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Jörg Maywald: Kindeswohlgefährdung - erkennen, einschätzen, handeln

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd Sonja Hees, 08.12.2009

Cover Jörg Maywald: Kindeswohlgefährdung - erkennen, einschätzen, handeln ISBN 978-3-451-00114-7

Jörg Maywald: Kindeswohlgefährdung - erkennen, einschätzen, handeln. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2009. 64 Seiten. ISBN 978-3-451-00114-7. 9,95 EUR.
Reihe: Kindergarten heute - Spezial - Nr. 114.

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Thema

Das Kindeswohl zu schützen ist eine der grundlegenden Aufgaben jeder Kindertagesstätte. Da die meisten Kinder (zumindest zwischen drei und sechs Jahren – aber auch immer jüngere) regelmäßig viele Stunden am Tag und viele Tage im Jahr in einer Kindertagesstätte betreut und gefördert werden, tragen die dort arbeitenden die Verantwortung dafür, Gefahren für Kinder früh wahrzunehmen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. Gerade die Frage aber, welche Maßnahme wann geeignet sein kann versetzt viele pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen in Ratlosigkeit.

Entstehungshintergrund

Im § 8a des SGB VIII wird der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung erläutert. Im Absatz 2 ist deutlich formuliert, dass insbesondere Tageseinrichtungen für Kinder und die dort tätigen Mitarbeiter/innen „den Schutzauftrag nach Absatz 1 in entsprechender Weise wahrnehmen und bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos eine insofern erfahrene Fachkraft hinzuziehen.“ Jörg Maywald möchte mit seiner Veröffentlichung diesen Schutzauftrag speziell für Kindertageseinrichtungen darstellen und für die Praxis handhabbar machen. Seiner Meinung nach helfen nur fundiertes Wissen und eine gute Vernetzung mit anderen Hilfsangeboten bei einer wirkungsvollen Prävention und konkreter Hilfe im akuten Fall. Hierzu möchte der Autor beitragen.

Die Veröffentlichung ist in der Reihe „Kindergarten heute – spezial“ erschienen und durch ihr Format und den guten Überblick für die Fachpraxis gut anwendbar.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel geht der Autor auf das Bild vom Kind und den gesellschaftlichen Wandel dieses Bildes ein. Das Kinder als vollwertige Menschen mit eigenen Rechten angesehen werden hat keine sehr lange Tradition. Kinderrechte wurden erst im 20. Jahrhundert zum Thema und mit der UN-Kinderrechtskonvention 1989 gestärkt.

Anschließend zeigt Jörg Maywald die rechtlichen Rahmenbedingungen auf, nach denen die Rechte von Kindern geschützt werden müssen. Pädagogische Fachkräfte sollten sich unbedingt mit den entsprechenden gesetzlichen Regelungen des Kinderschutzes vertraut machen. Insbesondere werden hier die UN-Kinderrechtskonvention, die EU-Grundrechtecharta, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das Bürgerliche Gesetzbuch, das Strafgesetzbuch und das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) auf die Aspekte des Kinderschutzes hin diskutiert.

Kapitel 3 befasst sich mit der Frage, was Kindeswohl denn eigentlich ist. Da es keine einheitliche Definition für diesen Begriff gibt und auch keines der erwähnten Gesetze erklärt was darunter zu verstehen ist, bedarf er immer einer Interpretation im Einzelfall. Eine Orientierungshilfe soll hier die Beachtung der grundlegenden Bedürfnisse und Rechte von Kindern geben, wie sie auch in der UN-Kinderrechtskonvention Geltung finden. Diese sechs großen Bedürfnisbereiche sind:

  • Liebe, Akzeptanz und Zuwendung
  • Stabile Bindungen
  • Ernährung und Versorgung
  • Gesundheit
  • Schutz vor Gefahren von materieller und sexueller Ausbeutung
  • Wissen, Bildung und Vermittlung hinreichender Erfahrung

Auch eine weitere Definition zu den Grundbedürfnissen von Kindern aus der Veröffentlichung „Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern“ von Brazelton und Greenspan wird vorgestellt.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den möglichen Formen von Kindeswohlgefährdung. Hier hat der Autor zunächst darauf hingewiesen, dass Gewalt an Kindern nur selten in einer bestimmten Handlung entsteht, sondern in aller Regel ein aus mehreren Elementen zusammengesetztes Syndrom negativer Einwirkungen auf das Kind ist. Dennoch werden die verschiedenen Formen behandelt, da nur so eine diagnostische Einordnung durchführbar ist. Erläutert werden hier körperliche Misshandlungen, Vernachlässigung, Seelische Misshandlungen, Sexueller Missbrauch, Suchtabhängigkeit der Eltern, hoch konflikthafte Trennung der Eltern und andere Formen wie z.B. schwere körperliche oder psychische Erkrankung eines Elternteils.

Kapitel fünf befasst sich mit den Ursachen und Folgen von Gefährdungen. Wiederum verweist der Autor hier zunächst auf den multifaktoriellen Zusammenhang von Faktoren: Gewalt gegen Kinder spielt sich in einem vieldimensionalen, prozesshaften Geschehen ab. Unterschieden werden psychosoziale Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit oder soziale Isolation, elterliche Risikofaktoren wie z.B. Sucht, eigene Gewalterfahrungen oder gravierende Beziehungsprobleme, auf das Kind bezogene Risikofaktoren wie z.B. unerwünschte Schwangerschaft oder Behinderung des Kindes und auslösende Faktoren wie z.B. Stress- und Krisensituationen. Die Folgen des Erlebten für die Kinder sind wie folgt aufgeführt: körperliche Verletzungen, psychosomatische Störungen, intelektuell-kognitive Beeinträchtigungen, psychische Störungen, unspezifische Beeinträchtigungen und posttraumatische Belastungsstörungen.

Im letzten Kapitel zeigt Jörg Maywald auf, wo sich pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen die (zumeist) dringend benötigte Hilfe und Unterstützung suchen können, um ihrem Schutzauftrag gerecht zu werden. Die häufig anzutreffende Unsicherheit im Umgang mit dem Thema wird aufgegriffen, indem ausführlich Fragen der Risikoabschätzung und der Hilfen bei Gefährdungen behandelt werden. In einem Schlusswort betont der Autor nochmals die Aufgabe von Erzieher/innen, Anzeichen für Gefährdungen bei Kindern so früh wie möglich zu erkennen, um rechtzeitig Hilfen anzubahnen und weiteren Schaden vom Kind abzuwenden.

Letztlich finden sich im Heft Adressen von wichtigen Kooperationspartnern und eine Literaturliste.

Zielgruppen

Pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen wie Erzieher/innen, Kinderpfleger/innen, Sozialassistenten/innen, Heilpädagogen/innen, Sozialpädagogen/innen.

Diskussion

Die Veröffentlichung „Kindeswohlgefährdung – erkennen, einschätzen, handeln“ zeigt einen guten Überblick zu einem wichtigen Thema, dass leider häufig erst dann mit der nötigen Beachtung wahrgenommen wird, wenn ein konkreter Fall vor Ort auftritt. Es ist dem Autor sehr gut gelungen einen kurzen Abriss zu den nötigen Grundlagen darzustellen. Es reicht meiner Meinung nach nicht aus, eine Handlungsanweisung zu veröffentlichen nach dem Motto: Was soll ich tun, wenn … ?“ Der Blick auf rechtliche Rahmenbedingungen, den gesellschaftlichen Wandel in der Wahrnehmung von Kindern und die Bedürfnisse und Rechte von Kindern ist enorm wichtig. Dieses Heft sollte präventiv in jeder Kindertagesstätte gelesen werden, denn eine Auseinandersetzung mit der Verantwortung der pädagogischen Fachkräfte kann vor allem im Vorfeld sinnvoll sein. Wenn ein konkreter Fall vorliegt, kann die Veröffentlichung aber auch Hilfe sein.

Fazit

Der Schutz von Kindern in unserer Gesellschaft vor Gewalt und Vernachlässigung ist eine Aufgabe, an der alle Menschen ihren Anteil haben. Besonderen Berufsgruppen, die sehr regelmäßig und intensiv mit einzelnen Kindern im Kontakt stehen, kommt dabei (zu Recht) eine besondere Verantwortung zu. Erzieher/innen und andere pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen sollten sich dieser Verantwortung unbedingt bewusst sein und sich mit den nötigen Informationen frühzeitig auseinandersetzen. Dazu kann dieses überschaubare Heft sehr gut beitragen.

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd Sonja Hees
Leiterin einer integrativen Kindertagesstätte, Fortbildnerin für Erzieher/innen und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Koblenz im Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“.

Es gibt 10 Rezensionen von Sonja Hees.

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ISSN 2190-9245