Ernst Tatzer, Karl Krisch et al.: Kinder und Jugendliche in psychosozialer Not
Rezensiert von Prof. em. Dr. Matthias Moch, 13.11.2009
Ernst Tatzer, Karl Krisch, Rainer Fliedl: Kinder und Jugendliche in psychosozialer Not. Ein Praxisbuch zur Situation der stationären Betreuung. W. Krammer Verlag (Neubau, Wien) 2008. 166 Seiten. ISBN 978-3-901811-34-0. 18,50 EUR.
Entstehungshintergrund
In diesem Buch wird aus unterschiedlichen Perspektiven die Betreuung und Behandlung von Kindern in österreichischen Jugendhilfe-Einrichtungen beschrieben. Der aus elf Einzelbeiträgen bestehende Band „entstand als Resultat des Symposiums zum fünfjährigen Bestehen des NÖ Heilpädagogischen Zentrums Hinterbühl (S. 6).“ Die Autoren sind in der Mehrzahl (klinische) Psychologen/Psychologinnen oder Heilpädagogen/Heilpädagoginnen, teilweise auch Fachärzte für Psychiatrie. Ihre Tätigkeitsfelder liegen entweder im Bereich der genannten Einrichtung oder in Kliniken oder (Universitäts-)Instituten. Die thematisch sehr breit gefächerten Einzelbeiträge („aus der Praxis für die Praxis“ (S. 6)) sind großenteils im Duktus durch ihren Charakter als überarbeitete Vortragsmanuskripte erkennbar.
Aufbau und Inhalt
Nach einem einleitenden und orientierenden Vorwort durch die Herausgeber gehen die jeweils zwischen 10 und 20 Seiten umfassenden Beiträge auf sehr unterschiedliche Aspekte ein: neben eher an einem Überblick orientierten Texten zur Veränderung von Kindheit, zur Lage der Jugendpsychiatrie in Österreich oder zum Stand des Professionsverständnisses von Sozialpädagogen stehen spezifische Einlassungen zu einrichtungsspezifischen Förderkonzepten, Richtungen der Einzeltherapie in stationären Settings (Reinszenierung, Rituale, Arbeit mit Tieren). Der Schwerpunkt der Darstellungen liegt auf der Arbeit mit einzelnen Kindern, Jugendlichen oder Familien. Drei Beiträge gehen demgegenüber explizit auf Fragen der institutionellen Gestaltung sozialpädagogischer Hilfen innerhalb einer Einrichtung, aber auch in sozialen Räumen ein. Teilweise werden besondere Herausforderungen erkennbar, etwa in der Kooperation zwischen GruppenmitarbeiterInnen und TherapeutInnen im Heim oder in der räumlichen Vernetzung und fallspezifischen Koordination von Institutionen. Vielfach werden grundlegende Theorien (etwa Bindungstheorie, Psychoanalyse) in ihrer handlungspraktischen Relevanz verdeutlicht.
Diskussion
Alle Beiträge ermöglichen gute Einblicke in die institutionelle Landschaft sowie in die sozialpädagogische Praxis in Österreich. Sie heben Spezifika verschiedener Zugänge hervor und machen den Leser mit wesentlichen Themen der sozialpädagogischen Diskussion in Österreich bekannt. Der Einbezug verschiedener Disziplinen und professionellen Ebenen ermöglicht das Erkennen unterschiedlicher Standpunkte und Schwerpunktsetzungen.
Aus deutscher Sicht bleibt kaum verborgen, dass der Band vorwiegend die „klinische“ Sichtweise in den Vordergrund rückt. Indem vorwiegend Fachkräfte aus den Disziplinen der Psychologie, der Psychiatrie und der Heilpädagogik zu Wort kommen, gerät der sozialpädagogische Blick sehr in den Hintergrund. Teilweise hat man den Eindruck, einer etwa zwei Jahrzehnte zurückliegenden Diskussion beizuwohnen, in der die einrichtungsinterne Therapie des Kindes im Mittelpunkt stand und notwendige Neuerungen in Bezug auf Sozialraumorientierung und Vernetzung angemahnt wurden. So werden Verweise auf die sozialpädagogischen Diskurse der letzten Jahre in Deutschland weitgehend ignoriert, nur in einem Beitrag (von K. Lauermann) explizit herausgearbeitet. Bei wenigen Beiträgen vermisst der Leser überhaupt Literaturverweise. Richtig erschocken ist der Rezensent vor manchen sprachlichen Besonderheiten, wenn etwa von „sozialen Behinderungen“ (S. 63), von „Anstalt“ oder gar (aus psychoanalytischer Sicht) von „die Heilbaren und die Unheilbaren“ (S. 75) die Rede ist. Hier hätte man sich dringend mehr Differenzierung, mehr Auseinandersetzung und disziplinäre Schärfung gewünscht. Insgesamt hätte dem Band eine diskursive Aktualisierung mit Blick über die nationalen (aber auch die disziplinären) Grenzen hinweg gut getan. So konzentriert sich der Blick auf verschiedene Praxen in einem Land, der zudem stark klinisch-interventionistisch geprägt ist.
Fazit
Der Tagungsband gibt insgesamt einen breiten Überblick zu heilpädagogisch/sozialpädagogischen Arbeitsformen in stationären Settings für Kinder und Jugendliche in Österreich. Er stellt Spezifika der Arbeitsformen heraus und diskutiert aktuelle Herausforderungen. Leider kommen Querverweise auf den aktuellen sozialpädagogischen Diskurs zu kurz, was seinerseits erneut (vgl . meine Rezension zu Kendrick 2007) Fragen nach dem Stand der internationalen Vernetzung der sozialpädagogischen Wissenschaft und Praxis aufwirft.
Rezension von
Prof. em. Dr. Matthias Moch
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