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Werner Helsper, Rolf-Torsten Kramer u.a.: Jugend zwischen Familie und Schule

Cover Werner Helsper, Rolf-Torsten Kramer, Merle Hummrich, Susann Busse: Jugend zwischen Familie und Schule. Eine Studie zu pädagogischen Generationsbeziehungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 440 Seiten. ISBN 978-3-531-16574-5. 39,90 EUR.
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Thema

Kinder und Jugendliche sind in Schule und Familie pädagogischen Generationsbeziehungen ausgesetzt. Die vorliegende Studie untersucht die Passungsverhältnisse dieser Beziehungen, d.h. inwiefern das Zusammenspiel von Schule und Elternhaus Bildung und Verselbständigung der Mädchen und Jungen fördert oder blockiert. Auf der Basis von Fallstudien in Schule und Elternhaus wird eine Theorie der pädagogischen Generationsbeziehungen herausgearbeitet.

Ziel

Zahlreiche Veröffentlichungen der letzten Jahre behaupten einen grundlegenden Wandel im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern. Das Ziel der Studie ist die empirische Überprüfung dieser Thesen. Zudem wird erstmals versucht, die erzieherische Praxis in Schulen und Elternhäusern aufeinander zu beziehen und zu verstehen, wie diese Praxen einander unterstützen oder widersprechen.

Autorin und Autoren

Das renommierte Autorenteam der Martin-Luther-Universität Halle hat in den letzten Jahren bereits zahlreiche Studien zum Thema Schule und Generationsbeziehungen durchgeführt und deren Ergebnisse publiziert. Im Rahmen ihrer Schul- und Bildungsforschung haben sie sich besonders auch mit Lehrer-Schüler-Beziehungen beschäftigt.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird der Stand der theoretischen und der empirischen Forschung zu den Generationsbeziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen kenntnis- und materialreich zusammengefasst. Dabei wird besondere Aufmerksamkeit den Thesen zum Wandel dieser Beziehungen geschenkt. Schließlich wird ein eigenständiges Konzept einer symbolischen Generationsordnung vorgeschlagen, das durch die Spannung von Transformation (die Chance der Jugend für die individuelle und gesellschaftliche Weiterentwicklung) und Reproduktion (die Aufgabe der Jugend, das Erreichte zu bewahren) gekennzeichnet ist. Dabei werden die familialen Generationsbeziehungen als vorwiegend von diffuser und intimer Emotionalität geprägt skizziert, während in den schulischen Beziehungen die Vermittlung von Sachen im Vordergrund stehe.

Im zweiten Kapitel werden die Anlage der Studie und das methodische Vorgehen beschrieben. Die Passungsverhältnisse von famililialen und schulischen Generationsbeziehungen wurden in den Jahren 2001 – 2007 an drei sehr unterschiedlichen weiterführenden Schulen untersucht. Neben Unterrichtssequenzen wurden auch Begrüßungsreden der Schulleitungen und Interviews mit LehrerInnen und SchülerInnen aufgezeichnet. In den Familien der Jugendlichen wurden Abendessenszenen und Interviews mit den Eltern aufgezeichnet. Im Mittelpunkt der Materialinterpretation stehen jeweils vier stark kontrastierende Fallstudien an den drei Schulen, in denen Interaktionen in Schule und Elternhaus aufeinander bezogen und zusammen mit den durchgeführten Interviews interpretiert werden. Als Auswertungsverfahren wird die Sequenzanalyse der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann eingesetzt.

Im dritten Kapitel werden in sog. „Schulporträts“ zunächst die dominanten Generationsentwürfe der drei Schulen herausgearbeitet, bevor dann die jeweils vier Fallanalysen zusammenfassend dargestellt werden. Die dominanten Generationsentwürfe der Schulen werden im wesentlichen auf der Basis der Interpretation der Schulleiterreden zur Begrüßung neuer Schülerinnen und Schüler zu Beginn eines Schuljahres erarbeitet. Mittels Objektiver Hermeneutik reichen den AutorInnen in der Regel wenige Sätze oder gar wenige Worte, um diese Vorstellungen der idealtypischen Beziehung zwischen Schule und Schülern herauszuarbeiten. Der unvoreingenommene und mit der Objektiven Hermeneutik nicht vertraute Leser staunt an diesen Stellen, dass aus wenigen dürren Worten, z.B. „Liebe Schülerinnen und Schüler (abebben des stimmengewirr), sehr verehrte Eltern“ beinahe ein komplettes Generationsverständnis einer Institution herausgelesen werden kann. Die Interpretationskunst der AutorInnen verblüfft den unvoreingenommenen Leser zumeist positiv, da vieles nachvollziehbar erläutert wird.
Die 12 stark kontrastierenden Fallstudien von Schülerinnen und Schülern basieren auf Interaktionssequenzen in Schule und Familie sowie den jeweiligen Einzelinterviews mit LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen. Von diesem Material werden jedoch erneut nur minimale Sequenzen genutzt, die wiederum kunstvoll und stark theoretisierend interpretiert werden. Schließlich werden alle 12 SchülerInnen zu „Typen“ abstrahiert, z.B. zum „geduldeten scheinbaren Abweichler“ oder zum „schulischen Rebell wider Willen“.
Neben der individuellen Interpretation der Fallstudien werden jeweils die Generationsbeziehungen der Fälle der drei Schulen insgesamt betrachtet und die Passung von Familie und Schule untersucht.

Im vierten Kapitel werden schulübergreifende Aspekte untersucht. Hier werden insbesondere aufschlussreiche Interpretationen des Materials zu den pädagogischen Arbeitsbündnissen in Schule und Familie vorgelegt und Typen familialer Generationsbeziehungen entwickelt. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt die Untersuchung der Milieu-Passung von Schule und Elternhaus. In Anlehnung an das Habitus-Konzept von Bourdieu werden Passungs-Konflikte zwischen Schulen und Elternhäusern verdeutlicht.
Die Untersuchung der dyadischen Arbeitsbündnisse in den Schulen, d.h. des Beziehungs- und Vermittlungshandelns von Lehrkräften zu einzelnen SchülerInnen wird besonders intensiv bis zu Typenbildungen vorangetrieben. Das überrascht etwas, da die individuellen Schüler-Lehrer-Beziehungen eigentlich im schulischen, nicht von individueller Förderung bestimmten, Alltag eher eine untergeordnete Rolle spielt. Auch wird der Leser spätestens an dieser Stelle von den übertriebenen Versuchen der AutorInnen zur permanenten Typen-, bzw. Modellbildung und ihrer komplexen grafischen Darstellung sehr gefordert.
Als eine Kernaufgabe der pädagogischen Generationsbeziehung in Schule und Familie wird die „Individuation“ der Jugendlichen verstanden. Genau diese Kernaufgabe aber wird in beiden Kontexten häufig nicht erfolgreich angegangen, da die Autonomiebestrebungen der Jugendlichen die Erwachsenen in Schule und Familie herausfordern und nicht selten nerven oder überfordern. An den Fallbeispielen wird verdeutlicht, dass sowohl Schule als auch Elternhaus die Individuation unterstützen können und beide Seiten mögliche Schwächen der anderen Seite komplementär auffangen sollten. Mit anderen Worten: Sowohl Schule als auch Familie bieten Jugendlichen nur teilweise geeignete Möglichkeiten zur Autonomieentwicklung. Problematisch wird es dann, wenn beide Lebensorte bei dieser entscheidenden Aufgabe versagen.
Da aber solche zentralen Fragen der Erziehung und Bildung, wie die Verselbständigung, nicht zwischen Schule und Elternhaus erörtert und verhandelt werden, sind viele Jugendliche den beiderseitigen Blockaden oder Nachlässigkeiten ausgesetzt. Die AutorInnen kommen an dieser Stelle nicht weiter, als dass sie unterschiedliche Typen der Passung bzw. Nicht-Passung von Schule und Elternhaus skizzieren.

Im fünften Kapitel legen die AutorInnen eine Theoretisierung ihrer Ergebnisse vor. Dabei formulieren sie zunächst die Konsequenzen ihrer Studie für die strukturale Familientheorie und legen Wert darauf, dass die vielfach in aktuellen Diskursen behauptete Entgrenzung und Umkehr der pädagogischen Generationsbeziehungen, d.h. der Autoritätsverfall in den Familien und damit verbunden eine strukturelle Unmöglichkeit der familialen Erziehung, sich in den Fallbeispielen nicht bzw. nicht sehr stark auffinden ließen. Der Rede von der zunehmenden Selbstsozialisation von Kindern und Jugendlichen, wie sie z.B. in populärer Form von Judith Harris geäußert wurde, wird von den AutorInnen deutlich wiedersprochen. Vielmehr zeigen die Fallgeschichten, dass die Peer-Group allein eine erfolgreiche Sozialisation nicht gewährleisten könne und auch die Individuation auf erfolgreiche Beziehungen zu Erwachsenen angewiesen sei.
Auch die Verkehrung im Kompetenz- und Wissensgefälle, die viele Jugendforscher mit Blick auf den Umgang mit neuen Technologien wahrnehmen und verallgemeinern, wird nach Ansicht der AutorInnen deutlich übertrieben. Zwar gebe es durchaus Teilbereiche des Lebens, in denen die Jüngeren über Wissens- und Könnensvorsprünge verfügten, aber dies ändere bisher noch wenig an der grundsätzlichen Vermittlungsbeziehung in Familie und Schule. Besonders erfolgreich zeige sich in der Studie am Beispiel einer reformpädagogischen Gesamtschule, wie eine reflexiv-moderne Generationsordnung eine weitgehende Symmetrisierung und Informalisierung der Lehrer-Schüler-Beziehungen unterstütze und ermögliche, ohne die grundsätzliche generative Asymmetrie zu negieren.
Bezüglich der professionellen Erziehungstätigkeit an Schulen halten die AutorInnen an der Idee der dyadischen Arbeitsbündnisse zwischen LehrerInnen und SchülerInnen grundsätzlich fest. Obwohl auch die Lehrer-Schüler-Beziehung nicht davor gefeit ist, von diffusen emotional geprägten Aspekten zu stark geprägt zu sein, zeigen doch die Fallbeispiele nach Ansicht der AutorInnen auch, dass Lehrkräfte an Schulen für Jugendliche „Signifikante Andere“ sein können, die aufgrund ihres fachlichen Profils (in Verbindung mit ihrer Persönlichkeit) einen entscheidenden Beitrag zur „Besonderung“ und damit zur Individuation des einzelnen Schülers leisten können. Das gelingt allerdings nur dann, wenn dieses Arbeitsbündnis „als reziprokes, gemeinsam durch Schüler und Lehrer getragenes Arbeitsbündnis in Übereinstimmung mit der schulischen Ordnung zustande kommt, weil sich dann die übergreifende symbolische Ordnung der Schule, die konkrete interaktiv generierte Ordnung des Arbeitsbündnisses sowie die inkorporierten individuellen Haltungen homolog ergänzen und potenzieren.“ (S. 355)
Die professionelle Erzieherrolle der LehrerInnen wird von den Autoren höchst anspruchsvoll definiert. So sollen die PädagogInnen die Herkunftsmilieus der Jugendlichen und das schulische sowie das eigene Milieu reflexiv brechen, um überhaupt offene Arbeitsbündnisse herstellen zu können. Zudem besteht nach Ansicht der AutorInnen eine zentrale Gefahr für das pädagogische Handeln darin, dass die Fachkräfte den Verlockungen universaler, d.h. ganzheitlicher und emotional aufgeladener Beziehungen zu den Jugendlichen erliegen, d.h. ihre Beziehungen denen der Eltern zu ihren Kindern strukturell zu sehr ähneln: „Zwar sind Lehrer-Schüler-Beziehungen nicht rein universalistische Rollenbeziehungen, aber ein zu hohes Maß an Affektivität und Partikularismus bedroht letzlich die Funktionsbestimmung der Schule als Qualifikationsinstanz.“ (S. 370)

Diskussion

Das Anliegen des Buches, die Passung der pädagogischen Generationsbeziehungen von Familie und Schule zu untersuchen ist absolut spannend und angesichts der zeitlichen und ansprüchlichen Ausbreitung von Schule sehr bedeutsam. Das methodische Vorgehen der AutorInnen, Interaktionen in Schule und Familie aufzuzeichnen und zu analysieren, passt ebenfalls grundsätzlich zu dieser Idee. Die Autoren wählen dabei jeweils möglichst große Kontraste zwischen den Schulen, den Jugendlichen und den elterlichen Milieus, um mit einer relativ geringen Fallzahl dennoch eine möglichst große Breite an Unterschieden aufzuspüren.

Die von den AutorInnen mittels objektiver Hermeneutik herausgearbeiteten Befunde werden auf höchstem Niveau mit empirischen und vor allem theoretischen Befunden und Aussagen aus anderen Forschungsbereichen abgeglichen bzw. konfrontiert. Sowohl zur pädagogischen Professionstheorie als auch zu soziologischen Generationstheorien werden zentrale Thesen ausführlich und dicht präsentiert.

Insgesamt enttäuschen aber die Breite und Tiefe des vorgelegten Materials angesichts der Rahmenbedingungen, die mehrjähriges Forschen in Schulen und Familien ermöglichten. Besonders die interpretative Enge der Materialanalyse fällt weiterhin auf. Es wird nicht deutlich, wie die Jugendlichen die Generationsbeziehungen in Schule und Elternhaus erleben und verstehen. Ebenso wird leider darauf verzichtet, Schule und Elternhaus miteinander ins Gespräch zu bringen. Es wird stattdessen (zu) einseitig darauf vertraut, dass die Objektive Hermeneutik die Wahrheit ans Tageslicht bringt.

Fazit

Die AutorInnen haben ein extrem anspruchsvolles Werk vorgelegt, das auch für wissenschaftlich ausgebildete Praktiker nicht leicht lesbar ist und somit vorrangig an die wissenschaftliche Community adressiert sein dürfte. Sprachlich und theoretisch ist das Buch sehr komplex und das Lesen ist mühsam. Angesichts der vielen Fallgeschichten verliert man schnell den Überblick, zumal zu viele unverständliche Graphiken die Lektüre erschweren.

Der Hang der AutorInnen zur Typenbildung führt dazu, dass immer wieder der (ansonsten durchaus vorhandene) Schwung verloren geht. Besonders die theoretischen und (etwas weniger) die empirischen Herleitungen zur Relativierung radikaler Veränderungsthesen bzgl. der Generationsbeziehungen überzeugen völlig und stellen aus meiner Sicht die Stärke dieses Buches dar.

Der Fokus der Untersuchungen im schulischen Kontext wird auf die dyadischen Beziehungen bzw. Arbeitsbündnisse zwischen Lehrern und Schülern gelegt. Das ist zunächst überraschend, weil das Beziehungshandeln der PädagogInnen in Studium und Ausbildung kaum eine Rolle spielt und auch im Rahmen der alltäglichen Wahrnehmungen und Kommunikationen an Schulen wohl eher im Hintergrund bleibt. Hier gelingen den Autorinnen interessante Konstruktionen zur Bedeutung der PädagogInnen als „Signifikante Andere“ und Ermöglicher von Autonomie und Individuation.

Als Rezensent komme ich nach der Lektüre zu dem folgenden Schluss: es wird dringend Zeit, dass in den Schulen eine intensive Reflexion der intentionalen wie der unbeabsichtigten erzieherischen Prozesse begonnen wird und dass die Prozesse der Individuation gezielt und im Dialog mit den Eltern gestaltet und begleitet werden. Wie Erziehung und Bildung als gemeinsame Aufgabe von Schule und Familie verstanden und wahrgenommen werden können, ist eine wichtige Zukunftsfrage für Praxis und Forschung, zu der die vorgelegte Studie zahlreiche konkrete Ansatzpunkte aufzeigt.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 15.10.2009 zu: Werner Helsper, Rolf-Torsten Kramer, Merle Hummrich, Susann Busse: Jugend zwischen Familie und Schule. Eine Studie zu pädagogischen Generationsbeziehungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16574-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7792.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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