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Luitgard Franke: Demenz in der Ehe

Cover Luitgard Franke: Demenz in der Ehe. Über die verwirrende Gleichzeitigkeit von Ehe- und Pflegebeziehung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2006. 454 Seiten. ISBN 978-3-938304-49-5. 39,90 EUR.

Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 101.
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Thema

Nur sechs Prozent aller pflegebedürftigen Demenzkranken werden stationär gepflegt. Alle übrigen vom „größten Pflegedienst Deutschland“ – von ihren Angehörigen. Die Zahlen schwanken, je nach Erhebungsort und Methodik, geringfügig: über die Hälfte der Pflegenden sind die Ehepartner der Erkrankten, ca. 40 Prozent Söhne und/oder Töchter, an dritter Stelle dann die Schwiegerkinder.

Demenz ist die Krankheit der ganzen Familie. Kein Familienangehöriger bleibt davon unberührt, aber die Reaktionsweisen sind verschieden (auch Rückzug ist Betroffenheit).

Seitdem die Demenz, aus bekannten Gründen (Älter-werden der Gesellschaftsmitglieder, längere und bessere medizinische, hygienische, nährende Versorgung, bessere finanzielle Ausstattung der Rentnergeneration, bessere Diagnostische Verfahren) deutlicher als Krankheit und Versorgungsaufgabe hervortritt, werden auch die Angehörigen stärker wissenschaftlich unter die Lupe genommen.

Waren es zunächst die Söhne und vor allem die Töchter, deren Arbeit beachtet wurde (der 36-Stunden-Tag in der Pflege; wir werden zu Eltern unserer Eltern; Generationen-Umkehr; aber auch: filiale Reife wurde eingefordert, der Umgang mit Eltern, die scheinbar wieder zu Kindern werden, problematisiert und manchmal auch schon manualisiert), so stehen mit dem Buch von Luitgard Franke jetzt sozusagen die Angehörigen der ersten Reihe im Brennpunkt – wohl auch, weil diese vor lauter Pflege zunächst gar nicht dazu kamen, sich zu artikulieren und sich als quasi erste Generation der pflegenden Angehörigen jetzt erst mal zurücklehnen dürfen. Sie haben es verdient.

Als langjähriger Leiter einer Gruppe für Angehörige von Demenzkranken sah der Referent in den Anfangsjahren die Hauptaufgabe darin, Wissen über das Krankheitsbild, rechtliche Hilfen, bürgerliche und sozialrechtliche Erleichterungen (Pflegeversicherung) zu vermitteln und über den erleichternden und erschwerenden Umgang mit Demenzkranken den Austausch in der Gruppe zu fördern. In der Rückschau ist , für Fachleute auch noch immer erstaunlich, zu vermerken, wieviel mittlerweile durch die Massenmedien und die Aufklärungsarbeiten der Alzheimer-Gesellschaften Wissen Allgemeingut geworden ist. In der Gruppe rückten die Beziehungen der Angehörigen mehr ins Blickfeld und die ungeliebten Töchter, an denen alles hängen bleibt und die hilflosen Schwiegersöhne, die nun doch noch mit den Schwiegereltern zu rivalisieren begannen um die wertvolle Zeit, bekamen mehr Raum.

Es war und ist bei pflegenden Kindern zwar manchmal schwierig, die Beziehung zu klären, um Ressourcen frei zu machen und Frustrationen und übergroße Erwartungen abzubauen, aber da gibt es eine ganz deutliche Grenze zwischen den Eltern, wie bedürftig diese auch seien, und der Kindergeneration – Abgrenzung ohne Ausgrenzung. Aus-Zeiten zum Luft holen und auftanken können „gewissenlos“ wahrgenommen werden und tragen im Endeffekt zur besseren Pflege bei.

Ganz anders bei Ehepartnern. Der Referent hat lange gebraucht, um das klar zu kriegen und das Buch von L. Franke ist hilfreich, um diese Unterschiede klarer zu fassen.

Über die verwirrende Gleichzeitigkeit von Ehe- und Pflegebeziehung

Franke arbeitet in ihrem Buch, dem ihre Dissertation zugrunde liegt, zunächst die bisherige (Stand 2005) Literatur zum Thema Demenz in der Ehe unter den Gesichtspunkten „Veränderung der Ehebeziehung“ und: „Besonderheiten der ehelichen Pflegekonstellation“ auf, und geht dann über zu Belastung und Lebenszufriedenheit der pflegenden Ehepartner, unter anderem auch zu Belastungen der Ehegatten im Vergleich zu anderen Gruppen.

Die empirische Arbeit der Autorin besteht aus 18 Fallanalysen. Hier analysiert Franke ihre Beratungsarbeit und therapeutische Begleitung von 18 Klienten, von denen manche zur Paarberatung, manche auch zur Einzelberatung mit der Autorin über längere oder kürzere Zeit in einer Beratungsbeziehung standen. Diese Beratungsprotokolle bzw. Fallanalysen zu lesen, macht sehr deutlich, in welchem Spannungsfeld sich die Menschen, deren Ehepartner erkrankt und sich durch die Krankheit verändert, bewegen und was sie tagtäglich mitmachen. Unter den Gesichtspunkten

  • Gefährtenschaft und Intimität
  • Loyalität und Vertrauen
  • Souveränität, Gleichberechtigung, Alltagsorganisation und Macht sowie
  • Gerechtigkeit und Liebe und
  • Beziehungsgeschichte und Paardynamik

erläutert die Autorin, was sie unter „Demenz als Krise der Ehe“ verstanden wissen will. Krise, definiert sie, tritt dann ein, wenn eine subjektiv als belastend wahrgenommene Veränderung, die eine Unterbrechung der Kontinuität des Handelns und Erlebens und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich zur Folge hat. Alle drei Kriterien treffen nach der Erfahrung der Autorin auf eine Ehe zu, in der einer der Partner an Demenz erkrankt.

Über die oben angeführten Eigenheiten einer bestehenden Ehe legt sich bei Eintritt der Demenz nun die Pflegebeziehung und führt zu einer deutlichen Irritation der gegenseitigen Wahrnehmung, Situationsdefinition und Rollenzuweisung(der eigenen und der Rolle des anderen). Dies versucht Franke mit Hilfe der Gestalt der Kippfigur zu erfassen.

Kippfiguren

In der Wahrnehmungspsychologie sind Kippfiguren beliebt, um aufzuzeigen, daß wir nicht mit dem Auge, sondern mit dem Gehirn sehen, und daß Wahrnehmung immer ein Vorgang der Reduktion vom Komplexität ist, die dann versagt, wenn sich die Informationen bei aller Sparsamkeit nicht eindeutig auflösen lassen. Das wahrgenommene Bild, z.B. der Neckersche Würfel, das Pokal-Profil-Muster, die Schrödersche Treppe u.a.m. kippt bei längerer ruhiger Betrachtung in das andere, darin enthaltene und auch wieder zurück, die ganze „Konstruktion“ läßt sich nicht eindeutig definieren, da das andere nicht verschwindet (Man schaue in alte Psychologiebücher oder google mal.).

Ehegatten leben sowohl in einer Ehesituation als auch in einer Pflegesituation und sind gezwungen, immer wieder neu zu erkennen, welche Situation gerade vorherrscht. Ist dem „Fehlverhalten“ des anderen jetzt als Pflegeperson zu begegnen oder als läßliche Sünde des älteren Gatten (der Gattin)? Werde ich noch als Ehepartner ernst genommen oder als Soundsovielprozent-Kranker betüttelt/gepflegt/nicht ernst genommen ?

Franke sieht in dieser - im Alltag der Eheleute ubiquitären –Situationsspannung ein starkes Moment der Irritation, dem durch Beratung nur immer teilweise geholfen oder dem vorgebeugt werden kann. Tatsächlich ist dieses immer neue Aushandeln, „was gerade dran ist“, auch der Alltag des Paares Für die Beratung ergeben sich dann einige Grundsätze, die bei Paaren mit einem Demenzkranken immer Berücksichtigung finden sollte – nicht nur das Ich des Ratsuchenden, auch das Wir des Paares, das Du des Erkrankten aber auch die soziale Situation, die anderen (Familie, Kinder, Nachbarsleute), seien sie da oder fehlen sie, bestimmen das Zusammenleben mit und wollen berücksichtigt werden. In ihren Falldarstellungen, die dankenswerter Weise breiten Raum einnehmen, erläutert die Autorin diese Dilemmata und ambivalenten Herausforderungen gut nachvollziehbar, dieser Teil des Buches ist ausgesprochen lesenswert und gleichzeitig gewinnt das Konzept an Anschaulichkeit.

Fazit

Der Referent las nicht nur mit Gewinn die Darstellung der verschiedenen Ordnungsgesichtspunkte von Ehe und Partnerschaft, die bisherigen Forschungsansätze bei pflegenden Ehepaaren (Stress-Modell, Coping-Ansatz) sondern vor allem die Darstellung und Aufarbeitung bzw. Strukturierung der Beratungssituation und die Schilderung der Lebenslagen der Betroffenen. Nicht nur das Leiden, sondern auch Stärke, die von vielen Paaren gezeigt wird, das solidarische Miteinander, auch wenn der Partner deutlich mehr Pflegefall als Gattin/Gatte wird, das Zueinanderstehen beeindruckt den Referenten auch im klinischen Alltag immer aufs Neue, wo die Verpflichtung, „in guten und in schlechten Tagen“, unter Verzicht auf jedwede Selbstdarstellung einfach gelebt wird.

Dieses Buch sollten auf alle Fälle diejenigen lesen, die Angehörige, vor allem pflegende Ehepartner von Demenzkranken betreuen, aber es lohnt sich auch, wenn der Angehörige an einer anderen chronischen Krankheit leidet, die Pflege erfordert und ist auch für Söhne und Töchter, deren Eltern in solcher Situation sind, lesenswert. Außerdem gut für jeden Professionellen, der regelmäßig mit Demenzkranken zu tun hat.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 22.07.2009 zu: Luitgard Franke: Demenz in der Ehe. Über die verwirrende Gleichzeitigkeit von Ehe- und Pflegebeziehung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2006. ISBN 978-3-938304-49-5. Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 101. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7818.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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