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Helmar Dießner: Familien-Coaching. Soziales Lernen für Familien

Cover Helmar Dießner: Familien-Coaching. Soziales Lernen für Familien. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2009. 238 Seiten. ISBN 978-3-938187-48-7. 19,95 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Autor und Thema

Dr. phil. Helmar Dießner ist Erziehungswissenschaftler, Dipl. Sozialpädagoge, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und leitet eine therapeutische Einrichtung. Er hat viele Jahre als Einzel- und Gruppentherapeut, Gruppentrainer und Familiencoach gearbeitet und mehrere Bücher bzw. Artikel zu diesen Themen verfasst (siehe z.B. „Gruppendynamische Übungen und Spiele, Paderborn 1997 oder „Neue Gruppendynamische Übungen. Kreatives Kommunikations-Management, Paderborn 2004; Für weitere Informationen www.praxis-diessner.de). In dem hier besprochenen Buch „Familien Coaching - Soziales Lernen für Familien“ stellt der Autor Übungen aus seinem Erfahrungsschatz vor, von denen er einen Großteil selbst erfunden haben dürfte. Er möchte eine „kreative Werkzeugkiste mit unterschiedlichen thematischen Übungen zur Verfügung“ stellen (11).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwei Teilen.

Der erste Teil besteht aus einer Einführung von ca. 20 Seiten, die sowohl einige grundlegende Aspekte systemischen Denkens skizziert und andererseits in den Gebrauch der Übungen einweisen möchte.

Den Hauptteil von ca. 200 Seiten bildet die Beschreibung von ca. 82 Übungen, die Titel wie „Krankenbett“ oder „Familienhaus“ oder „Ideenbörse“ tragen. Alle Übungen sind nach einem didaktischen Grundschema dargestellt. Dessen Gliederungspunkte heißen:

  • (Benötigtes) Material,
  • Durchführung,
  • Hinweise,
  • Reflexion der Übung und (bei vielen Übungen),
  • Vorschläge zur Modifikation.

Die Übungen sind insgesamt in zwei Rubriken unterteilt:

  1. der größere Teil ist mit „Familien-/Gruppenübungen“ überschrieben (ca. 160 Seiten),
  2. ein davon abgesetzter Teil mit „Übungen ausschließlich für erfahrene Coaches/Trainer!“ (ca. 30 Seiten).

Diskussion

Helmar Dießner verfolgt eine gute Absicht: er möchte KollegInnen aus dem Bereich Familienberatung und Coaching zeigen, mit welchen Übungen Familien und Familiengruppen angeregt werden können, über sich und ihr Zusammenleben nachzudenken, eigene und fremde Probleme und Ressourcen schärfer zu sehen und gemeinsam Lösungen auf den Weg zu bringen. Das ist eine tolle Idee, die das Buch aber nicht einzulösen vermag. Das hat vor allem zwei Gründe, die von einem dritten flankiert werden.

Der erste liegt in der Art der Darstellung der ca. 82 Übungen: Diese werden in einer didaktischen Grundform dargestellt, deren Struktur klar erkenntlich ist. Einige Übungen finde ich durchaus anregend und interessant ( der Clown S. 48, Krankenbett S. 68, prahlerische Phantasie S. 89, Berge, Berge, Berge S. 99) und werde sie auch bestimmt einmal ausprobieren. So weit so gut. Aber die Darstellung verrät nichts darüber, in welche Dynamiken man mit der jeweiligen Übung in einer konkreten Familie gerät oder geraten kann, welche Chancen, aber auch Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden sind, und was der Übungsleiter an eigener Abgeklärtheit mitbringen muss, um diese konkrete Übung halbwegs erfolgreich steuern zu können. Der Autor tut so, als sei die Durchführung der Übung unabhängig von der konkreten Familie immer wieder dieselbe und als führe sie auch in allen Familien „zwangsläufig“ zu denselben Ergebnissen.
Ich will das an der Übung „Krankenbett“ (68) verdeutlichen, in der ein Familienmitglied, das an „einem Erschöpfungssyndrom“ leidet und sich schon „länger krank fühlt“ aufgefordert wird, sich auf eine Matte zu legen und sich von den anderen Familienmitgliedern „pflegen“ zu lassen; anschließend wird gemeinsam darüber gesprochen, wie sich welche Pflegeleistung oder Verwöhngeste für den „Kranken“ angefühlt hat, welche ihn gestärkt hat und welche nicht, und ob das alle gleich deutlich sehen konnten oder anders eingeschätzt haben. Ich stelle mir die Ausgangssituation der jeweils „Erschöpften“ und den „Krankheitsgrad“ dieser Personen sehr unterschiedlich vor. Deshalb wüsste ich gerne wie diese Übung z.B. mit Familie A gelaufen ist, in der die Mutter ihre demente Schwiegermutter versorgen und pflegen muss und sich dabei von ihrem Mann und ihren halberwachsenen Kindern allein gelassen fühlt ; oder in der Familie B, in der der an sich vitale und humorvolle Lehrer-Vater, der bisher „kerngesund“ war, plötzlich unter stark irritierenden Tinnitus leidet, just in dem Moment, da er auch noch Großvater geworden ist; oder der Familie C, in der der kleine Oliver an Leukämie erkrankt ist, und beide Elternteile deswegen unter hohem Stress stehen und nichts unversucht lassen wollen ihr Kind zu retten.
Ich stelle mir vor, dass diese Übung in den drei Familien völlig anders aufgenommen und durchgeführt wird, dass dabei jeweils ganz andere Stimmungen entstehen , über jeweils ganz anderes geweint (oder auch mal gelacht) wird, ganz andere Koalitionen zwischen „Kranken“, Partnern, Eltern und Geschwistern deutlich werden etc. Die jeweilige Familiendynamik und die konkrete Krankheit oder Erschöpfung dürften für das Schicksal dieser Übung von erheblicher Relevanz sein, die Übung selbst ist nur eine äußerst spärlich dekorierte Bühne, auf der ganz, ganz andere Dramen aufgeführt werden können. Darüber sagt das Buch nichts und darauf bereitet es auch nicht vor. Man kann es auch anders sagen: viele diese Übungen bergen nach meinem Eindruck die üblichen Chancen und Risiken hoch invasiver Methoden; sie können nicht mal eben so durchgeführt werden, wie das Buch suggeriert, sondern sollten nur in ganz bestimmten Kontexten eingesetzt werden und wenn bestimmte Bedingungen vorhanden sind; ansonsten gleichen sie Äxten in der Hand von Mikrochirurgen oder Skalpellen in der Hand von Metzgern…
Zwischenfazit: für das nächste Auflage nur noch ein Viertel der Übungen; dafür aber jede Übung eingebettet in drei, vier gut dokumentierte Fall-„Geschichten“ (vielleicht auch mit Statements der Familienmitglieder), die zeigen, was mit dieser Übung in welchem System angeregt worden ist (bitte immer auch eine Geschichte, in der die Übung „schief“ ging, was auch immer das heißt) und was man daraus lernen kann, über soziales Lernen überhaupt und die konkrete Übung im speziellen.

Der zweite Grund für das Scheitern der guten Idee liegt an der Art und Weise der Übungen: Ich weiß nicht mit welcher Klientel Herr Dießner arbeitet: die Menschen, mit denen ich professionell zu tun habe (Eltern von Heim- oder Tagesgruppen-Kindern, Eltern in der Familienhilfe, früher: Eltern aus der Obdachlosensiedlung) wären mit dieser Art von Übungen heillos überfordert. Sie würden sich dem Anspruch zur Verbalisierung oft nicht gewachsen fühlen, diesem ausweichen, die Übungen abwerten oder rausgehen, weil diese Übungen voraussetzen, dass man ohne Angst mit einander sprechen kann. Diese Übungen sind sehr, sehr voraussetzungsreich. Die Frage „Gibt es in deinem Familienalltag Situationen, in denen du nicht sagst, was du denkst und fühlst?“ mag ja noch angehen, wenn man sicher weiß, dass man die eigenen Antworten nicht veröffentlichen muss (was die Übung aber verlangt!). Aber spätestens bei der Frage: „ Wie gehst du mit Tabuthemen um?“, wird es auch unprofessionell: was soll, denn ein Vater darauf antworten, der heimlich trinkt oder einen Seitensprung gemacht hat oder seine Tochter missbraucht? Und was soll die Frau dazu sagen, die das vielleicht ahnt, aber eben nicht weiß und auch gar nicht den Mut hat, dieses Tabu überhaupt klar zu denken. Solche Übungen regen nicht gerade dazu an, die Angst vor der Versprachlichung zu nehmen, sie werfen die Klienten geradezu in das kalte Wasser der ungewohnten Kommunikation, jedenfalls sehe ich nirgendwo Hinweise auf den Umgang mit solchen gefährlichen Themen, wenn sie denn auf den Tisch kommen.
Dazu kommt, dass sich viele der Menschen, die mir aus Arbeitskontexten vor Augen stehen, sich von den Reflexionsanforderungen nach dem Absolvieren der Übung erschlagen fühlen würden. Auf Fragen wie: „Erkläre Deine inneren Wahrnehmungsvorgänge wie Befindlichkeiten, Bedürfnisse, Erkenntnisse etc. aus deiner Sicht der Dinge im Hinblick auf deine Selbstreflexion“ (98) oder „Welche Möglichkeiten, Potentiale und Kapazitäten hast du entdeckt?“ (122) oder „Welche Anteile davon lebst du praktisch im Alltag?“ oder „Wie stehen deine Äußerungen in Bezug zu deinem Wertesystem?“ (90) wüssten sie keine Antwort und würden sich schnell dumm fühlen. Die Übungen sind – bis auf wenige Ausnahmen (siehe oben) - nach meinem Geschmack und meiner beruflichen Erfahrung zu sehr an Sprache und zu sehr an rationalen Formen der Reflexion orientiert. Es fehlen fast durchgängig bildmächtige, ästhetisch ansprechende, Metaphern-generierende, sinnlich anfassbare und auf Spürenserfahrungen zielende Formen des sozialen Lernens (Ausnahme z.B. Berge, Berge, Berge 99). Es fehlen in den meisten Übungen Humor, Überraschung, psychodramatische Elemente. Die Übungen wirken auf mich häufig „papieren“, wie aus der Redaktionsstube einer Zeitung, die Menschen belehren, aber nicht zum Spielen anregen will. Mit zunehmendem Lesen wurde ich immer leerer im Kopf.

Ein dritter Grund für das Scheitern dieses Buchprojektes liegt an der nachlässigen Weise, in der der Autor die Schriftsprache handhabt. Vor allem in der Einführung verlässt er immer wieder die Pfade der Grammatik und bleibt der Sinn oft dunkel.

  • „Die Übungen beruhen auf einem jahrzehntelangen Erfahrungshintergrund des Autors, die im Laufe der Zeit in Beratung und Therapie mit verschiedenen Systemen entstanden sind. Dazu gehören Familien, Familiengruppen im Kontext der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, aber auch in der Arbeit mit Elterngruppen und Elternkursen“ ( 11). Auf einem Erfahrungshintergrund kann nichts „beruhen“ und besser hätte es den „Übungen“ getan, wenn sie durch ein „und“ mit dem vorangegangenen Nebensatz verknüpft worden wären. Dafür hätte man im letzten Satz „auch in der Arbeit mit“ einfach weglassen können. Es ist nicht Schlichtheit oder Grobheit, die ich moniere, sondern ein Hang zum sprachlichen Aufmotzen, der dem Text nicht gut tut.
  • „Die Übungen führen zur Auseinandersetzung und zur Konfrontation der Familien-/Gruppenmitglieder mit sich selbst und untereinander. Sie fordern zu notwendigen Entscheidungen, Positionsbestimmungen und zu einer neuen Wahrnehmung innerhalb der Übungseinheit heraus, welche sich aus dem jeweiligen Inhalt ergeben“ (11). Unklar bleibt was sich aus welchem Inhalt ergibt: die Inhalte aus den Wahrnehmungen, aus den Übungseinheiten oder ?
  • „Dieses Buch versteht sich neben der theoretischen Beschreibung im Hinblick auf relevante Wahrnehmungsaspekte als Familien-/Gruppenübungsbuch, welches sich zwar auch unter systemischen und kommunikationspsychologischen Aspekten gestaltet, jedoch unter prozessbedingten Entwicklungsabläufen einzelne Familien-/und Gruppenmitglieder und der Gesamtfamilie bzw. auch Gesamtgruppe als Hilfe zur Selbsthilfe zu betrachten ist.“ (S.11). Ein Buch kann sich schon auch selbst gestalten, aber was dann folgt, will sich mir nicht erschließen, und am Ende entgleist die Grammatik gänzlich.
  • Immer wieder tut sich der Autor schwer, halbwegs konsistente theoretische Gedanken bzw. Sätze zu formulieren: „Durch die Übungen werden die Teilnehmer zwangsläufig Erfahrungen machen, so dass ureigene Potentiale und deren Möglichkeiten familiendynamischer Verwendung ausgeschöpft und genutzt werden. Konkret bedeutet das, dass Alltagsthemen konstruktiv durchlebt werden können.“ (S.12). „Zwangsläufig“ wird man eine Erfahrung machen, aber ist es auch die, die der Autor intendierte. Was unterscheidet das „eigene“ vom „ureigenen“ Potential und was sind denn die Möglichkeiten des Potentials? Und wie werden Alltagsthemen durchlebt?
  • Zum Schluss mit Rückgriff auf ein letztes Zitat: „Ohne Kommunikationsbereitschaft ist das Entstehen und das Verstehen gemeinsamer Bilder von der Wirklichkeit stark divergierend“ ( 24 ) Vielleicht fehlt es mir ja an Kommunikationsbereitschaft? Aber wie das Entstehen „gemeinsamer“ Bilder stark divergierend sein kann, möchte ich doch noch mal erklärt haben.

Fazit

Eine sehr gute Idee, die in meiner Wahrnehmung gescheitert ist: Von der Wirkungsträchtigkeit aber auch ihren systemischen Voraussetzungen her kaum beschriebene Übungen, viel zu rational und hochsprachlich aufgezogen und in teils laxer, teils verkünstelter Schriftsprache eingeführt. Fleißig ja, aber nicht hilfreich. Dass Herr Dießner seine Übungen selbst mit viel Witz, Intelligenz, Emphatie und Humor durchzuführen versteht, ist durchaus möglich. Aber er hat nicht verstandenen, mich als Leser mit sich ins Boot zu holen.


Rezension von
Prof. Dr. phil. Mathias Schwabe
Diplompädoge, Professor für Methoden an der Evangelischen Hochschule Berlin, Systemischer Berater (IGST und SIT), Supervisor, Denkzeittrainer.
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Zitiervorschlag
Mathias Schwabe. Rezension vom 13.11.2009 zu: Helmar Dießner: Familien-Coaching. Soziales Lernen für Familien. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2009. ISBN 978-3-938187-48-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7761.php, Datum des Zugriffs 20.01.2022.


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