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Vera Affeln-Altert: Sonderpädagogische Einzelfallhilfe im System Schule

Cover Vera Affeln-Altert: Sonderpädagogische Einzelfallhilfe im System Schule. Fallstudien über Einzelarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2009. 276 Seiten. ISBN 978-3-7815-1664-9. 32,00 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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Autorin

Vera Affeln-Altert war Klassenlehrerin an einer Schule für Erziehungshilfe, war dann in der Prävention an einer Grund- und Hauptschule in einem sozialen Brennpunkt einer hessischen Großstadt tätig und arbeitet jetzt an einem Förder- und Beratungszentrum für Schülerinnen und Schüler mit emotionalen und sozialen Schwierigkeiten.

Die vorliegende Arbeit wurde als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover eingereicht.

Thema

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der sonderpädagogischen Einzelfallarbeit mit Kindern in der Grund- und Hauptschule. Bedeutsam für das Gelingen der integrierten Einzelfallhilfe ist die Kooperation zwischen Regel- und SonderschullehrerInnen.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Verhaltensproblemen wird weiter zunehmen. Wie können diese Schüler, die einerseits beständig negativ auffallen, andererseits besondere Zuwendung und Förderung brauchen, eine Chance erhalten, in ihrem gewohnten Schulumfeld verbleiben zu können?

Die sonderpädagogischen Aufgaben bewegen sich dabei zwischen nur schwer zu beurteilenden Persönlichkeitsveränderungen durch Einzelzuwendung und Beratung / Begleitung von Lehrerinnen und Lehrern für einen fachlich angemessenen Unterricht bei emotionalen und sozialen Problemen.

Inhalt und Aufbau

Im einleitenden Kapitel werden Modelle der Einzelfallhilfe als subjektorientierte Interventionen bei Verhaltensstörungen vorgestellt und dabei die Kooperation als notwendige Voraussetzung für eine gelingende Prävention herausgearbeitet.

In den beiden folgenden Kapiteln werden die theoretischen Grundlagen erläutert. Die Autorin orientiert sich an Kersten Reich und arbeitet ein Modell heraus, das Probleme von Störungen nicht einzelnen Personen zuschreibt, sondern die sozialen Kontexte berücksichtigt. Menschen eignen sich die Umwelt nicht passiv an, sondern konstruieren die Wirklichkeit (wichtige Begriffe dabei sind Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion). Im pädagogischen Kontext bedeutsame Aspekte sind u.a. die Anerkennung der Schüler als Kommunikationspartner im Bildungs- und Erziehungsprozess, die Metakommunikation über Inhalte und Beziehungen, Konstruktionsänderung durch Metakommunikation u.ä. Die Autorin greift auch ausführlich die Veröffentlichungen von Wolfgang Jantzen auf und entwickelt ein tätigkeitsorientiertes Verständnis von Verhaltensstörungen, von Verhaltensstörung als soziale Konstruktion, als sinnvolle und systemhafte Konstruktion.

Mit einem analytisch-verstehender Zugang wertet Vera Affeln-Altert Tagebuchaufzeichnungen aus ihrer Tätigkeit als Präventionslehrerin aus. Sie entwickelt an fünf ausführlichen Fallbeispielen jeweils eine kennzeichnende Hauptkategorie und analysiert dazugehörig ursächliche Bedingungen, Kontext, intervenierende Bedingungen, Handlungs- und Interaktionsstrategien und Konsequenzen. Sie untersucht dann einige Hauptkategorien weiter und arbeitet heraus, dass Funktionen und Tätigkeiten von Förderpädagogik, bezogen auf spezifische Verhaltensauffälligkeiten, im Kern als angemessene konzeptuelle Perspektive vor allem die „Organisationsform Moratorium“ beinhalten. Dies meint einen Aufschub bezüglich einer Überweisung in eine Sonderschule, der sinnvoll genutzt werden sollte, um einen Nachreifeprozess in Gang zu setzen. Die Einzelfallhilfe wird als Entwicklungsgeländer und Entlastungscontainer, als Strohhalm, als Vermittlung und als Anerkennungsverhältnis besprochen. Immer ist die Einzelfallhilfe eine partielle Einzelzuwendung, die darüber hinaus die Integration des Kindes durch Zusammenarbeit der Lehrkräfte

Diskussion

Die Autorin setzt sich sehr für einen Verbleib der Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensstörungen in der Regelschule ein und schlägt die sonderpädagogische Einzelfallhilfe als pädagogisches Gegenkonzept zur (vor-)schnellen Ausgrenzung in einer Sonderschule vor. Dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen, vor allem die Lehrkräfte der Regelschule müssen motiviert für eine Kooperation sein und nicht nur Entlastung suchen.

Die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem, aber auch mit einzelnen Lehrern wird in den Ausführungen deutlich spürbar. Es wäre interessant zu erfahren, ob Vera Affeln-Altert Veränderungen zu der Zeit sieht, in der die Aufzeichnungen entstanden sind, und dies ist ja etwa 15 Jahre her.

Zielgruppen

Lehrkräfte in Ausbildung und Praxis

Fazit

Inhaltlich bietet das Buch interessante Analysen. Der Umfang des Literaturteils weist die Autorin als sehr belesen aus. Der Sprachstil jedoch mit zum Teil langen Schachtelsätzen erschwert das Verständnis unnötig. Ärgerlich finde ich die schlampige Endredaktion: so dass zum Beispiel übersehen wurde, dass die Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis und die tatsächliche Nummerierung in weiten Teilen nicht übereinstimmen, Tippfehler nicht korrigiert wurden oder ein Wort oder Satzteil fehlt.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 26.10.2009 zu: Vera Affeln-Altert: Sonderpädagogische Einzelfallhilfe im System Schule. Fallstudien über Einzelarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2009. ISBN 978-3-7815-1664-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7838.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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