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Rudolf Heidemann: Körpersprache im Unterricht

Cover Rudolf Heidemann: Körpersprache im Unterricht. Ein Ratgeber für Lehrende. Quelle & Meyer (Wiebelsheim) 2009. 9., durchges. Auflage. 215 Seiten. ISBN 978-3-494-01469-2. 19,95 EUR.
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Thema

Wie können Lehrende, indem sie ihre Körpersprache einsetzen, den Lernstoff besser vermitteln? Das vorliegende Buch versteht sich als ein Lern- und Trainingsprogramm hierzu. Es richtet sich vor allem an angehende LehrerInnen, soll aber auch alle ansprechen, die außerhalb von Schule Gruppen unterrichten. Das Programm wäre innerhalb des eigenen Unterrichts zu absolvieren. Komplett umfasst es 25–30 Stunden. Wichtige Aufgaben der Beobachtung und des Feedbacks sind – bei angehenden LehrerInnen – deren MentorInnen zugedacht. Einiges ist im Buch aus deren Warte geschrieben, und der Autor wendet sich auch direkt an sie.

Autor

Im Buch finden sich kaum Angaben zum Autor. Auf Anfrage teilten er selbst und der Verlag unter anderem mit: Prof. Dr. Heidemann, Erziehungswissenschaftler, Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart, Lehrbeauftragter.

Entstehungshintergrund

Das Lern- und Trainingsprogramm ist sowohl aus der Praxis heraus begründet als auch aus der der Theorie: Der praktische Bezug stammt aus vielen Übungen, die der Autor mit Studierenden und angehenden LehrerInnen erprobt hat. Theoretisch geht es in einem weiten Sinn um Ansätze zur Professionalisierung des Unterrichtens. Ferner seien auch Vorschläge von MentorInnen im Laufe der Zeit in das Programm eingegangen. Die erste Auflage ist (laut Bibliotheksrecherche) schon 1983 erschienen, mit dem Titel „Körpersprache vor der Klasse: ein praxisnahes Trainingsprogramm zum Lehrerverhalten“. Trotz Aktualisierung kann man dem Buch die Zeit seiner Entstehung noch anmerken. Viele Trainings- und Beobachtungsverfahren, die den Weg in die schulpraktische Ausbildung gefunden haben, sind ab Anfang der 1970er Jahre entwickelt worden. Entsprechend liegt der Schwerpunkt der Literatur, die in der neuesten Auflage genannt ist, immer noch zwischen dem Ende der 1960er und dem Anfang der 1980er.

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung gliedert sich das Buch in drei Kapitel.

Die beiden ersten erläutern „Theoretische Grundlagen“ (S. 9–32) und „Beobachtungskonzepte zum Lehrverhalten“ (S. 33–64).

Bei weitem am umfangreichsten ist das dritte Kapitel, das „Die Konzeption des Trainingsprogramms“ enthält (S. 65–198).

Durchgängig sind im Buch – auf dem Außensteg – Merksätze und Stichwörter notiert, die je nach Wichtigkeit hervorgehoben sind. Ein Anhang enthält sieben Beobachtungs- und Trainingsbögen, und das Buch schließt mit einem ausführlichen Sachregister.

Inhalte

Die beiden ersten Kapitel dienen der theoretischen Orientierung. Vor allem das erste Kapitel gibt Einblick in die Geschichte der Ausbildung von LehrerInnen und in die dabei zugrunde gelegten früheren Konzepte, etwa aus der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Das zweite Kapitel bestimmt den theoretischen Standort des Autors. Dabei geht er auf andere Verfahren ein, vor allem auf solche, die zur Zeit der Erstauflage des Buches in der Pädagogik rezipiert waren: Verfahren zur Persönlichkeitsentwicklung, des Skill Trainings, der Beobachtung des Unterrichts und dessen Analyse. Der Autor zeigt, was er davon für das eigene Konzept übernommen hat, wo er Mängel sah und worin er sich abgrenzt.

Im dritten Kapitel beschreibt er ausführlich das eigene Lern- und Trainingsprogramm. Allerdings umfasst darin der praktische Abschnitt zum Training der Körpersprache nur 35 Seiten. Größere Abschnitte gelten dem Sprachverhalten und dem Umgang mit der Klasse. Der Autor unterscheidet entsprechend drei Trainingsdimensionen: die Dimension, die sich direkt auf Körpersprache bezieht, also „Nichtverbales Lehrerverhalten“, sodann „Lehrersprache“ und schließlich „Lehrer im Umgang m. d. Klasse“ (S. 75).

Untergliedert sind die Dimensionen in insgesamt 21 Trainingskategorien, und zwar sieben für jede Dimension. Wichtig war es dem Autor, die Anzahl der Kategorien überschaubar zu halten und immer nur wenige Fertigkeiten zur gleichen Zeit zu trainieren. Er folgt dabei einem Aufbau vom Einfachen zum Komplexen. Bei jedem Schritt werden drei Kategorien – eine aus jeder Dimension – geübt, sodass sich daraus ein allmählicher Aufbau des gesamten Programms in sieben Schritten ergibt (dazu die sieben Trainings- und Beobachtungsbögen im Anhang). Bei jedem Schritt ist das Gespräch zwischen übender Lehrkraft und MentorIn wichtig. Dazu gibt es zahlreiche Tipps für die MentorInnen.

Die angesichts des Buchtitels hier vor allem interessierende Trainingsdimension zur Körpersprache umfasst die Trainingskategorien „Blickkontakt“, „Körperstellung vor der Klasse“, „Proxemisches [d.h. den körperlichen Abstand betreffendes] Verhalten“, „Körperhaltung“, „Mimik, Gestik“, „Sicherheit“ und „Kleidung, äußere Erscheinung“ (S. 75). Eingebunden in den Text sind 28 Fotos, die „falsches“ und „richtiges“ körperliches Verhalten zeigen. Um einen kurzen abgrenzenden Eindruck zu geben, seien in dieser Rezension zu den beiden anderen Kategorien nur jeweils die beiden ersten Trainingskategorien genannt: Beim Sprachverhalten sind dies „Schweigen“ und „Fragen nachschieben“, beim Umgang mit der Klasse „Lob, Zustimmung“ und „Aktivierung stiller Schüler“ (S. 75). Nach Heidemanns Verständnis sind die drei Trainingsdimensionen miteinander verbunden. Dafür lassen sich auch einschlägige Beispiele für das Unterrichtshandeln im Text finden.

Diskussion

Selbst wenn der Autor eingangs darauf hinweist, dass das Buch „auch in der Weiterbildung der verschiedensten Berufsgruppen“ (S. 3) verwendet wird, ändert das kaum etwas an der offensichtlichen Zentrierung auf Schule und LehrerInnenbildung. Es stellt sich aber die Frage, inwiefern das, was für Körpersprache in der Schule wichtig ist, sich im Einzelnen auf den Unterricht von Gruppen übertragen lässt, die außerhalb dieses typischen Rahmens arbeiten. Eine Übertragung dürfte vor allem dann nicht unhinterfragt erfolgen, wenn es sich um die Unterrichtung Erwachsener handelt und wenn kein Frontalunterricht im Mittelpunkt steht. Der Autor geht hierauf kaum ein.

Lehrende in der Sozialwirtschaft, die außerschulische Gruppen unterrichten, werden dennoch Anregungen finden. Man kann das Buch auch als einen punktuellen Ratgeber benutzen. Dabei helfen die auf dem Außensteg hervorgehobenen Stichwörter und Merksätze, die eine schnelle Orientierung erlauben. Die jeweiligen Vorschläge lassen sich dann auch einzeln in der eigenen Unterrichtspraxis erproben und reflektieren. In der Regel wird man dabei auf sich selbst gestellt sein, ohne die beobachtende Unterstützung von KollegInnen/MentorInnen. Es lässt sich aber auch auf diese Weise mit dem Buch arbeiten – so die Erfahrung des Rezensenten (in der universitären Seminarpraxis).

Unter diesem Anwendungsinteresse wird man vielleicht auf das Lesen der beiden ersten Kapitel verzichten. Sie sollen deshalb nicht gering geachtet werden: Sie zeigen klar, wie der Autor sein Anliegen und seine praktischen Hinweise aus einem systematischen pädagogischen Denken heraus entwickelt. Dazu zählt auch, dass Körpersprache mit anderen wichtigen Aspekten des Unterrichtshandelns (Sprachverhalten, Umgang mit der Klasse/Gruppe) verknüpft wird. Das mag zwar anfangs irritieren, weil der Buchtitel das nicht zu erkennen gibt, trägt aber letztlich der Komplexität pädagogischen Handelns Rechnung.

Fazit

Auch in der 9. Auflage kann das Buch seine praktische Relevanz behaupten: Viele Hinweise vermögen unmittelbar einzuleuchten, und sie sind so konkret formuliert, dass sie sich in Handeln umsetzen lassen. Studien zur Körpersprache von Lehrenden sind in der Pädagogik zudem nur wenige erschienen. Das wird aktuell auch in der pädagogischen Theoriedebatte als eine Lücke vermerkt; zeigt sich doch, dass Aspekte körperlicher Interaktion für pädagogische Prozesse wichtiger sind, als das bisher oft angenommen wurde. In theoretischer Hinsicht gibt das Buch allerdings nur punktuelle Anschlüsse an die heute breit geführte Diskussion um die Professionalisierung pädagogischen Handelns.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 09.09.2009 zu: Rudolf Heidemann: Körpersprache im Unterricht. Ein Ratgeber für Lehrende. Quelle & Meyer (Wiebelsheim) 2009. 9., durchges. Auflage. ISBN 978-3-494-01469-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7844.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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