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Barbara Hobl: Unannehmbar-Sein. Kindliche Identität im Dialog

Cover Barbara Hobl: Unannehmbar-Sein. Kindliche Identität im Dialog. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 159 Seiten. ISBN 978-3-531-16330-7. 19,90 EUR.
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Thema

Immer mehr Kinder werden in unserer Gesellschaft mit professionellen Diagnosen versehen und entsprechend in ein Hilfesystem eingeordnet – weil sie, so Barbara Hobl, „stören“. Die vorliegende Publikation beschäftigt sich mit Fragen nach biographischen und identitätsrelevanten Konsequenzen stigmatisierender Diagnosen wie „verhaltensauffällig“ oder „psychisch gestört“. Die Autorin geht davon aus, dass „für Kinder, die mit professionellen Psychodiagnosen konfrontiert sind und ihre Eltern verzweifelt sagen hören „Mit meinem Kind stimmt etwas nicht!“ die Identität zu einer extremen Herausforderung wird: Ihre Identität wird unannehmbar“ (S.11). Unter Bezugname auf zahlreiche Theoriezusammenhänge arbeitet Barbara Hobl eine neue Sichtweise auf kindliches Störverhalten heraus sowie ein (visionäres) Modell eines neuen Hilfesystems, das nicht stigmatisierend auf seine KlientInnen wirkt.

Autorin

Barbara Hobl ist Psychologin im Wichern Zentrum München. Sie arbeitet dort in einer speziellen Einrichtung, die sich durch die konzeptionelle Verzahnung von Jugendhilfe und Schule auszeichnet. Darüber hinaus will diese Einrichtung Raum für professionelle Dialoge im Team und auch mit ihren KlientInnen, Kinder im Grundschulalter und ihre Familien, bieten. Die Autorin versteht sich selbst als „Praktikerin mit großem Interesse an wissenschaftlichen Diskursen […] oder Theoretikerin, die ‚die Praxis‘ schätzen gelernt hat“ (S.10).

Entstehungshintergrund

Die Autorin berichtet auf den ersten Seiten ihres Buches, dass ihre praktische Arbeit mit Kindern, die in der Regel als „verhaltensauffällig“ oder in irgendeiner Form „psychisch gestört“ diagnostiziert waren, viele Fragen für sie aufgeworfen haben, die zur vertieften theoretischen Beschäftigung mit dem Thema Identität und letztendlich zur Veröffentlichung dieser Publikation geführt haben.

Aufbau

Die Veröffentlichung unterteilt sich in ein persönliches Vorwort der Autorin, fünf theoriebezogene Kapitel und einen abschließenden Epilog. Eine Besonderheit des Buches ist, dass der Textfluss nach dem ersten Kapitel zugunsten einer ca. dreißigseitigen Bilderreihe unterbrochen wird. Auf den Bildern sind Kinder zu sehen, mit denen die Autorin über mehrere Jahre gearbeitet hat. LeserInnen werden zur aktiven Betrachtung aufgefordert, „Schauen Sie die Kinder und ihren eigenen Blick gleichzeitig an. Was sehen Sie in den Kindern? Was erfahren Sie von den Kindern? Was lösen die Bilder bei Ihnen aus? Und umgekehrt: Schauen Sie den Blick der Kinder und sich selbst gleichzeitig an. Fragen Sie sich dann, wie diese Kinder schauen, Sie anschauen, was die Kinder sehen. Worauf weisen Sie diese Kinder hin? Welcher Blick offenbart Ihnen was?“ (S. 12).

Als weitere Besonderheit ist die von der Autorin gewählte, für wissenschaftlich orientierte LeserInnen gewöhnungsbedürftige Ansprache und Miteinbeziehung der LeserInnen hervorzuheben: Die meisten Inhalte sind in der Wir-Form geschrieben, mit „wir“ sind, wie im Vorwort erklärt wird, die Autorin und die LeserInnen gemeint.

Inhalte

In Kapitel 1 erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff. Die Autorin geht dabei schrittweise vor. Sie wendet sich zuerst der Psychoanalyse und der Objektbeziehungstheorie zu (Donald Winicott, Stephen Mitchell, Jessica Benjamin) mit der Frage, wie und wann Identität beginnt oder entsteht, geht dann weiter zu Identitätstheorien des symbolischen Interaktionismus (G.H. Mead, Lothar Krappmann) um das prozesshafte an der Identität und den Bezug zur Gesellschaft herauszuarbeiten. Weiter geht die Autorin der Frage nach Postmoderne und Identität nach und arbeitet daran die Wichtigkeit von Identitätsarbeit für das Postmoderne Individuum heraus. Im letzten Schritt wird der Identitätsbegriff vom Begriff der Psyche abgegrenzt: Identität verweist demnach auf einen distanten Dialogprozess, Psyche auf einen leiblich sinnlichen Differenzierungsprozess (S. 33).

Entsprechend wird am Ende des ersten Kapitels zusammengefasst, wie der Identitätsbegriff im Weiteren genutzt werden soll: Identität als Prozess, Identität als Dialog, Identität als ein über Sprache transportierter Prozess (S. 34).

Die Bilderreihe, die die Autorin zwischen Kapitel eins und zwei platziert hat wird durch eine kurze Geschichte aus der Praxis der Autorin eingeleitet. Darauf folgen 32 sehr unterschiedliche Fotografien von Kindern und ihrer Schulumgebung.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit der Identitätsarbeit von Kindern. Die Autorin stellt zu Beginn des Kapitels die Frage „Was ist ein gestörtes Kind?“ und arbeitet heraus, dass nicht das Kind, sondern der zwischenmenschliche Prozess unter einer Störung leidet, bzw. der Identitätsprozess des Kindes, da die bereitgestellten Dialogangebote für das Kind nicht akzeptabel sind. Weiter beschäftigt sich die Autorin mit dem Thema Biographie und Stigmatisierung, sowie den Zusammenhang zwischen einer riskanten Biographie und der kindlichen Identität.

In Kapitel 3 erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Kindheitsbild der neueren Kindheitsforschung, die dann überleitet zur Frage nach sozialen Einrichtungen für störende Kinder. Die Autorin kritisiert die Verknüpfung einerseits von Hilfe mit stigmatisierenden Zuschreibungen und andererseits Nicht-Hilfe mit einer reibungslosen Identitäts- und Biografiearbeit und arbeitet heraus, welche Machtprozesse zugange sind, wenn bestimmte Kinder mit ihren Verhaltensweisen als abweichend diagnostiziert werden. Anknüpfend daran entwickelt sie die Idee, soziale Hilfeeinrichtungen neu zu formatieren, als Orte, die die Gesellschaft zu Verfügung stellt, an denen Kommunikationsfähigkeit gefördert wird und die für alle Menschen – unabhängig von Diagnosen – zugänglich sind.

Diese Vision wird in Kapitel 4, das mit dem Titel überschieben ist „Angenommen Du wärst annehmbar“ weiter ausgeführt: anstatt der Zuschreibung „du bist gestört“ würden auf einen gestörten Dialogprozess aufmerksam gemacht werden; KlientInnen würde ergo ein echtes Dialogangebot gemacht (anstatt eines manipulativen Dialogangebots), das sich dadurch auszeichnet, dass beide DialogpartnerInnen Identitätsarbeit leisten und KlientInnen würden so neu zu Dialog und Kommunikation befähigt. Nach einer Auseinandersetzung mit der Normalisierungsmacht (Foucault) schlägt die Autorin ihr Konzept eines „relationalen Lebens“ vor, was für sie bedeutet „die Distanzen der eigenen Identität zu durchwandern und die eigene psychische Beweglichkeit zu erkunden […] die Wissensschwelle, die die Humanwissenschaften aufwerfen zu durchdringen und sich dem von der Normalisierungsmacht aktualisierten Wahren als Problem zu stellen […] auch, dem anderen die gleiche Bewegung und Beweglichkeit zuzugestehen, was gelegentlich als ‚Zumutung‘ empfunden werden kann, aber HelferInnen übernehmen eine Verantwortung, die beinhaltet, dem Recht auf Differenz Geltung zu verschaffen“ (S. 131).

In Kapitel 5 schließt die Autorin ihre „Gedankenreise“, wie sie ihre Publikation selbst bezeichnet, mit Überlegungen zum Thema „Sinn“ (unter Bezugnahme auf Deleuze) und zum Zusammenhang von Sinn und Identität ab: „Identität ist kein Wissen, sie ist eine (Eigen)Tätigkeit. Nicht verhandelbare Fremdzuschreibungen stellen deshalb zwangsläufig Identitäten her, die keinen Sinn haben, leblose ‚Bedeutungshülsen‘. Dennoch können Sie die Dialoge dominieren, man kann jemanden unannehmbar machen […] Am Ende dieses Nachdenkens erscheint es mir sinnvoll, jede Bedeutung, die nicht zur Verhandlung steht als Sinnlosigkeit zu betrachten“ (S. 145-146).

Abschließend steht der Epilog, in dem unter Bezug auf die praktische Tätigkeit der Autorin nochmals die zentralen Thesen herausgestellt werden.

Diskussion

Unter Anbetracht der Tatsache, dass sowohl die Praxis als auch die Theorie der Sozialen Arbeit von einem kontinuierlichem Lamento über die immer schwierigeren, gestörten und behandlungsbedürftigen Kinder begleitet ist, ist es erfrischend und ermutigend zugleich, von einer Autorin, die aus der alltäglichen Praxis mit Kindern kommt, die in dieses Muster passen, ein klares Votum gegen stigmatisierende Zuschreibungen und Diagnosen zu vernehmen und ein Plädoyer dafür, Kinder und ihr Verhalten im Kontext ihrer Biographie und ihrer Lebenswelt zu betrachten und darauf mit einem echten Dialogangebot zu reagieren. Die Umsetzung dessen erfordert, wie die Autorin herausgearbeitet hat, ein Umdenken in weiten Feldern von Praxis und Theorie, sowie ein neues Verständnis von der Tätigkeit der Professionellen als Dialogpartner, die selbst herausgefordert sind, Identitätsarbeit zu leisten.

Kritisch anzumerken ist, dass die Autorin sehr viele, ja sogar zu viele Theoriezusammenhänge herstellt, mit denen sie ihre Thesen zu begründen versucht. Dabei bleibt sie meist oberflächlich und an manchen Stellen wirken die Gedankengänge tendenziell zerstückelt. Das mag damit zusammenhängen, dass sie selbst von vielen Theorien begeistert ist, geradezu überschwänglich darauf Bezug nimmt, die Theorien als solche in ihren jeweiligen Zusammenhängen im Detail aber nicht aufgegriffen werden. Für eine „Gedankenreise“, wie die Autorin ihre Arbeit nennt, mag das geeignet erscheinen. Eine wissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne stellt die Publikation angesichts dessen allerdings nicht dar. Darüber hinaus ist das von Barbara Hobl entworfene Modell von sozialen Einrichtungen als Orten, an denen Kommunikationsfähigkeit hergestellt wird ohne die Notwendigkeit von stigmatisierenden Zuschreibungen sehr visionär, ja in manchen Teilen geradezu utopisch.

Fazit

Die vorgestellten Kritikpunkte sollen die anschaulich herausgearbeiteten Grundaussagen der Autorin nicht schmälern, die mit ihrer Publikation einen interessanten Beitrag für einen kritischen Umgang mit Normalitätsvorstellungen und Diagnosen vorgelegt hat.


Rezension von
Dr. Daniela Reimer
HAW Dep. Soziale Arbeit, Institut für Kindheit,Jugend und Familie
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Zitiervorschlag
Daniela Reimer. Rezension vom 11.06.2010 zu: Barbara Hobl: Unannehmbar-Sein. Kindliche Identität im Dialog. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16330-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7760.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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