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Phyllis Tyson, Robert L. Tyson (Hrsg.): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie

Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 04.01.2010

Cover Phyllis Tyson, Robert L. Tyson (Hrsg.): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie ISBN 978-3-17-020914-5

Phyllis Tyson, Robert L. Tyson (Hrsg.): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 3. Auflage. 377 Seiten. ISBN 978-3-17-020914-5. 38,00 EUR.
Originaltitel: Psychoanalytic theories of development
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Thema

Phyllis und Robert Tyson versuchen in ihrem „Lehrbuch der Psychoanalytische Entwicklungspsychologie“ eine Integration psychoanalytischer Theorien zur Entwicklung des Kindes. Sie bieten für diesen Bereich einen umfassenden Überblick über die psychoanalytische Literatur bis zum Jahr 1989, dem Erscheinungsjahr der englischen Originalausgabe. Ein deutlicher Schwerpunkt des Buchs liegt auf den frühen Jahren der Kindheitsentwicklung. Latenzzeit und Adoleszenz werden vergleichsweise und der Anzahl der Veröffentlichungen entsprechend kürzer behandelt.

Autorin und Autor, Entstehungshintergrund

Die Autoren haben das Buch als Professoren für Psychiatrie an der Universität von Kalifornien geschrieben – für ihre Studierenden, die damals Lehrveranstaltungen zu psychoanalytischer Entwicklungspsychologie besuchten und die sich von der „Fülle widersprüchlicher und sich ausschließender Theorien“ (S. 15) verwirrt fühlten. „Die Tysons“ weisen im Vorwort aber auch auf ihre Erfahrungen am Londoner Anna Freud Zentrum und die Diskussionen mit den dort in den 60ger 70ger Jahren arbeitenden Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern hin. Die Diskussionen dort, bei denen Sie auf den Erfahrungsschatz von Dorothy Burlingham, Anna Freud, Sarah Rosenfeld, Joseph Sandler und anderen zurückgreifen konnten, trugen zur Entstehung des Buches bei. Dem Autorenpaar gelang mit ihrem „Lehrbuch der Psychoanalytischen Entwicklungspsychologie“ ein Standardwerk der psychoanalytischen Literatur. Die deutsche Übersetzung (erste Auflage 1997) wurde jetzt zum dritten Mal neu aufgelegt. Sie trifft auf ein aktuelles gesellschaftliches Interesse an frühkindlichen Entwicklungs- und Bildungsprozessen.

Aufbau

„Wie beeinflusst die Vergangenheit Erleben und Verhalten in der Gegenwart?“ Dieser „zentralen Fragestellung“ (S. 21) gehen die Autoren nach, indem sie sich an psychoanalytischen Konzepten orientieren. Sie arbeiten die zu diesem Konzepten vorliegende Literatur nacheinander in den einzelnen Buchteilen ab. Auf einleitenden Überlegungen zum „Entwicklungsprozess“ folgen die Teile „Psychosexualität“, „Objektbeziehungen“, „Affekte“, „Kognition“, „Das Überich“, „Das Geschlecht“ und „Das Ich“. Bezüge zu benachbarten Wissenschaften und interdisziplinäre Arbeiten bleiben dadurch wenig berücksichtigt. Am Ende einzelner Kapitel und Buchteile finden sich kurze, prägnante Zusammenfassungen.
Ein ausführliches Glossar, ein eindrucksvolles Literaturverzeichnis und ein gut nutzbares Personen- und Sachverzeichnis helfen, den Text zu erschließen. Sie machen das Buch als Nachschlagewerk gut nutzbar.

Inhalt

Im ersten Buchteil mit den Kapiteln „Geschichte psychoanalytischer Entwicklungspsychologie“ und die „Theorie des Entwicklungprozesses“ (Kapitel 1 und 2) warnen Tyson und Tyson vor einer vereinfachenden entwicklungspsychologischen Sichtweise. Sie weisen auf die Vielzahl verschiedener Einflüsse auf den Entwicklungsprozess des Kindes hin und stecken einen Rahmen ab, der eine „angemessene Betrachtung“ von Entwicklungsprozessen und der Entstehung von Struktur ermöglichen soll. Das Werk von Piaget, Spitz und Anna Freud wird jeweils in kürzeren eigenen Absätzen zusammengefasst. Als Grundlage der weiteren Kapitel werden die einzelnen psychischen „Systeme“ (die weitgehend den oben angegebenen Buchteilen von „Psychosexualiät“ bis „Ich“ entsprechen) als gleichzeitig stattfindende, interdependent Entwicklungen dargestellt und in einer tabellarische Aufzählung (S. 48/49) zusammengefasst.
Zur Psychosexualität als erstem der dargestellten „Systeme“ wird dann ein theoretischer Überblick gegeben, der zu einer Darstellung der Stufen psychosexueller Entwicklung (Kapitel 3 und 4) führt. Die Libidotheorie wird in verdichteter Form (dadurch nicht immer leicht verständlich) dargestellt, die einzelnen Entwicklungsstufen plastisch und differenziert beschrieben. Kurz und (zu) knapp wird auf Entwicklungen in der Latenzzeit und Adoleszenz eingegangen. Die Autoren bemühen sich um eine Synthese der verschiedenen Quellen. Dadurch wirkt der Text vor allem in den kürzeren Abschnitten manchmal stark generalisierend und in den Schlussbildungen apodiktisch – für den Leser bleibt zu häufig offen, womit die Autoren ihre Aussagen (über den Verweis auf die Originalliteratur hinaus) belegen.
Tyson und Tyson beschreiben die Objektbeziehungen des Kindes in drei Kapiteln (einschließlich eines Beitrags zum Selbstempfinden). Anschaulich herausgearbeitet sind Zusammenhänge zwischen Strukturentwicklung und kindlichen Konflikten. Andere zentrale Aspekte (z. B. die Rolle des Vaters) werden nur knapp ausgeführt. Hier – und auch beim folgenden Kapitel zu Affekten – fehlen Arbeiten aus der deutschsprachigen, französischen oder spanischen Literatur. Die Übersetzung ist nicht immer gut gelungen.
Affekte (Kapitel 8 und 9) werden als psychische Strukturen in Anlehnung an Knapp (1987) beschrieben. Neue Ergebnisse der Affektforschung (auch der psychoanalytisch orientierten) sind nicht rezipiert, so dass das Kapitel traditionell, teils veraltet wirkt. Das weitgehende Fehlen einer Berücksichtigung sozialer Beziehungen, biologischer Aspekte und interpersoneller Regulationsvorgängen auf die Entwicklung von Affekten befremdet aus heutiger Sicht. Tyson und Tyson begründen diese Beschränkung ihres Ansatzes. Dennoch wird hier die fehlende Aktualisierung des Buches deutlich spürbar.
Die Darstellung der kognitiven Entwicklung und des Über-Ich (Kapitel 10 bis 14 einschließlich einer Zusammenfassung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Überich-Entwicklung) ist weniger als das vorangegangen Kapitel durch neuere Ergebnisse überholt. Klassische Konzepte (wie Primär- und Sekundärvorgang) werden verdichtet und mit Bezug auf zahlreiche Quellen dargestellt, neurobiologische Aspekte der Entwicklung des Über-Ich sind in die Darstellung noch nicht eingearbeitet. Aber die differenzierte Darstellung der Auswirkung von Frustrationserfahrungen, mütterlicher Feinfühligkeit und Empathie (z. B. S. 216ff) regt zu einem vertieften Verstehen kindlichen Verhaltens an. Dazu dienen auch Beispiele. Die Betrachtung unterschiedlicher Entwicklungslinien des Über-Ich bei Jungen und Mädchen behält ihre Anstößigkeit und bleibt damit für Leser interessant. Tyson und Tyson bemühen sich um eine integrative Position, aus der heraus sie beschreiben, wie „erstaunlich wenig Beachtung“ bisher die Rolle der Aggression in der Überich-Entwicklung von Frauen gefunden habe.
Der weiteren Entwicklung des „Geschlechts“ (Kapitel 15 bis 17) erscheint dann wieder von aktuelleren Arbeiten überholt. Die Entwicklung des Ich (Kapitel 18) ist mit 25 Seiten sehr knapp dargestellt.

Diskussion

Tyson und Tyson stellen ihr „Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie“ in eine Linie mit der berühmten Neurosenlehre Otto Fenichels, der 1945 den psychoanalytischen Wissensstand seiner Zeit integrativ und umfassend darstellte. Seither haben sich psychoanalytische Theorien in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Tyson und Tyson gelingt eine Zusammenschau der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie auf dem Stand des Wissens von 1989. Es ist vermutlich kein Zufall, dass dieses Buch inhaltlich nicht überarbeitet worden ist – die Aufgabe wäre in der hier vorgelegten Form kaum noch zu leisten. Die Diskussion greift daher

  • eine grundsätzliche Frage zum Ansatz auf (die Integration unterschiedlicher psychoanalytischer Entwicklungstheorien als Ziel des Buches),
  • sie geht auf die Aktualität des Buches ein und auf seine
  • Lesbarkeit.

Es gibt einige Versuche, die Fülle psychoanalytischer Theorien in ein gemeinsames System zu integrieren. In den Diskussionen dazu findet man überwiegend Eingeständnisse des Scheiterns dieser Versuche. Es gibt Ausnahmen: So liegt z. B. mit der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik OPD ein aktueller Versuch vor, psychoanalytisches Wissen in einer integrierten, widerspruchsarmen Form darzustellen und für die klinische Arbeit nutzbar zu machen.
Ein solcher Ansatz kann kritisch hinterfragt werden – selbst wenn er gut gelingt: Ist es wünschenswert oder gar für den Anspruch einer Wissenschaft notwendig, dass ihre einzelne Theorien miteinander kompatibel sind? Oder ist es ein Verlust, wenn psychoanalytische Konzepte aus ihrem historischen Kontext gerissen werden und damit das Wissen um den (auch historischen) Diskurs, in dem sie stehen, verloren geht? Die existierende Pluralität psychoanalytische Theorien kann nach Auffassung des Referenten dann eine Bereicherung sein, wenn sie mit dem Wissen um die Beschränkung eines einzelnen Ansatzes (und mit Kenntnissen zu seiner Entstehung) verbunden ist. Eine – auch sehr differenzierte - Zusammenfassung ohne einen solchen Hintergrund birgt die Gefahr, Konzepte zu stark zu generalisieren (etwa im Sinne eines: „so ist das“).
Auf diesem Hintergrund kann das Buch von Tyson und Tyson Studierenden nur als ein zusätzliches Lehrbuch empfohlen werden. Studierende sollten sich zunächst an die – auch schöner und interessanter zu lesenden - Originaltexte machen und diese kritisch diskutieren. Das „Lehrbuch“ bietet dann als ein Nachschlagewerk einen Überblick, mit dem sich das Gelesene einordnen und relativieren lässt. Und es ist eine Fundgrube für weiteres Lesen. Hier macht sich auch der ausgezeichnete Index sehr hilfreich bemerkbar.
Gerade in Bezug auf die Nutzung als „Fundgrube“ muss aber auf die fehlende Aktualisierung des Buches hingewiesen werden – die dritte Auflage 2009 entspricht der ersten deutschen Auflage 1997 und dem Stand der Literatur von 1989. Die Entwicklung des Ich mit ihren wichtigen Bezügen zur derzeitigen Diskussion um frühkindliche Bildung findet im Buch keinen Raum, Bezüge zu Nachbarwissenschaften fehlen weitgehend. So liegen z. B. aus der Neurobiologie inzwischen Befunde vor, die für eine Darstellung der psychoanalytischen Entwicklungspsychologien berücksichtigt werden müssen. Leser, die den enzyklopädischen Charakter dieses Buches nicht benötigen, werden daher vermutlich besser mit den aktuellen Büchern von Martin Dornes zurechtkommen, in denen aktuelle psychoanalytische Konzepte zur Entwicklung des Kindes in ihren interdisziplinären Zusammenhängen dargestellt sind.
Das Buch von Tyson und Tyson ist in der deutschen Übersetzung mühsam zu lesen. Es finden sich kleinere formale Fehler. Deutschsprachige Literatur ist wenig berücksichtigt. Bei einem Durcharbeiten von Buchdeckel zu Buchdeckel brauchen Leser eine hohe Motivation.

Fazit

Tyson und Tyson haben mit ihrem „Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie“ eine Integration der psychoanalytischen Entwicklungstheorien auf dem Stand von 1989 erarbeitet. Das Buch ist eine gut erschlossene Fundgrube der psychoanalytischen Literatur und ein Standard- und Nachschlagwerk auf hohem Niveau. Lesern mit Vorerfahrungen ermöglicht es die kritische Reflexion eigenen Wissens. Der Versuch einer Integration der verschiedenen psychoanalytischen Entwicklungstheorien bringt es mit sich, dass Bezüge zu den Nachbarwissenschaften und interdisziplinären Fragestellungen wenig ausgearbeitet werden. Auch klinische Aspekte fehlen, so dass Ableitungen und Begründungen der Aussagen des Buches nicht immer deutlich werden. Für Leser, die sich aus einem Interesse an frühkindlichen Bildungsprozessen mit Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse beschäftigen wollen, ist das Buch nicht geeignet. Aktuelle Forschungsergebnisse sind nicht berücksichtigt, der Text ist teilweise schwer lesbar und weist kleinere Fehler auf: Kein Lehrbuch, aber ein Nachschlagewerk für Experten und solche, die es werden wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Es gibt 16 Rezensionen von Hermann Staats.

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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 04.01.2010 zu: Phyllis Tyson, Robert L. Tyson (Hrsg.): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 3. Auflage. ISBN 978-3-17-020914-5. Originaltitel: Psychoanalytic theories of development. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7819.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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