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Gisela Hauss, Dagmar Schulte (Hrsg.): Amid social contradictions

Cover Gisela Hauss, Dagmar Schulte (Hrsg.): Amid social contradictions. Towards a history of social work in Europe. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 263 Seiten. ISBN 978-3-86649-150-2. D: 20,50 EUR, A: 26,00 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Herausgeberinnen

Gisela Hauss ist Professorin an der Fachhochschule Nordwest Schweiz u.a. mit dem Schwerpunkt Geschichte Sozialer Arbeit. Dagmar Schulte ist Lehrende für Methoden Sozialer Arbeit an der Universität Siegen.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge des Buches sind entstanden im Kontext zweier europäischer Forschungsnetzwerke , die sich von 2001 bis 2005 zunächst mit vergleichenden historischen Studien über den Zusammenhang Gender und der Entwicklung Sozialer Arbeit in Europa und anschließend mit der Geschichte Sozialer Arbeit in Osteuropa befasst haben. Diesem Forschungszusammenhang entsprechend sind alle Texte in englischer Sprache verfasst.

Aufbau

Das Buch enthält eine Einführung in die Thematik der Forschungsprojekte und ein Fazit zentraler Forschungsergebnisse durch die Herausgeberinnen. Die insgesamt 14 Beiträge sind in drei thematische Kapitel geordnet:

  1. Professionalisierung zwischen Abhängigkeit und Autonomie
  2. Integration, Selektion und Inklusion im Kontext Sozialer Wohlfahrt
  3. Politik für Mutterschaft und Kinderschutz

Inhalt

In der Einführung betont Gisela Hauss, dass die These, das vor 1989 in Osteuropa keine spezifische Soziale Arbeit bestanden habe, durch die Beiträge widerlegt werden kann. Die Beiträge sind zudem auf der Grundlage des doppelten Mandats Sozialer Arbeit zu interpretieren. Einerseits ist Soziale Arbeit eine Folge der Gründung von Nationalstaaten, die ihre Stabilität mittels Sozialer Arbeit sicherten. Andererseits gab es sowohl auf praktischer wie auch auf theoretischer Ebene eine zivilgesellschaftliche Energie Soziale Arbeit zu professionalisieren. In diesem Spannungsverhältnis hat sich in allen europäischen Staaten eine allerdings je spezifische Form von Sozialer Arbeit entwickelt.

Im ersten Kapitel zur Professionalisierung Sozialer Arbeit stellt Caroline Skehill in ihrer Studie die Entwicklung der Familienhilfe in der Republik Irland vor. Im Kontext einer dominanten Katholischen Kirche und eines nicht-intervenierenden Staates wird die Entwicklung Sozialer Arbeit im Spannungsfeld von Sorge/Unterstützung und Kontrolle rekonstruiert. Basis dieser Analyse sind Gedanken von Michel Foucault.

Vesna Leskosek untersucht die Entwicklung in Slowenien, einer ehemaligen Teilrepublik von Jugoslawien. Soziale Arbeit wurde hier als Bearbeitung der Folgen des 2. Weltkriegs akzeptiert und konnte sich auf dieser Legitimationsbasis als Bestandteil öffentlicher Wohlfahrtspflege entwickeln und auch stabilisieren.

Daniel Gredig befasst sich mit der Entwicklung der Tuberkulosehilfe in Basel im Zeitraum von 1911-1961. Hier wird eine Soziale Arbeit sichtbar, die als mittel- bzw. oberschichtsgeprägte Soziale Arbeit beschrieben werden kann. Von besonderem Interesse ist hier die Professionalisierung Sozialer Arbeit im Windschatten der Medizin.

Vibeke Kingma vergleicht in ihrem Beitrag die Entwicklung lokaler Wohlfahrtsarbeit auf der Basis zweier Expertisen aus den Jahren 1899 und 1956. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, daß sich die Geschichte als Pendelbewegung zwischen alternativen Positionen verstehen läßt. Dies bezieht sich sowohl auf die Fragestellung ob Geld oder Güter zur Verfügung gestellt werden, oder wie der soziale Raum zwischen staatlicher und privater Organisationen aufgeteilt wird.

Den Traditionen Sozialer Arbeit in Polen während der Zwischenkriegszeit 1918-1939 widmet sich der Beitrag von Izabela Szczepaniak-Wiecha. Sie befasst sich dabei vor allem mit der Entwicklung der Ausbildung in den sozialen und pädagogischen Studiengängen, die entlang der Positionen von Helena Radlinska gesichtet werden. Die Ansiedlung dieser Studiengänge auf Universitätsniveau sind vor dem Hintergrund den spezifischen polnischen Bedingungen zu verstehen.

Einen vergleichbaren, wenn auch zeitlich ausgedehnter Zugriff auf die Professionalisierung wählt Elke Kruse in ihrem Aufsatz über die Entwicklung in Deutschland bzw. Bundesrepublik Deutschland zwischen 1899 und 1959 mit sich anschließenden kurzen Hinweisen auf die weiteren Entwicklungslinien bis zur Gegenwart. Die Ausbildung zu sozialen Berufen wird dabei in vier Phasen (Pionierzeit bis 1914, Expansion und Konsolidierung 1914-1933, Stagnation und Rückschritt 1933-1945, Neustart bis 1959).

Das zweite Kapitel wird eröffnet mit einem Beitrag von Dorottya Szikra über Sozialpolitik und anti-semitische Exklusion im Ungarn der Jahre bis in den zweiten Weltkrieg hinein. Während zunächst der Bedarf nach Unterstützung unter den Gesichtspunkten einer Erhöhung der Geburtenrate und der Stärkung der Selbsthilfe gewährt wird, werden zunehmend ethnische und religiöse Aussonderungen in die Sozialprogramme eingeführt.

Im folgenden Beitrag von Eszter Varsa, Dorottya Szirka und Borbála Juhász werden drei Konzeptionen ungarischer Nachbarschaftshäuser vorgestellt und analysiert. In der Tradition der englischen settlements (Toynbee Hall) stehend wird an dem Ziel einer Überbrückung von Klassengegensätzen gearbeitet. Die Autorinnen zeigen auf, daß dieses Konzept auch in den Dienst von rechtsgerichteten, antisemitischen Ideologien gestellt werden kann.

Elena Iarskina-Smirnova und Pavel Romanov bearbeiten den Zeitraum von 1917-1930 in der sich entwickelnden Sowjetunion. Sie zeigen wie sich sowjetische Wohlfahrtspolitik vom Ziel gleicher Rechte und dem Schutz individueller rechte entfernt und spätestens in der Stalin-Herrschaft zu einem der politischen Kontrolle dienenden Herrschaftsinstrument wandelt.

Im letzten Beitrag dieses Kapitels wird die Geschichte der Internationalen Rote Hilfe von Kurt Schilde aufgegriffen. Als internationales Netzwerk der Hilfsorganisationen der kommunistischen Parteien gegründet und von 1921-1941 aktiv betrieben sieht der Autor die Rote Hilfe in ihren Aufgaben (Unterstützung von politischen Gefangenen und Flüchtlingen sowie ihrer Familien und die Unterhaltung von Kinderheimen) durchaus als vergleichbar mit anderen Wohlfahrtsorganisationen. Allerdings wird das Spannungsverhältnis von politischer Bewegung und sozialer Organisation zugunsten der politischen Zielsetzung aufgelöst.

Im dritten Kapitel werden Aspekte von Mutterschaft und Kinderschutz thematisiert. Zunächst wird der schweizer Diskurs der Jahre 1920-1950 von Gisela Hauss und Béatrice Ziegler aufgearbeitet. Im Kontext von nationalistischen und eugenischen Argumentationen wird die Mutterschaft zu einem bedeutsamen Gegenstand der Entwicklung Sozialer Arbeit.

Mit der Überschrift ´Im Interesse der Kinder´ stellt Gerhard Melinz österreichische Entwicklungen der Familienpolitik der Jahre 1914-1945 vor. Differenzierte Entwicklungen in verschiedenen Phasen (Kaiserzeit, Republik, NS-Zeit) werden ebenso dargestellt wie die sehr unterschiedlichen Entwicklungen im ländlichen Raum und dem ´Roten Wien´.

Yulia Gradskova begrenzt ihren Beitrag über Entwicklungen in Russland auf den Zeitraum 1920-1930. Mutterschaft und Kindesentwicklung wird hier unter dem Aspekt einer starken medizinischen Orientierung und einer politischen Aufgabe die Sowjetunion aufzubauen interpretiert.

im abschließenden Beitrag stellt Mirja Satka die starken Aktivitäten der Sozialpolitik und der Kinderhilfe im Finnland der Jahre nach dem 2. Weltkrieg vor. Der Zusammenhang zwischen einer gesunden Bevölkerung und einer starken Nation wird hier fokussiert. Soziale Arbeit wird als Investition in künftige Bürger verstanden.

Im Nachwort verweist Dagmar Schulte auf die gemeinsamen Entwicklungslinien und auf die Vielfalt der Gesichter Sozialer Arbeit in Europa. In kurzen Skizzen wird die Historie Sozialer Arbeit als Geschichte von Dilemmata, von Paradoxien, von Kritik, von Solidarität, von Kampf, von Einflussnahme, von Idealen und Wirklichkeiten, von Verhandlungen, von Vergesellschaftung. Soziale Arbeit ist, so das Fazit, im Sinne Foucaults eine produktive Disziplin, die Subjekte erzeugt und sie befähigt kraftvoll in ihren Umgebungen zu handeln.

Fazit

Für den historisch interessierten Leser enthält dieser Sammelband eine Fülle von bislang wissenschaftlich nicht erschlossenen Teilgebieten einer europäischen Historiographie Sozialer Arbeit. Die Beiträge sind durchweg faktenreich dargestellt und zugleich mit einer gemeinsamen theoretischen Argumentation versehen. Soziale Arbeit wird in Spannungsfeldern eines doppelten Mandats und der Hilfe/Kontrolle verortet. Diese Entwicklungen sind gesamteuropäisch. Zu unterschiedlichen Gesichtern führen die jeweils nationalen Gestaltungen dieser Spannungsfelder und die jeweiligen Schwerpunktsetzungen in besonderen Handlungsfeldern.

Für die historisch mehr bewanderte Leserin ist die Breite der Länder einerseits sehr ertragreich. Der Zeitraum von 1900 bis 1989 wird anhand vieler Mosaiksteine sichtbar gemacht. Etwas bedauerlich ist, dass direkte Vergleiche zwischen Ländern nur bedingt möglich sind, da die Beiträge in ihren jeweils gewählten Zeiten und in den ausgewählten Fragestellungen differieren.

Kurzum: ein lesenswerter Sammelband.


Rezension von
Prof. Dr. Peter Berker


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Zitiervorschlag
Peter Berker. Rezension vom 07.01.2010 zu: Gisela Hauss, Dagmar Schulte (Hrsg.): Amid social contradictions. Towards a history of social work in Europe. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-150-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7765.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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