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Erika Blitz: Keine Sorge - Selbstfürsorge

Cover Erika Blitz: Keine Sorge - Selbstfürsorge. Vom achtsamen Umgang mit sich selbst. dgvt-Verlag (Tübingen) 2009. 235 Seiten. ISBN 978-3-87159-504-2. 29,80 EUR.

Reihe: Selbstbestimmt leben - Band 4.
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Thema

Wenn es eine Abteilung in den Buchhandlungen gibt, in der die Zeit der Titel, scheint‘s, ständig zunimmt, dann die Rubrik „Lebensberatung“. Für jedes Problem ein eigenes Buch: von A wie „Asthma-Ratgeber“ bis Z wie „Zucker – was nun?“. Und dann noch die grundsätzliche, auf Lebenshaltungen überhaupt ausgerichtete Literatur: von „Simplify your life“ bis „Sorge dich nicht, lebe“, um bei demselben Buchstaben zu bleiben. Und jetzt also auch: „Keine Sorge – Selbstfürsorge“, ein den Kunden einer bekannten Lebensversicherung mit gewerkschaftlich-genossenschaftlichem Ursprung bestens vertrauter Slogan. Auch die Umschlaggestaltung des Buches fügt sich gut in die Layoutgewohnheiten anderer Lebensratgeber. Es lohnt sich, das Titelbild zu meditieren und dann Mutmaßungen darüber anzustellen, was einen wohl zwischen den Buchdeckeln erwarten mag: Eine Frau am Schreibtisch, Computertastatur und -maus nach hinten geschoben, damit Platz ist für Kaffeetasse und Manuskript. Bücher, weitere Manuskriptseiten, Briefbeschwerer. Eine Szene aus dem häuslichen Arbeitszimmer, die Katze, die auf den Schreibtisch tatzelt, signalisiert Privatraum. Die Frau hat die Augen geschlossen und lächelt – vielleicht hat sie ja das Buch schon gelesen… Welche Vermutungen legt das Bild nahe? Es wird davon handeln, wie man arbeiten und etwas leisten kann und dennoch entspannt sein kann. Es wird sowohl mit beruflichen als auch mit privaten Dingen zu tun haben. Es könnte um Prioritäten und um die Chance des Augenblicks gehen. Schau‘n wir mal!

Autorin

Die Rückseite des Einbandes gibt weitere Hinweise, zum einen auf die Autorin: Erika Blitz ist psychologische Psychotherapeutin mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt. Ein Schwerpunktthema ihrer Arbeit ist der Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und körperlichen Beschwerden. Aktuell arbeitet die Psychologin im Zentrum für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie des Klinikums Wahrendorff bei Hannover. Und in dem Band wird es auch um den Zusammenhang von Stresserleben, Erschöpfung und psychosomatischen Erkrankungen gehen sowie um die Frage, in wie weit ein achtsamer Umgang mit sich selbst ein wirksame Prophylaxe darstellen kann.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus 11 Kapiteln, vorgeschaltet sind ein Verzeichnung der 46 Übungen (die Autorin ist Verhaltenstherapeutin!) und eine Einleitung mit dem Titel „Was ist Selbstfürsorge?“. Blitz definiert: „Der Begriff der Selbstfürsorge behandelt das sorgsame Umgehen mit den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Ressourcen (Fähigkeiten zur Lebensbewältigung).“ (S. 12) Und Sie kündigt an: „Im Laufe des Lesens werden Sie verschiedene Übungen kennenlernen, die Ihnen helfen, mit unangenehmen (stressauslösenden) Gefühlen umzugehen, nicht hilfreiches Stressverhalten zu reduzieren und Ihren Selbstwert zu stabilisieren.“ Eine solche Verhaltensänderung muss Energie aus drei Bereichen bekommen: Aus der Kognition (Gedanken, Erfahrungen, Einstellungen etc.), aus den Emotionen und aus einer klaren (Willens-)Entscheidung. Und dann natürlich: Üben, Üben, Üben!

Das erste Kapitel ist dem Thema „Belastung und Stress“ gewidmet. Es definiert Stress, beschreibt die physiologischen Vorgänge der Stressreaktionen, zeigt auch die positive Funktion von Stress auf und stellt eine erste Frage nach Entlastungsstrategien.

Daran schließt das zweite Kapitel mit dem Thema „Entspannung“ an und stellt zwei grundlegende Entspannungstechniken vor: das Autogene Training und die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson – beides allerdings auf 1 – 2 Seiten, das ersetzt keine ausführlichen Anleitungen!

Das dritte Kapitel entführt die LeserInnen in das „Reich der Gefühle“ und damit in ein erstes zentrales, für die angestrebte Verhaltensänderung wesentliches Thema. Was sind Emotionen, wie entstehen sie und wie helfen sie zur Strukturierung der eigenen Welt, sind die Fragen, die die ersten Abschnitte stellen. Dann gibt es eine wichtige Erlaubnis: Du darfst fühlen! (Wider das Vermeidungsverhalten) Auch die Emotionen werden neurobiologisch verortet und dann in einem ABC-Modell systematisiert. Dieses Modell zeigt, dass es für spontan empfundene Gefühlsreaktionen Alternativen gibt. Das können gute und hilfreiche Alternativen sein, aber auch dysfunktionale Ersatzgefühle, wie die Transaktionsanalyse sagen würde. Da Emotionen eng mit dem eigenen Selbstwerterleben verbunden sind, spielen sie eine wichtige Rolle für die Selbstfürsorge.

Der Wert von Normen“ lautet die Überschrift des vierten Kapitels. Es reflektiert die Bedeutung verinnerlichter Normen für Selbstwerterleben und Selbstfürsorge.

Das fünfte Kapitel behandelt ein zentrales Thema, nämlich das der „Selbstachtsamkeit“. Die Gestalttherapie nennt das „Bewusstheit“ und weiß, dass dieser Zustand einer der wichtigsten auf dem Weg zu psychischer Gesundheit ist. „Selbstachtsamkeit“ bedeutet „die Konzentration auf das Jetzt. Unsere unangenehmen Gefühle werden häufig durch den Blick auf frühere Erfahrungen bzw. durch negative Erwartungen hinsichtlich künftiger Erfahrungen ausgelöst.“ (S. 106) An der Achtsamkeit für das Hier und Jetzt sind alle Sinne beteiligt, und selbstverständlich bietet das Buch dazu eine ganze Reihe von Übungen, bis hin zur Meditation.

Wer derart für das Hier und Jetzt sensibilisiert, der kann genießen. Davon handelt das sechste Kapitel:von „Genuss und Genießen“.

In diesem Sinne weiter führt das siebte Kapitel: „Die Suche nach dem Glück“. Glücklich sein scheitert häufig an dem Gedanken: „Wenn ich erst mal…, dann…“. Dagegen gilt: „Glück empfinden wir grundsätzlich in der Gegenwart, im Jetzt.“ (S. 143)

Selbstwertgefühl“ ist das Thema des achten Kapitels. Es beginnt mit der Beschreibung der Komponenten des Selbstwertgefühls (Soziale Unterstützung, soziale Kompetenz, Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen). Eine Reflexion der eigenen Rollen und der damit verbundenen Werte schließt sich an, bevor die Frage nach Zielen gestellt wird. Der wichtige Themenkomplex Selbstakzeptanz, Selbstideal und Selbstvertrauen beschließt das Kapitel.

Das neunte Kapitel führt das Thema des achten weiter unter der Überschrift „Unverwundbare Siegfrieds und spielende Knuts“. Bewertungsmuster und Einstellungen können einem bei der Entwicklung eines hilfreichen Selbstwertgefühls im Wege stehen. Deshalb lenkt die Autorin die Aufmerksamkeit der LeserInnen auf die eigenen Grenzen, die es zu bewachen gilt, auf einen freundlichen Umgang mit sich selbst, auf das eigene soziale Netz und auf das Annehmen von Hilfe.

Im zehnten Kapitelmeldet sich noch einmal sehr deutlich die Verhaltenstherapeutin zu Wort, die ein „Protokoll der Selbstfürsorge“ empfiehlt, nämlich „die konkrete Planung von Verhaltensweisen, die den Selbstwert stärken und die eigene Fürsorge beinhalten“ (S.212) und eben deren Protokollierung.

Eine „Zusammenfassung“ stellt das abschließende elfte Kapitel dar. Es folgen ein Literaturverzeichnis, eine „Karte für das Portemonnaie, die die Entscheidungen in Sachen Selbstfürsorge und die Erfolge festhält, und einige Seiten Gefühlskarteikarten.

Diskussion

Ich bin, um es vorweg zu sagen, kein großer Freund der Ratgeberliteratur. Denn trotz aller integrierter Übungen: Lesen ist eine sehr verhaltensferne Form, Erfahrungen zu machen. Mit solchen Büchern dennoch zum Erfolg zu kommen, setzt eine hohe anfängliche Motivation voraus, eine hohe Bereitschaft auch, sich einsam mit dem Thema zu befassen, und eine enorme Selbstdisziplin, ehrlich und konsequent mit den Übungen umzugehen. Es wird niemanden überraschen, dass ich als Supervisor, Coach und auch als Pfarrer der face-to-face-Beratung mehr zutraue. Aber vermutlich ist die Autorin derselben Meinung.

Dennoch hat sie einen Ratgeber geschrieben. Ich vermute, dass das vor allem einen Grund hat: Erika Blitz kennt den Zusammenhang von mangelnder Selbstfürsorge und psychosomatischen Effekten aus den verschiedenen Feldern ihrer therapeutischen Arbeit nur zu gut. Und sie weiß, dass am Anfang dieses Teufelskreises oft genug mangelnde Achtsamkeit sich selbst gegenüber steht. Den Appell für mehr Selbstfürsorge kann man auch schriftlich geben. Vieles kann man auf diesem Weg bewusst machen. (Und Bewusstheit ist, wie gesagt, der erste wichtige Schritt zur Veränderung!) Mit einem Buch kann man mehr Menschen erreichen als mit der eigenen Beratungstätigkeit. Insofern gibt es gute Gründe für eine solche Publikation.

Meine grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber der Ratgeberliteratur resultiert auch daher, dass sie nicht selten recht flach sind. Das kann man dem Band von Erika Blitz auf keinen Fall vorwerfen. Alles, was sie schreibt, ist bestens psychologisch und neurobiologisch begründet. Und es gelingt der Autorin auf eine bemerkenswerte Art, gleichzeitig wissenschaftlich fundiert und allgemeinverständlich zu schreiben. Auch psychologische Laien müssen das Buch nicht beiseitelegen, weil es ihnen zu schwer ist. Erika Blitz schreibt, als säße sie in einem Beratungsgespräch. Das macht die kommunikative Qualität des Bandes aus.

Wer sich auf die insgesamt 46 Übungen einlässt, die die Autorin vorschlägt, wird die Wirksamkeit des Gelesenen spürbar erhöhen. Denn die Übungen verbinden die Faktoren, die für eine Verhaltensänderung in Kontakt kommen müssen: Das Wissen über Einstellungen und Glaubenssätze, die man mit auf den Weg genommen hat, über Antreiber, Normen und Werte, die einem mitgegeben sind, eine Bewusstheit für die eigenen Gefühle und den eigenen Entschluss, etwas ändern zu wollen. Nur in dieser Verbindung gewinnt die Änderung Kraft.

Aber auch für BeraterInnen kann das Buch gewinnbringend sein. Zum einen deshalb, weil man sich bereits gewusste Zusammenhänge noch einmal neu deutlich machen kann. Die Autorin hat die Begabung, wesentliche Dinge mit einfachen Worten darzustellen. Und viele der Übungen und Zeichnungen, die das Buch bietet, sind in der Beratungsarbeit gut einzusetzen – nicht zuletzt sicher deshalb, weil sie auch daher stammen. Gerade Coaches, die gern mit dem Medium „Hausaufgaben“ arbeiten, werden hier manche Anregung finden.

Fazit

Ein gut gelungenes (Selbst-)Beratungsbuch für Menschen, die konsequent an einer einmal beschlossenen Haltungs- und Verhaltensänderung arbeiten wollen und können. Nicht so tief, das man ständig auf Grund läuft, und nicht so flach, dass man kentert, sondern eine gute Ausrüstung für einen neuen Kurs durch einen anstrengenden Alltag, die die Reihe der Lebensberatungsbücher qualitativ bereichert und hält, was das Äußere verheißt.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 04.03.2010 zu: Erika Blitz: Keine Sorge - Selbstfürsorge. Vom achtsamen Umgang mit sich selbst. dgvt-Verlag (Tübingen) 2009. ISBN 978-3-87159-504-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7820.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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