Elise Freinet (Hrsg.): Erziehung ohne Zwang
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 22.06.2009
Elise Freinet (Hrsg.): Erziehung ohne Zwang. Der Weg Célestin Freinets. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 3., um ein neues Vorw. erweiterte Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-608-94596-6. 14,90 EUR.CH: 29,00 sFr.
Reihe: Kinder fordern uns heraus. Originaltitel: L' itinéraire de Célestin Freinet.
Erziehung durch die Wirkkraft des praktischen Tuns
In der Reihe „Erziehungsratgeber: Kinder fordern uns heraus“, legt der Erziehungswissenschaftler und Freinet-Biograf Hans Jörg die dritte, erweiterte Auflage des in deutscher Sprache erstmals 1965 erschienenen Werks des 1896 in Südfrankreich geborenen und am 8. Oktober 1966 verstorbenen Schulreformers Célestin Freinet vor; nicht ohne Grund. Haben doch die Ideen Freinets, insbesondere in den 1960er Jahren der politischen und gesellschaftlichen Aufbruchstimmung, in Europa und darüber hinaus starke Aufmerksamkeit erfahren, aber auch Fehlinterpretationen und Zuweisungen verursacht, die Freinet mit seiner Pädagogik weder intendierte, noch wollte. Die Metapher, die als Bildungs- und Schulreform eine Reihe von Pädagoginnen und Pädagogen veranlasste, „Schule neu zu denken“ (Hartmut von Hentig), insbesondere weg zu kommen von einer theoretischen Vermittlungsschule mit dem Vorbild des „Nürnberger Trichters“ und eine Entwicklung hin zu der Erkenntnis in Gang zu setzen: „Nur die Praxis verändert die Wirklichkeit“, steht dabei im Mittelpunkt des Denkens und der Erziehungspraxis von Reformern, wie Kerschensteiner mit seiner Idee von der „Arbeitsschule“ und Paulo Freire mit seiner „Pädagogik der Befreiung“ (vgl. dazu auch: Angelique Bruns, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Die pädagogischen Konzepte von Célestin Freinet und Paulo Freire im Vergleich, Verlag Dialogische Erziehung / Paulo Freire Verlag, Oldenburg, 2002; sowie: Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie, 2008, vgl. die Rezension).
Die Erziehungsunsicherheiten und –verunsicherungen, wie sie heute virulent bei Eltern erkennbar sind, haben zu einer Fülle von Ratgebern und Rezepturen geführt, die, wie etwa das Buch von Bernhard Bueb, „Lob der Disziplin“, in allzu simplen und gesellschaftlich gefährlichen Ratschlägen im wahrsten Sinne des Wortes führen. Deshalb ist es gut, Freinets Werk neu zu lesen und nicht nur Häppchen seiner Ideen und Erziehungspraxis heraus zu picken.
Inhalt
Eine „Erziehung vom Kinde aus“ erfordert die Anerkennung des Heranwachsenden als Person und Persönlichkeit; und das Zutrauen der Erzieher, dass ein Kind zu einem „freien Ausdruck“ fähig ist. Dafür, so praktizierte es der junge Lehrer Freinet in seiner Dorfschule, muss der Erwachsene in der Lage und bereit sein, sich zum Kinde hin zu öffnen. Mit dem Öffnen der Fenster in dem ansonsten muffigen, stickigen und dunklen Schulraum, wird ein Zeichen gesetzt: Lehrende und den Lernende öffnen sich im Vertrauen zueinander und in ihre Fähigkeiten. Der „freie Text“ wird gewissermaßen zum Experimentierfeld für Freiheitserfahrung, im praktischen Tun, in der Schuldruckerei und in der interschulischen Korrespondenz. Damit öffnet sich gleichzeitig eine Tür hin zu einer neuen pädagogischen Auffassung vom Lehren und Lernen – die Freinet-Pädagogik. Und eine radikale Infragestellung der Lernmethoden und –mittel. Lernmaterialien selbst erstellen, mit der eigenen Kreativität und Phantasie, anstelle eines Lehrbuchs, das entsteht, indem es von einem Lehrbuch abgeschrieben wird, das von einem Lehrbuch abgeschrieben wird … Es ist das Vertrauen in die Neugierde und den Tätigkeitsdrang der Kinder, der eine lernende Auseinandersetzung mit der kleinen und großen Welt ermöglicht, von Buchstaben zu Buchstaben und mit Hand zusammengesetzten Lettern, buchstäblich also! Da fallen Sätze, wie: „Das Leben wird durch das Leben vorbereitet“, und: „Die Unterrichtsstunde ist das Paradebeispiel für die Pauckschule zwischen vier Wänden“. Aber auch – es waren die Zeiten der Wirtschaftskrise von 1929 bis 1935 in Frankreich – „es gibt eine unterschiedliche Erziehung der sozialen Klassen“. Was bedeutet, dass Lehrende und Lernende in der Lage sein müssen, politisch und gesellschaftlich zu denken und zu handeln. Die Zuschreibungen der Skeptiker und Gegner der Freinet-Pädagogik (im übrigen in ähnlicher Weise wie die Skeptiker und Gegner einer Schulsystemreform heute, etwa gegen die Befürworter der Gesamtschule!) lauten: Eine Freinet-Schule ist ein Ort des Chaos, der Willkür und des Laissez-faire. Die Freirianer halten ihnen entgegen: „Wir sind… für ein Höchstmaß an Ordnung und Disziplin, aber nicht für eine formale, sondern tief verwurzelte Ordnung und Disziplin, für eine Ordnung und Disziplin der Arbeit“.
Was die Freinet-Pädagogik zu einer internationalen „Freinet-Bewegung“, der „Ecole Moderne“, gemacht hat, ist nicht nur die Praxis des Lernens durch den freien Ausdruck, sondern auch durch die theoretische, pädagogische Begründung. Mit der „Psychologie der Sinne“ erweitert Freinet die Auffassungen vom Lernen und existentiellem Aneignen von Ideen und Verhaltensweisen: „Beim Lernen muss man unaufhörlich experimentelle Theorie und experimentelle Praxis miteinander verknüpfen, wobei das eine immer zum andern führt“. Mit der Änderung von Lerntechniken wird gleichzeitig ein neuer lernender Mensch geboren. Doch die Verhältnisse sind nicht so…, könnte man heute sagen. Wenn Elise Freinet, die Lebensgefährtin und Ehefrau Célestin Freinets (1898 – 1983), vielleicht immer noch allzu optimistisch feststellt: „Man gibt heute das zu, was wir dreißig Jahre lang zu beweisen versucht haben, nämlich, dass diese Form von Lernen nur gültig ist für eine winzige Minderheit von Kindern, die eine außergewöhnliche Fähigkeit zum abstrakten Denken haben und die bisweilen vom wirklichen Leben extrem entfernt sind“ – dann klingt ihr Fazit für uns heute beinahe prophetisch und aktuell wie eh und je: „Folglich müssen wir uns heute weniger darum kümmern, den Kindern Begriffe, Prinzipien und Kenntnisse beizubringen; wir müssen sie vielmehr darauf vorbereiten, sich mit Geschicklichkeit und Intelligenz an die sich bewegende Welt, in die sie sich bald integrieren müssen, anzupassen. Wir müssen die gültigen Prozesse vorbereiten, um diese Anpassungsfähigkeit vorzubereiten“. Und zwar mit demokratischem und freiheitlichem Bewusstsein und einem ganzheitlichen Verständnis von menschlicher Existenz.
Hans Jörg ergänzt im Anhang des Buches Informationen über das Leben und Wirken Freinets und seinen Beziehungen zur deutschen Pädagogik, mit Charakterisierungen zu Freinets politischen Einstellungen, wie auch der Auflistung von Organisationsformen und Techniken der Freinet-Pädagogik: das Arbeitsatelier, der Wochenarbeitsplan, die Arbeitsbücherei, Arbeitskarteien, Schuldruckerei und Wandzeitung.
Fazit
Das Buch „Erziehung ohne Zwang“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine andere Lern- und Schulkultur. Es ist für all diejenigen geschrieben, die „vom Kinde aus denken wollen“ – für Eltern, Lehrerinnen, Lehrer und nicht zuletzt für Bildungspolitiker, die sich in ihrem bildungspolitischen Denken und Handeln allzu leicht(fertig) bestimmen lassen von dem Gestrigen: „Das haben wir schon immer so gemacht“ – „Veränderungen sind viel zu gefährlich“ – „Da könnte ja jeder kommen“. Célestin und Elise Freinet und die Freinet-Pädagogik könnten diese Mauern einreißen!
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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