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Bernd Ladwig: Moderne politische Theorie

Cover Bernd Ladwig: Moderne politische Theorie. Fünfzehn Vorlesungen zur Einführung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2009. 347 Seiten. ISBN 978-3-89974-454-5. 12,80 EUR.

Reihe: Wochenschau Studium.
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„Moderne Menschen verspüren eine Bestimmung zur Selbstbestimmung“

Diese (optimistische) Zuweisung ist eine aufklärerische! Bernd Ladwig, der an der Freien Universität Berlin moderne politische Theorie lehrt, legt eine „andere“ Einführung in Politische Wissenschaft vor. Er wendet sich dabei an Studienanfänger und alle diejenigen, die sich bewusst sind, dass sich „Politische Theorie … nicht aus Lehrbüchern studieren (lässt); sie können nur zu ihr hinführen“. Der Autor will damit auch keine Geschichte der Politischen Theorien schreiben, sondern macht deutlich, dass für ihn moderne politische Theorie ( ) politische Theorie für und über moderne Gesellschaften (ist)“. Wenn er die Begriffe „Politik“ und „politisch“ weit, also alltags- und staatstauglich auslegt und soziologische und gesellschaftstheoretische Diskurse einbezieht, ist er sich einig mit der Definition der Definitionen, dass der Mensch ein politisches Wesen, im Sinne Aristoteles, ein zôon politikon ist.

Entstehungshintergrund

Dabei handelt es sich um überarbeitete, teilweise geglättete und in eine allgemein verständliche Sprache gebrachte Mitschnitte von 15 Vorlesungen im Wintersemester 2006/07.

Aufbau und Inhalt

Sie beginnen mit der Frage, was politische Theorie ist; eine durchaus ernsthafte Frage, die nicht nur wissenschaftlich beantwortet werden kann, sondern auf der Ergründung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen beruht. Es ist die gesellschaftliche und soziale Ordnung, in der sich die Menschen einer Gemeinschaft befinden, mit Macht und Herrschaft, Über- und Unterordnung, Norm und Deskription; und damit die jeweiligen Selbst- und Weltbilder, die das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen bestimmen und beeinflussen (vgl. dazu auch die Rezension zu: Astrid Messerschmidt, Welt- und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, 2009).

In der zweiten Vorlesung wird die Frage danach gestellt, was eine moderne politische Theorie ist. Es ist eine wertende Festlegung, die der Autor trifft; nämlich dass „Autonomie als Grundwert der Moderne“ verstanden wird. Das bleibt auch, wenn Bernd Ladwig darauf hinweist, dass in den (so genannten) „verzauberten“ Vorstellungen des Politischen, wie sie von einigen Vertretern der Zunft postuliert wurde, die „Entzauberung“ in der modernen „Massengesellschaft“ folgte. Denn moderne politische Theorien „antworten auf die Vermutung eines radikalen Bruches zwischen klassischer Politik und heutiger Lebenswirklichkeit“.

In den dritten bis fünften Vorlesungen diskutiert der Politikwissenschaftler „realistische“ Theorien der Politik: „Elitetheorien“, wie sie Joseph Schumpeter formuliert hat, Demokratiemodelle als Verfahrens- und Regelungsmuster, bis hin zu Überlegungen, wie im Transformationsprozess postdemokratische Formen wirken; sowie der ökonomische Einfluss auf die Demokratieentwicklung (I, II und III).

In der sechsten Vorlesung setzt sich Ladwig mit Formen des neueren Republikanismus auseinander. Mit dem Rückgriff auf die aristotelische Vorstellung vom „eu zen“, vom „guten Leben“, kommt er zwangsläufig zur politischen Theorie von Hannah Arendt, mit der republikanischen Markierung: „Gleichheit und Verschiedenheit sind die beiden nicht zu trennenden und nicht zu tilgenden Grundmerkmale unseres In-der-Welt-Seins“.

Die siebte Vorlesung befasst sich mit „Marxismus und Neomarxismus“, als Theorien, die den Menschen mit Politik aus einem (ökonomischen und kapitalistischen) Zwangsverhältnis befreien möchten; bis hin zu Antonio Gramscis Definition von Staat, als „eine Zwangsanstalt, die im Zweifelsfall Gewalt zugunsten der Besitzenden gebraucht“. Und die achte schließt mit der Diskussion um postmarxistische Theorien an; mit der Darstellung der Auffassungen des Argentiniers Ernesto Laclau und der belgischen Post-Marxistin Chantal Mouffe, sowie die ökonomische Theorie der Politik des Unbewussten, die der Franzose Pierre Bourdieu formuliert hat.

Die neunte und zehnte Vorlesung widmet Ladwig den „Kritischen Theorien“, und zwar die „ältere“, wie sie von Max Horkheimer, Theodor Adorno und Herbert Marcuse ab Mitte der 1940er Jahre formuliert wurde und mit Adornos „Dialektik der Aufklärung“ einen Höhepunkt in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung fand; sowie der „neueren“ Kritischen Theorie, die Jürgen Habermas begründet hat. Sein Vorschlag zur „Rationalisierung der Lebenswelt“ führt sowohl die Kapitalismuskritik weiter, als sie auch Ausblicke auf die globalisierten Systemzusammenhänge bietet.

In der elften Vorlesung kommt ein Theoretiker zur Sprache, der für den „Poststrukturalismus“ steht: Michel Foucault. Mit seiner Theorie entlarvt er die optimistische und machtvolle Vorstellung des Individuums, insbesondere des Mächtigen, dass „im Zusammenspiel von Diskursen und handfesten Kämpfen, von Wissen und Macht moderne Subjekte entstehen, die sich frei und aufgeklärt vorkommen“. Aber der moderne Mensch ist, nach Foucault ein „Gemachter“ und „Getriebener“, sowohl der Mächtige, wie der Ohnmächtige.

Die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmanns ist Thema der zwölften Vorlesung. Diese pessimistisch und beinahe fatalistisch klingende Auffassung, wie gesellschaftliche Vorgänge funktionieren, nämlich – „Fast alles könnte auch anders sein, fast nichts lässt sich ändern“ – ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Dahinter aber steckt die reizvolle Vorstellung, dass Systeme Komplexität reduzieren, gewissermaßen durch Systematisierung vereinfachen und bändigen. Damit entgeht der Mensch der Gefahr der Überforderung und Überfrachtung seines Willens zur Beherrschung der jeweiligen Situation. Weil moderne Gesellschaften aus zahlreichen Teilsystemen bestehen und diese einander bedingen, aber nicht ersetzen können, deshalb könnten Systeme nur sich selbst steuern und niemals fremd gesteuert werden.

Völlig entgegengesetzt argumentieren diejenigen, die liberale Theorien vertreten. Darum geht es in der dreizehnten Vorlesung. Es geht um Einstellungen, die sich in verschiedenen Varianten und Schwerpunktsetzungen, wie konstraktualistischen und utilitaristischen, verdeutlichen und z. B. in der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls zum Ausdruck kommen und darauf basieren, dass ein funktionierendes, gerechtes Gemeinwesen soziale Bedingungen schaffen sollte, die es den Bürgern möglicht, gut und moralisch zu handeln.

Wieder anders wird mit der nächsten Theorie, dem Kommunitarismus, umgegangen. Der lateinische Begriff „communitas“ bedeutet ja nichts anderes als „Gemeinschaft“. Dabei verstehen sich die Kommunitaristen durchaus als Liberale, denen jedoch die individualistische Seite der liberalen Theorie zu weit geht. Damit aber wird die Spannweite kommunitaristischen Denkens breit und breiter, bis hin zu der Variante, dass Gemeinschaften immer aus Vielfalten bestehen und damit, wie bei Charles Taylor, zum Multikulturalismus wird.

Bei der fünfzehnten und letzten Vorlesung befasst sich Bernd Ladwig mit der Theorierichtung, die insbesondere die Verwirklichung von gleichen Rechten für alle Geschlechter anstrebt: dem Feminismus. Dabei ist klar, dass feministisches Denken und Handeln in allen bisher genannten Theorien ihren Niederschlag findet. Der neuere Feminismus argumentiert jedoch damit, dass zwischen Theorie und Praxis von politischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit Widersprüche vorherrschen und diese, individuell, kollektiv und strukturell aufgehoben werden müssten. In der mittlerweile anerkannten soziologischen und politischen Theorie werden zwei Hauptrichtungen unterschieden: dem Differenz- und dem Gleichheitsfeminismus. Für die kalifornische Rhetorikerin Judith Butler ist das biologische Geschlecht Effekt des Sozialen; was bedeutet, dass sie, in Anlehnung an Foucault, davon ausgeht: „Was wir als weibliche, was als männliche Körper wahrzunehmen gewöhnt sind, wäre eine Wirkung eben dieser Gewohnheiten und ihrer ständigen Bestätigung durch Redeweisen und andere Praktiken“.

Fazit

Hilfreich für die Lektüre der aufgeführten modernen politischen Theorien sind sicherlich die die einzelnen Vorlesungen ergänzenden und ausführlichen Quellen-Hinweise, die es dem Studierenden und dem interessierten Leser ermöglichen, die Gedankengänge des Autors nachvollziehen zu können; ebenso bietet das Sach- und Personenregister einen schnellen Zugriff zu den einzelnen Aspekten. So ist die Einführung in moderne politische Theorien Lehrbuch, Handbuch und Handwerkszeug für die Auseinandersetzung darüber, wie die sozialen Verhältnisse in modernen Gesellschaften funktionieren, „dem organisierten Versuch von Gesellschaften, gezielt auf sich selbst einzuwirken, sowie der Macht, die die Selbsteinwirkung teils ermöglicht, teils behindert“. Es geht also auch hier um die Frage, wie wir werden und geworden sind, wie wir sind, lokal und global.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.05.2009 zu: Bernd Ladwig: Moderne politische Theorie. Fünfzehn Vorlesungen zur Einführung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2009. ISBN 978-3-89974-454-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7790.php, Datum des Zugriffs 26.01.2020.


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