socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrich Heimlich: Lernschwierigkeiten

Cover Ulrich Heimlich: Lernschwierigkeiten. Sonderpädagogische Förderung im Förderschwerpunkt Lernen. UTB (Stuttgart) 2009. 250 Seiten. ISBN 978-3-8252-3192-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Ulrich Heimlich ist Universitätsprofessor für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Lernbehindertenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Integrations-Inklusionsforschung sowie im Bereich der präventiven Förderung und Spielpädagogik. In den letzten Jahren hat er sich besonders mit der Qualitätsentwicklung in integrativen Kindertageseinrichtungen beschäftigt und dabei entsprechende integrative Einrichtungen wissenschaftlich begleitet. Dabei ist ein praxisbezogenes Modell der Entwicklung von Qualitätsstandards in integrativen Kindertageseinrichtungen entstanden. Integration und Inklusion sind zu seinem zentralen Schwerpunkt geworden, der auch auf die Praxis bezogen wird.

Thema

Ulrich Heimlich schreibt in seinem Vorwort: „Ich habe nach dem Lehramtsstudium zunächst insgesamt 10 Jahre als ‚Sonderschullehrer‘ in ‚Schulen für Lernbehinderte‘ in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Insofern gehen in das vorliegende Buch viele Anregungen, Hilfen und Unterstützungen von meinen Lehrer/-innen, Kollegen/-innen, Schüler/-innen und Studierenden ein“ (S. 5). Die Verbindung zwischen Theorie und Praxis und deren gegenseitige Befruchtung wird als zentral angesehen.

Heimlich bevorzugt (vgl. Bundschuh, Heimlich & Krawitz, 1999) den Begriff der Lernschwierigkeiten vor denen der Lernbehinderung, -beeinträchtigung oder -störung, die er als Ausprägungsgrade des Förderbedarfs ansieht, und will so auch die Sichtweise erweitern auf den gesamten Lebenslauf; denn Lernschwierigkeiten können “über die eigentliche Schulzeit hinaus in unterschiedlichen Lebensabschnitten auftreten“ (S. 11), in erschwerten Lernsituationen verbunden mit vielfältigen Umfeldbedingungen; es geht um die „enge Beziehung zwischen erschwerten Lebens- und Lernsituationen“ (S. 17).

Der ökologische Ansatz, der Kontextfaktoren einbezieht, wird von Heimlich präferiert. Unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen der Praxis an die Problematik der Lernschwierigkeit werden dargestellt ebenso wie mögliche Ursachen, diagnostische Verfahren und Fördermöglichkeiten. Unterschiedliche Erklärungsmodelle aus der Pädagogik, Psychologie, Soziologie werden herangezogen, um die Vielschichtigkeit des Problems Lernschwierigkeiten deutlich zu machen. Fallbeispiele mit Einbeziehung der Erklärungsmodelle machen diese Herangehensweisen für die Praxis anwendbar.

Die Ausführungen verbleiben vorrangig im schulischen Bereich.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in insgesamt 5 Kapitel.

Die inhaltliche Kernthematik lässt sich aus meiner Sicht in zumindest zwei große Teile zusammenfassen, die sich auseinandersetzen 1. mit der „Person-Umwelt-Interaktion bei Lernschwierigkeiten“ (Kap. 1, S. 17-89) als Ausgangspunkt für die weitere Argumentation im 2., größeren Teil: der Darstellung von Ansätzen für eine zu entwickelnde Theorie der Pädagogik bei Lernschwierigkeiten (Kap. 2-5; S. 91-226), der die historischen Grundlagen der Pädagogik bei Lernschwierigkeiten (Kap. 2) aufzeigt, existierende Förderkonzepte bei Lernschwierigkeiten diskutiert (Kap. 3), mögliche erweiterte Arbeitsfelder einer entsprechenden Pädagogik reflektiert (Kap. 4) und ausgewählte Ansätze zu einer auszuarbeitenden Theorie einer Pädagogik bei Lernschwierigkeiten vorstellt.

Der didaktische Aufbau des vorliegenden Werkes ist lehrbuchartig angelegt, weil prägnante Zusammenfassungen zu Beginn der jeweiligen Kapitel stehen, die Kerngedanken deutlich abgesetzt „Auf den Punkt gebracht“ sind und Fallbeispiele die Argumentationen konkret werden lassen; abgerundet wird dieser Aufbau durch Übungsaufgaben nach jedem Kapitel (mit Auflösungen am Ende des Buches) und durch Literaturempfehlungen.

Inhalt

Das vorliegende Buch bietet eine Fülle an Material zu theoretischen wie praktischen, auch empirischen Erkenntnissen, wie Lernschwierigkeiten eingeordnet werden können. Es werden Fragen angegangen nach der Zielgruppe (wer?), den pädagogischen Handlungskonzepten (wie?) und den Organisationsformen (wo?) und schließlich nach der Begründbarkeit von sonderpädagogischer Förderung im Förderschwerpunkt Lernen (die Frage nach dem Warum?). Die Beantwortung des „Warum“ wird hier als Legitimation der sonderpädagogischen Förderung durch eine Theorie gesehen, der man mittels Reflexion des Handelns näher zu kommen vermag.

Sichtweisen zu Lernschwierigkeiten werden in Kap. 1 sehr anschaulich mittels Tabellen dargelegt. Hier zeigt sich ein Wissenschaftler, der Theorie und Praxis miteinander konkret zu verknüpfen vermag. Kritisch geht der Autor mit der Förderdiagnostik-Praxis um. Die Unterscheidung in Wissen-Lernen, Können-Lernen, Leben-Lernen und Lernen-Lernen ermöglicht weitere unterschiedliche Herangehensweisen. Heimlich geht auf Teilleistungsstörungen ein, auf Verhaltensaspekte wie z.B. Aggression, Angst, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme, Motivationsprobleme und stellt Erklärungsversuche aus der Psychologie (u.a. Verhaltenstheorie, Kognitionspsychologie, humanistische Psychologie, Neuropsychologie), aus der Soziologie (Soziale Benachteiligung, Armut, Risiko und Resilienz) und aus der Pädagogik (personale, soziale, ökologische Aspekte) dar. Dieses erste Kapitel bietet sehr viel Information und verschiedene Hinweise auf Veränderungsmöglichkeiten der vorherrschenden Praxis im Umgang mit Lernschwierigkeiten.

Kap. 2 gibt einen historischen Rückblick, weil „gerade die Anfänge … auf ein zentrales Merkmal professionellen sonderpädagogischen Handelns und Denkens (hinweisen): die Erfindung von Methoden der Förderung als Basis von Bildungsangeboten“ (S. 91f.). Es werden die Leistungen und Lebensläufe verschiedener Pädagogen nebeneinander dargestellt – u.a. Comenius, Pestalozzi, Stötzner, Kielhorn, Sickinger, Montessori, Petersen – mit ihren Begründungen für ihre jeweiligen Vorgehensweisen.

Hier hätte sich der Leser gewünscht, dass die verschiedenen Methoden und die Begründungen dazu benutzt worden wären, um aus diesen jeweils interessanten, individuell unterschiedlichen Vorgehensweisen eine allen gemeinsame Basis herauszufiltern, wie auch Faktoren, worin sich die Ansätze jeweils unterschieden. Dies hätte eine Möglichkeit ergeben, einen Diskurs zu einer Theorie der Pädagogik bei Lernschwierigkeiten voranzutreiben.

Kap. 3 und 4 setzen sich einerseits auseinander mit Förderkonzepten (Diagnose, Intervention, Evaluation und Beratung) incl. Förderplanung, didaktisch-methodischen Grundfragen, die auch theoretische Erörterungen wie z.B. ökologische Didaktik einbeziehen, sich im Folgenden aber überwiegend auf den Schulbereich beziehen. Andererseits werden Prävention, Integration und Rehabilitation als Arbeitsfelder der Pädagogik bei Lernschwierigkeiten diskutiert, u.a. die Frühförderung und die Integration im Schulbereich. Rehabilitation und nachschulische Förderung (Kap. 4.3) wird als Thema ebenso randständig behandelt wie Lernschwierigkeiten im Erwachsenenalter.

Bei den theoretischen Grundlagen für eine zu entwickelnde Theorie einer Pädagogik bei Lernschwierigkeiten (Kap. 5) wird zunächst der Begriff Theorie geklärt. Als „Anschauen aus der Distanz“ (S. 204) wird Theorie der kritischen Reflexion gleichgesetzt und daraus der Schluss gezogen, dass „alle sonderpädagogisch Tätigen ständig auch Theoriearbeit“ (S. 204) betreiben. Paradigma wird zum einen gleichgesetzt mit Theorie, zum anderen als Sichtweise bezeichnet und deutlich abgesetzt vom Begriff der Theorie. Diese Sichtweise auf den Begriff Theorie sollte in den Diskurs zu einer Theorie der Pädagogik bei Lernschwierigkeiten mit einbezogen werden.

Vier Paradigmata, das materialistische, das interaktionistische, das systemtheoretische und das ökologische werden bzgl. ihrer Relevanz für eine zu entwickelnde Theorie diskutiert. Heimlich präferiert das ökologische Paradigma, weil „gerade der ökologische Ansatz mit seiner realistischen Sicht auf die verschiedenen Person-Umfeld-Interaktionen und die unterschiedlichen Umweltebenen (bewusst) macht, dass nicht nur Vorstellungen geändert werden müssen, um zu Fördererfolgen bei Lernschwierigkeiten zu gelangen. Es geht vielmehr um konkrete Veränderungen in der Gestaltung der Lernumgebungen als sozialen Tatsachen, die erst die Voraussetzungen für effektive Interventionsstrategien schaffen“ (S. 225).

Diskussion

Das vorliegende Buch gibt viele Anregungen, eine Theorie der Pädagogik der Lernschwierigkeiten zu reflektieren. Als eigenständiger Beitrag zu einer entsprechenden Theorie hätten sich durch die ausgewählten empirischen, förderdiagnostischen, geschichtlichen und theoretischen Bezüge Möglichkeiten geboten, eine solche Theorie in Ansätzen zu provozieren.

Offenbar soll das vorliegende Buch aber erst einmal zum Diskurs anregen.

Unterstützung für die Präferenz ökologischer Ansätze hätte Heimlich auch in der International Classification of Functioning, Disability, and Health (ICF) der WHO finden können, die dort als Umweltfaktoren klassifiziert sind. Die ICF wird nämlich auch zur Förderdiagnostik benutzt (vgl. Rentsch & Bucher, 2006).

Zur Inklusion, international in der UN-Behindertenrechtskonvention hervorgehoben, werden Konsequenzen für die „Sonderschulen“ von Heimlich aus meiner Sicht etwas zu dezent aufgezeigt (vgl. dagegen Hinz, 2002), um zur Reformierung des deutschen Bildungssystems beizutragen.

Obwohl sich der Ansatz von Heimlich nicht nur auf die Schule beziehen will, zeigt die intensive Konzentration der Thematik auf die Schule, dass Lernschwierigkeiten überwiegend dort diagnostiziert und erkannt werden. Insofern kann man hoffen, dass der Diskurs zu einer Theorie der Pädagogik der Lernschwierigkeiten dann übergreifende Lebensbereiche mit einbezieht. Die von Heimlich eingangs erwähnten agogischen Aufgabenstellungen werden im vorliegenden Buch wenig ausgeführt wie auch der Übergang von der Schule zur Rehabilitation und nachschulischen Förderung, dem ganz schwierigen Lebensabschnitt von Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten (vgl. zusammenfassend Ginnold, 2008).

Fazit

Für angehende Pädagogen und Sonderpädagogen, sicherlich auch für angehende Sozialpädagogen liegt mit diesem Werk ein Buch vor, das einen breiten Erkenntnisbereich, empirisch, geschichtlich, wie auch theoretisch bietet, aber auch praktisch umsetzbare Hinweise deutlich macht und didaktisch sehr ansprechend aufbereitet ist.

Zu einer Theorie der Pädagogik der Lernschwierigkeiten im gesamten Lebensbereich (also auch außerhalb der Schule) werden Ansätze diskutiert. Diese sollen und können dazu dienen, dass „auch die theoretischen Grundlagen einer ‚Pädagogik bei Lernschwierigkeiten‘ (Hervorhebung im Original) … innerhalb der heil- und sonderpädagogischen Studien- und Ausbildungsgänge erarbeitet werden“ (S. 14). Also soll das Buch vorrangig zum akademischen Diskurs anregen. Material bietet es hierfür genug.

Literatur

Bundschuh, K., Heimlich, U. & Krawitz, R. (Hrsg.) (1999): Wörterbuch Heilpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

Ginnold, A. (2008): Der Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Einstieg – Ausstieg – Warteschleife. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, Forschung

Hinz, A. (2002): Von der Integration zur Inklusion. In: Zeitschrift für Heilpädagogik. S. 353 – 361

Rentsch, H.P. & Bucher, P.O. (2006): ICF in der Rehabilitation. Die praktische Anwendung der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit im Rehabilitationsalltag. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag


Rezensent
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
E-Mail Mailformular


Alle 12 Rezensionen von Ekkehard Rosch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 14.04.2010 zu: Ulrich Heimlich: Lernschwierigkeiten. Sonderpädagogische Förderung im Förderschwerpunkt Lernen. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3192-7. Reihe: UTB M (Medium-Format. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7802.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung