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Jürg Frick: Ich mag dich - du nervst mich!

Cover Jürg Frick: Ich mag dich - du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. 351 Seiten. ISBN 978-3-456-84704-7. 24,95 EUR, CH: 42,00 sFr.

Reihe: Psychologie-Sachbuch.
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Thema

Erfahrungen mit Geschwistern und ihre Bedeutung für das Leben sind das Thema dieses Buches. Hierbei geht es vor allem um die wichtigen Einflussfaktoren auf die Beziehungen zu Schwestern und Brüdern und den Stellenwert, den man bislang in der pädagogischen und psychologischen Fachwelt dem Thema nicht so sehr entgegengebracht hat. Diverse Fallvignetten aus unterschiedlichen Geschwisterkonstellationen ergänzen die Ausführungen sowie ein Fragebogen und ein Familienkonstellationsschema.

Autor

Prof. Dr. phil. Jürg Frick ist diplomierter individualpsychologischer Berater (SGIPA/ AAI), verfügt über langjährige Lehrtätigkeit auf verschiedenen Schulstufen und war lange Jahre in der Vorschul- und Volksschullehrer und –lehrerinnen-Ausbildung tätig. Er ist seit 2002 Dozent für Entwicklungspsychologie und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich, Psychologe (FSP)

Entstehungshintergrund

Das Buch ist (nach den beiden ersten Auflagen in 2004 und 2006) nunmehr schon in 3. Auflage erschienen und wurde hierfür vom Autor korrigiert, aktualisiert und ergänzt. Jürg Frick nutzt für seine Ausführungen unterschiedlichen Quellen. Sie reichen von der einschlägigen Fachliteratur über Kurse, Vorlesungen, Seminare, Supervisionsgruppen mit Lehrerinnen und Lehrern sowie Teilnehmern/-innen von „Geschwisterkursen“ bis hin zu Studien- und Semesterarbeiten von Studierenden. In diese Neuausgabe flossen zudem die zahlreichen Rückmeldungen zu den vorherigen beiden Auflagen ein. Schließlich wurden Zeichnungen und Geschwisterfotografien neu aufgenommen.

Aufbau

Das Buch ist in 13 Kapitel untergliedert:

  1. Einleitung und Einführung (Die Entdeckung der Geschwister). Hier geht es um erste, grobe Ausführungen hinsichtlich der Bedeutung der Geschwister und der bisher eklatant geringen Rolle in der Entwicklungspsychopathologie. Die Fülle von Geschwisterbeziehungen wird hier kurz geschildert und beispielhaft ein Überblick über berühmte Geschwisterkonstellationen in Literatur und Sport gegeben.
  2. Rollen, Nischen, Konstellationseffekte und individuelle Deutungsmuster. In diesem Kernkapitel des Buches werden verschiedene Geschwisterkonstellationen,- positionen und –rollen beschrieben und die jeweils subjektive Erlebenswelt der Geschwister dargestellt.
  3. Wichtige Einflussfaktoren auf Geschwisterbeziehungen. Die unterschiedlichen Faktoren, welche das Verhältnis der Geschwister zueinander prägen, werden hier differenziert erörtert, wie beispielsweise Alter, Geschlecht, Geschwisterzahl, Freunde der Geschwister, kritische Lebensereignisse, Umzüge, Behinderungen, usw.
  4. Geschwister und ihre Bedeutung füreinander. Das reichhaltige Beziehungsfeld von Geschwistern in den unterschiedlichen Sozialisationsphasen wird in diesem Kapitel besonders herausgestellt.
  5. Bevorzugung, Benachteiligung und Rivalität. Einen besonderen Kernpunkt in der Geschwisterbeziehung stellt die Rivalität dar. Welche Einflussfaktoren sich dabei wie auswirken können wird hier näher beschrieben.
  6. Fallgeschichten aus unterschiedlichen Perspektiven. Kurze, prägnante Fallgeschichten werden in diesem Kapitel aus der subjektiven Perspektive jüngerer, mittlerer und älterer Geschwister vorgestellt.
  7. Die Freud-Adler-Kontroverse auf dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschwisterproblematik. Hier wird ein kurzer Einblick gegeben in die Bedeutung der Geschwisterkonstellation für den Konflikt von Sigmund Freud mit Alfred Adler.
  8. Geschwister und Geschlecht. Die Gewichtung des Geschlechts in der Erziehung und deren Bedeutung für die Geschwistersozialisation steht in diesem Buchabschnitt im Vordergrund.
  9. Geschwisterbeziehungen zwischen Nähe-Intimität und Distanz-Feindschaft. Die ganze Bandbreite von Geschwisterbeziehungen hinsichtlich der Distanz oder Nähe zueinander wird hier verdeutlicht.
  10. Geschwisterübertragungen im Erwachsenenalter und ihre möglichen Folgen. Die Häufigkeit der Geschwisterübertragung im Erwachsenenalter wird hier anhand der markanten Bereiche Beruf und Partnerschaft aufgezeigt.
  11. Möglichkeiten und Grenzen neuer Geschwisterbeziehungen im Erwachsenenalter. Die Veränderungsmöglichkeiten zur Neugestaltung von Geschwisterbeziehungen im reiferen Erwachsenenalter werden in diesem Buchabschnitt untersucht.
  12. Persönliche Reflexionen über eigene Geschwistererfahrungen. Die Chancen einer intensiveren Befassung mit seinem Verhältnis zu Geschwistern auch nach Beendigung der Kindheit und Jugend werden in diesem Abschnitt erläutert.
  13. Anhang für die Praxis: Fragebogen und Familienkonstellationsschema. Sowohl für Fachleute als auch für Laien ist dieser ausführliche Abschnitt gedacht, welcher neben dem Fragebogen und dem Familienkonstellationsschema ein gut kommentiertes Literaturverzeichnis, Internetadressen sowie ein Namens- und Stichwortverzeichnis enthält.

Inhalte

Prof. Dr. Jürg Frick macht schon in seiner Einleitung mit dem deutlichen Titel „Die Entdeckung der Geschwister“ klar, wie nachhaltig prägend Schwestern und Brüder im Leben eine Rolle spielen. Auch wenn der Anteil der Einzelkinder in Deutschland recht hoch ist, misst er der Befassung der Geschwisterrollen eine große Bedeutung zu, zumal bei näherer Betrachtung nicht nur die leiblichen Geschwister im Mittelpunkt stehen, sondern auch Halb-, Stief-, Pflege- und Adoptivgeschwister und im Rahmen von Patchwork-Familien Geschwisterschaft zeitlich unterschiedliche Phasen betreffen kann. Frick hebt hervor, dass die Risiko- und Schutzfaktoren, welche Geschwister geben können, bislang in der Entwicklungspsychopathologie und einschlägigen Lehrbüchern keine angemessene Rolle spielen. Dabei sei die Fülle der unterschiedlichen Geschwisterkonstellationen und angrenzender Themen so groß, dass man im Rahmen dieses Buches einzelne Aspekte unberücksichtigt lassen muss bzw. nur anreißen kann. Frick sieht es als unerlässlich an, neben dem Einfluss von Eltern die „Horizontalsozialisierung“ durch Geschwister näher zu erforschen und dabei nicht nur strukturelle Daten zu erfassen, sondern vielmehr auch die ureigene Erlebenswelt des einzelnen Geschwisters zu analysieren. Grundfragen der Geschwisterkonstellation sind laut Jürg Frick zu sehen: in der formellen Geschwisterkonstellation (Reihenfolge, Altersabstand), Rollen und Nischen der Geschwister, Geschlecht, Beziehungen von Vater und Mutter zu den einzelnen Kindern, andere wichtige Einflusspersonen, individuelle, subjektiv-persönliche Wahrnehmung der eigenen Geschwistersituation sowie die Geschwisterprojektionen im Erwachsenenalter hinsichtlich Beruf, Partnerschaft und Freundschaften. Jürg Fricks beispielhafte Auflistung von bekannten Geschwisterpaaren (Heinrich und Thomas Mann, Armand und Francois Arouet (Voltaire), Jacob und Wilhelm Grimm, Michael und Ralf Schumacher oder Serena und Venus Williams) zeigt, wie unterschiedlich gestaltet Geschwisterbeziehungen gelebt werden können.

Im Kapitel 2, dem mit 70 Seiten deutlichen Basisabschnitt des Buches, zeigt Jürg Frick, dass es keine eindeutigen Schlussfolgerungen zwischen der Stellung in der Geschwisterreihe und Persönlichkeitseigenschaften oder gar Berufswahlen gibt. Einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen dem Geburtsrangplatz und Persönlichkeitseigenschaften gäbe es nicht. Vielmehr seien individual-biografische, soziale, sozioökonomische, politische, kulturelle, religiöse und viele andere Faktoren (sowie deren jeweilige persönlich erlebte Bedeutung) von Wichtigkeit. Lediglich Tendenzen seien bei bestimmten Konstellationen wahrscheinlicher, jedoch ohne Absolutheitsanspruch. Desweiteren erörtert Frick in Unterabschnitten, welche Faktoren beim ältesten, zweit-, dritt- und später geborenen Kind sowie beim jüngsten bzw. Einzelkind eine herausragende Rolle spielen. Anhand von persönlichen Erfahrungsberichten werden diese Aspekte noch einmal besonders untermauert. Herausgegriffene, übersichtlich gegliederte Tabellen bieten eine gute Möglichkeit, sich mit den Komplementärrollen bei Geschwistern (bspw. sensibel – robust, fleißig – faul, ängstlich – mutig) sowie den Geschwisterrollen-Verteilungen in Familien intensiver zu befassen.

Nach diesem Kapitel befasst sich Jürg Frick detaillierter mit den wichtigen Einflussgrößen auf Geschwisterbeziehungen. Demnach spielen hierbei eine besondere Rolle: das absolute Alter der Familienmitglieder, die Altersdifferenz zwischen den Geschwistern, die Geschwisterzahl und Familiengröße, die Geschwisterzusammensetzung nach Geschlecht und Alter, der Geburtsrangplatz, Wohnort, soziokulturelles Umfeld, das individuelle Verhältnis der Eltern zu den Geschwistern, Bevorzugung/Benachteiligung durch Eltern/-teile, Partnerersatz-Rolle bzw. Parentifizierung und der Erziehungsstil der Eltern. Wie gründlich sich der Autor mit dem Thema befasst hat, wird auch bei der Erörterung weiterer Einflussgrößen deutlich. Die Partnerbeziehung der Eltern, Fantasien und Erwartungen der Eltern an das einzelne Kind, der Körperbau des Kindes, die Geschwisterposition/-beziehung bei den Eltern spielen demnach ebenso eine Rolle wie auch außerfamiliäre Bezugspersonen, Freunde der Geschwister, kritische Lebensereignisse sowie Krankheiten, Behinderungen und Tod von Geschwistern oder besondere Süchte bei den Eltern. Spätestens in diesem Kapitel wird einem klar, wie breit das Spektrum ist, welches auf die Geschwisterbeziehungen einwirkt. Und so ist es konsequent, dass im Folgekapitel die Bedeutung der Geschwister füreinander besonders thematisiert wird.

Das reichhaltige Beziehungsfeld von Geschwistern wird auch hier wieder von diversen Erfahrungsberichten unterstrichen. Neben den Rollen als Rivalen, Freunde, Helfer, Vertraute und Trostspender/-innen wird hier insbesondere der „Tutoren-Effekt“ von älteren Geschwistern herausgestellt. Hierbei wird der Beziehungsprozess der Geschwister zueinander im Laufe der unterschiedlichen Bewältigungsphasen in Kindheit und Jugend sowie jungem Erwachsenenleben als dynamisch herausgestellt und damit ein starres Modell einer gleichbleibenden Geschwisterbeziehung als nicht hilfreich angesehen. Die tabellarische Gegenüberstellung von Sozialisationsprozessen zwischen Geschwistern (Was erfahren Kinder einerseits, was machen Kinder andererseits in Geschwistergruppen?) ist hierbei hilfreich, um als Leser/-in die eigens erlebte Vielfältigkeit in der Beziehung zu einem Geschwisterteil differenziert zu reflektieren.

Der Aspekt der Bevorzugung, Benachteiligung und Rivalität wird im Kapitel 5 eingehend beschrieben. Hier zeigt Frick auf, welche Punkte eine günstige Geschwisterbeziehung und welche die Entstehung und Aufrechterhaltung von Geschwisterrivalität fördern. Insbesondere die kommentierte Auflistung von überzeichneten „Streittypen“ in rivalisierenden Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern (Opfer, Nörgler, Wüteriche, Streitvermeider, Strategen, Besserwisser, Pedante) hilft dabei, die unterschiedlichen Facetten der Geschwisterbeziehung noch einmal zu verstehen.

Im Kapitel 6 werden noch einmal vertiefend Texte zur Wirkung von Geschwisterkonstellationen aufgeführt und entsprechend kommentiert. Hierbei ist vor allem der Perspektivwechsel interessant, wenn Erlebnisse von jüngeren, mittleren und älteren Geschwistern beschrieben werden. Die Subjektivität des Erlebens wird dabei noch einmal besonders unterstrichen.

Das kurze Kapitel 7 bezieht sich auf die kontroverse Auseinandersetzung von Alfred Adler und Sigmund Freud. Jürg Frick befasst sich dabei vor allem nicht nur inhaltlich mit den unterschiedlichen Vorstellungen der Vertreter der Psychoanalyse; vielmehr sieht er den Bruch zwischen Adler und Freud auch in ihrer jeweiligen Geschwisterkonstellation begründet. Damit verdeutlicht Frick noch einmal mehr, dass man der Geschwisterkonstellation in der Wissenschaft und Forschung viel mehr Gewicht beimessen sollte.

Das wiederum recht knappe Kapitel 8 „Geschwister und Geschlecht“ setzt sich mittels dreier Fallbeispiele damit auseinander, wie sich ein gegen- oder gleichgeschlechtliches Geschwisterteil auf die Geschwisterbeziehung und die eigene Identitätsentwicklung auswirken kann. Dabei bezieht Frick auch die Besonderheit von ein- und zweieiigen Zwillingen mit in die Überlegungen ein.

Das 9. Kapitel befasst sich intensiver mit den Grundmustern für die Geschwisterbeziehung und stellt dabei verschiedene Modelle von derartigen Mustern vor. Bei einem Modell werden die Geschwisterbeziehungen in fünf Kategorien eingeteilt: Intimität (beste Freunde sein), Kongenialität (gute Freunde sein und unterstützend miteinander umgehen), Loyalität (sich schützen, mit einem besonderen privaten Code miteinander kommunizieren, ausgeprägte Kooperation), Gleichgültigkeit (Distanz und Mangel an aufeinander bezogenen Gefühlen), Feindseligkeit (Distanz, Abgrenzung, offene oder verdeckte Streitigkeiten bis hin zum Beziehungsabbruch). Als eine andere Möglichkeit werden Geschwisterbeziehungen in vier Typen eingeteilt: verstrickt, kameradschaftlich-versorgend, ambivalent und feindselig-entfremdet. Dynamischer lassen sich die Geschwisterbeziehungen aber in Graphiken darstellen, welche den Identifikationsgrad bzw. die wechselseitige Identifikation im Verlauf von bestimmten Lebensabschnitten aufzeigen, sowie es Jürg Frick anhand von eigenen Graphikbeispielen veranschaulicht. Die zentralen Konkurrenzbereiche zwischen Geschwistern seien Leistung und Erfolg, Schönheit und Attraktivität sowie die sozialen Beziehungen.

Ausgehend von den vorangegangenen Kapiteln befasst sich Kapitel 10 mit den sogenannten Geschwisterübertragungen im Erwachsenenalter. Jürg Frick betont dabei, dass Menschen in einer anderen Gruppe (Arbeitsplatz, Schule, Freundeskreis) oftmals die ihnen geschwisterlich gewohnten Rollen besetzen, ohne dass es ihnen bewusst wäre. So käme es dadurch zu Konflikten, weil die meist unbewussten Geschwister-Kindheitsrollen nicht adäquat zu den erwachsenen Rollen passen. Diese Neuinszenierungen von geschwisterlichen Mustern spielen oftmals auch bei der Partnerwahl bzw.- schaft eine besondere, unbewusste Rolle.

Wie nun die Geschwisterbeziehungen im Erwachsenenalter anders gestaltet werden können, wird im Kapitel 11 thematisiert. Hier gibt Jürg Frick wertvolle Hinweise und macht vor allem deutlich, dass ein Aufgeben starrer Kindheitsrollen und ein Aufgeben von kindlichen Wunschbildern eine ebenbürtige Begegnung ermögliche. Dazu sei es hilfreich, die persönliche Geschwisterbeziehungsgeschichte zu verstehen, sich freundlich mit dem Geschwister auseinanderzusetzen und auch Außenstehende und die jeweilige Lebenssituation mit in die Aufarbeitung einzubeziehen.

Ganz konkret wird Jürg Frick dann im Kapitel 12, in dem er die Bedeutung der Geschwister für die persönliche Entwicklung anhand von 25 kurzen Beispielen herausstellt und diese hilfreich kommentiert.

Der fast 50 seitige Anhang im Kapitel 13 ist eine gelungene Mischung aus persönlicher Reflexion, weiterführender Informationen und Literaturhinweisen sowie einem gründlichen Stichwort- und Namenverzeichnis. Hier befindet sich eine Reihe von Fragebögen und Familienkonstellationsschemata, mit der es möglich wird, sich noch besonders intensiv mit den eigenen familiären Beziehungsgeflechten hinsichtlich der Bedeutung der Geschwister auseinander zu setzen. Das kommentierte Literaturverzeichnis ist untergliedert in die Bereiche Autobiografische Darstellungen von Geschwisterbeziehungen, Empfehlenswerte Romane zu Geschwisterbeziehungen, Eine Auswahl empfehlenswerter Kinderbücher zum Thema Geschwister (Vorschulalter, Schulkindalter, Elternratgeber, Comics), Empfehlenswerte Filme zu Geschwisterbeziehungen, Internetadressen.

Diskussion

Dieses intensiv gegliederte Buch setzt sich ausgesprochen detailliert mit den Geschwistern und ihrer Bedeutung für das Leben auseinander. Es werden die Zusammenhänge inner- aber auch außerfamiliärer Faktoren gründlich erörtert. Prof. Dr. Jürg Frick wechselt in seinen Ausführungen zwischen wissenschaftlichen Quellenbezugsnahmen, eigenen Interpretationen und Kommentierungen sowie zahlreichen Tabellen und Graphiken. Zusätzlich greift er die Beiträge von Teilnehmenden spezieller von ihm gehaltener „Geschwisterkurse“ auf. Damit ist das Buch eine sehr abwechslungsreiche Darstellung, die durch ein klares Layout unterstützt wird. Bei einzelnen Darstellungen – insbesondere bei der Darlegung der speziellen Geschwisterkonstellationen von Sigmund Freud und Alfred Adler - wäre es gut gewesen, wenn hier eine Genogramm-Darstellung ins Buch aufgenommen worden wäre. Der Ansatz des Autors, sich intensiver mit der Geschwisterbeziehung auseinanderzusetzen, ist hier sehr umfassend gelungen. Es werden einige Anregungen für eine verstärkte wissenschaftliche Erforschung aufgezeigt sowie zugleich Möglichkeiten der persönlichen Reflexion und Selbsthilfe geboten. Auch wenn der Rahmen des Buches dies wohl nicht ermöglichte, wäre aber eine nähere Bezugnahme auf die Bedeutung der Geschwister in anderen Kulturen erforderlich gewesen. Interkulturelle Familienkonstellationen, die sich oft genug auch auf mehr als zwei Ursprungskulturkreise beziehen, bedürfen hier einer weitreichenderen Unterstützung. Leider ist beim Familienkonstellationsschema auf Seite 316 die Jahreszahl der Tochter Katja (anstelle von 1990 wurde 1970 gedruckt) inkorrekt angegeben. Ansonsten aber ein präzises, gründlich durchdachtes Buch, das in dieser 3. Auflage mit der Ergänzung durch Illustrationen sowie die Aufnahme von Geschwisterfotografien an Lebendigkeit zusätzlich gewonnen hat.

Fazit

Im Gesamten ist dieses Buch ein vortreffliches Werk, das den schmalen Grat zwischen Wissenschaftlichkeit und Hilfe für pädagogische bzw. psychologische Fachkräfte sowie interessierte Laien sorgfältig zu beschreiten versteht. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser spezifischen Thematik wird sprachlich sehr angenehm geführt. Möge diese Arbeit - neben dem zweifelsohne vorhandenen, weiteren Forschungsbedarf - Anstöße geben, in den (sozial-) pädagogischen, psychologischen und therapeutischen Handlungsfeldern die Bedeutung der Geschwister mehr in den Fokus zu stellen und hierbei entsprechend sensibel zu sein, wenn Problembewältigungsstrategien und Unterstützungsangebote entwickelt werden. Wer sich intensiver mit den Geschwisterkonstellationen und –beziehungen befassen mag, kommt an diesem fundierten und differenzierten Grundlagenband nicht vorbei.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 17.09.2009 zu: Jürg Frick: Ich mag dich - du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-456-84704-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7829.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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