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Marc Thielen: Wo anders leben?

Cover Marc Thielen: Wo anders leben? Migration, Männlichkeit und Sexualität. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 281 Seiten. ISBN 978-3-8309-2094-6. 29,90 EUR.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 522.
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Thema

Da Kinder, Jugendliche und Familien mit Migrationshintergrund seit Mitte der 1970er-Jahre in allen Bereichen der Gesellschaft präsent sind, hat sich die sozialwissenschaftliche Forschung des Themas angenommen, und es wurden zahlreiche Studien über Migranten veröffentlicht. Die ersten Veröffentlichungen waren geprägt von einer allgemeinen Situationsbeschreibung der einzelnen Volksgruppen oder es erfolgte eine allgemeine Beschreibung der Kinder und Jugendlichen, ohne eine bestimmte Volksgruppe hervorzuheben. Die erste Studie, die sich explizit einem der Geschlechter zuwandte, war das Buch von Baumgartner-Karabak und Landesberger „Die verkauften Bräute“ (1978) über die türkischen Frauen in Berlin-Kreuzberg. In der Literatur wurde das männliche Geschlecht erst Anfang der 1980er-Jahre von Schiffauer entdeckt, als er in seiner ethnografisch angelegten Studie „Die Gewalt der Ehre“ (1983) diese bei türkischen Jugendlichen untersucht hat. Seit es den Aspekt der Geschlechterforschung in der Migrationsliteratur gibt, wird allerdings auch stark nach den Herkunftsländern unterschieden. Während bis Anfang der 1990er-Jahre der Vergleich von Türkeistämmigen, Italienern, Griechen und Jugoslawen unternommen wurde, werden seit Mitte der 1990er-Jahre verstärkt neben den Türkeistämmigen und Ex-Jugoslawen die Aussiedler herangezogen, weil sie inzwischen zu den drei größten Migrantengruppen gehören. Eine Studie über die wichtigsten Migrantengruppierungen, die die Mädchen in den Mittelpunkt stellt, wurde 2005 von Boos-Nünning und Karakasoglu unter dem Titel “Viele Welten leben“ vorgelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt existierten einzelne, qualitativ angelegte Studien, meistens Diplom- oder Doktorarbeiten über einzelne Volksgruppen; exemplarisch nenne ich zwei Titel: „Auf allen Stühlen“ (Berrin Otyakmaz, 1995) und „Bildung, Autonomie, Tradition und Migration“ (Neval Gültekin, 2003).

Die Untersuchungen über männliche Migranten konzentrieren sich in der Regel auf einzelne Volksgruppen und Problembereiche, wie z. B. Gewalt. Die wichtigsten und sehr intensiv wahrgenommenen Bücher legten Hermann Tertilt („Türkish Power Boys“, 1996) und Heitmeyer u. a. („Der verlockende Fundamentalismus“, 1997) vor. Beide Bücher beschäftigen sich ausschließlich mit männlichen türkeistämmigen Jugendlichen und jungen Männern in Verbindung mit Gewalt bzw. extremistischem Fundamentalismus. In den späten 1990er-Jahren konzentrierten sich die wichtigsten Studien auf die männlichen Migranten aus der Türkei, bis die Aussiedlerjugendlichen als problematisch entdeckt wurden. Jedoch über die männlichen türkeistämmiger Migranten wurden in den letzten Jahren einige Studien vorgelegt. Hier eine kleine Auswahl: „Migration, Jugendhilfe und Heimerziehung“ von Cengiz Deniz (2001), „Türkische Männer in Deutschland“ von Margret Spohn (2002), „corpus delicti“ von Susanne Spindler (2006) sowie „Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer“ (2007) von Ahmet Toprak. In keinem dieser letztgenannten Bücher wird das Thema in Kombination von Sexualität, vor allem nicht im Kontext von Homosexualität, behandelt. Das Buch von Thielen schließt daher eine wichtige Forschungslücke.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor des folgenden Bandes studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaften. Marc Thielen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Der folgende Band ist seine Dissertationsschrift, die 2009 mit dem renommierten Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet wurde.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch ist – unabhängig von der Einleitung – in fünf großen Kapiteln aufgeteilt. Das Hauptanliegen seines Forschungsschwerpunktes fasst der Autor in der Einleitung folgendermaßen zusammen: „Im Hinblick auf das seit Ende der 1980er Jahre in der deutschen Asylrechtpraxis grundsätzlich anerkannte Fluchtmotiv der gleichgeschlechtlichen Orientierung wurden autobiografisch-narrative Interviews mit in Deutschland lebenden iranischstämmigen Männern durchgeführt, die ihren Herkunftskontext infolge ihrer sexuellen Orientierung verlassen haben bzw. verlassen mussten oder bei denen die (Flucht-)Migration in einem biografisch signifikanten Zusammenhang mit ihren sexuellen Lebensweisen steht.“ (S .11f.) Der Autor legt großen Wert darauf, dass Männer aus dem Iran aus pragmatischen Gründen gewählt wurden. Das Anliegen der Arbeit ist es auch nicht, islamisch geprägte Länder als homosexuellenfeindlich darzustellen.

Das erste Kapitel der Arbeit trägt den Titel „Forschungsgegenstand und theoretische Einbettung“ und ist in vier Unterkapiteln aufgeteilt. Im ersten Unterkapitel beschreibt Thielen sehr ausführlich und kompetent ein diffiziles – rechtlich und sozial – Feld: sexuelle Orientierung, Flucht und Asyl. Denn wer sich mit Asyl und Asylrecht auseinandersetzt, wird sehr schnell feststellen, dass dieses Gebiet sehr unübersichtlich ist; auch für ausgewiesene Rechtswissenschaftler. Im zweiten Unterkapitel des ersten Teils durchleuchtet der Autor die Migration im transnationalen Raum. Der Autor bettet seine Ausführungen nicht nur theoretisch ein, sondern bleibt dem Kontext seiner Fragestellung treu. Das vorletzte Unterkapitel beschäftigt sich theoretisch mit dem Thema Männlichkeit im Kontext der Migration, das in den letzten Jahren wissenschaftlich und praktisch an großer Bedeutung gewinnt. Auch in diesem Unterkapitel geht der Autor nicht nur auf die allgemeinen und theoretischen Rahmenbedingungen, wie „hegemoniale Männlichkeit“ oder „männlicher Habitus“, ein, sondern setzt sich kritisch mit der Konstruktion „fremder„ Männer auseinander. Wie auch oben erwähnt wurde, beschäftigen sich die Männlichkeitsdebatten im Kontext der Migranten zum Thema jugendliche Gewalt und Extremismus, was hier von Thielen kritisch angemerkt wird (vgl. S. 62ff.). Im vierten und letzten Unterkapitel geht der Autor auf das für seine Arbeit wichtige Thema Sexualität im Spannungsfeld von Macht und Kultur ein.

Das zweite große Kapitel ist mit dem Titel „Fragestellung und Methode“ versehen und ist in drei Unterkapiteln aufgeteilt. In diesem auf 25 Seiten verteilten Kapitel erläutert Marc Thielen seine Fragestellung und das Ziel der Untersuchung. Die empirische Studie des Autors konzentriert sich auf die männlichen iranischstämmigen Migranten und Flüchtlingen und untersucht den Kontext der gleichgeschlechtlich-sexuellen Selbstverortungen und Lebensweisen. Da er als methodischen Zugang das autobiografisch-narrative Interview wählt, ist seine Ausgangsfrage folglich sehr offen formuliert. In weiteren Teilen seiner Arbeit erläutert der Autor, wie er seine Interviewpartner kontaktierte, welche Probleme vor und während der Interviews entstanden und welche Methode er bei der Auswertung der Interviews gewählt hat. Hier wird auch deutlich, dass Thielen ein Interview mit einer Frau durchgeführt hat, die er aber bei seiner Analyse unberücksichtigt lies. Am Ende wurden 13 Interviews mit iranischstämmigen Männern durchgeführt, die währende des Interviews zwischen 28 und 48 Jahren alt waren.

Vier von diesen Interviews stellt der Autor im dritten Kapitel unter dem Titel Biografische Portraits vor. Wie bei der methodischen Umsetzung der Typisierung üblich, stellt der Autor seine Interviewpartner im Kontext der inhaltlichen Schwerpunktsetzung vor. Wenn die vier Fallanalysen von Mohammed, Assad, Reza und Philippe genauer betrachtet werden, stellt man die gesamte heterogene Bandbreite der homosexuellen Identitätsentwicklung fest. Während bei Mohammed eine tief verinnerlichte und gegen sich gerichtete Homophobie zu beobachten ist, wird bei Assad deutlich vor Augen geführt, dass in seiner Sozialisation – als die Eltern das merken – bewusst in Richtung von hegemonialer Männlichkeit erzogen wird. Beim dritten Interviewpartner Reza verläuft einiges anders: der familiäre Kontext wird nicht negativ beschrieben. Um im Iran Karriere zu machen, lebt er seine Sexualität nicht aus und heiratet schließlich die Freundin seiner Schwester, um seine Karriere weiter zu forcieren. Während die drei zuvor erwähnten Männer wegen ihrer sexuellen Neigung den Iran verlassen, ist die Migration von Philippe in erster Linie ein Bildungsprojekt, weil er mit 16 mit seinem Bruder zunächst nach Paris geht, um zu studieren. Dieser Interviewpartner von Thielen lehnt zwar ein festes sexuelles Identitätsverständnis ab, aber die Entwicklung seiner gleichgeschlechtlichen Sexualität wird wie folgt zusammengefasst: „Eine signifikante biografische Relevanz schreibt die Erzählung der Begegnung mit gleichgeschlechtlicher Sexualität in Film und Literatur sowie dem Kontakt zur urbanen schwulen Subkultur in Paris zu.“ (S. 169f.)

Die in den Fallanalysen angedeuteten vielfältigen Lebensweisen der Migranten fasst der Autor im vierten Kapitel unter dem Titel „Vielfalt und Grenzen geschlechtlich-sexueller Lebensweisen in Deutschland“ zusammen. Es ist für den Rezensenten sehr schwierig, die auf ca. 80 Seiten verteilten Ergebnisse zusammenfassend darzustellen. Aber dem Autor gelingt es in wunderbarer Art und Weise die Sozialisation der Befragten im Iran genauso akribisch und sorgfältig herauszuarbeiten wie die Lebensweisen in der Migration. Andere Themen vom Autor in diesem Teil sind: „Männlichkeit und Sexualität im Asyl“, „(De-)Thematisierung des Fluchtmotivs Sexualität“ oder „Gleichgeschlechtliche Lebensweisen in transnationalen Kontexten“ um nur einige weinige Stichworte zu nennen. Im letzten Teil der Arbeit schlägt der Autor vor, sich von dem Begriff Interkulturalität zu lösen und dafür den Begriff Intersektionalität zu verwenden, was natürlich aus meiner Sicht für diese Zielgruppe viel platzierter ist.

Zielgruppen

Das Buch kann nicht nur allen Lehrenden und Lernenden wärmstens empfohlen werden, sondern in erster Linie politischen Entscheidungsträgern, um eine andere Perspektive zu erhalten. Darüber hinaus ist diese Veröffentlichung für Praktikerinnen und Praktiker gut geeignet, die in einer Asylunterkunft arbeiten oder im weitesten Sinne mit Asylverfahren zu tun haben.

Fazit

Im ersten Moment des Lesens wirkt die Arbeit von Marc Thielen wie eine klassische Qualifikationsarbeit. Diese Arbeit unterscheidet sich dann doch in vielen Bereichen von einer Doktorarbeit. An erster Stelle möchte ich sehr gerne positiv hervorheben, dass das Buch sprachlich und stilistisch hervorragend lesbar ist. Außerdem gelingt dem Autor in hervorragender Art und Weise ein Gebiet, nämlich das Asylrecht, dem Leser so nahe zubringen, dass es Spaß macht, noch mehr zu erfahren. Auch sehr gut gelungen ist die Verschränkung zwischen Theorie und empirischer Analyse. Ein Buch, das jeder lesen muss, der sich nicht nur an dem Themenkomplex gleichgeschlechtliche Sexualität interessiert ist, sondern an dem Thema „Deutsches Asylrecht“. Migration und Männlichkeit wird in den meisten Veröffentlichungen – dazu zähle ich mich auch – mit einem Problem behandelt. Marc Thielens Buch löst sich von dieser Tradition ab. Deshalb wünsche ich dem konstruktiven, hervorragend geschriebenen und differenzierten Beitrag von Marc Thielen in jeder Hinsicht eine intensive und breite Rezeption.


Rezensent
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 07.09.2009 zu: Marc Thielen: Wo anders leben? Migration, Männlichkeit und Sexualität. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2094-6. Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 522. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7776.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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