchung der Veränderlichkeit des menschlichen Körpers beschäftigen, der Nachweis dieser Veränderbarkeit bei sogenannten reinen Erblinien sei gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch des Rassenprinzips, da dieses nämlich Permanenz voraussetze. Neben einer Zentrale sollte es Filialen in verschiedenen Ländern geben. Da Zollschan aber weder in Jerusalem noch im angloamerikanischen Raum erfolgreich war, konzentrierte es sich auf die Errichtung der Filialen und begann im März 1934 in Wien mit der Gesellschaft für die Soziologie und Anthropologie der Juden (257). Hinsichtlich des Interesses von Boas an Nußbaums Plänen zur Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Erbforschung und Eugenik (später Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Erbforschung und Erbpflege) (278), wies Zollschan Boas auf die Gefahr hin, dass die Ergebnisse eines biologisch orientierten Forschungsansatzes möglicherweise dem Nationalsozialismus in die Hände spielen könnten. Zollschans Wunsch nach einem eigenen Institut oder der Einrichtung einer internationalen Kommission konnte nicht verwirklicht werden.

Franz Weidenreich, einem der renommiertesten deutschen Anthropologen mit jüdischem Hintergrund, gelang es trotz intensiver Bemühungen weder in Deutschland noch im Ausland sein Vorhaben zur Gründung eines Instituts zu verwirklichen. Bezüglich der Evolution der menschlichen Anatomie vertrat Weidenreich einen funktionell-morphologischen Ansatz, d.h. Fußformen oder auch der menschliche Schädel verändern sich entsprechend ihrer wandelnden Funktion. Als Neolamarckist insistierte Weidenreich auf der Vererbung erworbener Eigenschaften, stand mit seinen Überlegungen zur Variabilität menschlicher Gruppen Darwins Überlegungen nahe und billigte der Selektion eine gewisse aber keine zentrale Rolle im Evolutionsprozess zu. Seit 1926 beschäftigt er sich mit dem sogenannten Rassenproblem und untersuchte die BewohnerInnen eines Alpentales, die seit Jahrhunderten isoliert waren, auf ihre sogenannte Rassenzusammensetzung. Statt einer homogenen Gruppe fand er viele sogenannte Mischtypen und schloss daraus, dass die BewohnerInnen mindestens drei verschiedenen Rassen zuzuordnen wären. Weidenreichs Studien wurden positiv aufgenommen; er vereinbarte mit Eugen Fischer, dem frisch ernannten Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI AMEUE), sich am Großprojekt zur rassenanthropologischen Erfassung der deutschen Bevölkerung mit einer Teilstudie zu den Speyrer, Wormser und Frankfurter Juden und Jüdinnen zu beteiligen. Weidenreich plante 1928 die anthropologische Untersuchung vor allem der jüdischen Bürgerinnen im Rahmen eines eigenen Institutes. Angesichts des anwachsenden Antisemitismus sahen das liberale Frankfurter Bürgertum, die neu gegründete Universität und die Senckenbergische Gesellschaft die Notwendigkeit, Mittel dafür zu Verfügung zu stellen. Das Frankfurter Institut sollte eine Art Gegeninstitut zum KWI AMEUE darstellen. Fischers Interesse an Weidenreichs Projekt hat nach Lipphardt mehrere Gründe. Erstens hatte Fischer Interesse an der Untersuchung deutscher Juden und Jüdinnen und wusste, dass es einem jüdischen Anthropologen die Forschungen wesentlich leichter fallen würde, an ProbandInnen heranzukommen. Zweitens konnte sich Fischer durch die Einbindung von Weidenreichs Projekt in das Großprojekt Kontrolle über dessen Ansatz und Aktivitäten und außerdem durch dessen Annahme der Gelder der Deutschen Notgemeinschaft Weidenreichs Unterordnung unter den Gesamtansatz erwarten. Drittens wusste Fischer von Weidenreichs Bekanntschaft mit Boas und erhoffte sich dadurch eine Minderung der Skepsis Amerikas gegenüber der deutschen Rassenanthropologie. Nachdem Weidenreich nicht ausreichend Geld für seine Forschungen zur Verfügung hatte, versucht er in den USA, vor allem in New York, jüdische Kreise für sein Vorhaben zu gewinnen und betonte, dass es neben dem anthropologischen auch ein politisches Interesse wäre, dem zunehmenden „Rassenunfug zu Leibe zu rücken“ (264). Ab 1931 kritisierte Weidenreich die Rassenanthropologie - und vor allem die Behauptungen über die ‚jüdische Rasse‘ - sehr scharf und erklärte die Rassen zu einem „leeren, biologisch gänzlich unfassbaren Begriff“ (267). Die politische Situation veranlasste Weidenreich Deutschland zu verlassen und er erhielt im April 1934 eine Professur in Chicago. Seine Pläne zur Institutsgründung behielt er bei und legte ein Exposee für ein Wissenschaftliches Institut zur Erforschung der Judenfrage vor. Dort spricht er in Gegensatz zu 1931 von einer ‚jüdischen biologischen Gemeinschaft‘, von einem unzweifelhaft erkennbaren ‚jüdischen Typus‘. Lipphardt interpretiert Weidenreichs Wandlung auch als Anpassung an die in Amerika weit verbreitete Meinung der physischen Ungleichheit verschiedener Rassen. Ein abschlägiges Schreiben von Boas verdeutlichte Weidenreich die - für ihn neue – Skepsis gegenüber einem derartigen von jüdischer Seite initiierten Projekt. Juden und Jüdinnen, so die Meinung, könnten dem sogenannten Rassenproblem offenbar nicht unvoreingenommen gegenüber stehen. Lipphardt zitiert ein von Weidenreich nach dem Krieg verfasstes Memorandum, in dem er auch die Wissenschaft für die Verbrechen des Nationalsozialistischen Regimes verantwortlich machte.

Wilhelm Nußbaum konnte als einziger seine Pläne zur Institutserrichtung zu verwirklichen: die Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Erbforschung und Eugenik (später Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Erbforschung und Erbpflege) von 1933-1935; eine Erbbiologische Sprechstunde im Jüdischen Krankenhaus und in seiner Praxis in Berlin 1934; die Gesellschaft für Jüdische Erbforschung und Erbpflege 1934/35, mit jedoch lediglich einer Sitzung. Bezüglich seiner wissenschaftlichen Ansichten stimmte er mit Lenz und Fischer überein, dass die Juden/Jüdinnen keine eigene Rasse sondern ein ‚Rassengemisch‘ seien, betreffend die gegenwärtige Situation stellte sich aber die Frage, ob die jüdische Bevölkerung in Deutschland als biologische isolierbar oder integrierbar zu betrachten wären. Selektion und Vererbung, die Nußbaum nicht als ausschließende Gegensätze ansah, wurden zum Ausgangspunkt seiner Forschung, welche anthropologische Familienerhebung, Volkszählung, Zwillingserhebung und erbbiologische Stammbäume der jüdischen Bevölkerung beinhaltete und 1933 mit der Gründung des Instituts Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Erbforschung und Eugenik in die Tat umgesetzt wurde. Die Zustimmung des Innenministerium zum Institut basierte zum einen darauf, dass Nußbaum eugenische Argumente hervorstrich, zum anderen erhoffte sich das Innenministerium Informationen über die deutsch-jüdische Bevölkerung, die von staatlicher Seite nur gegen massiven Widerstand erhoben hätten werden können. Schließlich wollte Nußbaum die gesamte jüdische Bevölkerung in seine Forschung miteinbeziehne. Kritik an seinem Projekt richtete sich entweder an der Frage der behördlichen Genehmigung oder an der finanziellen Undurchführbarkeit. Franz Weidenreich und Stefanie Oppenheim, die Nußbaum zur wissenschaftlichen Mitarbeit bewegen wollte, blieben zurückhaltend und warnten davor, die Arbeit ohne behördliche Genehmigung zu beginnen. Die Unterstützung von nicht-wissenschaftlicher Seite, z.B. von Theologen, wie den Rabbinern Leo Baeck und Joachim Prinz, sollte Nußbaum eine größere Akzeptanz seines Instituts bringen. Nußbaum erhielt auf eine Anfrage an Rabbiner, ihm anthropometrische und erbbiologische Auskünfte über sich und die Gemeinde zu geben, teils zustimmende teils ablehnende Antworten. Lipphardt beschreibt ausführlich Nußbaums Datenerhebung: aufgrund der Nummerierung konnten alle erhobenen Daten – Fotografien, Psychobiogramme, Zwillingsfragebogen, Geschwisterfragebogen, Fragebogen über Geburten (einschließlich Totgeburten), Menstruation sowie ein psychologischer Fragebogen für Kinder. Schon im Spätsommer 1934 begann Nußbaum mit der Auswertung der Daten und kam zu folgenden Ergebnissen: Es besteht eine hochgradige Verwandtschaft der deutschen Jüdinnen und Juden mit der zentraleuropäischen Bevölkerung. Anstatt Umwelteinflüsse nahm Nußbaum hierfür Eheschließungen und eine gewisse Kreativität an. Um herauszufinden, ob es wirklich erbbeständige Merkmale der jüdischen Bevölkerung gibt, räumte er der Zwillingsforschung einen großen Stellenwert bei und brachte seine Ergebnisse auf dem Internationalen Kongress für Anthropologie und Ethnologie 1934 in London ein. Die genealogischen Umfragen - ein Teilprojekt- erreicht besonders hohe Resonanz. Nach einem in jüdischen Zeitschriften veröffentlichten Aufruf vom April 1934 hatte bis Juli 1934 bereits 250 Familien ihre bis zum Jahr 1700 und 500 Familien ihre bis zum Jahr 1800 zurückreichenden Stammbäume eingereicht. In der Folge weitete Nußbaum seine Aktivitäten über Berlin aus, Filialgründungen in anderen Städten waren vorgesehen, Erbbiologie sollte an jüdischen Schulen gelehrt werden. Weiters korrespondierte Nußbaum mit holländischen und polnischen jüdischen Gemeinden zum Austausch der demografischen Daten. Insgesamt fielen die Reaktionen des deutsch-jüdischen Publikums auf Nußbaums Aktivitäten gemischt aus. Die bereits erwähnte Erbbiologische Sprechstunde – von der Ärztekammer im Oktober 1934 genehmigt – war eine Beratungsstelle, in der sich Jüdinnen und Juden vor der Eheschließung, Fortpflanzung, Adoption eines Kindes, aber auch vor der Berufswahl oder dem Berufswechsel eugenisch beraten lassen sollten. Sie wurde im jüdischen Krankenhaus sowie später in Nußbaums eigener Praxis eingerichtet. Schließlich fand im November 1934 trotz großer Bedenken seitens der prospektiven Mitglieder die konstituierende Sitzung der Gesellschaft für Jüdische Erbforschung und Erbpflege, gegen die das Reichsinnenministerium keinerlei Einwände hatte, solange es sich um eine private Angelegenheit handelte. Nußbaums Idee war durch Heiratsverbote, Gesundheitsatteste, Ehestandsdarlehen für gesunde Juden und Jüdinnen dem möglichen Aussterben der deutschen jüdischen Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Abschließend unternimmt Lipphardt eine Einordnung von Nußbaums Forschungen, immerhin gründete er im nationalsozialistischen Deutschland eine Institution, die 1100 Jüdinnen und Juden erbbiologisch, anthropologisch, medizinisch und genealogisch untersuchte, damit lieferte er dem politischen Regime Daten, die dieses wohl kaum in so kurzer Zeit erlangt hätte. Es gibt allerdings keine Hinweise, dass Nußbaum Daten über seine ProbandInnen an die Gestapo oder an eine andere staatliche Stelle oder auch andere KollegInnen weitergegeben hätte. Sein allerwichtigstes Anliegen war es den in Deutschland bedrängten Jüdinnen und Juden zu helfen. Lipphardt findet Nußbaums Sichtweise der Folgen der nationalsozialistischen Gesetzgebung für Juden und Jüdinnen bemerkenswert, einerseits führen die Gesetze zur reproduktiven Isolation, zu erzwungener Inzucht und damit zu Degeneration, andererseits sah er darin auch die Chance, Verständnis für die Eugenik zu wecken. Für Lipphardt bemühte sich Nußbaum sehr nahe an den deutschen biowissenschaftlichen und anthropologischen Diskursen zu bleiben, er widersprach jenen einzelnen Elementen der deutschen Rassenlehre, die der Integration der jüdischen Bevölkerung entgegenstanden. Mit dieser wissenschaftlichen Nähe weist er sich auch als Student des biowissenschaftlichen Denkkollektives der späten Weimarer Republik aus.

Gemeinsam sind allen drei gelungenen oder nicht gelungenen Plänen: (1) Institutsgründungen mit mehreren Filialen, wobei die Lokalisation vor 1933 im Deutschen Reich vorgesehen war, danach aber außerhalb. (2) Die zunehmend bedrohliche Lage für die jüdische Bevölkerung ab 1933 verstärkte den Bedarf an Institutionen, die der rassenbiologischen Herausforderung begegneten. Wobei die Gründung von Privatinstituten auch eine Möglichkeit bot, der antisemitischen Diskriminierung zu entgehen. (3) Die MitarbeiterInnen der Institute sollten entweder jüdisch oder rassisch verfolgt sein. (4) Forschungsgegenstand waren Jüdinnen und Juden. Unterschiede beziehen sich auf das Berufsalter: Während Zollschan und Weidenreich ihre Institute als Abschluss eines Berufslebens planten, hatte Nußbaum seine Karriere noch vor sich. Er gehörte zur jüngeren Generation von Studierenden, deren Studium kaum mehr neolamarckistische, sondern darwinistische und eugenische Inhalte hatte. Das Interesse der jüdischen Bevölkerung im Ausland am Forschungsgegenstand wurde offenbar falsch eingeschätzt: besonders Zollschan und Weidenreich waren sich des Antisemitismus in Frankreich, England und den USA nicht bewusst. Ein von jüdischen SponsorInnen finanziertes Institut, an dem jüdische WissenschafterInnen die jüdisch Biologie untersuchen, um damit der nationalsozialistischen Rassentheorie entgegenzutreten, hätte wohl kaum als objektive Forschung gegolten.

Diskussion und Fazit

Lipphardt zeigt die Bemühungen der jüdischen Wissenschaft einem Rassenkonzept, das Juden und Jüdinnen als minderwertig definiert, mit biologischen Gegendiskursen zu begegnen. Wobei das Spektrum von totaler Ablehnung jeglicher Rassenkonzepte bis zur Definition der ‚jüdischen Rasse‘ als inferior reichte. Die Teilnahme an der Debatte war allerdings an die Akzeptanz bestimmter Aussagen gegenüber der jüdischen Bevölkerung geknüpft. Erstens die Zuschreibung von gewissen körperlichen und physischen Eigenschaften, Krankheiten oder Immunitäten. Zweitens wurde Juden/Jüdinnen hinsichtlich ihrer verwandtschaftlichen Nähe zu anderen Gruppen ein bestimmter Platz in der biologischen Ordnung der Menschen zugewiesen. Drittens bedeuteten Aussagen über Juden/Jüdinnen als Beispiele für Vererbung, sogenannte ‚Rassenreinheit‘ und ‚Rassenmischung‘. Im Unterschied zu den meisten BiowissenschafterInnen mit jüdischem Hintergrund versuchten jene mit nichtjüdischem Hintergrund Juden und Jüdinnen weiterhin der biologischen Logik einer unabänderlichen Rasse zu unterstellen. Um Juden und Jüdinnen der biologischen Logik zu entziehen ohne den Rahmen der Biologie zu verlassen, wählten jüdische BiowissenschafterInnen den Weg der Eugenik. Dies ermöglichte außerdem die Anbindung an internationale Diskussionen. Zur Nicht-Stellungnahme der Frage einer sogenannten jüdischen Rasse zitiert Lipphardt einen Vorwurf des konservativen Botanikers Friedrich Merkenschlager, der 1933 aus dem Reichsdienst entlassen wurde, weil er gegen die vom Nationalsozialismus vertretene Rassenlehre aufgetreten war. „Es ist leichter, Sympathie von ferne bei steter Rückzugsbereitschaft ohne Bekennermut zu üben und Antipathie mit der kalten Methode des Totschweigens auszudrücken, als sich aufzumachen, hinzugehen und die Dinge beim Namen zu nennen.“ (309) Lipphardt sieht in der Rassenforschung jüdischer BiowissenschafterInnen keine tragische Fehleinschätzung, auch wenn das Vokabular aus heutiger Sicht als rassistisch bezeichnet wird, machten die „Autoren (…) keine Anleihen bei Akteuren, die damals als rassistisch galten, sondern eher einer wissenschaftlichen Fachsprache, die nicht als rassistisch galt“ (314). Dies zeigen Weidenreich und Nußbaum, für die die letztliche Konsequenz der NS-Rassenpolitik nicht absehbar war. Nach 1933 (in Österreich bis 1938) sahen nichtjüdische WissenschafterInnen keine Notwendigkeit zur ‚Biologie der Juden‘ weitere Forschungen anzustellen.

Die Stärke von Lipphardts Arbeit ist es, gleiche Diskussionen aus und mit verschiedenen Blicken zu beleuchten. Die Notwendigkeit sich mit der Geschichte der Debatte über die ‚Biologie der Juden‘ zu beschäftigen zeigen rezente Studien, die z.B. eine genetisch bedingte Veranlagung der ‚aschkenasischen Juden‘ zu besonderer Intelligenz und zugleich erblicher Geisteskrankheit behaupten. Die Frage nach dem sogenannten ‚jüdischem Hintergrund‘ kann nicht mit einer Antwort geklärt werden und die Diskussion ist nicht zu Ende. „Es gibt keinen zeitlos gültigen wahren ‚Kern‘ der Biologie, der lediglich von politischen zeitgenössischen Interessen instrumentalisiert wurde.“ (316) In diesem Sinne schließt Lipphardt mit der Forderung nach einem sorgfältigen Nachdenken über jene Geschichten, die uns wissenschaftliche ExpertInnen erzählen.


Rezensentin
Dr. Aurelia Weikert
Sozialanthropologin und Politikwissenschafterin. Vortrags- und Autorinnentätigkeit zu den Themen Bevölkerungspolitik, Bioethik, Eugenik, Frauengesundheit, Fortpflanzungs- und Gentechnologien, Körperpolitik. Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Mitarbeiterin bei Miteinander Lernen - Birlikte Ögrenelim, Beratungs-, Bildungs- und Psychotherapiezentrum für Frauen, Kinder und Familien
Homepage www.aurelia-weikert.at
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Zitiervorschlag
Aurelia Weikert. Rezension vom 02.11.2009 zu: Veronika Lipphardt: Biologie der Juden. Jüdische Wissenschaftler über "Rasse" und Vererbung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-525-36100-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7738.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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