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Sarah Neef: Im Rhythmus der Stille

Cover Sarah Neef: Im Rhythmus der Stille. Wie ich mir die Welt der Hörenden eroberte. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 252 Seiten. ISBN 978-3-593-38383-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Nicht nur für Hörende ist es immer wieder interessant, Lebensgeschichten von Menschen zu sehen oder lesen, die trotz starker sinnlicher oder körperlicher Einschränkungen scheinbar außergewöhnliches leisten. Taubheit können sich die wenigsten Menschen vorstellen. Nicht mal als hochgradig Schwerhöriger kann man sich wirklich vorstellen wie es ist, rein gar nichts mehr zu hören! Gehörlos sein – nichts hören also – und dann als Tänzerin arbeiten? Das scheint den meisten Menschen doch unvorstellbar. Wie so viele andere Dinge, die Hörbehinderte erleben und die sich hörende Menschen nicht vorstellen können.

Jeder Hörbehinderte ist anders, hört anders, empfindet anders. Allen gemeinsam ist, daß sie nicht auschließlich über ihre Behinderung definiert werden wollen. Daher ist es wichtig, dass immer wieder Betroffene den Mut haben, ihre Lebensgeschichten mit allen Hochs und Tiefs zu beschreiben. Jedes dieser Bücher kann dazu beitragen, bei Hörenden Verstehen zu wecken – und vielleicht Interesse daran, sich auch mit Hörbehinderten „einzulassen“, trotz der Erschwernisse in der Kommunikation. Wir sind auch nur Menschen…

Aufbau und Inhalt

Sarah Neef betont in ihrer Lebensbeschreibung immer wieder, dass sie nur für sich selber sprechen kann, nur ihr eigenes Leben schildern und keine Vorschriften machen möchte, wie gehörlose Kinder aufwachsen und erzogen werden sollen. Faszinierend ist es zu lesen, wie sie sich die Welt der Hörenden eroberte. Manches klingt so einfach und selbstverständlich. Als Gehörlöse den Sinn des Lebens in der Musik zu sehen, zu tanzen und selber Instrumente zu spielen, macht immer wieder staunen! Ohne dramatisch zu werden in der Wortwahl schildert sie sehr dramatisch, spannend und faszinierend, wie ihr Leben bis heute verlaufen ist, welche Ereignisse prägend waren und sie dahin brachten, wo sie heute ist.

Alles scheint sehr leicht gewesen zu sein. Doch der aufmerksamen Leser wird sich öfter fragen, wie sie das nur geschafft hat als tauber Mensch? Immer wieder wird auch klar, mit welcher Hingabe und schier unendlicher Geduld die Eltern dazu beigetragen haben, ihre Tochter auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen – ohne sie zu bedrängen!

Es ist ein spannendes Buch. Sarah Neef ist ein außergewöhnlicher Mensch und hat ein außergewöhnliches Leben, hat sich trotz Taubheit in der hörenden Welt einen Weg gesucht und ist zufrieden! Immer wieder wird der aufmerksame Leser aber spüren, wie viel Kraft es Frau Neef gekostet haben muss, ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Ihre schier unerschöpfliche Energie, ihr starker Wille und ihre eiserne Disziplin haben ihr geholfen, manchmal unmöglich scheinendes zu erreichen. Manche Ziele scheinen einfach zu hoch gesteckt, und doch geht Sarah Neef unbeirrt darauf zu und überwindet scheinbar unüberwindliche Hindernisse.

Diskussion

Da ich selber viele Jahre an Taubheit grenzend schwerhörig war und heute zwar taub, aber mit zwei Innenohrimplantaten ausgestattet die Welt doch sehr gut meistern kann und selber erlebt habe, wie schwer das Leben trotz noch vorhandener Hörfähigkeit sein kann, war ich sehr beeindruckt von der Energie und dem hartnäckigen Verfolgen gesetzter Ziele, die unerreichbar scheinen!

Viele Spätschwerhörige erleben sich zunehmend als minderwertig, da sie immer weniger an dem für sie gewohnten Leben teil haben können. Viele resignieren und geben einfach auf.

Dann ein solches Buch zu lesen, das beschämt fast. Trotzdem habe ich es mit sehr viel Freude gelesen, habe mit geweint und mit gelacht und war immer ein wenig stolz, wenn Sarah Neef wieder ein Hindernis überwunden hat.

Ich war begeistert von der Hingabe und der Ausdauer der Eltern, ihre Tochter bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Ich war aber auch begeistert davon, wie sie ihre Tochter z.B. einfach mitnahmen in eine Musikvorführung! Diesen Gedanken muss man erst mal zulassen. So sind wohl auch die Eltern von Frau Neef außergewöhnlich.

Das Buch habe ich in einem Rutsch gelesen. Es war nie langweilig. Auch wenn das Leben von Sarah Neef alles andere als Durchschnittlich ist, werden auch Hörende bei der Lektüre eine kleine Vorstellung davon bekommen, was es bedeuten kann, kommunikationsbehindert zu sein. Die Leser werden aber auch lernen, dass jeder Mensch Fähigkeiten und Möglichkeiten hat, unabhängig von Behinderungen. Diese Anlagen zu fördern und nicht immer darauf hinzuweisen, welche Behinderung doch behindern könnte, dazu macht diese Buch auch Mut! Nicht nur den Betroffenen, sondern auch Eltern schwerhöriger und gehörloser Kinder, die vielleicht nach der Lektüre dieses Buches eher bereit sind, ihr Kind einmal losgelöst von der Behinderung als einen Menschen mit ganz eigenen Fähigkeiten zu sehen und zu fördern.

Fazit

Es ist ein bezauberndes Buch, das oft sehr anrührt. Es ist ein Buch fast so spannend wie ein Krimi. Es ist einfach ein schönes Buch!


Rezension von
Erika Classen
Spätertaubt und CI-Trägerin seit Februar 2000. Ca. 12 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit bundesweit in der Hörbehinderten-Selbsthilfe
3-jährige ergotherapeutische Ausbildung


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Zitiervorschlag
Erika Classen. Rezension vom 09.11.2009 zu: Sarah Neef: Im Rhythmus der Stille. Wie ich mir die Welt der Hörenden eroberte. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-38383-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7833.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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