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Anton A. Bucher: Psychologie des Glücks

Cover Anton A. Bucher: Psychologie des Glücks. Handbuch. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2009. 268 Seiten. ISBN 978-3-621-27653-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Ratgeber auf dem Markt des „Personal-Happiness-Business“ haben Konjunktur. Aber die seriöse wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema hat in den letzten 20 Jahren ebenfalls enorm zugenommen, auch wenn sich die (klinische) Psychologie nach wie vor auf Störungen (wie Neurosen, Depressionen, schizophrene Störungen) und negative Emotionen (z.B. Ängste, Grübeln, Aggression) konzentriert. Das Handbuch von Anton A. Bucher bietet auf ca. 200 Textseiten einen komprimierten und informativen Überblick über die empirische psychologische Glücksforschung. Es werden dabei folgende Aspekte thematisiert: Was ist Glück? Wie kann man Glück messen? Welche Faktoren tragen dazu bei, Menschen glücklich zu machen? Welche Effekte hat Glück bzw. was bewirkt es? (Wie) lässt sich Glück erhöhen? Welche psychotherapeutischen Strategien zur Glückssteigerung gibt es und wie wirken sie?

Autor

Der Autor, Jahrgang 1960, hat in Fribourg (CH) Theologie und Pädagogik studiert, in Theologie promoviert und in Erziehungswissenschaften habilitiert. Er lehrt seit 1993 als Professor für Religionspädagogik am Fachbereich Praktische Theologie an der Universität Salzburg. Bekannt ist er u.a. durch sein 2007 erschienenes Handbuch zur empirischen Spiritualitätsforschung (A. Bucher, Psychologie der Spiritualität).

Aufbau

Das Buch ist in 4 Teile mit insgesamt 9 Kapiteln gegliedert.

Im 1. Teil - „Was ist Glück?“ - werden zunächst die Ergebnisse qualitativer Studien zu Glück und Wohlbefinden referiert und Instrumente zur Messung von Glück vorgestellt (knapp 50 Seiten).

Den Schwerpunkt des Bandes bildet der 2. Teil: „Was macht glücklich?“. Hier werden auf ca. 85 Seiten die Ergebnisse von Studien zu den vier Hauptfaktoren dargestellt, die Glück und Wohlbefinden positiv (und negativ) beeinflussen:

  1. Biologische, genetische und persönlichkeitspsychologische Aspekte.
  2. Soziodemografische Faktoren: Lebensalter, Geschlecht, Nationalität, Einkommen usw.
  3. Soziale Nahbeziehungen und Tätigkeiten: Liebe, Ehe und Familie, Freunde, Freizeitaktivitäten, Arbeit usw.
  4. Religiosität und Spiritualität.

Teil 3 – „Was bewirkt Glück“ – betrachtet die Auswirkungen von Glück auf Gesundheit, Lebensdauer, kognitive und emotionale Fähigkeiten, moralisches Verhalten usw. (36 Seiten).

Der 4. Teil – „Lässt sich Glück erhöhen?“ - (30 Seiten) geht zunächst der Frage nach, ob sich Glück überhaupt gezielt beeinflussen und erhöhen lässt und vergleicht verschiedene Strategien, die sich zur Glückssteigerung als effektiv herausgestellt haben: Dankbarkeit, Gutes tun (oder gute Taten einfach nur zählen), praktizierte Vergebung, optimistisch Denken, positive Imagination, Sport und körperliche Bewegung, Meditation usw. Dann wird erläutert, welche Ergebnisse die Forschung zu Glückssteigerung durch Therapie und Beratung bislang ergeben hat.

Ein kurzes, 3seitiges Fazit rundet den Band ab.

Inhalt

Dem Autor ist es gelungen, die Ergebnisse unzähliger Studien zum Thema klar, übersichtlich und sehr gut lesbar zu präsentieren. Beeindruckend ist die Rechercheleistung, hunderte insbesondere englischsprachiger Veröffentlichungen, v.a aus Fachzeitschriften, sind das „Fleisch“ aus dem dieses informative Buch gemacht ist.

Der Fokus liegt ausschließlich auf empirischer Forschung, Theorien des Glücks werden immer wieder angesprochen, aber nicht ausführlich thematisiert. Für bedeutsam hält der Verfasser vor allem die Erweiterungs- und Aufbautheorie positiver Emotionen von Frederickson, auf die er an vielen Stellen Bezug nimmt.

Bucher gelingt es, das Thema spannend bis zum Schluss zu behandeln, insbesondere indem immer wieder auch wissenschaftliche Kontroversen thematisiert und kritische Einwände zu einzelnen Befunden diskutiert werden. Z.B. klingt immer wieder die Frage an, ob die Anhänger der Adaptionstheorie des Glücks recht haben, welche davon ausgehen, dass das individuelle Glücksniveau sich prinzipiell kaum verändern lässt und dass sich der Glückswert auch nach einschneidenden Lebensereignissen – wie einem Lottogewinn oder einem Unfall, der zur Querschnittslähmung führt – nach einiger Zeit wieder auf dem vorigen Niveau einpendelt, was einige Studien eindrucksvoll belegen konnten.

Beispiele aus der Philosophiegeschichte, aus Romanen und Erzählungen und aus der Poesie erweitern immer wieder die Perspektive und zeigen, dass die Philosophen und Dichter von Aristoteles über Shakespeare bis zu Erich Fried viele Ergebnisse der modernen Glücksforschung bereits bestätigen, sie vorweggenommen und in anschaulichen Bildern beschrieben haben.

Diskussion

Das Buch ist übersichtlich und klar gegliedert. Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Aufriss der behandelten Fragen und Themen. Grau unterlegte Zusammenfassungen, Fallbeispiele und Begriffsklärungen erleichtern die Lesbarkeit.

Der Text ist sprachlich nicht trocken und kompliziert, wie sonstige empirisch-psychologische Fachliteratur, sondern leicht und flüssig lesbar. Für wissenschaftliche LeserInnen hilfreich sind die Hinweise auf statistische Größen bei den einzelnen Studien: Reliabilität, Signifikanzniveau, Korrelationen etc., aber auch ohne diese Kenntnisse bleibt das Buch sehr informativ.

Erfrischend ist der Humor des Autors und sein Mut, auch unbequeme Befunde vorzustellen und zu diskutieren, z.B. Studien die ergeben, dass glückliche Menschen dazu neigen, unkritischer zu denken und unangenehme Erfahrungen auszublenden. Der Verfasser positioniert sich auch persönlich an vielen Stellen zum Thema, ohne deshalb die kritische Distanz zu verlieren.

Fazit

Sehr empfehlenswert: Inhaltlich überzeugend und gut geschrieben! Das Lesen macht zwar vermutlich nicht glücklich, ist aber sehr informativ, z.T. auch unterhaltsam. Ein Buch mit hohem wissenschaftlichem Niveau, das auch für Laien bzw. PraktikerInnen verständlich ist.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung


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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 11.03.2010 zu: Anton A. Bucher: Psychologie des Glücks. Handbuch. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-621-27653-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7822.php, Datum des Zugriffs 19.10.2021.


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