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BAG der Freien Wohlfahrtspflege e.V.: Die Freie Wohlfahrtspflege. Profil und Leistungen

Cover BAG der Freien Wohlfahrtspflege e.V.: Die Freie Wohlfahrtspflege. Profil und Leistungen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2002. 208 Seiten. ISBN 978-3-7841-1431-6. 12,80 EUR.
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Das Thema

Im Kontext wettbewerblicher Entwicklungen innerhalb eines nationalen und europäischen Sozialmarktes stehen die deutschen Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege verstärkt unter dem Druck, ihre Leistungen nachzuweisen und öffentlich zu präsentieren. Diese Nötigung nährt sich aus verschiedenen Quellen. Es ist zum einen die sozialgesetzlich relativierte und inzwischen weitgehend neutralisierte Vorrangstellung frei-gemeinnütziger Träger und die Anerkennung privat-gewerblicher Träger als gleichberechtigte Akteure in der Sozialen Arbeit. Diese neue sozialpolitische Orientierung wurde erstmals mit der Verabschiedung des Pflegeversicherungsgesetzes 1994 erkennbar und schlägt sich inzwischen in allen Sozialgesetzen nieder. Zum anderen wirken europäische Rechtsentwicklungen auch auf die Ausgestaltung nationaler Sozialsysteme und die damit verbundenen Handlungsbedingungen. Insbesondere für die Vertreter des deutschen Sozialkorportismus haben diese Entwicklungen zur Folge, bisherige Privilegierungen und staatliche Subventionierung nicht mehr in gleicher Weise gegenüber anderen Anbietern aufrechterhalten zu können. Denn überall dort, wo privat-gewerbliche Organisationen wettbewerbliche Nachteile gegenüber den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege konkret belegen können und auf dieser Basis bei den europäischen Institutionen Beschwerde einlegen oder gar den Klageweg beschreiten, erfolgen Rechtsentscheidung zugunsten eines "freien" und "unverfälschten" Wettbewerbs. Eine dritte Quelle lässt sich identifizieren. Es ist die gewachsene wissenschaftliche Beschäftigung mit der Rolle von Wohlfahrtsverbänden und Non-Profit-Organisationen im Rahmen einer um sich greifenden "Dritte-Sektor-Forschung". War das sozialwissenschaftliche und empirische Interesse an der Rolle und gesellschaftlichen Funktion von Wohlfahrtsverbänden noch in den 80er und beginnenden 90er Jahren des vorherigen Jahrhunderts gering, so hat sich diese Ausgangslage inzwischen entscheidend verändert. Quantitativ und qualitativ gelingt zunehmend besser der empirische Zugang gegenüber dem Forschungsobjekt "Wohlfahrtsverbände" und die damit verbundenen Erkenntnisse fallen in der Regel verbändekritisch aus. In der Summe erklären die vorgenannten Faktoren, weshalb es innerhalb der Verbände der freien Wohlfahrtspflege ein verstärktes Interesse gibt, sich "nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen" und die öffentliche Kommunikation über sich selbst nicht anderen, also den (vermeintlichen) Kritikern zu überlassen. Gefragt und erforderlich sind damit Strategien einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit, die sowohl innerhalb der einzelnen Verbände spezifisch verfolgt werden als auch in eher allgemeinerer Form durch die Lobbyorganisationen auf der kommunalen, Länder- und Bundesebene betrieben werden.

Der Herausgeber / der Hintergrund

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) ist der bundesweite Zusammenschluss der Spitzenverbände Caritasverband, Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz sowie der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Entstanden ist diese Lobbyorganisation schon zu Beginn der Weimarer Republik. Zunächst unter dem Namen "Reichsarbeitsgemeinschaft der Hauptverbände der Freien Wohlfahrtspflege", später umbenannt in "Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege". Vorrangiges Ziel war es, die mit der Durchsetzung des demokratischen Verfassungsstaates ebenfalls anvisierte Verstaatlichung und Kommunalisierung der Wohlfahrtspflege zu verhindern und den Einfluss "freier" (d.h. nicht-staatlicher) Organisationen auf die Ausgestaltung des Sozialwesens weiterhin zu sichern. Wohlfahrtspflege sollte Angelegenheit "freier" Träger bleiben, was im damaligen Kontext hieß, den Einfluss vor allem konfessioneller Träger zu sichern. Dass dieser Option sich die Arbeiterwohlfahrt verweigerte und deshalb an diesem lobbyistischen Zusammenschluss nicht beteiligte, wundert nicht. Erst in der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg trat die AWO der sich ab 1961 nennenden "Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege" bei. Als lobbyistischer Zusammenschluss unterhält die BAGFW keine eigenen Einrichtungen und Dienste, sie nimmt auch keine konkreten Servicefunktionen für ihre Mitgliedsverbände wahr. Im Vordergrund stehen vielmehr Aufgaben der sozialpolitischen Interessenvertretung gegenüber Politik und Gesellschaft, was vor allem heißt, sich in die sozialgesetzlichen Gesetzgebungsverfahren frühzeitig einzubringen. Diese Aufgabe stellt sich seit Beginn der 90er Jahre verstärkt auch auf europäischer Ebene. Neben der BAGFW bestehen in den einzelnen Bundesländern eigenständige Landesarbeitsgemeinschaften und auf der kommunalen, regionalen Ebene haben sich ebenfalls eigenständige örtliche Arbeitsgemeinschaften der Wohlfahrtspflege herausgebildet. In Anlehnung an die Weimarer Tradition tragen die Arbeitsgemeinschaften zum Teil den Namen "Liga der Wohlfahrtsverbände".

Der Inhalt

Das Buch präsentiert die Leistungen der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege als unverzichtbare Säule des bundesrepublikanischen Sozialstaatsmodells und argumentiert unter der zeitgeistgeprägten Chiffre "Zivilgesellschaft" für eine Beibehaltung dieser als erfolgreich angesehenen Entwicklung.

In insgesamt acht Hauptkapiteln werden folgende Themen behandelt:

  1. Einleitung
  2. Gesellschaftliche Entwicklungen im Rahmen einer europäischen Zivilgesellschaft
  3. Menschen und ihre Lebenslagen: Orientierungspunkt für die Freie Wohlfahrtspflege
  4. Das Selbstverständnis der Freien Wohlfahrtspflege
  5. Die Leistungen der Freien Wohlfahrtspflege
  6. Beitrag der Freien Wohlfahrtspflege zu Wohlfahrt und Beschäftigung
  7. Die Freie Wohlfahrtspflege als Mitgestalter eines sozialen Europas
  8. Die einzelnen Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege

Die Darstellung des Bereichs "Freie Wohlfahrt" erfolgt in allgemeiner und summarischer Form. Referiert werden die seit den 90er Jahren veränderten Rahmenbedingungen auf nationaler und europäischer Ebene und die sich hierbei stellenden Herausforderungen für die Verbände freier Wohlfahrtspflege. Das Selbstverständnis der Verbände in ihrer gleichzeitigen Funktionswahrnehmung als Gemeinwohlagentur, Anwalt für sozial ausgegrenzte Personengruppen und Dienstleistungserbringer wird hierbei nicht nur als die gemeinsame und verbandsübergreifende "corporate identity" der freien Wohlfahrtspflege präsentiert, sondern ebenso retrospektiv als Motivbündel auf die Entstehungsgeschichte der Verbände bezogen. Das was die Freie Wohlfahrtspflege aktuell leistet, wird überwiegend in zusammenfassenden statistischen Angaben präsentiert. Konkretere Leistungsangaben beziehen sich auf die Handlungsbereiche Behindertenhilfe, Tageseinrichtungen für Kinder, Behandlung in Krankenhäusern, stationäre und ambulante Altenpflege, Suchthilfe und einige weitere ausgewählte soziale Hilfen. Von überwiegend zusammenfassendem Charakter bleiben auch die Angaben zum Thema "freiwilliges Engagement", wobei auf die Ergebnisse allgemeiner Studien sowie teilweise auf Ergebnisse verbandlicher Untersuchungen Bezug genommen wird. Den sozialstatistischen Angaben folgt eine zusammenfassende Kurzdarstellung der einzelnen Spitzenverbände.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich ganz offensichtlich an eine allgemeine Öffentlichkeit sowie an politische Entscheidungsträger, die in ihrer Haltung gestärkt oder neu überzeugt werden sollen, den organisatorischen und institutionellen Besitzstand der freien Wohlfahrtspflege auch zukünftig zu sichern. Ebenso richtet sich der Text an die Akteure und Entscheider in den Verbänden selbst, die durch das vorliegende Buch eine argumentative Unterstützung für ihre Arbeit erhalten dürften.

Fazit

Das Buch ist ein Selbstdarstellungs- und Werbetext der Verbände freier Wohlfahrtspflege, wogegen nichts einzuwenden ist. Wenig ergiebig ist die vorliegende Veröffentlichung allerdings für ein Publikum, das an konkreteren Details interessiert ist und erwartet, auch verbändevergleichende Informationen zur Tätigkeit der Spitzenverbände zu erhalten. Diese Transparenzerwartung dürfte durch den Text gründlich enttäuscht werden. Für den wissenschaftlichen Bereich ist der Text unter ideologiekritischen Gesichtspunkten durchaus lohnenswert, zumal sich hier Strategiepositionierungen erkennen lassen, die auf der Adaption von Ergebnissen wissenschaftlicher Diskurse zur Verbändeforschung beruhen und diese interessenspolitisch instrumentalisieren.


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Boeßenecker
bis 2009 Leiter des FSP Wohlfahrtsverbände / Sozialwirtschaft der Hochschule Düsseldorf; Prof. am Zentrum für Planung und Organisation sozialer Dienster, Universität Siegen; Prof. für Sozialmanagement an der Hochschule des DRK Göttingen (nicht mehr bestehend!); hauptamtlicher Dekan a.D./Vizepräsident und Professor für Verwaltungs- und Organisationswissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Fakultät Wirtschaft und Soziales, seit 2011 im Ruhestand. Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg. Nebenberuflicher Direktor am Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft – IZGS - der Evangelischen Hochschule Darmstadt, www.izgs.de. Inhaber und Leiter des Instituts für sozialwissenschaftliche Politik- und Organisationsberatung – ISP – Köln
Homepage www.izgs.de
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Boeßenecker. Rezension vom 01.04.2003 zu: BAG der Freien Wohlfahrtspflege e.V.: Die Freie Wohlfahrtspflege. Profil und Leistungen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2002. ISBN 978-3-7841-1431-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/775.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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