socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

George Friedman: Die nächsten hundert Jahre

Cover George Friedman: Die nächsten hundert Jahre. Die Weltordnung der Zukunft. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 290 Seiten. ISBN 978-3-593-38930-1. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 41,00 sFr.

Originaltitel: The next 100 years.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In dem zeitweise auf der amerikanischen Bestsellerliste geführten Buch leitet George Friedman aus der Analyse von Tendenzen der Vergangenheit und Gegenwart Prognosen für die nächsten 100 Jahre ab. Er geht davon aus, dass das 21. Jahrhundert vor allem von den USA geprägt sein wird – insbesondere da Nordamerika sowohl den Nordatlantik als auch den Pazifik und damit das Welthandelssystem kontrolliere. Allerdings wird die USA immer wieder von Regionalmächten herausgefordert werden – insbesondere von Russland, Japan, Mexiko, Polen und der Türkei. Ein neuer Weltkrieg wird laut Friedman unvermeidlich sein, der aber wie der Zweite Weltkrieg zu großen technischen Fortschritten führen werde. China wird in den kommenden Jahrzehnten aufgrund von zunehmenden inneren Konflikten und Spannungen weltpolitisch an Bedeutung verlieren. Auch für Westeuropa wird ein nicht aufzuhaltender Niedergang prognostiziert.

Autor

George Friedman ist Gründer und Leiter von Strategic Forecasting Inc., besser bekannt als Stratfor. Dieser private, geheimdienstnahe Nachrichtendienst wertet in erster Linie öffentlich zugängliche Informationen aus und verdichtet sie zu detaillierten Lage- und Hintergrundberichten. Friedman hat zahlreiche Bücher und Artikel zu den Themen Sicherheitspolitik, Nachrichtenwesen und Technologie veröffentlicht; die Studien seines Unternehmens werden von Wirtschaftsunternehmen, dem Pentagon und der Politik genutzt.

Aufbau und Inhalt

Im Prolog skizziert George Friedman das Ende des Europäischen und den Anbruch des Amerikanischen Zeitalters, das 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann. Er schreibt, dass seine Annahmen auf geopolitischen Analysen beruhen: „Geopolitik beschäftigt sich mit den großen, überpersönlichen Kräften, die Nationen und Menschen einen Handlungsrahmen vorgeben und sie zwingen, in der einen oder anderen Weise zu handeln“ (S. 23). Deshalb hätten Nationen nur „eine eng begrenzte Auswahl von Spielzügen zur Verfügung“ (S. 24).

In den folgenden Kapiteln beschreibt Friedman, wie Europa mit dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verlor und wie die Sowjetunion zerfiel. Dann geht er auf folgende Krisenherde ein:

  • das ehemalige Jugoslawien (neue bewaffnete Konflikte sind wahrscheinlich),
  • den Nahen und Mittleren Osten (der Machtkampf zwischen Säkularisierern und Traditionalisten wird fortdauern; der wirtschaftliche Aufstieg der Türkei wird sich fortsetzen – und ihm wird das Streben nach einer Vormachtstellung wie zu Zeiten des Osmanischen Reiches folgen),
  • den Pazifikraum (China und Japan werden aufrüsten, um nicht länger ihre Seewege von den USA kontrolliert zu sehen; China sei jedoch nur ein „Papiertiger“ und könnte schon vor 2020 in seine Provinzen zerfallen),
  • Eurasien (Russland wird wieder versuchen, seine Einflusssphäre auszudehnen, aber bereits kurz nach dem Jahr 2020 wird das russische Militär kollabieren),
  • der Kaukasus (alte Feinschaften werden immer wieder aufflammen; konkurrierende Einflussnahme durch Russland und die Türkei),
  • Zentralasien (Russland strebt nach einer Vormachtstelle) und
  • Mexiko (da aufgrund von Einwanderung immer mehr Mexikaner im Südwesten der USA leben werden, könnten die politischen Grenzen irgendwann nicht mehr aufrechtzuhalten sein).

Friedman beschreibt die große Macht der USA und die Faktoren, auf der diese beruht (Geographie, Demographie, Technologie, Kultur, Marine/Militär). Er betont, dass die Vereinigten Staaten eine kriegerische Nation seien, die in zunehmendem Maße in Konflikte verstrickt sei. Da es keine ernstzunehmenden Gegner mehr gäbe, könnten sie immer ihre Interessen durchsetzen und sich danach anderen Problemen zuwenden. Für die jeweils betroffene Nation wäre die Konfrontation mit den USA jedoch ein einschneidendes Ereignis, auf das die Menschen mit Gefühlen des Hasses reagieren würden: „Diese Gleichgültigkeit der Vereinigten Staaten gegenüber den Folgen ihrer Handlungen sowie der Widerstand gegen und der Hass auf die Vereinigten Staaten im Rest der Welt werden Leitmotive des 21. Jahrhunderts sein“ (S. 64).

Schon für die Zeit um 2020 sieht Friedman den Zerfall von Russland und China voraus, wodurch Eurasien „ein Paradies für Plünderer“ würde (S. 164). So könnten sich osteuropäische Staaten (insbesondere Polen) gen Osten ausdehnen, werde Indien die Befreiung Tibets unterstützen, würden Japan und Taiwan regionale Einflusssphären in China errichten. Zur gleichen Zeit werde sich die gesamte islamische Welt auflösen und die Türkei die politische Führung im Nahen und Mittleren Osten übernehmen – was von den USA als Bedrohung ihrer existenziellen Interessen wahrgenommen werden würde.

Um 2040 herum werden die USA laut Friedman versuchen, China zu stabilisieren, um den Einfluss Japans zurückzudrängen. Sie werden auch in Konflikt mit der Türkei geraten, die bis dahin ihren Einfluss auf den Balkan, Südrussland, Irak, Syrien und die Arabische Halbinsel ausgedehnt haben wird. Die Türkei werde aber auch mit Polen zusammenstoßen, das den Zugang zum Mittelmeer via den Balkan erlangen will und von den USA aufgerüstet worden sei.

Dann befasst sich Friedman mit der Kriegsführung Mitte des 21. Jahrhunderts und sieht die Entwicklung von Kampfsternen, unbemannten Flugzeugen und weltraumgestützten Waffensystemen voraus. Um 2050 herum würden sich Japan und die Türkei miteinander verbünden, was zu wirtschaftlichen Sanktionen seitens der USA führen werde. Dies könnte zu einem neuen Weltkrieg führen, der zum Teil im Weltall ausgefochten werden werde. Friedman beschreibt auf rund 50 Seiten detailliert, wie dieser Krieg zwischen den USA, Japan und der Türkei ablaufen könnte. Er sieht eine Pattsituation voraus, aber: „Am Ende haben die Vereinigten Staaten am wenigsten verloren und am meisten gewonnen. So wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem immensen technologischen Sprung, einer wiederbelebten Wirtschaft und einer neuen Weltmachtstellung hervorgingen, stehen sie erneut vor einem Goldenen Zeitalter. Und sie werden reifer im Umgang mit ihrer Macht“ (S. 246).

Dann beschreibt Friedman das „goldene Nachkriegsjahrzehnt“. Ihm folgt „der Kampf um das Zentrum der Welt“, nämlich um die USA. Der Gegner sind hier die Mexikaner, die bereits nach 2060 in vielen Staaten der USA die Bevölkerungsmehrheit bilden. Sie leiden vor allem unter Arbeitslosigkeit, da ihre Jobs von Robotern übernommen wurden. Zugleich hat sich Mexiko zu einer Wirtschaftsmacht mit guten Beziehungen nach Südamerika entwickelt. Friedman sieht zwischen 2080 und 2090 (bewaffnete) Konflikte zwischen den USA und Mexiko voraus, verbunden mit inneren Unruhen in den Vereinigten Staaten: „Daher stellt sich am Ende des 21. Jahrhunderts die Frage: Nordamerika ist der Dreh- und Angelpunkt des internationalen Systems – aber wer herrscht in Nordamerika?“ (S. 285).

Fazit

Schon zu Beginn seines flüssig geschriebenen Buches verblüfft George Friedman mit der Aussage, „dass sich die Welt im 21 Jahrhundert … um die Vereinigten Staaten“ drehen wird“ (S. 14). Während seine Prognosen für die kommenden zwei, drei Jahrzehnte noch zum Teil nachzuvollziehen sind, wirken sie in den letzten Kapiteln des Buches schon fast wie Sciencefiction. Mit Zukunftsforschung hat dies nichts mehr zu tun!


Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
E-Mail Mailformular


Alle 72 Rezensionen von Martin R. Textor anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 22.07.2009 zu: George Friedman: Die nächsten hundert Jahre. Die Weltordnung der Zukunft. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-38930-1. Originaltitel: The next 100 years. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7783.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung