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Johannes Eitner: [...] Menschen mit Hörschädigung

Cover Johannes Eitner: Zur Psychologie und Soziologie von Menschen mit Hörschädigung. median-verlag (Heidelberg) 2008. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 200 Seiten. ISBN 978-3-922766-87-2. 42,00 EUR.
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Thema

Noch immer ist das Verhältnis Hörbehinderter-Akustiker ein ambivalentes: beide brauchen einander. Und doch erleben viele hörbehinderte Menschen ihre Akustiker als reine Verkäufer, die im Grunde keine Ahnung zu haben scheinen, wie ein Betroffener seine Welt mit und ohne Hörgeräten erlebt oder wie man mit Hörbehinderten kommunizieren sollte.

Ein Grund ist sicher die Tatsache das es hier wie in jedem anderen Beruf auch ist: Es wird nicht alles gelehrt was notwendig wäre und es gibt Menschen denen ist dieser Beruf Berufung, und andere sehen ihn rein als Broterwerb und interessieren sich nur dafür, wie die Kasse möglichst schnell möglichst voll wird. Ein anderer Grund ist mangelnde Information und nicht zuletzt fehlende Empathie.

Kein Hörbehinderter erwartet, das der Akustiker seiner Wahl ein Philanthrop ist und ausschließlich eigennützig und zum Selbstkostenpreis arbeitet.

Verständnis für die Situation betroffener Menschen wird aber schon erwartet. Viel zu oft noch gibt es Klagen von Hörbehinderten, die nicht mal in Sachen Kommunikation mit ihrem Akustiker zufrieden sind. Ich war daher sehr gespannt auf den Inhalt des Buches. Der Titel zumindest klingt vielversprechend…

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in unterschiedliche Kapitel, die auf den ersten Blick nicht immer etwas miteinander zu tun haben, vom Thema her aber doch verzahnt sind.

Erst einmal wird ausführlich erklärt, welcher Personenkreis gemeint ist und es wird erklärt, was Schwerhörigkeit vom Wort her bedeutet.

Fast die Hälfte des Buches befaßt sich mit dem psychosozialen Aspekt der Hörbehinderung und beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Gruppen. Frühschwerhörige bei denen zu Beginn die Eltern Ansprechpartner des Akustikers sind. Spätschwerhörige mit ihrer „Last“ und der Schwierigkeit der Akzeptanz der Hörbehinderung.

Ausführlich wird auch der Stellenwert des Gehörsinnes für das tägliche Leben und Erleben dargestellt:

  • Welche Funktion über das hören von Lauten hinaus hat das Gehör überhaupt?
  • Wie wichtig ist der Gehörsinn im sozialen Miteinander?
  • Wie also wirkt sich eingeschränktes Hören oder völlig Taubheit auf das Leben eines Menschen aus?
  • Wie steht es um Bildung und Ausbildung frühschwerhöriger Menschen?
  • In welcher Weise beeinträchtigt eine Kommunikationsbehinderung den Menschen in seinem Leben und Erleben?

Recht ausführlich wird auch auf die Reha-Möglichkeiten für Hörbehinderte eingegangen und recht ausführlich die Arbeit des Reha-Zentrums in Rendsburg beschrieben.

Das dem älteren hörbehinderten Menschen gewidmet ist wird damit begründet, daß dies der größere Teil der Kunden eines Akustikers ist. Das wird wohl (noch) stimmen. Und mit Sicherheit gilt es für ältere Menschen ganz andere Dinge zu beachten bei der Anpassung und Aufklärung in Sachen Hörgerät.

Wie sollte Kommunikation zwischen Hörenden und Hörbehinderten verlaufen und welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein? - ist ein weiterer sehr wichtiger Bereich dieses Buches.

Das in einem Fachbuch für Akustiker fast die Hälfte des Buches dem Thema „Verkauf und Beratung“ vorbehalten ist wird jeder verstehen. Ausführlich wird darauf eingegangen wie Kommunikation eigentlich abläuft. Welche Anteile der nonverbalen Kommunikation Hörbehinderte mehr oder weniger unbewußt nutzen und wenn nicht, warum nicht. Was muß ich in der Kommunikation mit meinen hörbehinderten Kunden beachten? Es wird darauf hingewiesen daß ein Kunde, der erstmals zu einem Akustiker kommt mit Ängsten und vielleicht falschen Vorstellungen den Laden betritt. Das ist eine völlig andere Situation als der Besuch irgendeines anderen Fachgeschäftes! Viele nützliche Hinweise werden gegeben für den Umgang mit der doch recht sensiblen Kundschaft der Hörbehinderten.

Diskussion

Ein Buch wie das vorliegende kann helfen, eine Brücke zu schlagen in der Kommunikation zwischen Akustiker und hörbehinderten Menschen.

Völlig überrascht – da so nicht erwartet - habe ich beim lesen des Buches festgestellt, wie ausführlich auf die psychozialen Probleme Hörbehinderter eingegangen wird. In welcher Situation sich Menschen befinden die irgendwann doch realisieren müssen das sie Hörbehindert sind und ohne technische Hilfen nicht mehr richtig zurecht kommen im Alltag und Beruf.

Auch die Situation von Eltern schwerhöriger Kinder wird erklärt, die ja grundsätzlich erst mal vor einem Scherbenhaufen zu stehen scheinen und sich durch Ratschläge aller Art einen Weg suchen müssen, um das Beste für Ihr Kind zu finden.

Erfreulicherweise wird recht ausführlich auf die Rehamöglichkeiten z.B. in Rendsburg eingegangen, was ich persönlich für absolut wichtig halte, da dies nach wie vor die einzige Einrichtung in Deutschland ist, die sich ausschließlich mit den psychosozialen Problemen der Hörbehinderung, der Annahme der Behinderung befaßt.

Auch die ausführliche Schilderung der Bedeutung des Gehörsinnes für den Menschen kann dazu beitragen, dass angehende Akustiker (und solche die es schon sind) die Lebenssituation hörbehinderter Menschen besser verstehen und sie sich in Folge besser in ihre Kunden hinein versetzten können. Wie wichtig dieses empathische Verhalten ist, um bei dem Kunden als ein Mensch gesehen zu werden, der die Lebensproblematik kennt und Ernst nimmt wird der Akustiker an der Zufriedenheit seiner Kunden merken.

Ein Kapitel befaßt sich mit der Kommunikation zwischen Hörenden und Hörbehinderten und geht – leider sehr kurz – auf die von den meisten Hörbehinderten genutzte Verstecktaktik ein. Wer hier Bescheid weiß, wird mit Sicherheit auch mit seinen Kunden leichter kommunizieren können – ohne das diese sich „ertappt“ fühlen oder gezwungen scheinen, sich rechtfertigen zu müssen für ihre Hörbehinderung und ihre Schwierigkeiten in der Kommunikation.

Selbst in der zweiten Hälfte des Buches, welche sich mit Verkauf und Beratung befaßt, wird immer wieder auf die besondere Problematik Hörbehinderter hingewiesen. Das finde ich positiv und macht Hoffnung, dass die Klagen über Akustiker langsam immer weniger werden.

Vielleicht gelingt es irgendwann auch einmal, dass Akustiker zusammen mit den Hörbehinderten-Verbänden erreichen, eine begleitende Beratung zu Beginn der „Laufbahn“ als hörbehinderter Mensch als notwendig zu erkennen und von den Kostenträgern gefördert zu bekommen. Davon würden beide Seiten profitieren und die Kostenträger könnten viele Euros sparen!

Fazit

Das vorliegende Buch kann ich auch Menschen empfehlen, die sich mit ihrer eigenen Behinderung auseinander zu setzten versuchen und natürlich deren Angehörigen! Auch Menschen, die in der Selbsthilfe tätig sind, können von dieser Lektüre sicher noch einiges lernen! Obwohl es ein Fachbuch ist, lässt es sich leicht lesen und ist sehr gut verständlich.


Rezension von
Erika Classen
Spätertaubt und CI-Trägerin seit Februar 2000. Ca. 12 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit bundesweit in der Hörbehinderten-Selbsthilfe
3-jährige ergotherapeutische Ausbildung


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Zitiervorschlag
Erika Classen. Rezension vom 09.11.2009 zu: Johannes Eitner: Zur Psychologie und Soziologie von Menschen mit Hörschädigung. median-verlag (Heidelberg) 2008. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-922766-87-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7779.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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