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Inci Dirim, Paul Mecheril (Hrsg.): Migration und Bildung

Cover Inci Dirim, Paul Mecheril (Hrsg.): Migration und Bildung. Soziologische und erziehungswissenschaftliche Schlaglichter. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 291 Seiten. ISBN 978-3-8309-2109-7. 29,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Unterschiedliche sozialwissenschaftliche Disziplinen thematisieren die Konsequenzen von Immigration, Pendelmigration und Emigration und dies mit unterschiedlichen Akzenten und Perspektiven.

Um den Austausch zwischen der Erziehungswissenschaft und der Soziologie zu vertiefen, fand im Jahr 2006 eine gemeinsame Tagung der Sektion „Migration und ethnische Minderheiten“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der „Sektion International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft statt.

Da es nach Auffassung der Herausgeberin und des Herausgebers auf der „Ebene der paradigmatischen Auffassungen von Migrationsforschung (.) grundlegende Dissense“ gibt, soll dieser Sammelband dazu beitragen, einerseits den institutionellen Austausch der Perspektiven der Soziologie und Erziehungswissenschaft zu vertiefen, andererseits Fragen der methodologischen, wissenschaftstheoretischen und erkenntnispolitischen Position offen zulegen.

Die vorliegende Publikation soll „verschiedenen Zugängen“ Raum geben, wie sie auf der Tagung vorgetragen werden und dies ohne „inhaltliche Einschränkung“ (S.10).

Aufbau

Dieser Band greift verschiedene (Streit)Fragen des aktuellen theoretischen Diskurses auf: „Sprache und Sprachförderung“, „Umgang mit sprachlicher Differenz“, „Gesellschaftliche Teilhabe und Diskriminierung“, „Identitäten, Zugehörigkeiten, Selbst und Fremdverständnisse“ sowie „Schule und andere Bildungsinstitutionen“ (S.10). In vierzehn verschiedenen Beiträgen werden einzelne Themen dargestellt, die einen weiten Bogen spannen.

Die ersten Artikel setzen sich intensiv mit Sprachförderung, Diagnostik und Spracherwerb auseinander:

  • Dialogische Sprachstandsdiagnostik(I . Dirim, B. Lütje-Klose, M. Willenberg),
  • die Prävention von Sprach- und Lernstörungen bei mehrsprachigen Kindern (B. Lütje-Klose),
  • „ Ich wär die Letzte die sagt, `Hier muss Deutschgesprochen werden`“ (S. Fürstenau),
  • der Kontext von Spracherwerb und Generationenverhältnis (A. Zwengel, L. Paul)

Ein zweiter Teil bezieht sich auf

  • Ethnische Differenzierung und Selbstexklusion (S. Jobst, J. Skrobanek),
  • die prekäre Verwertung von kulturellem Kapital in der Migration (A.-M., Nohl, K. Schittenhelm).
  • Ein deutsch-türkisches Forschungsprojekt zu Vorbilder und Vorurteile – Selbstzeugnisse von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei rundet diesen Teil ab (H.M. Griese).

Dem schließen sich zwei Artikel zu einzelnen Studien an:

  • langfristige Sozialisationsziele von migrierten und nicht-migrierten Müttern in der Türkei und Deutschland (B. Leyendecker u.a.).
  • Bildungs- und Berufsituation von Spätaussiedlerinnen (O. Frik).

Darauf folgen

  • eine Erörterung der Aspekte, gesellschaftliche Integration, Migration und Bildung (H.-J. Schubert),
  • die Bedeutung der Interkulturalität und Transkulturalität (D. Boltscho und K. Hauenschild).

In den beiden abschließenden Darstellungen geht es um

  • die Gestaltung von Bildung in der Migrationsgesellschaft (E. Schulze und E. Yildiz) und um
  • die Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern als Entwertung von sozialem und kulturellem Kapital durch Migration (M. Sixt und M. Fuchs).

Vier ausgewählte Artikel als Beispiele

Herausheben aus diesen insgesamt sehr informativen Beiträgen möchte ich den Artikel von I. Dirim, B. Lütje-Klose und M Willenbring zur dialogischen Sprachstandsdiagnostik für mehrsprachige Kinder in der Grundschule, der in verständlicher Weise den Ansatz einer verstehenden, qualitativen Diagnostik herausarbeitet. Im „Gegensatz zur psychometrischen Diagnostik steht nicht die Messung von Variablen (In der Regel Defizite des Kindes) im Mittelpunkt, sondern das dialogische Begleiten und Verstehen menschlichen Handelns“ (S. 17). Diese Diagnose will aus einer systemischen Perspektive heraus, auf die Ressourcen der Personen zurückgreifen. Damit sollen defizitäre Ansätze überwunden werden und „eine vollständige Beschreibung eines Kindes und seines Lebensraums erreicht werden“ (S.19).
Diese diagnostische Praxis sollte Eingang finden in den professionellen Alltag der Lehrenden und durch diesen Lebensweltansatz helfen, defizitorientierte Verfahren zu überwinden.

Die qualitative Studie von Frik zu der Bildungs- und Berufssituation der Spätaussiedlerinnen in Zusammenhang mit ihrer Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung zeigt auf, welche Schwierigkeiten Aussiedlerinnen und Spätaussiedlerinnen haben, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dabei entsteht die paradoxe Situation, dass offensichtlich höher qualifizierte Frauen die größten Schwierigkeiten haben, einen ihrer Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz zu erhalten. Dies führt zu nicht unerheblichen Problemen für ihr Selbstwertgefühl. Als Fallstudie zur Lebenslage von russlanddeutschen Frauen, ihrer Berufsbiographie, beruflichen Integration, Identitätsentwicklung und ihre Folgen für Familie und Kinderziehung, ist diese qualitative Studie ein wichtiger Hinweis auf die Notwendigkeit, systematisch die berufliche Integration von Migrantinnen zu fördern und dies insbesondere auch für höher qualifizierte Personen.

E. Schulze und Erol Yldiz progagieren die Umgestaltung der Bildung in der Migrationsgesellschaft hin zu einer alltagsweltorientierten Bildung: „Als wesentlicher Aspekt erscheint uns hierbei die Notwendigkeit, die alltagsweltliche Heterogenität der Schülerinnen und Schüler- in ihren verschiedenen Dimensionen- als Bildungsvoraussetzung anzuerkennen und zur Basis der schulischen Arbeit zu machen“ (S.247). In einer Stadtteilstudie in Köln, dem Stadtquartier Ehrenfeld, wird die Diversität des Sozialraums herausgearbeitet, die heterogene Infrastruktur, die lebensweltliche Diversität, und die zivilgesellschaftliche Infrastruktur, will heißen eine Vielzahl von Initiativen und Gruppierungen.
Offensichtlich ist nicht die Schule, sondern die alltagsweltlichen Lebenszusammenhänge der Kinder der primäre Ausgangspunkt für ihre Sozialisation. Schule negiert dies, orientiert sich an einem hypothetischen Durchschnittschüler, greift die Lebenskontexte nicht auf. Bei Migrantenkinder führt dies zu einer Überrepräsentanz in „marginalisierten Schulformen“. „So sind sie in den Hauptschulen wie auch in den Sonderschulen für Lernbehinderte besonders oft vertreten“ (S. 253).
In dem Artikel wird die Entwicklung der Ausländerpädagogik, der „kompensatorischen Erziehung“ nachgezeichnet, das Aufgreifen interkultureller Konzepte. Es gehe nun aber darum, die Defizitorientierung zu überwinden und schulische Bildungsprozesse neu zu gestalten und die Relevanz alltagsweltlicher Bildung zu erkennen und umzusetzen. Die Autoren fassen dies prägnant zusammen: „Wir brauchen eine reflexive Kopplung der schulischen Bildungsnormalität mit den differenzierten Alltagswirklichkeiten“ (S. 262).

Sixt und Fuchs gehen in ihrer Sekundäranalyse des Sozio-oekonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auf die Frage ein, „welche Faktoren zu den differierenden Bildungschancen zwischen den Kindern der Migranten und den Kindern der autochthonen Deutschen führen und ob dem Migrationsgeschehen als solchem ein eigenständiger Einfluss auf die Bildungschancen zuzuweisen ist“ (S.264). Ihr Ergebnis: Der sozioökonomische Status und die bildungsrelevanten Kapitalien der Eltern reichen nicht aus, um zu erklären, warum die Kinder von Migranten geringere Chancen haben, die (Fach)Hochschulreife zu erreichen“ (ebd.: S.285). Man muss das Ausmaß und die Richtung der Bildungsmobilität hinzuziehen. Deutlich wird die Entwertung der Bildungsabschlüsse von zugewanderten Personen. Die Gruppe der Aussiedler betrifft dies besonders, da auch die sog. Bildungsaufsteiger , deren akademischen Abschlüsse überwiegend nicht anerkannt werden, auf eine familiale Situation zurückgeworfen werden, die der „Bildungschancen der Kinder wenig förderlich ist“ (S. 284).
Es gilt insgesamt „ globale Aussagen über das Ausmaß und die Ursachen der Bildungsbenachteiligung der Kinder mit Migrationshintergrund lassen sich nämlich kaum treffen“ (S.284). Allerdings wird deutlich, dass „durch das Migrationsgeschehen als solchem eine Entwertung der (Bildungs-) Kapitalien stattfindet“ (S.266). Dabei spielt wie bei der autochthonen Bevölkerung das tradierte soziale und kulturelle Erbe eine Rolle bis hin zu dem Bildungsabschluss der Großeltern: Im Sinne von Bourdieu hat das „über mehrere Generationen sozial vererbte familiale Bildungskapital“ Auswirkungen. Bei den Migranten kommt der Migrationsprozess hinzu. In diesem Prozess werden die „bildungsförderlichen Kapitalien sowie die Bildungsabschlüsse“ tendenziell entwertet (ebd.: S.285).
Ein wichtiger Artikel.

Fazit

Ein Buch, das vor allem auf die alltagsweltlichen Strukturen der Migrantinnen und Migranten eingeht und deren Ressourcen zur Bewältigung des Lebens in der Fremde.

Die Artikel sind verständlich geschrieben und gegeben nicht nur Pädagogen Hinweise auf die Gestaltung und Umgestaltung des pädagogischen Alltags, vielmehr schimmert hier der Ansatz einer verstehenden Soziologie auf, die ihre Entsprechung in den Konzeptionen der alltagsorientierten Sozialen Arbeit eines H. Thiersch findet. Deshalb, ein gutes einführendes Buch in verschiedene Themenkomplexe einer alltags- und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und Pädagogik. Jedoch weniger in Forschungsansätze und deren -methoden.

Die von Griese in seinem Beitrag propagierte und dargestellte Methode der Aufsatzforschung, also die Betroffen zu bestimmten Themen einen Aufsatz schreiben zu lassen, hier von Studierenden, hat ihre leicht zu lokalisierenden Grenzen. Doch dazu schreibt Griese selbst: „ Wir sind uns durchaus bewusst, dass wir es in diesem Projekt bei unseren Probanden und Probandinnen (Studierende) mit erfolgreichen Bildungsinländern zu tun haben“ (S.149).

Ein forschungsmethodischer Teil, der die eingangs propagierte Verbindung von Pädagogik und Soziologie herstellen könnte, wäre sicherlich eine gute Ergänzung gewesen.

Dennoch alles im allem ein interessanter und lesenswerter Beitrag zu Lebenslage von Migrantinnen und Migranten, der auch Hinweise auf die Notwendigkeit gibt, Migrationsverläufe und deren Auswirkungen differenzierter zu betrachten, sowohl die Migrantengruppen betreffend als auch die übergenerationalen Veränderungen der Lebenssituation bzw. deren Verfestigung.


Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 14.08.2009 zu: Inci Dirim, Paul Mecheril (Hrsg.): Migration und Bildung. Soziologische und erziehungswissenschaftliche Schlaglichter. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2109-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7774.php, Datum des Zugriffs 27.11.2021.


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