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Svetlana Kiel: Wie deutsch sind Russlanddeutsche?

Cover Svetlana Kiel: Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Eine empirische Studie zur ethnisch-kulturellen Identität in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 209 Seiten. ISBN 978-3-8309-2068-7. 24,90 EUR.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 516.
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Thema

In den vergangenen Jahrzehnten siedelten mehrere Hunderttausende von Deutschstämmigen aus Osteuropa nach Deutschland aus. Besonders groß war der Zuzug der Spätaussiedler aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks nach der Wende. Unter ihnen bilden die Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion die größte Gruppe.

Für viele Bundesbürger sind die Spätaussiedler – “die fremden Deutschen” - in Wirklichkeit ziemlich fremd. Auch die Aussiedler, die ursprünglich u.a. “als Deutsche unter Deutschen” in Deutschland leben wollten, merken schon in der ersten Zeit ihres Deutschlandaufenthaltes viele Unterschiede zu der ansässigen Bevölkerung.

Gehören die Russlanddeutschen ihrem persönlichen Empfinden nach dazu in der bundesdeutschen Gesellschaft? Nehmen sie sich selbst als Deutsche wahr? Empfinden sie sich als Russen oder definieren sie für sich sogar eine Zugehörigkeit zu beiden Kulturgruppen? Da die Russlanddeutschen zwar als Deutsche bezeichnet, doch in Deutschland oftmals ausgegrenzt werden, bleiben viele Fragen offen, die die vorliegende empirische Studie zu beantworten vermag.

Allgemeine Charakterisierung

Den Forschungsgegenstand der Arbeit stellt die Gruppe der Russlanddeutschen dar. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Untersuchung des kulturellen Bereiches russlanddeutscher Aussiedler insbesondere für die Zeit nach der Migration in die Bundesrepublik Deutschland.

Die besondere Situation der Russlanddeutschen besteht – laut Kiel - in der Ambivalenz, sich selbst als Zugehörige zur deutschen Kultur wahrzunehmen, gleichzeitig jedoch in der Bundesrepublik Deutschland auf Fremdheit zu stoßen. Die Frage nach der eigenen Zugehörigkeit wird dadurch virulent (vgl. Text auf der letzten Umschlagseite).
Die Autorin beschäftigt sich in ihrer Studie mit dieser spezifischen Kultursituation und erörtert die hierin von den Russlanddeutschen entwickelten Lösungsstrategien. Sie rekonstruiert den nach der Migration einsetzenden Identitätsbildungsprozess und unternimmt eine Typenbildung vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Dissertation an der Georg-August-Universität in Göttingen aus dem Jahr 2008.

Autorin

Svetlana Kiel, Dr. disc. pol., Jahrgang 1977, studierte Erziehungswissenschaften an der Universität Koblenz-Landau. Als Graduiertenstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung promovierte sie 2008 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität in Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migrationsforschung und qualitative Forschungsmethoden (vgl. Autoreninfo auf der letzten Umschlagseite).

Aufbau und Inhalte

Das Buch beginnt mit einer Danksagung. Es gliedert sich in die folgenden sieben Abschnitte:

  • Kapitel 1 „Einleitung“
  • Kapitel 2 „Die Gruppe der russlanddeutschen Aussiedler: Geschichte und aktuelle Lage“;
  • Kapitel 3 „Forschungsstand“;
  • Kapitel 4 „Theoretischer Rahmen“;
  • Kapitel 5 „Methodik und Forschungsdesign“;
  • Kapitel 6 „Ergebnisse der empirischen Studie“;
  • Kapitel 7 „Resümee: Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Die innerfamiliale Auseinandersetzung mit der Frage nach der ethnisch-kulturellen Identität“;

Im abschließenden Teil der Arbeit wird die Literatur aufgelistet.

Im ersten Teil der Arbeit („Einleitung“) macht die Autorin einige wichtige Anmerkungen zur Einführung in das Thema der Arbeit. Die Forschungsfrage und das Erkenntnisinteresse der empirischen Studie werden dargestellt. Abschließend beschreibt die Autorin skizzenhaft den Aufbau des Buches.

Im zweiten Teil („Die Gruppe der russlanddeutschen Aussiedler: Geschichte und aktuelle Lage“) gibt es einen Überblick über die untersuchte Migrantengruppe. Dabei werden die Geschichte und aktuelle Lage der Russlanddeutschen in Deutschland besonders vor dem Hintergrund der Entwicklung ihres „Deutschtums“ und ihrer ethnisch-kulturellen Identität dargestellt, um ihre besondere kulturelle Situation anschaulicher und nachvollziehbarer erörtern zu können.

Im dritten Teil („Forschungsstand“) gibt die Autorin einen kurzen Überblick über den Forschungsstand, wobei insbesondere die Untersuchungen zur ethnischen Komponente der kulturellen Identität der Russlanddeutschen beachtet werden. Zu Beginn des Kapitels betont die Autorin, dass sie in ihrer Studie auf eine detaillierte Darstellung der zahlreichen Veröffentlichungen in der Aussiedlerforschung verzichtet (vgl.S.40). In der Studie werden nur die für die Untersuchung relevanten Erkenntnisse aus der Aussiedlerforschung dargestellt, die sich auf die kulturelle Situation russlanddeutscher Aussiedler beziehen. In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen aufgezeigt, die bei der Durchführung der Studie herangezogen werden und den Forschungsstand darstellen. Abschließend stellt Kiel einige wichtige Konsequenzen aus der Literaturanalyse für den eigenen Forschungsprozess dar. Die Aktualität ihrer Arbeit sieht die Autorin insbesondere darin, dass ihre Studie genau da ansetzt, „wo die zuvor beschriebenen Studien aufhören und nimmt eine gesonderte Betrachtung und eingehende Untersuchung der kulturellen Dimension russlanddeutscher Aussiedler vor“ (S.52)

Im vierten Teil („Theoretischer Rahmen“) setzt sich Kiel mit den theoretischen Konzepten von Kultur und kultureller Identität auseinander. Diese Konzepte werden "unter dem Blickwinkel von möglichen Veränderungen im Falle eines Wechsels von einem Kulturkreis in einen anderen erörtert“ (S.54). In diesem Kapitel werden die im Rahmen der vorliegenden Arbeit verwendeten theoretischen Begriffe definiert. Von zentraler Bedeutung im Rahmen der Studie ist der ethnische Aspekt von kultureller Identität. Die Autorin betont eine besondere Bedeutung der ethnischen Komponente der kulturellen Identität für die Russlanddeutschen (vgl.S.59).
In diesem Teil werden Zielsetzungen des Projekts detailliert und forschungstheoretisch erörtert. Kiel stellt in ihrer Studie folgende Fragen:

  • Welche Bedeutung kommt im Zuge der Migration und der daraufhin einsetzenden Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur im Rahmen der Bildung von kultureller Identität der ethnischen Dimension zu? Nimmt sie hinsichtlich der kulturellen Identifizierung der Migranten eine dominierende Position ein?
  • Gelingt es den Migranten, ihre kulturelle Identität – und hierbei besonders den Bereich ihrer ethnischen Zugehörigkeit – in den neuen Kontext zu integrieren oder setzt infolge des Kulturkontaktes eine dauerhafte Irritation ein? Welche Veränderungen vollziehen sich dabei möglicherweise in der inhaltlichen Ausgestaltung des ethnischen Zugehörigkeitsgefühls? Führt der Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Zugehörigkeit dabei zu einer positiven Definition oder bleibt ein negatives Gefühl des Fremd-Seins dauerhaft bestehen?
  • Welche weiteren nicht-ethnischen Identitätsressourcen werden relevant? (S.62)

Die Autorin schließt die Ausführungen dieses Kapitels mit einer Definition des Integrationsbegriffes dar.

Im fünften Teil der Arbeit („Methodik und Forschungsdesign“) wendet sich Kiel der Forschungspraxis zu. In diesem Teil werden Forschungsansatz, Erhebungs- und Auswertungsmethoden dargestellt. Die Autorin beschreibt ausführlich ihre methodische Herangehensweise, die der vorliegenden Studie zu Grunde liegt. Sie stellt die in der empirischen Forschung angewandte dokumentarische Methode dar und beschreibt detailliert den Aufbau der vorliegenden Studie.
In den weiteren Kapiteln der Arbeit geht die Autorin konkret auf die Forschungspraxis ein und reflektiert den Forschungsprozess auf der Grundlage der in den vorigen Kapiteln dargestellten theoretischen, methodologischen und methodischen Prämissen.

Zu Beginn des sechsten Teils der Arbeit („Ergebnisse der empirischen Studie“) werden Fallbeschreibungen angeführt, die die Grundlage für die sich anschließende komparative Analyse und Typenbildung darstellen. Kiel interpretiert die Ergebnisse ihrer Untersuchung, was dem Leser einen tieferen Einblick in die kulturelle Dimension des Lebens russlanddeutscher Aussiedler ermöglicht. Die von der Autorin entwickelten Familienportraits enthalten die Ergebnisse der gesamten Analysearbeit bezüglich jeder untersuchten Familie. Zu jedem Familienmitglied werden Sozialdaten angeführt, was einen Einblick in die biographische Struktur der Familien ermöglicht. In diesem Kapitel werden die von den Familien beschriebenen Kulturelemente verglichen und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht.

Im siebten Kapitel („Resümee: Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Die innerfamiliale Auseinandersetzung mit der Frage nach der ethnisch-kulturellen Identität“) werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst und diskutiert. Kiel präsentiert die Rekonstruktion der unterschiedlichen Selbstbilder russlanddeutscher Aussiedler und stellt die herausgearbeiteten konstitutiven Elemente russlanddeutscher Identität vor dem Hintergrund von innerfamilialen Tradierungslinien. Sie betrachtet die ethnische Dimension von kultureller Identität und geht auf die Bedeutung dieses Bereiches im Kontext von anderen nicht-ethnischen Identitätsressourcen und Einflusskategorien ein. In diesem Kapitel findet der Leser auch den Rück- und Ausblick auf erfolgreich abgeschlossenes Forschungsprojekt.

Es folgt dann ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle, die in interkulturellen Kommunikationen bestrebt sein müssen, Missverständnisse zu vermeiden oder zu entdecken. Es empfiehlt sich für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Migrationsberatungsdienste und sozialer Hilfseinrichtungen. Das Buch könnte ihnen neue, wertvolle Einblicke und Erkenntnisse und zahlreiche Anregungen für ihre praktische Arbeit vermitteln. Aufgrund der größtenteils leicht verständlichen Sprache ist das Buch für andere Gruppen als wissenschaftlich- und kulturinteressierte auch gut zugänglich.

Fazit

Der Titel des Buches ist gut formuliert und macht den Leser neugierig auf den Inhalt.

Anhand des Beispiels der Gruppe russlanddeutscher Aussiedler liefert die Studie einen tiefen Einblick in die Prozesse der Konstruktion ethnischer Identität infolge einer Migration.

Der Aufbau des Buches ist gut gegliedert und strukturiert, was einen angenehmen Eindruck beim Lesen vermittelt. Die Autorin führt ihre Fragestellung mit Beispielen ein und erläutern die verwendeten Fachbegriffe. Das Buch von Svetlana Kiel kann helfen, Brücken zu bilden und Wege aufzuzeigen, wie es mit kultureller Differenz umgegangen werden kann.

Personen, die an dem Thema theoretisch, wissenschaftlich und allgemein interessiert sind, kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 03.10.2009 zu: Svetlana Kiel: Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Eine empirische Studie zur ethnisch-kulturellen Identität in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2068-7. Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 516. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7773.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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