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Berthold Vogel: Wohlstandskonflikte

Cover Berthold Vogel: Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen. Hamburger Edition (Hamburg) 2009. 348 Seiten. ISBN 978-3-86854-200-4. 25,00 EUR.
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Thema

Die Spreizung der postindustriellen Gesellschaften in immer Reichere und eine wachsende Armutspopulation zerreibt die Mittelschichten. Heißt das, dass die Inhaber der mittleren Statuslagen auf Dauer ganz verschwinden oder dass sie nur ihre gesellschaftliche Prägekraft verlieren? Für die deutsche Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts nimmt Dr. Berthold Vogel in seiner Studie „Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen“ eher nur Gefährdungen für den befriedenden Zusammenhalt an. Dann nämlich, wenn es nicht gelingt, der Labilitäten der Mitte Herr zu werden. Dafür sieht der Autor Möglichkeiten. Hilfreich wären wirksamere Schutzrechte, eine stärkere kommunale Sorgearbeit und ein wieder besser funktionierender öffentlicher Dienst. Denn der Verfasser sieht die Mitte existent bleiben, wenn auch mit (stärkeren) Gefährdungen, dennoch aber auch mit (schwächeren) Chancen.

Autor

Der promovierte Sozialwirt Berthold Vogel arbeitet nach seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen derzeit als Forschungsprojektleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und nimmt Lehraufträge in Bielefeld, Göttingen, Kassel, St. Gallen und Freiburg/Schweiz wahr.

Überblick

Ausgehend von Helmut Schelskys nivellierter Mittelstandsgesellschaft und Ralf Dahrendorfs Gebäude mit der Dienstklasse, in denen mittlere Statuslagen dominant sind, umreißt Vogel die mit der Erodierung der Beschäftigung einher gehenden labilen Situationen der beruffachlichen Arbeitnehmerschaft mit sozialer Verwundbarkeit und Prekarität. Trotz Entgrenzung der Normalarbeit verharrt Vogel nicht in einer Minusvision, sondern stellt dieser die Chance neuer Gelegenheiten für Arbeitnehmer gegenüber. Der insgesamt durchaus möglichen Bedrohung von Integration und Kohäsion könnten verstärkter Arbeits- und Sozialrechtsschutz, kommunale Sorgearbeit und ein gestärkter öffentlicher Dienst aufhelfen.

Inhalt im einzelnen

Die auf Untersuchungen und Sozialreports fußende Studie „Wohlstandskonflikte“ ist in fünf Kapitel gegliedert.

  1. Die als Träger von Verantwortung wichtige Mitte der Gesellschaft läuft erstens Gefahr, zwischen den über ihr liegenden Extravaganten und den unter ihr lozierenden Prekären zu zerbröseln.
  2. Staatliche Wohlfahrtspolitik wandelte sich zweitens in ihren Gestaltungsabsichten im 20. Jahrhundert von der Überlebens-Hilfe zur Status-Sicherung. Dies besorgte der sorgende Wohlfahrtsstaat, indem er auf Statussicherheit, Aufstieg, Daseinsvorsorge und technische Koordination zielte. An seine Stelle tritt nun der nurmehr gewährleistende Wohlfahrtsstaat, der die Wohlfahrt zwar nicht aufgibt, aber keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr garantiert, sich zur Zielerreichung privater Akteure bedient und sich auf Regulierungsstrategien und Grundsicherung beschränkt.
  3. Durch seine klassenbildende Funktion bewirkt der normative staatliche Ordnungsrahmen drittens bei den mittleren Status-Inhabern eine nervöse Angst, ihre erstrebten Positionen nicht erreichen oder nicht halten zu können bzw. sie auf ihren Nachwuchs nicht übertragen zu können.
  4. Am Beginn des 21. Jahrhunderts verringert viertens der Wandel der Erwerbsarbeit alte Status-Sicherungsmöglichkeiten. Dieser Modellwechsel äußert sich in sozialer Verwundbarkeit und Prekarität. Verwundbarkeit bedeutet Fragilität zwischen Integration und Ausschluss, Prekarität im Gefolge der Entgrenzung von Normalarbeit minder sichere Arbeitsverhältnisse in Teilzeit-, Geringfügigkeits-, Befristungs- und Leiharbeit. Die Betroffenen hangeln sich mit Mehrfacharbeit, Lohnverzicht, Kreditaufnahme und Bangen um Weiterbeschäftigung durch. Neben der Minusvision tun sich aber auch neue Gelegenheiten auf: Case-Manager, Controller, Projekt-Entwickler, Berater, Mediatoren und Therapeuten erhalten neue Chancen. Insgesamt wachsen die Abstiegsgefahren, tun sich aber in geringerem Maße neue Möglichkeiten auf.
  5. Die gesellschaftlichen Integrations- und Kohäsionskräfte geraten fünftens zunehmend in Gefahr. Ein Heilmittel dagegen könnte in der Stärkung des Kommunalen gegenüber etatistischem Zentralismus liegen. Vor Ort ist die Erbringung sozialer Sorgeleistungen zu stärken. Dazu muss der öffentliche Dienst gerade vor Ort wieder ein Hort an Unabhängigkeit, Verlässlichkeit, ausreichender Alimentierung und an Gemeinwohlorientierung werden. Das Soziale ist auch über den Zusammenhalt der Bürger aufzuwerten. Als hilfreich erweisen sich auch verstärkter Arbeits- und Sozialrechtsschutz.

Diskussion

Der Blick auf die erodierende Mitte erfolgt unter soziologischen, politologischen, rechtlichen und normativen Gesichtspunkten. Er bezieht auch Studien aus anderen Ländern ein (England, Frankreich, Europäische Union, OECD). Grundgelegt werden außer der Aufbereitung von Statistiken weniger eigene Untersuchungen als fremde Studien und Sozialreports. Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Bild der zunehmenden Gefährdungslagen der Inhaber mittlerer Statusränge. Es wird in der Studie mehr beschrieben, als dass die Ergebnisse interpretiert und erklärt würden.

Die Zunahme der Ungleichheit lastet der Autor staatlicher Politik mit ihrer Lockerung von Arbeits- und Sozialrechtsschutz sowie Privatisierung an und nicht der Marktradikalisierung und Globalisierung. Diese Kapitalverwertungsinteressen stehen aber hinter den dem Staat abgeforderten Deregulierungen und sozialpolitischen Einschränkungen. Diese Zusammenhänge werden viel zu wenig diskutiert, wie auch die immer einseitigere (Produktiv-)Vermögensverteilung nicht thematisiert wird.

Zu hinterfragen bleibt auch, ob der Statusverlust des öffentlichen Dienstes tatsächlich so gewaltig wie dargetan ist. Der Autor gelangt dazu, indem er auch die privat ausgelagerten, deregulierten und entgrenzten Beschäftigungsverhältnisse noch zum öffentlichen Dienst zählt, was sie eng betrachtet nicht mehr, allenfalls nur noch mittelbar, sind.

Zu erforschen wäre auch, welche Auswirkungen eine Grundeinkommens-Gewährung des „gewährleistenden“ Wohlfahrtsstaats auf die mittleren Statusränge hat bzw. haben könnte. Das wird leider auch nicht diskutiert.

Äußerlich kommt diese 348 Seiten starke, sozialwissenschaftliche Studie für heutige Verhältnisse ungewöhnlich ohne Grafiken, Statistiken und Schaubilder aus.

Fazit

Der differenzierte Blick auf die neue Mitte interessiert jeden, der seinen Theodor Geiger, Helmut Schelsky und Ralf Dahrendorf kennt. Damit steht diese Untersuchung zu den Wohlstandskonflikten in einer guten, deutsch-soziologischen, idealtypisch erklärenden Tradition. Wertfrei beschreibt sie mehr, als sie voluntaristisch einfordert. Naheliegende, schlagkräftige Forderungen sozialreformerischer oder sozialistischer Herkunft in Richtung auf Umverteilung fehlen. So werden leider auch die Auswirkungen der entgrenzten weltweiten Kapitalverwertung auf die Entstehung der erodierenden Soziallagen der neuen deutschen Mitte nicht zur Sprache gebracht.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 12.06.2009 zu: Berthold Vogel: Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen. Hamburger Edition (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-86854-200-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7782.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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