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Torsten Fischer, Jens Lehmann: Studienbuch Erlebnispädagogik

Cover Torsten Fischer, Jens Lehmann: Studienbuch Erlebnispädagogik. Einführung in die Theorie und Praxis der modernen Erlebnispädagogik. UTB (Stuttgart) 2009. 250 Seiten. ISBN 978-3-8252-3191-0. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 34,00 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format).
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Ein Studienbuch – vertiefend, dicht, komplex

Aus der langjährigen Erfahrung in der Lehre an der Leuphana Universität Lüneburg entstand, so die Autoren in der Einleitung, dieses Studienbuch. Es ist in der Tat ein Buch, das studiert werden muss, mit komplexen Inhalten, voller Informationen und zahlreichen Studienfragen. In fünf Kapiteln breiten die beiden Autoren ihr immenses Wissen aus. Im einleitenden Abschnitt sollen die theoretischen Funktionen der modernen Erlebnispädagogik dargestellt werden. Dabei werden drei zentrale Fragen verfolgt: Ist die Erlebnispädagogik systematisch begründet? Welche Erlebnisse können erziehen? Wie ist die Wirksamkeit erlebnispädagogischer Programme zu bewerten? Durch einen kurzen historischen Exkurs und am Beispiel von „Lernsituationen in Outward Bound-Maßnahmen“ beginnt der Diskurs dieser Fragen. Die Übersicht über Dissertationen und Habilitationen (S. 24 f) von 1976 – 2004 ist natürlich eine Fundgrube, die leider 2004 endet und damit nicht ganz aktuell ist. Die Dissertation von Erich Birkelbach wurde nicht 1983, sondern zwei Jahre später publiziert – was auf Seite 71 richtig angegeben wurde. Man kann den Autoren nur zustimmen, dass die konstant in Diplomarbeiten und auch Dissertationen vorgetragene Kritik über Theorie- und Forschungsdefizite bei genauerer Durchsicht so nicht mehr zutrifft. Die Differenzierung zwischen Gefühle, Affekte und Stimmungen und die anschließenden fünf Thesen (S. 27 f) machen plausibel, unter welchen Voraussetzungen Erlebnisse erziehen können. Die 20 Studienfragen am Ende des ersten Kapitels sind eine vorzügliche Übung, Evaluation und Vertiefung.

Von Wegbegleitern zur modernen Erlebnispädagogik

Das zweite Kapitel befasst sich mit „ … erlebnispädagogischen Schulideen in Deutschland und deren internationale Bedeutsamkeit.“ (S. 31) Zunächst werden ausgewählte Wegbereiter der Erlebnispädagogik beschrieben. Grundlage ist die gleichnamige Publikationsreihe im Verlag edition erlebnispädagogik, die manchmal Persönlichkeiten der Reformpädagogik zu Wegbereitern der Erlebnispädagogik umdeutet. Fischer und Lehmann arbeiten in sechs Punkten die theoretischen Gemeinsamkeiten heraus (S.48 ff) und bilden somit eine fruchtbare Schnittmenge unterschiedlichster historischer Entwicklungen. Die ideengeschichtlichen Anknüpfungspunkte von der Steinzeit bis zur Postmoderne werden in zehn Seiten extrem verdichtet aufgelistet. Natürlich bieten sich hier je nach Forschungsinteresse verschiedene Tiefenbohrungen an. So regen z. B. die „urgesellschaftlichen Lebens- und Kulturformen“ (S. 54) zu ethnologischen Exkursen an. In der kleinen Schrift „Über die Erziehung“ von Immanuel Kant lassen sich zahlreiche erlebnispädagogische Bezüge finden. Anschließend widmen sich die Autoren facettenreich der modernen Erlebnispädagogik. Dabei wird zunächst das Konzept des Segelschulschiffs Thor Heyerdahl erörtert, anschließend geht es um die Wirksamkeit von Outdoor Management Development und um die „Arbeitsfelder der modernen Erlebnispädagogik in 1990er Jahren.“ Einige wenige Ausführungen könnten aktualisiert werden; so nennt sich z. B. die „Wildnisschule Schloss Wartensee“ seit 2002 „planoalto“ (S. 93), zu „Freiluftleben“ (S. 93) gibt es sehr aktuelle Publikationen, die Zeitschrift „e&l. erleben und lernen“ ist mehr als ein süddeutsches Magazin (S. 87) und „Sambia“ liegt nicht im asiatischen Raum (S. 95). Aber das sind Kleinigkeiten, die im Rahmen der sonstigen professionellen Erörterung kaum stören.

Erlebnispädagogische Prozessgestaltung

Der dritte Abschnitt stellt die theoretischen Grundsätze der erlebnispädagogischen Prozessgestaltung dar. Zunächst wird ein viel strapazierter, aber natürlich zentraler Begriff, die ganzheitliche Erziehung und Bildung, in mehreren Dimensionen diskutiert. Dann erörtern die Autoren die komplizierten Zusammenhänge zwischen Erfahrung und Erlebnis von der konstruktivistischen Perspektive bis zur Position der kritischen Pädagogik. Die abschließenden Schlussfolgerungen (S. 126) fassen die sehr differenzierten Ausführungen zu einem Über- und Ausblick zusammen. Im Anschluss werden mehrere Konzepte der Erlebnispädagogik vorgestellt, inspiriert durch das Expertenwissen des Pioniers Jörg Ziegenspeck und des Schweizer Erlebnispädagogen und –therapeuten Hans-Peter Hufenus. Wieder werden mehrere Definitionen des Begriffs Erlebnispädagogik angeboten (S. 143; vgl. dazu auch S. 51). In den weiteren Ausführungen wird das oft thematisierte Verhältnis von Erlebnis und Erziehung ausgelotet. Der erlebnisorientierte Lernzyklus von David Kolb (1984), später erweitert durch Luckner, Nadler ( (1997), hätte durchaus in deutscher Sprache und eher als Kreis dargestellt werden können (S. 163). Sehr wohltuend ist die Teilzusammenfassung (S. 173), denn die Darstellung und die Thematik sind durchaus komplex und brauchen zum tieferen Verständnis eine gewisse Redundanz. Auch wäre bei diesem zentralen Kapitel eine Portionierung der Studienfragen an gewissen Zwischenabschnitten als Lernkontrolle durchaus sinnvoll gewesen.

Schul- und Erlebnispädagogik

Das vierte Kapitel widmet sich der praktischen Vielfalt moderner Erlebnispädagogik, zunächst am Beispiel der deutschen Landerziehungsheime. Da Torsten Fischer sich in seiner Habilitationsschrift sehr ausführlich mit dem Verhältnis von Schule und Erlebnispädagogik auseinandergesetzt hat, spielt dieses wichtige und zukunftsträchtige Thema auch hier eine dominante Rolle. Natürlich gäbe es auch Vieles zu berichten von der Szene der außerschulischen Träger der Erlebnispädagogik, die sich in den letzten Jahren nicht nur erheblich vergrößert, sondern auch deutlich ausdifferenziert hat. Das abschließende kurze fünfte Kapitel rundet ein dichtes, inhaltsreiches Werk mit komplexen Inhalten ab.

Fazit

Ein Studienbuch, das im Wortsinn zum Studium auffordert, manchmal Genuss bereitet und manchmal eine Herausforderung darstellt wie ein rauer, schwieriger Kletterfelsen, an dem man sich öfter versuchen muss, um erfolgreich zu sein.


Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 11.01.2010 zu: Torsten Fischer, Jens Lehmann: Studienbuch Erlebnispädagogik. Einführung in die Theorie und Praxis der modernen Erlebnispädagogik. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3191-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7798.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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