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Heinrich Ricking, Gisela Schulze u.a. (Hrsg.): Schulabsentismus und Drop-out

Cover Heinrich Ricking, Gisela Schulze, Manfred Wittrock (Hrsg.): Schulabsentismus und Drop-out. Erscheinungsformen - Erklärungsansätze - Intervention. UTB (Stuttgart) 2009. 319 Seiten. ISBN 978-3-8252-3213-9. D: 16,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: UTB S (Small-Format).
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Thema

Das Thema Schulschwänzen hat in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Ländern, erst in den letzten 10 – 15 Jahren die gebührende wissenschaftliche, schulpraktische und öffentliche Aufmerksamkeit bekommen.

Aufbau und Inhalt

Dorthin zielend gibt das vorliegende Buch mit 15 Beiträgen eine breit angelegte Übersicht über vorfindliche Forschungsergebnisse, theoretisch ausgerichtete Analysen und praxisnahe Problemlösungen.

Deshalb bilden die drei Kapitel Erscheinungsformen, Erklärungsansätze und Intervention die grundlegende Struktur der Veröffentlichung. Auffallend und begrüßenswert ist die Darstellung von Handlungsansätzen in den einzelnen Beiträgen und eben in dem dritten Kapitel mit ca. 150 Seiten.

Begrifflich gehen die drei Herausgeber im einleitenden Beitrag vom Oberbegriff des Schulabsentimus aus, der dann nach drei Formgruppen untergliedert wird. Das Schulschwänzen, die Schulverweigerung als angstbesetztes Verhalten und das Zurückhalten von Schülern und Schülerinnen durch Erwachsene. Der früher geläufige Begriff der Schulverweigerung ist also jetzt eng eingegrenzt und neu definiert. Allerdings halten die Autoren und Autorinnen des Bandes diese Definition keineswegs durch. Dropout kennzeichnet die Schüler und Schülerinnen, die das Schulsystem ohne Abschluss vorzeitig verlassen. Der Entwicklungspfad zum Dropout lässt sich beispielhaft wie folgt skizzieren: Geringe soziale Kompetenz bei den Schülerinnen und Schülern mit bildungsfernem, sozialökonomisch belasteten und wenig unterstützenden familialem Hintergrund. Schulischer Misserfolg und/oder Konflikte mit Lehrkräften führen über geringes Unterrichtsinteresse zu einer schulaversiven Haltung und damit zum Absentismus. Diese Entwicklung wird begleitet durch eine attraktive und kontrollfreie außerschulische Situation in der auch Freunde und Mitschüler eine identitätsstabilisierende Bedeutung haben. Befreiung von Schule, positive Freizeit oder auch gut bezahlte Arbeit führen dann zum Dropout. Mit solchen und ähnlichen Entwicklungsprozessen hat sich dann eine Hochrisikogruppe etabliert, die sich in eine individuelle Zukunft bewegt, welche durch Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Straftatbeständen, durch Gesundheitsprobleme, Arbeitslosigkeit und Armut mehr oder weniger gekennzeichnet ist. Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund sind dabei einem höheren Absentismus- und Dropoutrisiko ausgesetzt und in einem Artikel wird diese spezielle Situation analysiert, die mittlerweile aber nicht mehr speziell ist, sondern einen erheblichen Teil von Schülerinnen und Schülern betrifft.

Spätestens zu Beginn eines Erwerbsverlaufs, also an der Übergangsschwelle Schule – Beruf wird die massive Einengung der Dropouts spürbar. Jeder fünfte geringqualifizierte Jugendliche ist arbeitslos und das angesichts sich einer sich verschlechternden Lage auf dem Lehrstellen – und Arbeitsmarkt. Auch diese entscheidende Phase der Berufsfindung wird beschrieben, analysiert und es wird auf notwendige Konsequenzen aufmerksam gemacht.

Das recht kurze zweite Kapitel wird durch zwei Beiträge ausgefüllt, die einen soziologischen und einen psychologischen Erklärungsansatz zum Schulabsentismus vorstellen. Der soziologische Beitrag konzentriert sich auf entsprechende Theorien wie die Kontroll – und die Anomietheorie sowie die Theorie städtischer Subkulturen. Der psychologieorientierte Aufsatz zieht insbesondere die Feldtheorie Lewins heran und erörtert zudem ausgiebig Präventions – und Interventionsansätze.

Das dritte Kapitel mit dem Titel Intervention beginnt mit einem Beitrag über us-amerikanische Präventionsstrategien bei Schulabsentismus. Der Autor macht darauf aufmerksam, dass in Deutschland solche Präventionsstrategien sehr vernachlässigt werden („Jeder Euro in der Prävention spart mindesten 8 – 14 Euro an Interventionskosten“, Hillenbrand, S.177 ). Da sich aber in dem Band zwei weitere Beiträge mit Prävention beschäftigen (Ricking, Grünke), wäre der Kapiteltitel „Prävention und Intervention“ wohl zutreffender gewesen. Auch kann der Aufsatz, der ein Empowerment- Konzept vorstellt, durchaus als ein auf Prävention gerichteter Beitrag gelesen werden. Weitere Aufsätze widmen sich der Stärkung sozialer Kompetenz und stellen entsprechende Projekte vor. Beschrieben wird u.a. wie sich lernpädagogische-, berufspädagogische-, sozialpädagogische und erlebnispädagogische Elemente ergänzen müssen und dies von einem Kooperationsnetz von lokalen Jugendhilfeträgern begleitet werden sollte. Dass die Kooperation zwischen Lehrkräften und Eltern eine notwendige Arbeitsbedingung bei schulaversiven Schülern und Schülerinnen darstellt, wird ebenfalls in einem Aufsatz thematisiert. Unter dem Aspekt von „Drop-In“-Optionen werden in einem weitern Beitrag Schulstrukturen auf ihre „Haltekraft“ untersucht. Auch hier wird besonders auf die Kooperation von Schule und Jugendhilfe verwiesen wie es z.B. im Handlungsfeld Schulsozialarbeit gegeben ist.

Ein Bericht aus den Niederlanden und ein kommentierter englischsprachiger Bericht aus den Vereinigten Staaten erlauben es auch, einen internationalen Blick auf die Thematik zu werfen.

Fazit

Das gemeinhin verständlich geschriebene Buch kann und sollte von Studierenden und ihren Dozenten im gesamten Spektrum der pädagogischen Teildisziplinen sowie in der Sozialen Arbeit bearbeitet werden. Theoretisch anspruchsvolle Beiträge stehen neben sehr praxisrelevanten Aufsätzen. Die Mischung ist gelungen. Deutlich wird die Absicht der Autorinnen und Autoren betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern und den Schulen Unterstützung zukommen zu lassen. Dabei wird auch eine dringliche Unterstützungsverbesserung und Unterstützungserweiterung angemahnt.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 19.08.2009 zu: Heinrich Ricking, Gisela Schulze, Manfred Wittrock (Hrsg.): Schulabsentismus und Drop-out. Erscheinungsformen - Erklärungsansätze - Intervention. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3213-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7799.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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