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Jeanette Böhme (Hrsg.): Schularchitektur im interdisziplinären Diskurs

Cover Jeanette Böhme (Hrsg.): Schularchitektur im interdisziplinären Diskurs. Territorialisierungskrise und Gestaltungsperspektiven des schulischen Bildungsraums. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 350 Seiten. ISBN 978-3-531-16117-4. 34,90 EUR.
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Thema

Obwohl pädagogisches Handeln immer in Räumen stattfindet und in der Praxis mitunter sogar vom Raum als dem „Dritten Erzieher“ gesprochen wird, ist die Bedeutung des Raumes im theoretischen Diskurs der Erziehungswissenschaften noch nicht besonders intensiv diskutiert worden. Angesichts der Vielfalt neuer raumsoziologischer Arbeiten und der Veränderungen schulischer Räume durch den Ausbau von Ganztagsschulen, Vernetzungen von Schulen in kommunalen Bildungslandschaften und nicht zuletzt der Zunahme der Bedeutung virtueller Räume hat die Herausgeberin ein breites Spektrum von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern versammelt, um den schulischen Bildungsraum neu zu „vermessen“.

Ziel

Das Anliegen des Buches ist eine Zwischenbilanz des Forschungs- und Theoriestandes zum Thema Schul- und Bildungsraum. Damit soll eine stark marginalisierte erziehungswissenschaftliche Forschungsperspektive aufgegriffen und gestärkt werden.

Herausgeberin

Dr. Jeanette Böhme ist Professorin am Fachbereich Bildungswissenschaft, Lehrstuhl für Schulpädagogik, der Universität Duisburg-Essen.

Aufbau und Inhalt

In ihrer ausführlichen Einführung über den Spatial Turn in der Schul- und Bildungsforschung stellt Jeanette Böhme einen ersten Problemaufriss an den Anfang des Buches. Sie begründet, warum das Thema Raum wieder eine wichtigere Rolle im erziehungswissenschaftlichen Diskurs erhalten sollte und welche Entwicklungen das moderne raumsoziologische Verständnis (insbesondere ein relationaler Raumbegriff) kennzeichnen. Sie verdeutlicht zudem, warum auch die Praxis gut daran täte, sich intensiver um architektonische und Raumgestaltungsfragen zu kümmern, die besonders auch die Aneignungsperspektive der Schülerinnen und Schüler zu untersuchen hätten.

Im zweiten Kapitel wird die Leitthese des Buches von der Territorialisierungskrise des schulischen Bildungsraums mit Bezug auf globalisierte Bildungsansprüche (Jürgen Oelkers), die zunehmende Bedeutung informellen Lernens (Bernd Overwien) und den medienkulturellen Wandel (Sandra Aßmann / Bardo Herzig) diskutiert. So macht Jürgen Oelkers deutlich, dass Bildung im Zeitalter der Globalisierung eigentlich ein ganz anderes Raumprogramm – aber auch ganz andere Curricula! – erfordere, als es Schulen derzeit bieten könnten. Dies zeige sich vor allem im Fremdsprachenunterricht, der eigentlich ein längeres Eintauchen in die fremde Sprache, z.B. als Praktikum im anderen Land erfordere, als das Sitzen im heimatlichen Klassenzimmer.
Im letzten Beitrag dieses Kapitels setzt sich Daniela Ahrens aus theoretischer Perspektive mit dem Begriff der institutionellen Entgrenzung auseinander.

Im dritten Kapitel werden diverse schulkonzeptionelle Beiträge versammelt. Michael Göhlich gibt einen historischen Überblick über den Zusammenhang von Schulräumen und Schulentwicklung seit dem Mittelalter. Dabei ist die neue Bedeutung des Raumes in der Reformpädagogik als Heim für die Schulgemeinde besonders interessant. Die Frage, wie die neuen reformpädagogischen Arbeitsformen (z.B. Gruppenarbeit und Selbstlernen) räumlich unterstützt werden können, beschäftigt Schularchitekten bis heute.
In den weiteren Beiträgen wird der Frage nachgegangen, inwiefern es sich bei dem Konzept der Ganztagsschule (Sabine Reh / Fritz-Ulrich Kolbe) in dem Reden über Bildungslandschaften (Christian Reutlinger) oder in den Praktiken des Homeschooling (Thomas Spiegler) um Entgrenzungsphänomene des schulischen Raumes handelt.

Im vierten Kapitel sind verschiedene Aufsätze versammelt, die sich mit der Frage der Wirkmächtigkeit von Schulbauten auseinandersetzen. Christian Rittelmeyer versucht eine semiotische Analyse von Schulbauten und setzt sich dabei mit der ästhetischen Ausdruckskraft von Schulen auseinander.
Ingrid Kellermann und Christoph Wulf untersuchen rituelle Raumpraktiken in Schulen, wie z.B. Pausen, Feiern und Gesprächskreise aus ethnographischer Perspektive, um herauszufinden, wie Räume die Interaktionen beeinflussen.
Markus Rieger-Ladich und Norbert Ricken legen eine programmatische Skizze zur Erforschung von Schularchitekturen auf der Basis der Arbeiten von Bourdieu und Foucault vor. Sie verdeutlichen, dass nicht nur das alte „Frontalklassenzimmer“ einer durchgängigen Machtlogik und -ökonomie folgt, „sondern auch das reformpädagogisch konzipierte, dezentral organisierte und sozial geöffnete Klassenzimmer disziplinierende Effekte hat, indem es die Sichtbarmachung des Einzelnen intensiviert, die Verinnerlichung der Anforderungen befördert und damit die Regulation als Selbstregulation etabliert“. Die Macht- und Habitusanalysen von Bildungsräumen auf der Basis der Lektüre von Foucault und Bourdieu ermöglichen den Autoren, weiterführende Fragen zu stellen. Diese betreffen nicht nur Fragen von Repression und Verbot sondern auch Fragen von Aneignung und Ermöglichung von Bildung, die durch Schularchitektur unterstützt oder eben verhindert werden.
Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine Forschungsskizze von Jeanette Böhme und Ina Herrmann anhand eines laufenden Projektes zur Schulkulturforschung.

Im fünften Kapitel werden konkrete pädagogische Ansätze vorgestellt, die der Architektur eine besondere Bedeutung zusprechen. Nach einem einführenden Text von Johannes Bilstein stellen Gerd E. und Lena Schäfer die Bedeutung des Raumes in der norditalienischen Reggiopädagogik vor. Auch wenn sie sich in ihren Ausführungen nicht auf die Schule sondern den Kindergarten beziehen, wird hier die konzeptionelle Bedeutung des Raumes „als dritter Erzieher“ doch besonders anschaulich.
In einem weiteren Aufsatz stellt Torsten Blume die pädagogischen Gebäude des Bauhaus und ihre Ziele der Gestaltung von Lebensvorgängen vor.
Im letzten Artikel dieses Kapitels erläutert Karl-Dieter Bodack das Prinzip des organischen Gestaltens und der Metamorphose am Beispiel der Waldorfschulen.

Im letzten Kapitel des Buches werden einzelne architektonische Gestaltungsparameter vorgestellt und diskutiert. Ebenso, wie im fünften Kapitel, werden die Texte durch geeignete Fotos illustriert. Einführend fasst Christian Kühn die Schulbaudiskurse der 1960er und 70er Jahre zusammen, in denen ein neuer Schulbau (große Schulzentren auf der „grünen Wiese“) vor allem in Gesamtschulen versucht wurde, der aus heutiger Perspektive als gescheitert gilt.
Er schildert aber auch die erfolgreichen Bemühungen der amerikanischen Großraumschulen aus dieser Zeit, die das Konzept des „Open Classroom“ entwickelten.
Laura Kajetzke und Markus Schroer stellen das Konzept der schulischen Mobitektur vor, bei dem die Architektur dem räumlichen Aneignungs- und Syntheseverhalten der Schülerinnen und Schüler folgen soll. Die Architektur soll demzufolge Mobilität ermöglichen und unterstützen. Das alte immobile Klassenzimmer soll durch offene Lernlandschaften ersetzt werden.
Wilfried Buddensiek berichtet von einem konkreten neuen Schulbauprojekt, bei dem die Idee der „Fraktalen Schularchitektur“ umgesetzt wurde. Im Kern des Schulneubaus stehen die Gruppenarbeitstische, die von einem ebenfalls hexagonalen Klassenraum umgeben sind.
Das Prinzip der Leichtigkeit und der Flexibilität im Schulbau inspiriert auch Bernd Baier, der verdeutlicht, wie die moderne Schularchitektur von der neuen Wissenschaft der Bionik lernen kann.
Im letzten Aufsatz beschäftigt sich Patrick Jakob mit der Frage, wie Schulen im Zeitalter der Informationsgesellschaft virtuelle Architekturen ausprägen können bzw. sollen.

Diskussion

Die deutsche Schule ist offensichtlich zu lange Zeit von den Prinzipien des Protestantismus (durchgängiges Arbeiten) des Militarismus (Nachbau von Kasernen zur Disziplinierung der Schüler) und der Optimierung von Hygieneanforderungen geprägt gewesen. Besonders seit dem Zeitalter der Reformpädagogik gab es immer wieder Ausbruchsversuche aus diesen prägenden und bestimmenden Kategorien. Allerdings sind viele moderne Versuche mit neuartiger Schularchitektur auch nicht von besonderem Erfolg bestimmt gewesen, wie z.B. die Architektur der Gesamtschulen und Schulzentren der 1960er / 70er Jahre im Nachhinein verdeutlicht. Die Beiträge des Sammelbandes von Jeanette Böhme machen deutlich, wie vielfältig Reformversuche und Alternativen sind, die von der Waldorfpädagogik bis zum Bauhaus reichen. Aus theoretischer Perspektive mangelten die meisten Architekturstile im Schulbau daran, dass sie die Schülerinnen und Schüler und ihre Bedürfnisse nicht angemessen in den Blick nahmen. Zahlreiche Aufsätze dieses Buches machen deutlich, wie notwendig es ist, durch eine ethnographische Beobachtung des Schulalltags Ideen zu einer flexibleren Bauweise von Schulen zu entwickeln. Dass architektonische Fragen immens mit pädagogischen Vorstellungen von Schule korrespondieren, kann nicht überraschen. Dass aber die Architektur und die Erziehungswissenschaft sich aus dem Denken und Reden über die Schulraumgestaltung über Jahrzehnte zurückgezogen haben und das Geschäft den Bauingenieuren als den eigentlichen Machern überlassen haben, wird beim Lesen des Sammelbandes mehr als deutlich.

Fazit

Die neuen Herausforderungen von Schule, die als Ganztagsschule neue Leitorientierungen (individuelle Förderung, Abbau von Bildungsungerechtigkeit …) im kommunalen Bildungsnetzwerk umsetzen soll, machen die Diskussion von raum-zeitlichen Kontexten und auch von praktischen Fragen der Schularchitektur dringend erforderlich. Insofern kommt der Sammelband von Jeanette Böhme zur rechten Zeit und wird sicherlich die theoretischen Diskurse anregen und begleiten können. Die thematische Breite des Bandes ist erstaunlich und überzeugend. Viele Beiträge werden trotz der vorgegebenen Orientierung an Theorie auch recht praktisch und zeigen konkrete gestalterische Perspektiven auf. Dabei sind vor allem die zahlreichen Fotos hilfreich und erhellend.

Dass der Band für Praktikerinnen und Praktiker nur begrenzt hilfreich ist, da Hinweise auf konkrete Praxisbeispiele meist nicht weitergehend verfolgt werden, darf man dem Buch nicht vorwerfen, da es vornehmlich für den theoretischen Diskurs gedacht ist.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 10.12.2009 zu: Jeanette Böhme (Hrsg.): Schularchitektur im interdisziplinären Diskurs. Territorialisierungskrise und Gestaltungsperspektiven des schulischen Bildungsraums. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16117-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7791.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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