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Heike Solga, Justin Powell u.a. (Hrsg.): Soziale Ungleichheit

Cover Heike Solga, Justin Powell, Peter A. Berger (Hrsg.): Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 492 Seiten. ISBN 978-3-593-38847-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Campus-Reader.
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HerausgeberInnen

Zwei der HerausgeberInnen arbeiten beim Wissenschaftszentrum Berlin, Heike Solga als Direktorin und Justin Powell als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt; Peter A. Berger ist bekannt als Sprecher der Sektion Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse der DGS und fungiert als Professor an der Universität Rostock.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort von Heike Solga wird deutlich, dass der Campus Verlag einen Anstoß zu einem Werk über Soziale Ungleichheit gab; diese Idee aufnehmend, entwickelte die Herausgeberin die Konzeption eines Readers zur Sozialstrukturanalyse, in Analogie zum US-amerikanischen Band über Social Stratification: Class, Race and Gender in Sociological Perpective, der 1994 von David B. Gursky herausgeben wurde und inzwischen in der dritten Auflage erschien. Vorab: eine solche Verbreitung ist diesem Buch zu wünschen, in dem auf den Lehrerfahrungen der drei HerausgeberInnen basierend, klassische theoretische Texte zur sozialen Ungleichheit zusammengestellt und nach einer gründlichen Einführung teilweise stark gekürzt präsentiert wurden- als Grundlage für Studierende, die die Entwicklung von Theorien zur Sozialen Ungleichheit damit nachvollziehen können-sollen.

Aufbau

In den vier großen Kapiteln werden zunächst ‚Klassiker‘ vorgestellt, die Soziale Ungleichheit als Strukturmerkmal von Gesellschaft behandeln, aufgeteilt in funktionalistische Schichtungstheorien einerseits und Klassentheorien in der Tradition von Marx bzw. Weber andererseits.

Danach wird im zweiten Kapitel die Debatte um die Klassengesellschaft mit ihren wichtigsten VertreterInnen nachgezeichnet.

Im dritten Kapitel folgen die neueren Ansätze zur sozialen Lage, zu Milieus, zum Lebensstil und auch zur Exklusion und teilweise die Diskussion darüber.

Das letzte und vierte Kapitel vereint die bekanntesten Ansätze zur dynamischen Sozialstrukturanalyse.

Dass nicht alle Bereiche sozialer Ungleichheit behandelt werden konnten, stellen die HerausgeberInnen klar, Armut, Migration und andere Ungleichheitsverdichtungen können nicht noch weitere Teile eines solchen umfangreichen Werkes sein, es soll die Grundlage für weitere Lektüre schaffen. Meines Erachtens ist das sehr gelungen, auch weil beherzt gekürzt und „Nebengleise bzw. -schauplätze in der Argumentation (…) gestrichen wurden“.

In ihrem gemeinsamen Einführungstext erörtern die drei HerausgeberInnen Grundbegriffe und Konzepte zur sozialen Ungleichheit. Verschiedenartigkeiten, soziale Differenzierungen und soziale Ungleichheit sowie auch Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit werden definiert, zudem werden vier Strukturebenen sozialer Ungleichheit in Anlehnung an Hradil (2008) Determinanten, Dimensionen, Ursachen und Auswirkungen erörtert und in einer Tabelle beispielhaft dargestellt.

Zur Sozialen Ungleichheit als Strukturmerkmal von Gesellschaft (Kap. I)

Die zentralen theoretischen Perspektiven werden anhand der später folgenden Texte kurz dargelegt, beginnend mit der Frage der Notwendigkeit sozialer Ungleichheit, also einer funktionalistischen Sichtweise, die mit dem Klassikertext von Kingsley Davis und Wilbert E. Moore (Originaltext 1945) vorgeführt wird, dazu kommt eine kurze Einführung zur Kritik von Renate Mayntz (Originaltext 1961). Weiterführend wird der später folgende Aufsatz von Heike Solga (Originaltext 2005) über die legitimatorische Funktion des Axioms der ‚Leistungsgesellschaft‘ angerissen.

Diese jeweils kurzen Ausblicke auf die später folgenden gekürzten Originaltexte wecken, hoffe, ich bei den Lesenden die Neugierde auf die Texte und geben ihnen einen Rahmen.

Zur Einführung der Texte in der Tradition von Karl Marx (Originaltext 1890, zusammen mit Friedrich Engels) und Max Weber (zwei Originaltexte von 1921) werden wiederum zunächst Begriffe (Klassen, Schicht) definiert sowie Unterschiede zwischen den marxistischen und weberianischen Klassentheorien dargestellt. Zu den weiter ausgewählten neomarxistischen Ansätzen von Erik O. Wright (Originaltext 1985) mit seinen reinen und widersprüchlichen Klassenlagen und Bourdieu (Originaltext 1983) mit seiner Fokussierung des Zusammenhangs von objektiver Klassenlage und alltäglicher Lebensführung, folgen ebenfalls grundlegende kurze Einführungen, die im Falle Bourdieus sehr ausführlich geraten.

Webers Bedeutung für die Konzeptionalisierung sozialer Ungleichheit und sein in bewusster Absetzung zu Marx entwickelter Klassenbegriff wird sorgfältig aufgeblättert; die Unterschiede zwischen beiden Klassenbegriffen werden dargelegt und auf den später folgenden Aufsatz von R Kreckel (Originaltext 1982) verwiesen. Das Webersche Konzept der sozialen Schließung wird mit einem kurzen Ausblick auf den entsprechenden Text von Frank Parkin (Originaltext 1983) kurz portraitiert.

Die drei Klassen- Besitz- Erwerbs- und soziale Klasse werden differenziert und auf die Einführung zum E(Erikson)G(Goldthorpe)P(Portocero) -Klassenschema im zweiseitigen Text von Brauns, Steinemann und Haun wird hingewiesen, die damit gewissermaßen in den Beitrag von Robert Erikson /John H. Goldthorpe (Originaltext 1992) einführen, in dem vor allem empirische Ergebnisse präsentiert werden.

Zur Debatte um das Ende von Klasse und Schicht (Kap. II)

Auch zu den im 2. Kapitel gekürzt abgedruckten Originaltexten geben die HerausgeberInnen kürzere Einführungen, hier bei der Debatte um die scheinbare Auflösung von Klassen und Schichten, beginnend mit Helmut Schelsky (Originaltext 1965) und Ralf Dahrendorf (Originaltext 1968), gefolgt von Ulrich Beck (Originaltext 1983), auf den vor allem sich die engagierte und empirisch argumentierende Streitschrift Rainer Geißlers bezieht (Originaltext 1996).

Als sich auch gegen Becks Globalisierungsannahmen wendender Beitrag wird der von John H. Goldthorpe (Originaltext 2003) eingeführt, der dagegen die weiter anhaltende Bedeutung von sozialer Ungleichheit als –auch- national verursachtes Phänomen empirisch untermauert.

Als letzter Beitrag und hier dann endlich erscheinende grundsätzliche Kritik an den eher geschlechtsblinden bisherigen Theorien zur Sozialen Ungleichheit wird das Werk von Cornelia Klinger (Originaltext 2003) angeführt, die die Aufteilung von Produktions-/Reproduktionsbereich hinterfragt sowie die geschlechtertypische Organisation von Erwerbsarbeit als notwendige Analyseebene darlegt. Durch die Überschneidungen der verschiedenen Sozialkategorien sind Klassen- und Geschlechteridentitäten nicht automatisch abzuleiten, sondern werden, zusammen mit der heiklen und umstrittenen Kategorie ‚race‘, in den Forschungen zur Intersektionalität vielleicht handhabbarer.

Zum Mehrwert und den Grenzen einer beschreibenden Ungleichheitsforschung (Kap. III)

Die eher beschreibende als analysierende Ungleichheitsforschung wird in den Lagen- Milieu- und Lebensstiltheorien des dritten Kapitel eingeführt. Deren Kritik an den vorher behandelten Klassikern wird von den HerausgeberInnen zusammengefasst, etwa die zu ökonomische Ausrichtung unter Ausblendung subjektiver Einschätzungen sowie der Ausschluss ganzer gesellschaftlicher Gruppen. Demgegenüber wollen beispielsweise Lebenslageforschende vor allem die mehrdimensionale Ausprägung der sozialen Lebenslage und damit der sozialen Ungleichheit konzeptionell erfassen

Die neueren Lagekonzepte von Stefan Hradil (1987) und Milieuansätze von Michael Vester (2001 ) werden mit Originaltext eingeführt und mit Überblickstexten wie dem von Hans Peter Müller (Originaltext 1989) zu den Unterschieden zwischen Lebensstil- und Milieukonzepten betrachtet. Mit einem zweiten Überblickstext, von Gunnar Otte (Originaltext 2005), wird die Diskussion um die Erklärungskraft fokussiert. Die Debatte zu den Ansätzen wird wie im vorhergehenden Kapitel mit einem eigenen Text belegt, hier von Peter A Berger (Originaltext 1987) , der auf die von ihm kritisierte Unübersichtlichkeit der Ungleichheitsforschung mit neuen Unterscheidungsparadigmen, Differenzierungs- vs. Konsistenz- oder auch Kohärenz-Paradigma reagiert und den Vorschlag eines neuen heuristischen Modells der Klassenbildung mit sozialstrukturellen Achsen und prozessualen Analyseebenen unterbreitet (Schema S. 363).

Eine andere Umgangsweise zur stärkeren Berücksichtigung der sozialen Wirklichkeit lässt sich im Konzept der Inklusion/Exklusion erkennen. Martin Kronauer (Originaltext 1999) will mit diesem relationalen Konzept gesellschaftliche Spannungsverhältnisse zwischen drinnen und draußen erfassen.

Zu den dynamischen Ansätzen der Sozialstrukturanalyse (Kap. IV)

Das vierte Kapitel ist den dynamischen Ansätzen gewidmet, wie sie im einführenden Teil von den HerausgeberInnen kurz portraitiert und mit den wesentlichen Unterschieden zwischen ihnen charakterisiert werden. Martin Kohlis (Originaltext 1985) Institutionalisierung des Lebenslaufs fasst den Lebenslauf als Institution mit eigenen Regelsystemen auf, die sich historisch herausbildeten bis hin zur Institutionalisierung im modernen Wohlfahrtsstaat und zur heutigen Destandardisierung und der einhergehenden Individualisierung.

Demgegenüber betrachtet Karl Ulrich Mayer (Originaltext 1998) den Lebensverlauf als „Abfolge von Aktivitäten und Ereignissen in verschiedenen Lebensbereichen“ und präsentiert seinen multidimensionalen und selbstreferenziellen Mehrebenenprozess. Ein weiterführender Beitrag von Mayer und Walter Müller (Originaltext 1989) geht dem Ansatz in einer empirischen Studie nach.

Schlusspunkt wie auch im zweiten Kapitel ist ein geschlechtsbezogener Beitrag (Originaltext 1995), hier der der viel zu früh verstorbenen Helga Krüger, die in ihren zahlreichen empirischen Studien immer wieder die Bedeutung der Kategorie Geschlecht einforderte und herausarbeitete. Sie kritisiert die auch den Lebenslauf/-verlaufforschungen eigentümliche Geschlechtsblindheit mit der Ausblendung der Analyse von Institutionen jenseits des Arbeitsmarktes und forscht (e) danach, ob bereits den institutionellen Regelungen eine Geschlechterdimension inne ist, die unabhängig von individuellen Entscheidungen Gestaltungsmacht hat

Diskussion und Fazit

Die Auswahl der HerausgeberInnen, die zusätzlich im KollegInnenkreis der ‚Sektion soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse‘ validiert wurde, folgt dem Anspruch, solche Werke vorzustellen, „die jeder und jede gelesen haben muss, der soziale Ungleichheit verstehen und erklären möchte“. Selbstverständlich kann das nicht alle relevanten Texte zur sozialen Ungleichheit umfassen, ob man nun Texte von Theodor Geiger, Gerhard Weisser oder Ursula Beer vermisst: Die didaktisch klug gegliederte Auswahl ist beeindruckend, dazu kommt der einleitende sehr gelungene Aufsatz der drei HerausgeberInnen über die Begrifflichkeiten und Analysekonzepte.

Die beiden ausdrücklich nicht geschlechterblinden Ansätze der Ungleichheitsforscherinnen Cornelia Klinger und Helga Krüger versöhnen etwas mit der generell androzentrischen Sichtweise der Theorien zur sozialen Ungleichheit, der das sehr gelungene und verdienstvolle Sammelwerk weitgehend- wie sollte es anders - folgt.

Der Sammelband mit der beschriebenen Vorgehensweise beim Zugang auf KlassikerInnen der sozialen Ungleichheit ist für Einführungsseminare meines Erachtens sehr zu empfehlen. Ich werde in einer seminaristischen Vorlesung im Sommersemester damit arbeiten und freue mich schon jetzt auf die Eindrücke, Leseerfahrungen und Diskussionen mit den Studierenden.


Rezension von
Prof. Dr. Marianne Kosmann
Lehrt an der FH Dortmund Soziologie für die Soziale Arbeit, mit den Schwerpunkten „Soziologie sozialer Ungleichheit, Geschlechterverhältnisse, Soziologie sozialer Probleme und Empirische Sozialforschung“.


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Zitiervorschlag
Marianne Kosmann. Rezension vom 28.11.2009 zu: Heike Solga, Justin Powell, Peter A. Berger (Hrsg.): Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-38847-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7781.php, Datum des Zugriffs 05.08.2020.


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