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Barbara Koch-Priewe u.a.: Jungen - Sorgenkinder oder Sieger?

Cover Barbara Koch-Priewe u.a.: Jungen - Sorgenkinder oder Sieger? Ergebnisse einer quantitativen Studie und ihre pädagogischen Implikationen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 209 Seiten. ISBN 978-3-531-15859-4. 22,90 EUR.
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Autoren/-innen

Die Autoren und Autorinnen lehren und forschen an der Technischen Universität Dortmund/Fakultät 12 – Erziehungswissenschaft und Soziologie. Barbara Koch-Priewe ist Professorin für Schulpädagogik, Annette Textor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Didaktik und Schulpädgogik, Arne Niederbacher arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie und Peter Zimmermann ist Akademischer Direktor am Institut für Schulentwicklungsforschung.

Fragestellung

Seit Jahren herrscht Konsens in den Sozialwissenschaften darüber, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion sei. Die Frage, die sich unmittelbar an diese Erkenntnis anschließt, ist die, wie es dennoch zu so unterschiedlichen Identitäten, Sozialisationsverläufen und beruflichen Unterschieden kommt, wie sie nun einmal in der Wirklichkeit vorfindbar sind. Die hier vorgelegte Studie hat jedoch einen anderen Ausgangspunkt: Sie bezieht sich allein auf die Rollenvorbilder, Zuschreibungen und Einstellungen von Jungen, denn ihr Anspruch ist es „Jungen als das Besondere in den Blick“ zu nehmen (S. 10). Damit wollen die Autoren und Autorinnen von einer pauschalen Sicht auf Jungen hin zu einer Sicht, in der die vielen Unterschiedlichkeiten berücksichtigt werden.

Nun wäre dies sicher eine Blickrichtung, bei der man auch auf Mädchen schauen und fragen könnte, wie sich die Individualisierungen beider Geschlechter unterscheiden. Dies jedoch konnten die Autoren/-innen gar nicht leisten, denn sie wollten eine Studie, die sie 1995 mit dem gleichen Focus durchgeführt haben, wiederholen, um eventuell Veränderungen festzustellen (S. 43). Was also begrenzt war, musste es auch bleiben. Auf viele Fragen, die jede gender-interessierte Kollegin und auch jeder Kollege hat, kann die Arbeit daher keine Auskunft geben.

Methode

Welche Fragen eine empirische Studie beantworten kann, ist eng mit der gewählten Methode, dem Sample und dem Befragungssetting verknüpft. Die Studie ist quantitativ angelegt. Den 1635 Befragten in verschiedenen Schultypen wurde ein 22seitiger Fragebogen mit 101 Items vorgelegt, den sie in einer Schulstunde ausfüllen sollten. Sie befanden sich also in direkter Nachbarschaft zu einem anderen oder mehreren anderen Jungen und konnten, so ist zu vermuten, nicht damit rechnen, dass sie völlig unbeobachtet waren. Der Rücklauf beträgt aufgrund des Zwangsverbleibs in der Schulstunde und der Anwesenheit eines Projektmitarbeiters abenteuerliche 100 %. Eine beeindruckende Zahl – nur ist die Frage, was sie über die Relevanz der Antworten unter den Bedingungen einer Befragung im Klassenraum aussagt. Da dies nicht untersucht wurde, lässt sich dazu keine Aussage treffen.

Fragebögen implizieren das Problem, dass die gleichen Formulierungen von Befragten mit unterschiedlichem sozialem und kulturellem Hintergrund unterschiedlich verstanden werden. Diese Gefahr besteht insbesondere dann, wenn keine qualititative Studie vorangegangen ist. Nur dann könnte es möglicherweise unter bestimmten Bedingungen gelingen, eine Sprache und Begriffe zu verwenden, von denen man weiß, was sie für die jeweils Befragten bedeuten. Es wird nicht deutlich, ob es qualitative Vorstudien zur ersten Befragung 1995 gegeben hat, außerdem ist die Frage, ob sich in 10 Jahren nicht vielleicht auch Perzeption und Konstruktionen von im Durchschnitt 15,4jährigen Jungen verändert hat. Zur vorgelegten Studie jedenfalls gab es keine qualitativen Voruntersuchungen.

Quantitative Studien in bestimmten Settings verführen die Befragten dazu, Antworten zu geben, die sie für erwünscht halten. Dieses methodische Problem wird reflektiert: Die „Validitätseinschränkungen“, so wird versprochen, würden bei der Interpretation der Daten berücksichtigt (S. 45).

Die Differenzierungskriterien, nach denen die Antworten der Jungen analysiert werden, sind die Schulform und der Migrationshintergrund, im geringen Maße auch die soziale Schicht. Es werden die Berufsgruppen der Eltern erfragt, wobei jedoch die Schicht nicht deutlich werden kann: Die Einteilung in Arbeiter, Angestellte, Beamte und Selbstständige sagt zu wenig über die soziale Differenzierung. Die Autoren/-innen räumen ein, dass ihre Daten zum sozialen Hintergrund nicht sehr aussagekräftig sind (S. 50).

Aufgrund dieser Schwäche erhält das Kriterium Migrationshintergrund ein stärkeres Gewicht. Dieses wird zunächst sehr differenziert definiert, wobei auch Forschungslücken deutlich gemacht werden (S. 31 ff.). Da aber die Schichtzugehörigkeit ausgeblendet wird, heißt es später dann immer, dass es die Jungen mit Migrationshintergrund seien, die sich in dieser oder jener Form von denen ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Dabei wissen wir aus vielen Studien, dass es die Schichtzugehörigkeit ist, die die Unterschiede bewirkt. Dies betonen auch die Autoren/-innen, wenn sie bei der Darstellung der Ergebnisse auf die fehlende Relevanz des Migrationshintergrundes allein hinweisen. Da jedoch der Focus der Studie auf dem Migrationshintergrund und der Schulform ohne Berücksichtigung der Schichtzugehörigkeit liegt, bleibt die wahre Problematik, nämlich die fehlenden Integrationschancen von Migranten/-innen – auch und gerade in der Schule - im Wesentlichen unberücksichtigt. Positiv ist in diesem Zusammenhang die Differenziertheit der Begrifflichkeit und die Differenzierung zwischen erster und zweiter Generation zu werten, die auch eines der wenigen tragfähigen Ergebnisse der Studie ermöglicht (s.u.).

Die letzte methodische Sünde, die die Autoren/-innen begehen, ist die Vernachlässigung der Familienform, in der die Jungen leben. Es werden Beziehungen zu Vätern erfragt (und brav beantwortet!), als wenn es keine allein erziehenden Mütter oder Väter gebe. Das ist, pardon, unfassbar. Die ausgeklügelten statistischen bzw. mathematischen Auswertungsmethoden suggerieren dann eine Wirklichkeitsabbildung, die die Studie aufgrund der Mängel des Settings und der Befragungsmethode gar nicht hergeben kann.

Inhalt und Ergebnisse

In einem Einführungskapitel wird die theoretische Landschaft für Jungenforschung umrissen. Hier ist die Studie auf dem aktuellen Diskussionsstand – dieser Artikel ist lesenswert, vor allem für jene, die sich noch nicht mit der Thematik befasst haben. Problematisch ist allerdings die Definition von Gewalt als nur körperlicher Gewalt (S. 29). Eine solche Sicht vernachlässigt die Gewalt, die verbal ausgeübt wird und häufig Hilflosigkeit und dann auch körperliche Gewalt zur Folge hat. Diese Oberflächlichkeit betrifft auch die Aussage, Jungen, die nicht „über angemessene soziale und personale Ressourcen“ verfügten, seien in Gefahr, Gewalt anzuwenden. Das ist zwar nicht falsch. Ausgeblendet werden aber Reaktionen wie Apathie und Depression auf die erlebte Ohnmacht in bedrohlichen Situationen.

Die begrenzte Reichweite der Interpretation wird auch bei Aussagen wie jener deutlich, dass der Vater in der Regel tagsüber abwesend ist (S. 74). Dabei sind 10 % der Väter erwerbslos (S. 49), und 72 % der Mütter sind erwerbstätig. Wie soll man das deuten? Üben die Mütter eine Teilzeittätigkeit aus?

Die zu Beginn dargestellten Überlegungen zur Validität werden im Interpretationsteil zumeist sträflich vernachlässigt. Ergebnisse werden als Realität präsentiert, wenngleich sie auf soziale Erwünschtheit oder soziale Kontrolle durch den Nachbarn abgeklopft werden müssten. Zweifel regen sich unter diesen Umständen bei vielen Fragen, auch der nach der sexuellen Orientierung. Sex möchten 98 % der Jungen mit Mädchen haben, 1 % hat Jungen, 1 % beide Geschlechter angekreuzt. Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass der Junge in einer Schulklasse neben einem anderen Schüler homoerotische Ambitionen lieber verschweigt?

Immerhin wird nach dem Körperkontakt (Hand in Hand gehen, Streicheln) unter den Jungen und von Jungen mit Mädchen gefragt. Interessant wäre hier gewesen, zu überlegen, was der stärkere körperliche Kontakt von Jungen mit türkischem und arabischem Hintergrund mit der bei ihnen ebenfalls stärker vorhandenen Homophobie zu tun hat.

Bei den Ergebnissen zur Vater-Sohn-Beziehung fragt man sich, ob der Vater überhaupt mit dem Jungen zusammen wohnt oder gar überhaupt keinen Kontakt hat. Aber das gibt die Befragung nicht her. Stattdessen wird anerkennend berichtet, dass 12 % der Väter sich bei den Jungen ausweinen (wörtlich!), wobei sich die Rezensentin ernsthaft fragt, was die Jungen sich darunter vorgestellt haben. Einen Vater, der sie an seinen Problemen teilhaben lässt? Einen Vater, der hemmungslos heult, oder was sonst? Wenn der Vater sich bei dem Sohn „ausheult“, liegt der Verdacht der Parentifizierung des Sohnes näher als die Unterstellung eines wunderbaren Verhältnisses.

Aus dem Ergebnis von 48 % der Jungen, die sich als „gut gelaunt“ bezeichnen auf ein positives Lebensgefühl zu schließen (S. 80) vernachlässigt erneut die Überlegungen zur Validität. Denn als „gut gelaunt“ könnten sich auch Jungen bezeichnen, die als „cool“ gelten wollen, es aber schwer haben, diese Rolle auszufüllen. Insbesondere, wenn man sich vorstellt, dass der Nachbar den Jungen beim Ausfüllen des Fragebogens beobachten kann, ist die Frage, ob solche Antworten valide sind

Eine Merkwürdigkeit stellt der Begriff der „Abschulung“ dar, der auf Seite 159 verwendet wird. Gemeint ist der Verweis von der Schule – bei den meisten Betroffenen mit Angst und Schrecken verbunden, und vor allem mit dem Fehlen jeglicher Aufstiegsmöglichkeit. Der Begriff „Abschulung“ erinnert an die Sprache der Bürokraten, die Katastrophen mit einem neutral klingenden Wort zu verdecken suchen.

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie ist der Unterschied zwischen Einstellungen bei der Generation der Jungen, die selbst eingewandert sind und denen, die schon in Deutschland geboren wurden. Offenbar werden viele Einstellungen, die bei uns dem Herkunftsland zugeschrieben werden, erst in Deutschland erworben. Sie sind also nicht ein „Mitbringsel“ des Herkunftslandes, sondern werden in Deutschland durch die fehlenden Integrationsmöglichkeiten konstruiert. An mehreren Stellen müssen die Autoren/-innen jedoch auch einräumen, dass die soziale Herkunft bzw. Schicht vermutlich bedeutsamer für das Verhalten und die Einstellungen der Jungen ist als der Migrationshintergrund und die Schulform (z.B. S. 161 ff.).

Die Überlegungen zur Jungenarbeit und zu Veränderungen in Schulprogrammen sind nicht sehr neu, aber man kann damit arbeiten. Diese Artikel hätte man allerdings auch ohne den Aufwand einer empirischen Studie dieses Ausmaßes verfassen können.

Fazit

Das Problem der Studie ist es, dass die Schule als Ausgangspunkt der Überlegungen gilt, nicht die Lebenssituation der Schüler/-innen. Wäre dies der Fall, so hätte man ein anderes Befragungssetting gewählt, Kriterien wie Schicht und Familiensituation in ausreichendem Maße mit einbezogen und einen reflektierten Gewaltbegriff, um nur einige der Mängel zu benennen. Es ist erstaunlich, welche Forschungsdesigns in Deutschland gefördert werden.


Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 30.12.2009 zu: Barbara Koch-Priewe u.a.: Jungen - Sorgenkinder oder Sieger? Ergebnisse einer quantitativen Studie und ihre pädagogischen Implikationen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-15859-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7830.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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