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Heinz Cornel, Gabriele Kawamura-Reindl u.a. (Hrsg.): Resozialisierung

Cover Heinz Cornel, Gabriele Kawamura-Reindl, Bernd Maelicke, Bernd Rüdeger Sonnen (Hrsg.): Resozialisierung. Handbuch. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 3. Auflage. 623 Seiten. ISBN 978-3-8329-3882-6. 59,00 EUR.

Reihe: NomosPraxis.
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Entstehungshintergrund

Fünf Jahre nach Erscheinen des Handbuchs in der zweiten Auflage entschlossen sich Verlag und Herausgeber zu einer dritten Auflage. Die aktualisierte und weiterentwickelte Auflage will praxisorientierte interdisziplinäre Fachkenntnisse rund um Erziehung, Sozialisation und Resozialisierung vermitteln. Die Neuauflage berücksichtige Auswirkungen der Föderalismusreform, die Reform von Führungsaufsicht und von Maßregelrecht. Die Beiträge befassen sich mit möglichen Resozialisierungsmaßnahmen und Hilfeleistungen für Straffällige.

Thema

Mit den Gefahren der Risikogesellschaft und der Globalisierung, denen Bürger hilflos ausgeliefert sind, wächst eine Stimmung, die von Kriminologen und Strafrechtswissenschaftlern als „Neue Lust am Strafen“ bezeichnet wird. Alle reden über eine anwachsende Kriminalität mit, obwohl die Datenbasis bei den meisten Diskutanten – Politikern wie Bürgern – äußerst mager ist. Medien machen wegen der marktwirtschaftlichen Konkurrenz aus jeder Straftat ein `Drama´, eine `Tragödie´. Dies beunruhigt die Konsumenten. Sie fordern härtere Strafen – und darüber berichten die gleichen Medien weiter. Politiker greifen die Forderungen auf und versprechen Abhilfe (das ist wohlfeiler als sozialpolitische Maßnahmen), was Handlungsbereitschaft demonstriert. Hierüber berichten Medien erneut. In diesem `publizistisch-politischen Verstärkerkreislauf´ verschwinden Überlegungen zur Resozialisierung von Straftätern aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Nur wenige Fachleute diskutieren hierüber; bei Polizei und Anklagebehörden, bei Strafgerichten und den Institutionen des Strafvollzugs ist das Thema Resozialisierung nicht `en vogue´.

Dabei gibt es nur wenig Alternativen im Umgang mit gefassten Straftätern. Die Lage in den USA, deren Gefängnispopulation mittlerweile die 2-Millionen-Marke überschritten hat, was die öffentlichen Haushalte in die Knie gehen lässt, zeigt: Einsperren ist „ultima ratio“ und zwar eine sehr teure. In Haftanstalten werden Straftäter selten besser, wenn man nur wegsperrt. Ob man Kriminelle inhaftiert oder sie in Freiheit lässt – man muss überlegen, mit welchen Maßnahmen weitere Rückfalltaten verhindert werden können. Diesem Anliegen widmet sich das vorliegende Handbuch in der gesamten Themenbreite.

Autoren

Die 21 Autoren (13 Juristen und Rechtswissenschaftler, 6 Sozialpädagogen, 3 Psychologen, 3 Kriminologe und ein Sozialwissenschaftler) sind ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet. Viele Autoren haben Mehrfachqualifikationen und waren in sowohl in Lehre und Forschung als auch in Praxisfeldern tätig (dass nur vier Autorinnen vertreten sind, verweist aus Sicht des Rezensenten auf die `Männerlastigkeit´ des Themas).

Aufbau und Inhalt

Der umfangreiche Band ist in 5 große Abschnitte (A: Grundlagen; B: Resozialisierung jugendlicher und heranwachsender Straftäter; C: Resozialisierung erwachsener Straftäter; D: Besondere Zielgruppen und Lebenslagen; E: Vertiefungsgebiete) unterteilt und umfasst insgesamt 34 Beiträge. Alle 34 Beiträge inhaltlich zu rezensieren sprengt den Rahmen dieser kurzen Rezension. So sollen die Beiträge benannt werden und nur zu einigen Fragen kurz angerissen werden.

Im Abschnitt A skizziert Cornel zunächst den Begriff der Resozialisierung, dessen Geschichte und umreißt die Rechtsgebiete der Resozialisierung. Sonnen führt anschließend in die kriminologischen Grundlagen von Delinquenz und strafrechtlicher Sozialkontrolle ein.

Abschnitt B beginnt mit der Schilderung der ambulanten Dienste (Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe – die heute nicht mehr so heißt – und Jugendstraffälligenhilfe) durch Trenczek. Sonnen stellt stationäre Maßnahmen (geschlossene Unterbringung, Jugendarrest und Jugendstrafe) für junge Täter dar. Die geschlossene Unterbringung im Rahmen der Jugendhilfe komme derzeit zu neuen Ehren, zum Teil mit einem guten Gewissen der Träger. Trotzdem müsse der Hinweis der Bundesregierung ernst genommen werden, dass eine geschlossene Unterbringung keinen Straf- bzw. Strafersatzcharakter hat (S. 149). Die UN-Kinderrechtskonvention lasse Freiheitsentzug für Kinder und Jugendliche nur als letztes Mittel und nur für die kürzeste angemessene Zeit zu. Angesichts einer Rückfallrate von 70% nach Jugendarrest könne man nicht von einer sinnvollen Sanktionsform sprechen, was auch für die Jugendstrafe als härteste Sanktion gelte.

Abschnitt C widmet sich der Resozialisierung erwachsener Täter, beginnend mit den ambulanten Maßnahmen der Gerichtshilfe (Maelicke/Thier), der Bewährungshilfe und der Führungsaufsicht (Grosser/Maelicke). Es folgen freie und kommunale Hilfen für Straffällige und die Gemeinnützige Arbeit zur Vermeidung der Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen (Kawamura-Reindl).

Im zweiten Teil des Abschnitts folgen Ausführungen zur Untersuchungshaft und deren Vermeidung, zum Strafvollzug (Cornel), bevor Bartsch/Drenkhahn über die Maßregel der Sicherungsverwahrung und Lissner über die Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung schreiben.

Abschnitt D enthält Artikel über straffällige Frauen (Kawamura-Reindl), Drogenabhängige Inhaftierte (Stöver), psychisch kranke Straftäter im Maßregelvollzug (Hahn). Köhler widmet sich Gewalt- und Sexualstraftätern, Knödler nicht-deutschen Straftätern. Der Abschnitt endet mit Ausführungen zur Verschuldung (Zimmermann) und zur Arbeitslosigkeit (Stöcken).

Abschnitt E setzt sich mit ausgesuchten Vertiefungsgebieten auseinander, so mit dem Täter-Opfer-Ausgleich (Winter) und mit Hilfen für Angehörige Inhaftierter (Kawamura-Reindl): Partnerinnen und Kinder seien nicht für die Straftaten verantwortlich, sind aber nach Inhaftierung stark betroffen durch ökonomische Probleme, Isolation, Vorurteile und Ablehnung im sozialen Umfeld und bei Behörden. Die Besuchsbedingungen im Vollzug erschweren die Kommunikation mit dem Inhaftierten extrem. Für Kinder ist eine Inhaftierung der Mutter Grund für Fremdunterbringung, ein inhaftierter Vater ist Ursache für Diskriminierung und soziale Isolation. Hieraus folgt ein besonderer Bedarf an Beratung und Hilfe, um die negativen materiellen wie psychosozialen Auswirkungen der Inhaftierung für Angehörige zu mildern.

Sonnen berichtet über das sog. `Registerrecht´, womit die Eintragungen, Auskünfte und Löschungen im Bundeszentralregister gemeint sind. Riekenbrauck setzt sich mit Fragen der Schweigepflicht, des Datenschutzes und des Zeugnisverweigerungsrechtes auseinander. Gebhardt referiert über das Gnadenrecht und zeigt Unterschiede zur Amnestie und zum Wiederaufnahmeverfahren. Sessar setzt sich mit Fragen der Aussöhnung und Sühne auseinander, Löhr schreibt über die Rolle der Medien bei der Resozialisierung. Medien skandalisieren Vorgänge, die öffentliche Meinung zu Strafe und Strafvollzug stehe in erstaunlicher Diskrepanz sowohl zu gesetzlichen Grundlagen als auch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Glaube an die abschreckende Wirkung harter Strafen führe zu Forderungen nach Strafverschärfungen, die Medien in einem publizistisch-politischen Verstärkerkreislauf aufgriffen. Dabei hätten die Medien die Macht, festzulegen, welche Themen als aktuell und wichtig gelten. Die Berichterstattung gefährde Resozialisierung.

Der abschließende Beitrag von Maelicke zu Perspektiven einer `Integrierten Resozialisierung´ rundet den Band ab. Die beteiligten Institutionen wirkten unkoordiniert nebeneinander, es gebe nicht einmal eine grundlegende Bestandsaufnahme. 90% der Resozialisierungskosten gingen in den Strafvollzug – für 80.000 Gefangene 38.000 Mitarbeiter, während gerade 10% in ambulante Hilfen fließen, wo z. B. 2.500 Bewährungshelfer 180.000 Straftäter betreuen. Erforderlich sei die Entwicklung eines neuen übergreifenden Gesamtkonzeptes, das durchgehende Hilfeprozesse ermögliche.

Diskussion

Handbücher sind selten handlich. Auch das vorliegende Handbuch ist mit 623 Seiten kein Lesebuch, seine Lektüre mutet manchmal ein wenig trocken an. Das ist, fürchtet der Rezensent, der Preis für die Vollständigkeit.

Das Themenspektrum ist weit gefächert. Es umfasst alle Aspekte der Resozialisierung; alle Stufen des Gerichtsverfahrens, alle stationären und ambulanten Maßnahmen werden durchdekliniert. Auch besondere Gruppen von Tätern und besondere Problemlagen werden besprochen. Laien, Studierende und Fachleute aus dem Feld können im „Handbuch Resozialisierung“ zu jedem Gebiet und zu jeder Problemlage die wesentlichen Basisinformationen finden. Die Literaturverweise helfen Lesern gut, die ihr Wissen vertiefen wollen. Es hätte allerdings gut getan, wenn Autoren, die mehrere Beiträge verfasst haben, nicht hinter jedes Kapitel ein eigenes Literaturverzeichnis gehängt hätten; so wird vieles an Quellen doppelt genannt.

Bezüglich einiger Kapitel hätten die AutorInnen – so z. B. Cornel – verstärkt auf neuere Quellen zurückgreifen können, um neue Entwicklungen zu beleuchten. Die kritische Haltung zu einigen Auswüchsen des Sicherheitsparadigmas wäre so aktueller fundiert geworden.

So breit wie das Themenspektrum ist die Qualität der Einzelbeiträge. Vom eher referierenden „Worum geht es eigentlich?“ bis zur engagierten Kritik „So kann es nicht weitergehen!“ sind die Beiträge gespannt. Manche – wie der von Bartsch/Drenkhahn zur Sicherungsverwahrung – wirken angesichts der Praxis (vgl. die Beiträge von Pollähne und Woynar auf dem 38. Symposion Maria Laach – im Druck) blauäugig. Dass man in den Vollzugsanstalten „an Konzepten arbeitet“, verwundert nach jahrzehntelanger Praxis. Was dort wirklich getan wird, differiert häufig von der Außendarstellung in Konzepten und Bulletins.

Die Herausgeber merken an, in den vergangenen fünf Jahren habe es „hektische, populistisch-politische Reaktionen auf spektakuläre Einzelfälle“ gegeben. Diese hätten im vorliegenden Band neben einer Darstellung eine ausführlichere gründliche Analyse verdient.

Die Handschrift von Juristen macht sich im Aufbau (Gliederung mit Randnummern, Rechtsgrundlagen und weiterführende Literatur zu Beginn der Aufsätze, Fußnoten gespickt mit Urteilshinweisen) bemerkbar, was an manchen Stellen die Lesbarkeit behindert. Beiträge der Sozialwissenschaftler sind da ein wenig flüssiger. Den Beiträgen der juristischen Experten haftet überdies manchmal etwas Normatives an: Sie beschreiben, was rechtlich zulässig und gefordert ist. Leider hält sich die Praxis in vielen Feldern nicht an die normativen Vorgaben. Sie kennt und benennt sie in Lippenbekenntnissen, aber fährt ansonsten im gewohnten Gang fort (beispielhaft Kapitel 18, RN 17, S. 327). Diesen Widerspruch stärker zu beleuchten hätte dem Rezensenten gut gefallen. Tondorf hat vom Strafvollzug als der letzten feudalistischen Ecke in Deutschland gesprochen. In diesen `Nischen´ halten sich alte Behördenimperative: „Das haben wir noch nie so gemacht! Wo kämen wir denn da hin? Da könnte ja jeder kommen!“ Ein Handbuch wird damit kaum aufräumen können – aber das ist ja auch nicht sein Anliegen.

Fazit

Das vorliegende Handbuch umfasst alle Bereiche der Resozialisierung. Es ist trotz kleinerer Mängel ein hilfreiches Nachschlagewerk für Studenten, Juristen, Strafverteidiger, Kriminologen, Sozialpädagogen und Anstaltsleitungen. Auch für Psychologen, die manchmal bei diagnostischen Überlegungen rechtliche Aspekte und institutionsbedingte Begrenzungen und Chancen vergessen, finden hier wichtige Hinweise. Wer das Handbuch Resozialisierung studiert hat – ein Überfliegen reicht allerdings nicht – der kann von sich sagen, er kennt sich in Fragen der Resozialisierung grundlegend aus.


Rezensent
Dr. biol. hum. Michael Stiels-Glenn
Kriminologe & Polizeiwissenschaftler M.A. Integrativer Therapeut M.Sc. Supervisor (DGSv)
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Zitiervorschlag
Michael Stiels-Glenn. Rezension vom 27.08.2009 zu: Heinz Cornel, Gabriele Kawamura-Reindl, Bernd Maelicke, Bernd Rüdeger Sonnen (Hrsg.): Resozialisierung. Handbuch. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 3. Auflage. ISBN 978-3-8329-3882-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7826.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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