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Annemarie Jost: Rhythmen der Kommunikation

Cover Annemarie Jost: Rhythmen der Kommunikation. Wie zwischenmenschliche Abstimmung gelingt. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. 191 Seiten. ISBN 978-3-525-40417-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Erster Überblick

Uhren takten Zeit und geben Orientierung, in welcher Stunde eines Tages man sich befindet. Menschen „nehmen“ sich Zeit oder leben in dem Gefühl, „keine“ zu haben. Dabei müssen sie warten oder fühlen sich gedrängt. Solange sie dies allein für sich entscheiden, stört dies wenig. Werden aber solche Gefühle in Beziehungen und Kommunikation sowie Aushandlungsprozessen lebendig, können sie eher hinderlich wirken und zu Missverständnissen oder gar zum Misslingen von Kommunikation führen. Eine Brücke kann dann über „Zeitliche Feinfühligkeit“ geschlagen werden. Aber woher kommt sie? Wie entsteht sie? Kann man sie erlernen? Was hindert Menschen daran, sie zu erwerben oder sie hinreichend zu nutzen? Welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche, kulturelle und persönliche Faktoren? Wie wichtig ist die Achtsamkeit, Aufmerksamkeit bzw. „zeitliche Feinfühligkeit“ für Berufsfelder, in denen das Hauptwerkzeug die Kommunikation mit Menschen ist? Wie kann praktisch und bewusst damit umgegangen werden?

Mit diesen Fragen setzt sich die Autorin intensiv auseinander und regt dazu an, sich mit seiner persönlichen Art und Weise (beruflich wie privat) der zeitlichen Abstimmung mit anderen auseinanderzusetzen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. Annemarie Jost ist Psychiaterin und Professorin für Sozialmedizin mit dem Schwerpunkt Sozialpsychiatrie und Suchterkrankungen am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Lausitz in Cottbus. Sie beschäftigt sich bereits seit geraumer Zeit mit Fragen der Zeit. In ihrem ersten Buch: „Zeitstörungen“ nähert sie sich dem Thema naturwissenschaftlich, philosophisch und gibt Anregungen, wie der Umgang mit Zeit in der Psychiatrie und im Alltag erklärt und verstanden werden kann, sowie welche Konsequenzen daraus erwachsen. Über die qualitative Beforschung von Videodokumentierten Abstimmungsprozessen zwischen an Demenz erkrankten Menschen und ihren Helfern, ergründet sie diese Problematik in Mikrosystemen und entwickelt, gemeinsam mit Kollegen und Studenten methodische Möglichkeiten, um Abstimmungsprozesse zwischen Angehörigen und Erkrankten sowie Helfern und Erkrankten zu erleichtern. Die Erkenntnisse aus dieser Forschung und ihrer gezielten Auseinandersetzung mit „Zeitfragen“ hat sie in ihrem zweiten Buch niedergelegt.

Adressaten

Jeder der über „schnell oder langsam“, Zeit haben oder nicht haben, Stress und Entspannung und eigene Lebensrhythmen nachdenkt, oder von Berufswegen damit zu tun hat, sollte sich von diesem Buch inspirieren lassen. Es ist sprachlich so gehalten, dass es auch für Nicht-Fachleute verständlich ist und viele Anregungen für die tägliche Kommunikation mit anderen bereithält. Darüber hinaus sind insbesondere Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialwesen, in der Pädagogik sowie in der Politik Tätige angesprochen.

Aufbau und Inhalte

Der Leser hat in dem Buch die Möglichkeit, im Rahmen von drei Teilen, Antworten auf die eingangs gestellten Fragen zu finden. Dabei wird in der Einführung auf das Anliegen der Autorin verwiesen, die direkte mitmenschliche zeitliche Abstimmung in ihren Möglichkeiten und Grenzen ins Blickfeld der Aufmerksamkeit zu rücken. Eine Grundthese ist, dass die in der Kindheit gebildeten und im Erwachsenenalter sich verfestigten zeitlichen Strukturierungen, die Vergleichsgrundlage bieten, auf die Wahrnehmungen bezogen und auf deren Basis mitmenschliche Abstimmungen aktiviert werden. Zudem verweist die Autorin darauf, kritisch und ressourcenorientiert sowie aus einer interdisziplinären Perspektive für das Thema sensibilisieren zu wollen, weil sich daraus Möglichkeiten eines wertschätzenden zwischenmenschlichen Umganges ergeben können und eine entsprechende Kultur gefördert werde. Das Buch umfasst dabei folgende drei Teile:

  • Die Entstehung von Zeitgestalten im Laufe eines Lebens: Hier wird die entwicklungspsychologische Beschreibung, beginnend von der frühkindlichen bis hin zur Weiterentwicklung von Rhythmen im Erwachsenenalter beschrieben. Diese werden auf die Ebenen; Denken, Fühlen und Handeln bezogen und in ihrer Veränderbarkeit und Dynamik verdeutlicht. Einflüsse dieser herausgebildeten Rhythmen zeigen sich später in den zwischenmenschlichen Kommunikationen, und werden auch hier noch weiter modifiziert. Damit bezieht die Autorin ein Verwiesensein der Menschen auf die Umwelt und die konstituierenden sozialen und kulturellen Komponenten bei der Entwicklung von Zeitgestalten, Ordnungsprinzipien und Zeitstrukturen in die Argumentation mit ein.
  • Zeitliche Abstimmung genauer betrachtet: In dem Teil werden die Voraussetzungen (Kultur der Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Kooperationsbereitschaft und Wertschätzung) und andere Einflussgrößen (Abstimmung von Geschwindigkeit, Macht und Kontrolle, Kopplung und Kontinuität, Themen-, Ebenen und Fokuswechsel, Ziele, Parallelität und Konzentration, Individuelle Zeitstrategien und Konflikte), sowie Strukturen (Handlungsbögen und -dynamik) für das Konzept der „zeitlichen Feinfühligkeit“ diskutiert. Zudem definiert die Autorin das Konzept und beschreibt es in seinen Bestandteilen. Anschließend wird über einen gesellschaftlichen Exkurs der gesellschaftliche, kulturelle und politische Stand des Umgangs mit Zeitstrukturen und Abstimmungsprozessen kritisch und ressourcenorientiert beleuchtet.
  • Konzepte für die Praxis: Im letzten Teil werden praktische Anregungen für Workshops und Bildungsveranstaltungen zur Einführung und Umsetzung des Konzeptes der „zeitlichen Feinfühligkeit“ vermittelt. Hierzu werden Bespiele für Einführungsworkshops (Schnell oder Langsam mit der methodischen Möglichkeit des fishbowl), ein Training für (Ehe)Paare, die Elternberatung oder Schulungen für freiwillige und professionelle Helfer oder Angehörige von an Demenz erkrankten Menschen entworfen.

Diskussion

Das Buch bietet eine klare Struktur in seinen drei Teilen und einen interdisziplinären Zugang zum Thema der Achtsamkeit und Feinfühligkeit in zeitlich abzustimmenden Kommunikationsprozessen. Das führt dazu, immer wieder auf verschiedene Weise inspiriert zu werden, sowohl die kulturkritische, postmoderne und philosophische Perspektive, als auch Subjektorientierte, (entwicklungs-) psychologische Perspektive einzunehmen. Dies darf getrost als das Besondere dieses Buches hervorgehoben werden, weil vergleichsweise wenig aus beiden Perspektiven heraus publiziert wurde. Dabei ist es nicht das Anliegen der Autorin auch für beide Bereiche (komplette) Lösungen anzubieten, sondern sie wendet sich in ihren Angeboten zunächst an diejenigen, die in Mikrosystemen damit arbeiten. Für Politiker, Mediengestalter, gesellschaftliche Institutionen, Wirtschaft etc. findet sich ein Anstoß, die derzeitige Situation um die Kultur der Kommunikation und Aushandlungsprozesse wahrzunehmen. Lösungen bleiben die Herausforderung für die in diesen Bereichen Tätigen. Auch die sprachliche Umsetzung ist an dieser Stelle besonders hervorzuheben, denn die Autorin verzichtet auf umständliche Sätze und erklärt die von ihr verwendeten Fremdwörter, so dass lesen Spaß macht und Kurzweil entsteht.

Fazit

Ein lohnens- und lesenswertes Buch.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 29.06.2009 zu: Annemarie Jost: Rhythmen der Kommunikation. Wie zwischenmenschliche Abstimmung gelingt. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-525-40417-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7749.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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