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Katja Wohlgemuth: Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe

Cover Katja Wohlgemuth: Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe. Annäherung an eine Zauberformel. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 272 Seiten. ISBN 978-3-531-16506-6. 34,90 EUR.
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Thema

Seit den Debatten zur Frage einer „gewalttätigen Jugend“, „wachsender Jugendkriminalität“ und im Zusammenhang mit dem Thema „Kindeswohlgefährdung“ hat der Präventionsbegriff insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe Konjunktur, was sich vor allem in sozialpolitisch-inpflichtnehmenden Forderungen neo-liberaler Politiken (und auf allen Politikebenen) als auch als Element von Konzeptionen und Programmen der professionellen Praxis oder in Diskursen in der Sozialen Arbeit niederschlägt. Dabei drängt sich in kritischer Nähe und Distanz zur Debatte ja durchaus nicht selten die Frage auf, ob „die“ Kinder- und Jugendhilfe womöglich mit dem Rekurrieren auf das Präventionsthema den Flaschengeist bemüht hat, der, einmal aus seinem Gefängnis befreit, kaum noch beherrschbar ist? In einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Präventionsthema haben sich bereits andere, zum Beispiel die Autorinnen und Autoren in dem von Thomas Freund und Werner Lindner editierten Band (Prävention. Zur kritischen Bewertung von Präventionsansätzen in der Jugendarbeit, Opladen 2001), versucht. Auch die vorliegende Veröffentlichung wandelt auf diesem schmalen Grat, der Prävention einerseits als „Zauberwort“ (Hans-Uwe Otto) oder andererseits als „Unwort“ kennt.

Autorin

Dr. Katja Wohlgemuth ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der Frühen Kindheit an der Technischen Universität Dortmund (http://www.fb12.uni-dortmund.de/institute/isep/).

Inhalt

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um die Dissertation der Autorin, die im Rahmen des Graduiertenkollegs „Jugendhilfe im Wandel“ (http://www.jugendhilfe-im-wandel.de/dt/index.htm) entstanden und an der Fakultät Erziehungswissenschaften und Soziologie der Universität Dortmund angenommen worden.

Dies erklärt auch den strengen formalen Aufbau des Bandes: Über eine Einführung (S. 11ff) zum Präventionsthema in der Sozialen Arbeit (vertieft werden später im vierten Kapitel [S. 51ff] die verschiedenen disziplinären Präventionsdiskurse aufbereitet und im fünften Kapitel [S. 89ff] der sozialpolitische Kontext reflektiert) gelangt Katja Wohlgemuth zu einer Systematik des Präventionsbegriffes (zweites Kapitel, S. 19ff) und entwickelt eine Heuristik des Präventionsbegriffes (drittes Kapitel, S. 31ff) auf der Grundlage von Argumentationslogik („Kausallogik“, „Finallogik“) und Normativität („verhindernd“, „anstrebend“), um dessen vier Varianten auszumachen: Prävention als „Verhinderung einer logischen, negativen Entwicklung“, als „Risikobearbeitung“, als „Bewirken einer logischen, positiven Entwicklung“ und als „Förderung bzw. Ermöglichen“.

Damit hat die Autorin das Feld vorbereitet, für ihre – eigentliche – Studie zur Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe bzw. zur Beantwortung ihrer Forschungsfrage, was dort bzw. – im Kern – im Arbeitsfeld der erzieherischen Hilfen (§§ 27ff SGB VIII/KJHG) unter Prävention zu verstehen sei. Methodisch versteht sich Wohlgemuth in der Materialgenerierung auf Gruppendiskussionsverfahren und in der Auswertung auf die dokumentarische Methode (sechstes Kapitel, S. 127ff); im siebten Kapitel (S. 157ff) wird der Verlauf der vier Gruppendiskussionen in zwei Kommunen nachgezeichnet.

Unter dem Titel „Der professionelle Präventionsbegriff im Arbeitsfeld erzieherische Hilfen“ (S. 167ff) nimmt die Autorin im achten Kapitel eine materialnahe Befundpräsentation und Einordnung auf der Basis ihrer Heuristik vor und identifiziert dabei drei professionspraktisch vorhandene Präventionsverständnisse (S. 179ff), sie sie im Sinne ihrer Heuristik in den Hilfen zur Erziehung als „Prävention in der Einzelfallarbeit“ (d. h.: Verhinderung einer negativen Entwicklung bei Förderung und Entwicklung), „Prävention in der einzelfallübergreifenden Arbeit“ (Verhinderung einer negativen Entwicklung und Risikobearbeitung bei Förderung und Entwicklung) und „Prävention als sozialpolitisches Projekt“ (Risikobearbeitung bei Förderung und Entwicklung) kennzeichnet.

Bei dem Versuch, diese Präventionsformen in den erzieherischen Hilfen zu erklären, wird die Autorin auf ein „Dilemma“ aufmerksam. Sie identifiziert ein Orientierungsmuster, das „als dominant in den erhobenen empirischen Materialien zu bezeichnen“ sei (S. 235), und das sie als „Idee des Wandels“ etikettiert, rekurrierten doch die Fachkräfte in ihren Argumentationen zum Thema Prävention auf sich wandelnde Verhältnisse: 1. den Wandel ihres Arbeitsfeldes, 2. den Wandel in den familialen Strukturen, Kontexten und Konstruktionen und 3. den allgemeinen Wertewandel(S. 236ff). Diese Prozesse werden von den Fachkräften überwiegend als „Wandel zum Negativen“ erlebt; aus dieser „pessimistischen Bewertung von Wandel“ ergeben sich, so Wohlgemuth, drei Funktionen von Prävention in diesem Arbeitsfeld: Prävention (im engeren Sinne) als „Hilfe in“ und „Schutz vor einer sich zum Negativen wandelnden Gesellschaft“ und Prävention (im weiteren Sinne) als „Orientierung/Traditionalisierung in einer sich zum Negativen wandelnden Gesellschaft“ (S. 254ff).

In ihrem Fazit (S. 257ff) diskutiert die Autorin, ob im Lichte ihrer Untersuchung der Präventionsbegriff „noch zu retten“ sei: Inhaltlich nutze die Profession den Präventionsbegriff nur „wenig produktiv“ und sei insbesondere mit dessen Kritik befasst. Hier sieht sie drei „Lösungswege“ (S. 261ff): erstens den Versuch der Umdeutung des Präventionsbegriffs als „Idee der Verhinderung von Schlimmeren“, zweitens die Abkehr vom „Leitbild Prävention“ und drittens die „Option“, stattdessen die Arbeitsvollzüge im Arbeitsfeld der erzieherischen Hilfen so zu verändern, „dass Prävention in der favorisierten Form stattfindet“ (S. 262). Bei solchen Überlegungen scheint freilich der Aspekt zu kurz zu kommen, dass Prävention neben durchaus wohlbegründet zu nennenden disziplinären Erwägungen eben auch immer eine politische Formel bleibt, die auf eine Moralisierung in dem von Hans Thiersch eingebrachten Sinne darstellt und eine außerfachliche Aktivierungslogik entfaltet. Dieser Substanz sind sich die Fachkräfte, so doch auch die Befunde der vorliegenden Untersuchung, sehr wohl bewusst. Insoweit retten „Optimierungen“ der Arbeitsvollzüge den Präventionsbegriff sicher nicht.

Zielgruppen

Dem Verlag folgend wendet sich der Band vor allem Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler – eine Empfehlung, die uneingeschränkt bestätigt werden kann.

Fazit

Katja Wohlgemuths Untersuchung systematisiert relevante Diskurse zum Thema Prävention fundiert und zeigt in ihrem empirischen Teil auf, welchen Stellenwert Prävention für professionelles Handeln, für das professionelle Selbstverständnis und für die übergreifenden Ziele hat, die die Fachkräfte mit ihrer Arbeit verfolgen. Hierin liegt die Stärke der Veröffentlichung. Eine weitere und ergänzende „Übersetzung“ ihrer Befunde steht noch aus, damit das Praxissystem oder Studierende hieran anschließen können; dies wird der Zielgruppe der Veröffentlichung noch aufgegeben sein. Insbesondere die Frage, welche Konsequenzen sich aus dem von der Autorin diagnostizierten Dilemma eines allgemeinen Wandels zum Negativen ergeben, bedürfte intensiverer Klärung. Hierbei gilt es vor allem die Aspekte, die sich aus der neoliberalen Aktivierungslogik ergeben und „Prävention“ als Leitbegriff einer systembeflissenen Sozialen Arbeit konfigurieren, im Diskurs um Prävention noch stärker kritisch zu berücksichtigen. Hier wirken die Ausführungen der Autorin doch etwas zu optimistisch.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 12.01.2010 zu: Katja Wohlgemuth: Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe. Annäherung an eine Zauberformel. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16506-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7763.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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